Nicht mein Spiel

Sie hatten mich: Sie waren zu zweit und ich stand mit dem Rücken zur Wand, im sprichwörtlichsten Sinne: hinter mir die Hauswand, rechts von mir ein verschlossenes Stahltor und links von mir der Aufgang zur Glasveranda. Meine beiden sechs Jahre älteren Pflegebrüder, jeder bewaffnet mit einem 10-Liter-Eimer kaltem Wasser, frisch gezapft aus der Gartenpumpe, wer das kennt, weiß um die Kälte des direkt aus dem Boden stammenden Wassers, standen vor mir und versperrten mir den Weg nach vorne. Ich – bewaffnet mit einem kleinen Sandkasteneimer und der war auch noch leer, war in einer ausweglos scheinenden Situation. Also kauerte ich mich hin, schlug die Hände über den Kopf zusammen und ließ mich mit 20 Liter kaltem Wasser überschütten. Ich erinnere mich gut an die Worte meines Bruders: „Du musst kämpfen, Tina!“

Diese Situation ist 30 Jahre her und noch heute denke ich oft an die kleine, an der Hausmauer zusammengekauerte Tina, die sich überschütten hat lassen und dies im Laufe ihres Lebens immer wieder einmal tat. Diese Situation ist im übertragenen Sinne Symbol dafür, was manchmal zu einer Verhaltensweise von mir wurde: Hinkauern, mit sich machen lassen, es geschehen lassen, nicht kämpfen.

Heute bin ich überzeugt davon, dass es immer eine Lösung gibt und dass Hinkauern keine Option mehr ist. Auch wenn meine Waffe lediglich ein kleiner leerer Sandkasteneimer ist, so kann ich mich heute immerhin noch hinstellen und laut und deutlich sagen: „Stopp! Bis hierhin und nicht weiter.“

Heute weiß ich, dass ich das darf, kann und muss. Gleichzeitig weiß ich außerdem: Ich muss nicht jedes Spiel mitspielen. Es gibt einige Spiele, aus denen ich in der letzten Zeit ausgestiegen bin: Mobbing in der Firma zum Beispiel. Ich kämpfe nicht, um des Kämpfens willlen. Ich kläre für mich, ob dieser Kampf überhaupt machbar ist und wenn ja, zu welchem Preis. Bei Mobbing bin ich davon überzeugt, dass man dieses Spiel nicht gewinnen kann. In meinem Fall habe ich das schon sehr früh erkannt und die Reißleine gezogen. Wenn Besprechungen plötzlich ohne einen stattfinden, man aber laut Position dabei sein sollte, dann ist das kein gutes Zeichen. Werden Absprachen über einen hinweg getroffen, dann auch nicht. Wird man vorgeführt und das offensichtlich geplant, dann ist das ein Verhalten, das ich weder mir noch anderen gegenüber toleriere. Und so verließ ich die Firma nach über 12 Jahren Zugehörigkeit. Ich kündigte, ohne etwas neues zu haben. Ich kauere mich nicht mehr nieder, ich lasse mich nicht mehr überschütten und ich kämpfe kein Spiel, dass ich nicht spielen will. Ich kann jeden nur dazu ermutigen, sich das nicht anzutun. Erlaubt niemandem, euch klein zu machen, erlaubt das aber ganz besonders nicht euch selbst.

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Diese Freiheit, einfach gehen/kündigen zu können, hatte ich, weil ich mir einen permanenten „Notgroschen“ erspart hatte, mit dem ich über sechs Monate überbrücken kann. Ich bin sparsam. Und ich kann noch sparsamer, wenn es sein muss. Ich habe drei Ausbildungen, zwei Zusatzqualifikationen und bilde mich stetig weiter fort, weshalb ich sicher war, früh genug wieder etwas Neues zu finden. Und so war es auch.

Als ich meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten gemacht habe, wäre ich über einen solchen Text ziemlich sauer gewesen. „Was bildet die sich ein, so etwas zu schreiben?“, hätte ich gedacht. „Wenn man genügend Geld hat, redet es sich leicht.“ Ich war mit 18 von meiner Pflegefamilie ausgezogen und finanziell komplett auf mich allein gestellt. Ich hatte null Kapital, nur mein Ausbildungsgehalt (800 Mark brutto) und ein klitzekleines bisschen Wohngeld. Und ich war oft in der Situation, in der ich finanziell kaum noch weiter wusste, weil erst der Zehnte war, ich noch 100 Mark hatte und noch essen und vorallem tanken musste. Es gab Zeiten, da hatte ich vier Nebenjobs und ehrlich gesagt, habe ich heute keine Ahnung mehr, wieso das alles irgendwie hingehauen hat.

Warum erzähle ich das? Weil ich Mut machen will. Ich bin davon überzeugt, dass es viel häufiger die Möglichkeit gibt, seine eigene Situation zu verbessern als man allgemein annimmt. Ich weiß, wie es ist, in einer Situation zu stecken, in der man weder ein noch aus weiß.

Und ich meine das nicht nur monetär, ich meine das auch sozial. Als Mutter, die mit ihrem Ex-Mann ein ungewöhnliches Modell lebt, in dem die Kinder beim Vater blieben und ich auszog, weiß ich darum, wie es ist, sozial nicht locker mitzuschwimmen. Obwohl ich meine Kinder zwei bis vier Mal in der Woche sehe, wurde ich lange schief angesehen, denn eine Mutter zieht nicht aus. Ganz besonders in dieser Situation habe ich gelernt, was es heißt, sich abzugrenzen. Es gab Menschen in meinem näheren Umkreis, die das zutiefst verurteilten, ohne ausreichend Wissen darüber zu besitzen, wie es tatsächlich läuft. Am Anfang war ich darüber sehr verletzt, da ich selbst noch so wund in der ganzen Trennungssituation war. Aber heute bin ich sehr stolz auf uns. Wir sind eine getrennte Familie, die insgesamt einen guten Kontakt zueinander hat und in der die Kinder weiterhin Vertrauen und Sicherheit haben. Heute lasse ich mich dafür nicht mehr schief ansehen, nicht mehr aus meinem nahen Umkreis. Das tue ich mir nicht mehr an. Kontakt um den Kontaktes willen? Nein. Auch das ist Freiheit.

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Selbstverteidigung

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Ich habe lange gezögert, diesen Beitrag zu schreiben. Im Rohentwurf ist er schon seit über acht Wochen fertig. Ich möchte in diesem Beitrag auf gar keinen Fall andeuten, dass Frauen sich nur wehren müssen und dann sei alles gut. Es sollte eine Gesellschaft geben, in der sich-wehren nicht nötig ist. Gleichzeitig sollte es eine Gesellschaft geben, in der Mädchen und Frauen nicht beigebracht wird, nett, lieb und freundlich sein zu müssen, um dadurch Bestätigung zu erfahren.

Nett, freundlich und lieb sein ist eine Option. Aber auf gar keinen Fall, wenn es um unsere Grenzen geht. Es geht nicht nur darum, ein drohendes Sexualdelikt abzuwehren. Nein, es geht darum, für sich selbst einzustehen – sei es zu einer körperlichen Berührung oder auch Nein zum xten Kuchen für irgendein Fest oder Nein zum Vertreter an der Tür.


Mitte Oktober machte ich einen Selbstverteidigungskurs, nachdem ich bemerkte, dass ich mich beim Laufen zunehmend unwohl fühlte.

Für mich ist das ungewöhnlich, denn üblicherweise – auf gut bayrisch ausgedrückt – scheiß ich mir da nix. Ich fuhr als Jugendliche mit dem Radl durch dunkle Schrebergarten-Gassen und ging vor zwei Jahren noch allein nach  23 Uhr vom Herbstfest nach Hause. Wobei mir da durchaus auffiel, dass ich meine Umgebung fortwährend scanne. Hinter mir ging jemand, ich lauschte, ob es sich dabei um ein Paar handelt oder um zwei Männer. Flüsterten sie, bezog sich davon irgendwas auf mich oder nahmen sie gar keine Kenntnis von mir? An dem Abend ließ ich die Beiden überholen, so fühlte ich mich besser. Von hinten hörte ich einen Radfahrer kommen. Veränderte er sein Tempo? Als der Gehweg einen kleinen Knick machte und zwischen Bäumen und Büschen hindurch lief – sehr dunkle Ecke dort – wechselte ich auf die andere heller beleuchtete Straßenseite. Das an mir vorbeifahrende Auto scannte ich ebenfalls, es bog vor mir in die Seitenstraße ein. Fuhr es weiter? Hielt es vielleicht gleich hinterm Eck? Kurz bevor ich in meine Wohnsiedlung einbog, blickte ich mich noch einmal um. Beobachtete mich jemand, wie ich dort hinein ging?

Als ich meinem Partner davon erzählte, meinte er: „Wahnsinn, ich gehe einfach nach Hause.“ Weder mir, noch ihm war dieser Unterschied vorher so klar.

Aus meinem Selbstverteidigungskurs weiß ich, dass sich sehr viele Frauen genauso bewegen. Und ich weiß auch, dass das gesund ist. Ich habe dabei keinen erhöhten Puls, ich habe nicht fortwährend Angst, ich bin einfach nur hellwach und habe alle Antennen auf vollem Empfang. Wenn ich durch eine Unterführung muss und darin ein paar gruselige Typen stehen, dann warte ich, bis noch jemand kommt. Ich versuche einfach, schon vorher bestimmte Situationen zu vermeiden.

Beim Laufen war ich bisher jedoch einigermaßen frei. Selbstverständlich vermied ich es, bei absoluter Dunkelheit und Einsamkeit zu laufen. Dann geschahen drei Vergewaltigungsfälle innerhalb von zwei Jahren in meiner unmittelbaren Umgebung. Einer auf meiner direkten Laufstrecke, bevor ich umzog. Danach zwei im näheren Umkreis – um 11 Uhr vormittags und auf offener Straße um 19 Uhr 30.

Schon immer mied ich absolute Dunkelheit und Einsamkeit. Meine übliche Strecke führt durch viele Felder, im Sommer mit hochgewachsenem Mais, im Winter über weite Flächen einsehbar, aber eben nicht mehr so frequentiert wie im Sommer. Die Angst kam schleichend. Ich drehte mich immer häufiger um, konnte nicht mehr mit Musik laufen, weil ich mich dann unsicher fühlte und weil es mein Scan-Verhalten, das ich üblicherweise am helllichten Tage eher sehr reduziert einsetze, empfindlich störte.

Ich hörte auf, zu joggen. Die Dunkelheit und die Einsamkeit zu meiden – das nützte ja nun offensichtlich nichts. Dabei ärgerte ich mich maßlos, das konnte doch nun wirklich nicht die Lösung sein, ich war nicht bereit, das zu akzeptieren. Und so meldete ich mich zu einem Selbstverteidigungs-Crashkurs an. Natürlich ist ein Crashkurs nur ein sehr kurzer Abriss und man vergisst auch mit der Zeit. Ich habe mir vorgenommen, das mindestens einmal im Jahr aufzufrischen. Außerdem ist das besser als nichts. Ich habe gelernt, dass ich unheimlich viel ausrichten kann und auch darüber hinaus viel für mich mitgenommen und alleine dafür war der Kurs die Zeit und das Geld wert.

Die Sozialisierung von Frauen

Es ist kein Geheimnis, dass Jungs und Mädchen verschiedene Botschaften mit auf den Weg bekommen. Mädchen bekommen mit: Sei lieb, erfahr deine Bestätigung in der Welt, in dem du freundlich zu anderen bist.

Je älter ich werde, desto mehr erfahre ich, wie schlimm wahr das ist.

Der Kurs war ein reiner Frauenkurs. Wir „behandelten“ den Fall: Typ grabscht Frau von hinten an die Brust. Darauf kann man einfach, aber durchaus sehr deutlich reagieren und zwar so, dass der Typ anschließend liegt. Na? Schon empört als Leserin? Too much? Zu krasse Reaktion? Auch im Kurs kam: Aber das kann ich doch nicht machen!

Der Kursleiter war da sehr deutlich. Ungefragt an die Brüste fassen ist eine Straftat und da sollten Frauen sich wehren (können). Und zwar nicht nur verbal, sondern deutlich und massiv. Er sagte auch, dass die Alkohol-Ausrede Quatsch ist. Er sei 50 Jahre alt und hätte auch schon mal einen übern Durst getrunken. Und er sagte, er hätte immer gewusst, was nicht mehr geht.

Interessanterweise können die Typen ja noch so betrunken sein, treffen tun sie ja dann beim Grabschen dennoch. Vielleicht ist dieser Fall hier noch einfach. Aber was, wenn man mit einem Typen quatscht, eigentlich ist bisher alles ganz nett und plötzlich kippt das? Dies fragte eine junge Frau im Kurs. Der Kursleiter meinte: Dann sag ihm genau das! „Du, bis hierhin war es nett, aber du bist nicht mein Typ und mehr als das hier wird es nicht geben.“

Es hat weh getan, an anderen Frauen diese Hemmungen zu sehen, in diesen Spiegel zu blicken. Mir ist klar geworden, wie sehr die Sozialisierung uns hemmt und wie schädlich das für uns selbst ist – wie gesagt, nicht nur im Ernstfall, auch schon im Kleinen.

Privat, beruflich, öffentlich – reagiere sofort!

Das ist die für mich wichtigste Erkenntnis: Egal in welchem Bereich deine Grenze überschritten wird, reagiere sofort. Es geht nicht um die großen Dinge, es geht schon um die ganz kleinen, um die, die sich einschleichen, immer größer werden, bis sie kaum noch aufzuhalten sind. Lasse ich Grenzüberschreitungen regelmäßig zu, neigen sie dazu, lawinenartig größer zu werden.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das hier keine Schuldfrage ist. Grenzen sollten gar nicht erst überschritten werden. Dennoch passiert es und bis das nicht mehr so ist, haben wir Frauen Möglichkeiten, Grenzen einzufordern. Wir dürfen uns schützen. Meinen Kindern – beide Mädchen – sage ich ganz deutlich: Wenn dir einer doof kommt, setze die Grenze. Sei unbequem und fordere die Einhaltung deiner Grenze ein. Mir hat das nie einer gesagt, gar erlaubt. Und das hat sich oft gerächt.

Im beruflichen Umfeld bedeutet das: Kommt dir der Kollege zu nahe, reagiere. Und zwar sofort. Sag ihm: „Du bist zu nah.“ Gehe auf die Seite. Lege seine Hand weg. Lächel nicht! Sag ihm, er soll von deinem Schreibtisch aufstehen, nimm selbst Abstand, aber lass ihn nicht machen.

Dasselbe gilt für den Partner. Als ich 19 war, hatte ich einen Freund, der hätte mich hundertprozentig irgendwann verhauen. Als die ersten Anzeichen kamen, war ich sauer, ja. Aber erst nach viel zu vielen Situationen habe ich mich gerade und mit vollem Augenkontakt vor ihm platziert und gesagt: „Das machst du nie wieder!“ Viel zu spät und nachträglich ärgert mich das maßlos.

Im öffentlichen Bereich sind Übergriffe als solche natürlich sofort erkennbar, weil man sich nicht kennt und die Grenzüberschreitung sofort wahrnimmt. Da wird man sofort massiv und laut und darum ging es hauptsächlich in dem Kurs.

Es geht viel mehr, als wir glauben.

Der Kurs hat mir unwahrscheinlich viel Selbstvertrauen zurückgegeben. Ich gehe wieder laufen und zwar entspannt. Ich weiß, dass ich verdammt stark bin. Ich bin 1,65 cm groß und wiege 60 Kilo. Und dennoch traue ich es mir zu, mich selbst zu verteidigen. Weil ich nun weiß, wie. Weil ich mich im Kurs erlebt habe. Und ich weiß, dass ich gute Chancen habe, etwas auszurichten.

Es gibt eine Statistik* der Polizei Hannover. 522 Sexualstraftaten wurden hinsichtlich des Gegenwehrverhaltens untersucht.

Leistete die Frau keine Gegenwehr, kam es in 74 % der Fälle zur Durchführung der Tat.

Bei leichter Gegenwehr waren es 36 %.

Bei massiver Gegenwehr kam es in „nur“ 15 % der Fälle zur Durchführung, in 85 % der Fälle kam es also zum Abbruch der Tat. In (nur!) einem Fall kam es zu einer nicht kontrollierbaren Gewalteskalation.

Beeindruckend in dem Zusammenhang finde ich, dass leichte Gegenwehr bedeutet: Sich entziehen. Sagen:  Geh weg! Lass das! Nein!

Als massive Gegenwehr gilt: Treten, Schlagen, lautes Schreien, Beißen, an den Haaren ziehen. Der Kursleiter meinte, das wäre nur ein kleiner Teil von dem, was wir in dem Kurs gemacht hätten.

Im Grunde ist das ein wenig wie beim Erste-Hilfe-Kurs. Es ist gut, diese Fälle zu üben, damit man im Ernstfall nicht baff dasteht, sondern einfach abspulen kann.

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*Paul, Susanne (1996): Studie der Polizeidirektion Hannover zum Gegenwehrverhalten bei Sexualstraftaten für die Jahre 1991-1994, 522 Fälle.

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Der Sorgenfresser

Zwischen „Mama, was sind Sorgen?!“ und „Mama, ich wünsche mir einen Sorgenfresser.“ lagen zwei Jahre. Damals habe ich mich sehr über die Was-sind-Sorgen-Frage gefreut, ist es nicht einfach großartig, wenn ein Kind nicht weiß, was Sorgen sind?

Als der Wunsch nach einem Sorgenfresser da war, schmerzte er und betrübte mich ein wenig. Da war sie also hin, die Leichtigkeit. Als Eltern haben wir nicht die Macht, alles Negative von unseren Kindern fernzuhalten – diese Erkenntnis trifft mich immer wieder. Dabei ist es natürlich, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen und wir sie nicht immer davor bewahren können, dabei Schmerz zu erfahren. Das nennt sich Leben.image

Dieses Jahr hat das Christkind also einen Sorgenfresser gebracht, je einen für die Große, mittlerweile acht Jahre alt und auch ohne expliziten Wunsch gleichzeitig einen für die Kleine, sechs Jahre alt.

Sie schreiben kleine Zettel und füttern damit den Sorgenfresser, der sich nun mal von Sorgen ernährt und sie dadurch verschwinden lässt. Ein schönes Bild, es hat ein wenig von „aus den Augen, aus dem Sinn“. Besonders stolz bin ich darauf, dass sie mir ihre ersten Zettel zeigen wollten, etwas scheu haben sie mich gefragt, ob ich sie sehen möchte. Das hat schon ein wenig Tagebuch-Charakter und es berührt mich sehr, dass sie das mit mir teilen, es berührt mein Herz und ich sehe das Vertrauen, das sie mir damit schenken und das erfüllt mich zutiefst.

Sorgen im Kindersinne handeln nicht von Geld, Beziehung, Beruf. Ich glaube, wir vergessen im Laufe der Zeit, was in einem Kinderkopf- und -herz so alles los sein kann. Dinge, die uns klein erscheinen, für die Kinder aber absolut relevant und groß sind – sei es Ärger auf dem Schulhof oder ein kaputtes Spielzeug.

Als mir die Große ihren Zettel zeigte und ich ihre Sorge las, hatte ich eine Idee. Ich sagte ihr, sie könne ja zusätzlich zu ihrer Sorge aufschreiben, was ihr Wunsch sei, also der Zustand, den sie stattdessen gerne hätte. Das hat ihr sehr gefallen und so setzte sie sich hin, formulierte ihren Wunsch und zeigte ihn mir. Er war negativ formuliert, also im Sinne von „Ich möchte, dass es nicht …“.

Ich sagte zu ihr: „Stell‘ dir vor, du wünscht dir: Ich möchte nicht, dass es morgen regnet. Dann ist es morgen vielleicht trocken, aber bewölkt. Wenn du wirklich nur wolltest, dass es trocken ist, ist das in Ordnung. Wenn du aber wolltest, dass so richtig schönes Wetter ist, dann wäre es besser, du wünschst dir, dass morgen die Sonne scheint und es trocken ist, oder?“

Süß war ihre Reaktion auf diese Erklärung, denn sie verdrehte zu sich selbst gewandt ein wenig die Augen und sagte: „Ja klar“ und sie formulierte ihren Wunsch um.

Es geht hier nicht um Bestellungen ans Universum. Es geht darum, sich klar und deutlich wahrzunehmen und sich dementsprechend zu äußern. Darum, die Erfahrung zu machen, dass genau das ans Ziel führt. Und dass es vollkommen okay ist, zielgerichtet und konkret zu sein.

Früher habe ich mich oft in Beziehungen – egal ob romantischer oder freundschaftlicher Art – subtil verhalten und wohl irgendwie gehofft, mein Gegenüber könne hellsehen. Konkret zu äußern, was ich will war in meiner Kindheit eher unüblich. Ich sehe, dass das heute noch vielen Erwachsenen Schwierigkeiten bereitet – sich selbst und ihren Beziehungen. Ich erlebe nicht geäußerte oder verquickt formulierte Erwartungen, die dann in ihrer Nichterfüllung zu Konflikten führen. Es macht einen riesengroßen Unterschied, ob die Senior-Mutter vorwurfsvoll sagt: „Ich bin einsam“ oder ob sie sagt: „Ich vermisse dich und es würde mir gut tun, wenn du mich hin und wieder anrufst oder besuchst. Kannst du das für mich tun?“ Welche Möglichkeiten hat ein erwachsener Sohn wohl, auf die verschiedenen Sätze zu reagieren?

Es hängt so viel von Kommunikation ab. Nicht nur von dem, wie wir es sagen, sondern auch von dem, was wir sagen. Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie nicht einmal in der Schule sitzen und es befremdlich finden, wie der Lehrer vorne versucht zu erklären, was Ich-Botschaften sind. Ich wünsche mir, dass sie es wissen und natürlich finden.

Nun bin ich dem Sorgenfresser direkt dankbar. Es war ein schöner Moment mit meiner Großen. Es war schön, ihr all das beibringen zu dürfen. Ich habe so lange gebraucht, zu erkennen, welchen Einfluss meine eigene Kommunikation auf das hat, was ich bekomme und auch darauf, wie ich fühle. Wenn meine Kinder nur einen kleinen Teil davon für sich positiv nutzen können, dann ist jede meiner Erfahrungen doppelt nützlich gewesen.

Wie ich hier schon öfter schrieb: „Jammern“ ist wie Anlauf nehmen. Aber irgendwann sollte man springen. Und dann ist es verdammt gut, wenn man weiß, wohin.

 

 

 

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Emotionales Déjà-vu

Gestern lag ich noch lange wach und konnte nicht einschlafen. Ich weiß gar nicht, was zuerst da war, die Unfähigkeit, einzuschlafen oder die emotionale Zeitschleife, in der ich plötzlich feststeckte.

Vor ziemlich genau einem Jahr ist mein leiblicher Vater gestorben.  Ich schreibe bewusst, leiblicher Vater, denn mehr war er leider nicht, so traurig es ist.

Einige Dinge von letztem Jahr laufen mir immer wieder nach. Es war eine unschöne Zeit, in der mein Onkel – sein Bruder – sich zurücklehnte und sich darauf berief, dass ich als einzige Tochter bestattungspflichtig sei. Nachdem ich das Erbe abgelehnt habe, ließ ich mich noch bitterböse vom Vermieter meines verstorbenen Vaters anschreien und bedrohen. Mein Onkel log und betrog und versuchte zu manipulieren, in der Hoffnung, jaaaa, in der Hoffnung von was eigentlich? Es war eine Zeit, in der ich in eine Welt blickte, in der ich beinahe aufgewachsen wäre und im Nachhinein froh darum sein kann, es nicht gemusst zu haben. Auch wenn das mit dem Verlust einherging, beide leiblichen Eltern verloren zu haben.

Doch es gibt da einen ganz bestimmten Aspekt, der mir zu schaffen macht und ich weiß bis heute nicht, wie ich das verarbeiten soll.

Im Grunde hatte ich mit meinem Vater nur Kontakt, als ich 30 Jahre alt war. Und der war so anstrengend, so erschöpfend, so Energie raubend, dass ich ihn auslaufen lassen musste. Als ich Kind war, war er nicht da, später sowieso nicht, meine Kinder hat er nie kennengelernt, er wusste nicht einmal, dass ich zwei Kinder habe. Ich habe unsere Beziehung ausführlich beschrieben, als ich festhielt, warum ich ihn auf seinem Sterbeweg nicht begleiten würde und ich möchte das nicht nochmals alles aufführen, weil ich auch nicht darauf rumreiten möchte. Dennoch ist es wichtig, hier zu verstehen, dass zwischen uns nichts war. Gar nichts. Er war ein Fremder für mich.

Als ich die Nachricht von meinem Onkel erhielt (per E-Mail), dass mein Vater verstorben ist, da rief ich bei der Klinik an, um mir das bestätigen zu lassen. Das mag jetzt hart klingen, aber ich habe schon Geschichten hinter mir, das kann man sich gar nicht ausdenken. Ich wurde auf die Station verbunden und jetzt kommt’s: Da kannte man mich. Ich höre bis heute den Satz in meinen Ohren: „Warten Sie einen Moment, ich habe einen Zettel für Sie hier – von ihrem Vater.“

So.

Wer hier regelmäßig liest, weiß, dass ich grundsätzlich recht pari mit meiner Geschichte und mit meinen Eltern bin bzw. war. Ich habe hart an mir und meiner Geschichte gearbeitet und auf diesem Weg bin ich auch zu der Meinung gekommen, dass meine Eltern Menschen sind/waren, die große Schwierigkeiten in ihrem Leben hatten und ich dabei nun einmal „einfach“ keinen Platz hatte.

Aber! Ich dachte, wenn der Tag X gekommen ist, dann würden sie zurückblicken und so eine Art Reue empfinden. Oder sagen wir besser, ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass das nicht ganz optimal gelaufen ist, dieser Elternpart. Und irgendwie dachte ich wohl auch, dass mich das erreichen würde. Keine Entschuldigung, aber eben diese Erkenntnis.

Als die Schwester nun also sagte, da sei ein Zettel für mich, waren die Erwartungen entsprechend groß. „Hier steht,“ setzte sie an, „sie sollen sich an das Sozialamt Herne wenden wegen der Beerdigung. Damit diese sie eventuell unterstützen, falls Sie darauf Anspruch haben.“

Bämm. Damit hatte ich nicht gerechnet. So gar nicht. Er hatte ein Jahr Zeit. Er wusste ein Jahr lang, dass er diesen Kampf nicht gewinnen würde. Und dann erhalte ich so einen – rein administrativ geprägten – Zettel? Kein Gruß, kein nichts? Einhergehend mit dieser Unverschämtheit, davon auszugehen, dass die Tochter, um die er sich nie kümmerte, schon alles regeln wird?

Wie naiv ich war. Ich hatte mir das nicht einmal vorstellen können, dass da einfach rein gar nichts ist. Kein Respekt, keine Empathie dem eigenen Kind gegenüber – nichts. Nicht einmal im Moment des Sterbens. Das überstieg tatsächlich meine Vorstellungskraft. Es ist eine Enttäuschung, die tief sitzt und es wird wohl noch eine Zeit lang dauern, bis ich das in eine Ecke meiner emotionalen Vitrine packen kann, die nicht ganz so präsent ist.

Viele Menschen in meiner Umgebung hadern mit ihren Eltern. Von einigen weiß ich, dass auch sie die Hoffnung haben, dass eines Tages die Erkenntnis kommt, ein Umdenken, eine Umkehr.

Ich weiß nun, es besteht die Möglichkeit, dass diese Hoffnung nicht erfüllt wird – nicht bei Eltern, die noch nie auch nur eine Andeutung von Selbstreflexion gezeigt haben. Ich glaube, es gibt Menschen, da muss man einfach akzeptieren, dass sie einem nicht geben werden, was man braucht und möchte.

Ein Großteil der Menschen fällt jedoch nicht in diese Kategorie. Und wenn ich eines gelernt habe in den letzten Jahren: Die Wahrscheinlichkeit, zu bekommen, was man möchte, steigt immens, wenn man anfängt, nicht nur Erwartungen zu haben, sondern diese auch zu äußern. Das gilt auch umgekehrt: Nein sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, wenn die eigenen Grenzen überschritten werden.

Das Leben ist sehr kurz. In den letzen Jahren habe ich gelernt, dass es absolut wichtig ist, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann. Ich muss auf mich aufpassen. Es ist schön, wenn man liebe Menschen um sich herum hat, die einen dabei unterstützen. Gleichzeitig habe ich für mich begriffen, dass ich absolut allein für mich verantwortlich bin. Dazu gehört, zu äußern, was ich will und was nicht. Und dazu gehört auch, zu erkennen, welch ungeäußerten und unerfüllten Erwartungen in mir schlummern. Ein hohes Ziel – und dennoch absolut lohnenswert.

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Berg und Tal – Sonne und Wolken – wie im echten Leben.

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Pfui!

Vor fünf Tagen hat Urbia.de einen Artikel über Mütter, die nach einer Trennung ohne die Kinder ausziehen, geteilt. Unter anderem habe ich mich dafür interviewen lassen und sogar einen Artikel aus meiner Sicht geschrieben. Mir war klar, dass bei Urbia andere Leser sind als in meinem Blog. Mir war auch klar, dass es da nicht so sanft zugehen wird. Aber was das mit mir machen würde, war mir nicht klar.

Hier ein Ausschnitt der bösesten Kommentare auf FB:

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Jaaaaa. Ich weiß, was jetzt viele denken. Das sind diese doofen Internet-User, die zu viel Zeit zum Kommentieren haben und zudem nicht den IQ eines Durchschnittsbürgers besitzen. Die sind einfach so.

Damit habe ich mich auch ein paar Tage über Wasser gehalten, ich habe sogar aufgehört – recht schnell – die Kommentare zu lesen und sie jetzt erst für diesen Beitrag vollumfänglich studiert. Aber dieses Pfui! – das hatte ich gelesen und das verfolgt mich. Kennt ihr diese Game-of-Thrones-Szene mit dem Gang der Buße? Als die Königin Cersei, weil sie eine Sünde begangen hatte – aus kirchlicher Sicht – entkleidet einen vorgesehenen Weg ablaufen musste und sich dem Spott und der Häme des Volkes ausliefern lassen musste? So fühlt sich dieses Pfui an.

Ich weiß, das ist nur eine einzelne Stimme von sehr vielen Stimmen, die nicht so reden und mir sogar zusprechen. Und dennoch, mir passiert das ganz ähnlich auch im echten Leben. Erst kürzlich unterhielt ich mich mit einer sehr gebildeten, kinderlosen Mittdreißigerin. Sie fragte mich, wie ich das mit dem vielen Arbeiten und den Kindern machen würde und ich erklärte, dass die Kinder bei ihrem Papa leben und ich die Montage sowie Freitage übernehme, dazwischen aber eben Vollzeit arbeiten könne. Ihre Reaktion war durchaus interessant. Erstens rückte sie von mir weg, zuvor war sie mir rein körpersprachlich zugewandt und anschließend beendete sie das Gespräch recht kühl und ich merkte, dass sie mit dieser Information überhaupt nicht zurecht kam. Der Rahmen, indem wir uns bewegten, erlaubte kein „Pfui“ und auch kein „Ekelhaft“ und dennoch: es stand im Raum, dass sie mit dieser Information überhaupt nicht umgehen konnte.

Diese Reaktionen verfolgen mich – ob ich will oder nicht – bis in meine Träume. Erst vor kurzem hatte ich einen, indem ich bitterlich weinte und zusammenbrach. Ich weiß nicht mehr genau, wie und warum, aber ich weiß, es ging darum, dass ich als Mutter meine Kinder bei ihrem Vater ließ. Wie sich das schon anhört. Das ist meine Tat: Ich trennte mich und ließ die Kinder bei ihrem Vater. Oh. Mein. Gott. Bei ihrem Vater!!!! Der sie gezeugt hat und liebt. Der sie zwar nicht neun Monate im Bauch trug, aber wickelte und trug und was weiß ich noch alles. Wir haben uns getrennt und nicht er ist ausgezogen, sondern ich. Ich sehe sie von 14 Tagen an sechs Tagen und ihnen geht es super. Im Kindergarten haben mir erst vor kurzem – unabhängig voneinander – zwei Erzieherinnen gesagt, dass wir das wohl sehr gut machen würden, weil unser Kinder sehr aufgeschlossen und gelöst seien. Das soll uns ein „normal“ getrenntes Paar erst einmal nachmachen.

Ich bin das alles so unfassbar leid und ich bin müde darum, wie hässlich diese Gesellschaft sein kann. Ich bereue es kein Stück Mutter geworden zu sein. Aber ich hasse es, wie Mütter behandelt werden. Sie sollen überirdisch sein und werden dennoch unterirdisch behandelt. Jeden Scheiß darf man ihnen an den Kopf schmeißen, man darf sie nackt ausziehen und durch die Stadt jagen und Pfui oder Shame! rufen. Und  by the way Urbia, ich denke, es wäre eure Pflicht gewesen, diesen Facebook-Thread entsprechend zu moderieren. So wie es zum guten Ton gehört, dass (feministische) Männer für Frauen einstehen.

In meinem Blog fühle ich mich sicher. Hier wurde ich noch nie derb angeredet. Hier kam schon Kritik und das ist okay, aber ich musste noch niemals einen Kommentar blocken. Es tut mir leid, dass euch mein Wutbeitrag begegnet, aber ich habe beschlossen, dass ich das nicht allein mit mir ausmache und dass ich all das spiegel. Weil ich es leid bin. Und weil ich saumäßig wütend bin.

Es ist nichts – gar nichts! – passiert. Denn meine Kinder lachen, singen, malen bunte Bilder. Das hier sind alles nur Grenzen im Kopf. 

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Loyalität

„Das Kind will dich nicht sehen!“

Meine Mutter und ich saßen im halbdunklem Wohnzimmer auf der beigefarbenen Eckcouch. Die Szene ist über 33 Jahre her und doch erinnere ich mich an viele Details, an den Grundriss der Wohnung, mein Kinderzimmer, das Puppenhaus darin, an das Wohnzimmer, die Couch und deren Stoff. Ich sehe sie da sitzen auf dem langen Teil der – heute würde man sagen: Wohnlandschaft – ich auf dem kurzen Teil. Ich weiß nicht, warum sie mit meinem Vater telefonierte und nicht ich selbst, ich vermute, er rief an, sie fragte mich kurz, ob ich ihn sehen will und dann schmetterte sie diesen Satz verächtlich ins Telefon. Sie klang kalt und ich selbst kannte sie so nicht. Die beiden hatten sich getrennt als ich zwei war und ich erfuhr erst vier Jahre später von ihm. „Dein Vater kommt dich besuchen“, sagte da meine Pflegemutter und ich rief erfreut: „Rainer!“ und sie sagte: „Nein, dein Vater“. Wie sich herausstellte, war mein biologischer Vater Jürgen und nicht Rainer.

„Das Kind will dich nicht sehen!“ – das war extrem frei interpretiert. Ich war sechs Jahre alt und hatte schon erstaunlich viel erlebt in meinem kurzen Leben. Vor dieser kleinen Szene war ich über neun Monate in einer Pflegefamilie untergebracht und nun – nach ihrem wiederholtem erfolgreichen (hier bitteres Lachen einfügen) Entzug – zu meiner Mutter zurückgekehrt.

Als mein Vater also anrief, sagte ich tatsächlich, dass ich kein Treffen möchte, momentan nicht. Ich musste doch aufpassen, dass meine Mutter nicht wieder trank und das konnte ich ja wohl schlecht, wenn ich weg war. Sie machte das ihre daraus und nutze es, um ihm einen reinzuwürgen. Mein Vater meldete sich zehn Jahre lang nicht mehr bei mir, das war nun wirklich nicht das, war ich unter „im Moment nicht“ verstand, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich habe mir das lange vorgeworfen, wie wäre alles geworden, wenn ich in diesem Moment nicht nein gesagt hätte?! Heute weiß ich: Ich war sechs Jahre alt und nicht für meine Eltern und ihr Verhalten verantwortlich. Weder dafür, dass meine Mutter nicht mehr trank, noch dass sie damit klar käme, wenn ich meinen Vater sehe und umgekehrt. Tatsächlich befand ich mich aber in einem riesigen Loyalitätskonflikt, der mich zukünftig noch häufig begleiteten würde.

Die Rückkehr zu meiner Mutter dauerte nur zwei Monate, dann holte mich die Polizei wegen akuter Kindeswohlgefährdung aus der Wohnung und ich weiß wie heute, wie ich zu der Polizeibeamtin sagte, ich könne noch nicht gehen, ich hätte die Hausaufgaben noch nicht fertig. Interessant ist, dass ich das von zwei Seiten betrachten kann. Mein Ich sieht das alles recht sachlich, das ist passiert, das gehört zu mir, so war das einfach. So habe ich überlebt. Aber wenn ich mir all das als Mutter gebe, wenn ich mir vorstelle, … dann zerreißt es mich fast.

Ich hatte Glück und konnte übergangslos und ohne Heimaufenthalt zurück zu meiner Pflegefamilie, in der ich fortan aufwuchs und blieb, bis ich als erwachsene junge Frau auszog. Meine Mutter sah ich, wenn überhaupt, an einem Samstag im Monat.

An diesen Tagen gingen wir schwimmen, Eis laufen und was mir noch so einfiel und was mit Bus und Bahn erreichbar war, oft hingen wir aber auch einfach nur in ihrer Wohnung rum und ich spielte stundenlang mit ihren Sachen, zog ihre Kleider und Mäntel an und tobte mich an ihrer Kosmetik aus.

Abends kehrte ich aufgekratzt und voller widersprüchlicher Gefühle heim. Ich liebte und vermisste sie, gleichzeitig traute ich ihr keinen Meter. Roch sie vielleicht nach Alkohol? Was hatte sie da in ihrer Handtasche? War das wirklich Limo, was sie da trank? Wie oft probierte ich ihr Getränk, wenn sie nicht hinsah. Erzählen konnte ich von all dem nichts in meinem Zuhause. Nicht, weil dort über sie geschimpft wurde. Nein, das muss ich meiner Pflegemutter anrechnen, das hat sie gut geschafft und es war mit Sicherheit nicht sonderlich leicht. Und doch, einig waren sie sich nicht, was auch kein Wunder war. Meine Mutter verstand es, diese seltenen Samstage schillernd zu gestalten und in mir eine Sehnsucht zu wecken, die niemals hätte erfüllt werden können. Und hin und wieder setzte sie mir Flausen in den Kopf und meine Pflegemutter musste mich dann wieder einnorden. Ob das immer gerechtfertigt war oder ob da noch andere Dinge mitschwangen, ich weiß es nicht. Ich erkenne ihre Leistung hoch an, und dennoch, wurde es in irgendeiner Form kritisch, hatte ich ein Loyalitätsproblem.

Wer hatte nun recht? Wer sagte die Wahrheit? Die Frage stellte sich nicht, auf wessen Seite ich stand, im Zweifel immer für die leibliche Mutter, so will es das Gesetz, aber dort lebte ich nicht. Vieles wollte ich auch nicht wahrhaben, über einiges musste mich meine Pflegemutter vielleicht sogar aufklären. Und dennoch, ich wollte das nicht hören und war es noch so sachlich verpackt. Mein kindliches Ich war in großer Not. Ich liebte meine Mutter, trotz allem. Und gleichzeitig war ich dankbar um meine Pflegefamilie​, in der ich sicher aufwachsen durfte.

Als ich dreißig war, nahm ich Kontakt zu meinem Vater auf. Schnell stellte ich die Regel auf, dass meine Mutter kein Thema sein dürfte, besonders dürfe nicht über sie gehetzt werden. Diese Regel musste ich aufstellen, denn schon in den ersten Minuten unseres ersten Telefongesprächs nach über 24 Jahren wurde klar, dass mein Vater diese Regel brauchte. Und obwohl er diese scheinbar akzeptierte, schaffte er es nicht, sie einzuhalten. Immer wieder ließ er ganz beiläufig kleine Spitzen in Nebensätzen fallen, um sie dann, wenn ich ihn darauf hinwies, zurückzunehmen mit den Worten: “ Entschuldigung, du hast ja recht, aber so war das eben.“

Ich war 30 Jahre alt und dennoch das Kind in diesem wundersamen Familientheater. Mich machte sein Verhalten aggressiv und wütend und ich lehnte ihn dafür ab. Er instrumentalisierte mich und er erhob sich über meine Mutter, ohne Gefühl dafür, dass er kein Stück besser war. Versagt hatten beide, wieso war es bei ihm nicht schlimm, dass ich in einer Pflegefamilie aufwachsen musste und bei meiner Mutter schon? Wieso wurde hier mit zweierlei Maß gemessen? Aber ich schweife ab. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter hatte und sie sich wirklich einiges geleistet hatte – unter anderem einen erfundenen bevorstehenden sehr bald eintretenden Krebstod – mein von ihr getrenntes sechsjähriges inneres Kind war loyal.

Nach vielen Telefonaten kam es dennoch zu einem ersten Treffen zwischen meinem Vater und mir. So reiste ich 730 km zu ihm und übernachtete im Hotel, nicht bei meinen Pflegeeltern. Ich schaffte es einfach nicht, ich musste diese zwei Familien trennen. Verständlicherweise hätten meine Pflegeeltern Fragen gestellt und jeden noch so kritischen Zwischenton hätte ich wahrgenommen oder gemeint, wahrzunehmen und dann wäre ich scharf geworden in meinem Ton und dann hätte eines zum nächsten geführt und so weiter und so fort. Loyalitätskonflikt galore.

Man könnte jetzt meinen, ich sei ein wenig dumm und naiv und meine Eltern hätten diese Loyalität nicht verdient und letzterem gebe ich auch Recht, allem anderen widerspreche ich vehement. Ich schreibe das alles deshalb auf, weil ich deutlich machen will, wie diese Mechanismen in einer kleinen Kinderpsyche wirken und dass Kinder gar nicht anders können, als ihre Eltern zu lieben, selbst wenn sie ihnen grausamstes antun.

Wie schlimm muss es dann erst sein, wenn „grausam“ ausbleibt und sich die Eltern im Rahmen von einfachen Streitigkeiten – mit oder ohne Trennung – gegenseitig beschimpfen und versuchen, das Kind auf seine Seite zu ziehen.

Das Thema ploppte bei mir auf, weil meine große Tochter (8) mich vor zwei Wochen unvermittelt und erstmalig fragte: „Das darf ich dem Papa jetzt aber nicht erzählen, oder?“ Ich schaute sie erstaunt an. Noch nie hatte ich so etwas von ihr verlangt – weder als wir noch alle zusammen wohnten noch nach der Trennung. Ich wandte mich ihr ganz zu und sagte: „Du darfst dem Papa alles erzählen, es wird nie passieren, dass ich dich oder deine kleine Schwester bitte, dem Papa etwas zu verschweigen. Wenn ich nicht möchte, dass er etwas nicht weiß, dann behalte ich das einfach für mich.“

Denn nun bin ich nicht mehr das Kind, ich bin erwachsen. Ich bin nun verantwortlich für drei Kinder – für meine zwei Töchter wie auch für mein inneres Kind. Und niemanden von den dreien werde ich noch einmal irgendeinem Loyalitätskonflikt aussetzen.

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Im Falle einer Trennung: Es gibt nicht DAS Modell

divorce-156444_1280Wenn so brandaktuelle Diskussionen im Gange sind und ich Artikel in Zeitungen sowie auf verschiedenen Blogs lese, denke ich oft, ich sehe das große Ganze nicht. Ich bewundere, wie Zahlen, Daten und Fakten in einen gesamt stimmigen Text verknüpft werden. Dann bin ich oft ein wenig eingeschüchtert und traue mich nicht, zusätzlich noch Stellung zu beziehen. Zumal ich ja auch keinen Text à la: „Ja genauso denke ich auch“ schreiben will.

Bezüglich der aktuell stattfindenden Diskussion rund um das Wechselmodell, das momentan aufgrund eines BGH-Urteils in aller Munde ist, habe ich allerdings viele Gedanken, andere, als die, die mir häufig begegnen. Diesmal denke ich nicht, ich sehe das große Ganze nicht, ich denke: Vor lauter Wald sieht niemand mehr die Bäume.

Aber ganz kurz zum Urteil: Das Gericht entschied, dass das Wechselmodell, bei dem ein Kind seinen Wohnsitz beispielsweise wochenweise zwischen den Eltern wechselt, auch dann gelebt werden kann, wenn ein Elternteil partout dagegen ist. Geklagt hatte ein Vater gegen eine Mutter und gewonnen. Grundsätzlich gibt es die Diskussion rund um das Wechselmodell nicht erst seit dem Urteil. Ich verfolge das schon lange und die ganze Zeit habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Nicht wegen des Wechselmodells an sich, es ist die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wird und über was diskutiert wird.

Der Anspruch am Kind

Vor ein paar Tagen las ich eine Überschrift in der Zeit und diese fasst sehr gut zusammen, was mich besonders stört: Getrennte Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind.

Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind … das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sollte es nicht umgekehrt heißen: Kinder haben Anspruch auf Zeit mit ihren Eltern? Auf beide Eltern? Es ist nur eine Überschrift und doch ist es das, was gedacht und worüber gesprochen wird.

Als wären Kinder ein Ding, über das man nach der Scheidung entscheiden kann wie um den Rest des im Zugewinns oder was auch immer befindlichen Inventars. Es werden elterlicherseits Ansprüche geltend gemacht und scheinbar auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Denn es besteht ja schließlich ein Rechtsanspruch. Rechte die von ganz oben festgelegt wurden.

Was ich total lustig finde: Diese Rechte – die haben Eltern ja schon die ganze Zeit. Im Normalfall, da wo keine Traumata in Familien stattfinden – haben beide Eltern dieselben Rechte per Sorgerecht. Und wenn Eltern erwachsen miteinander umgingen, dann könnten sie nach einer Trennung auch eine Regelung finden, ohne Gericht und ohne Jugendamt. Wenn Eltern nicht auf Paarebene miteinander reden würden, sondern Verantwortung auf Elternebene übernähmen, dann könnten sie ihre eigene Entscheidung für ihre kleine Familie treffen, so dass es für alle funktioniert.

Aber das Leben ist kein Bullerbü und so geht es um Macht, es geht um Rache, es geht um alles, aber nicht ums Kind. Und in diesem ganzen Zank und in all dieser Ego-Scheiße geben Eltern das Ruder aus der Hand, verwirken ihre Rechte und lassen diese von oben neu entscheiden. Am Ende ist keiner glücklich, denn plötzlich treffen Gerichte und Ämter Entscheidungen, für die sie gar nicht kompetent sind. Denn diese kennen weder die Eltern, noch die Kinder.

Nennt mich naiv, aber ich bin der festen Überzeugung, dass alle Eltern grundsätzlich erst einmal kompetente Entscheider für ihre Kinder sind. Ich bin auch der Überzeugung, dass Familie bunt und individuell ist und dass es DAS Modell für Trennungskinder nicht gibt. Eltern haben unterschiedliche Lebenssituationen, Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse. All das gilt es zu vereinbaren. Familie sollte immer ein Ort sein, in dem es allen möglichst gut geht, auch nach einer Trennung. Das schließt Kinder und Eltern ein.

Ich bin jetzt seit zwei Jahren eine Mutter, deren Kindern seit der Trennung bei ihrem Vater wohnen. Ich hole meine Kinder Montags und Freitags von Kindergarten und Schule ab und verbringe den Nachmittag mit ihnen, jedes zweite Wochenende bleiben sie bei mir. Mein Ex-Mann und ich waren uns immer einig, dass wir uns nicht um die Kinder streiten würden. Die Kinder hätten genauso gut bei mir leben können, aber so wie wir es jetzt leben, hat für sie die meisten Vorteile und wir als Eltern können es händeln. Wir haben dabei nicht daran gedacht, wer wie viel Anspruch auf die Kinder hat.

Im übrigen glaube ich nicht daran, dass es für Kinder nach einer Trennung eine Lösung gibt, die genauso gut ist, wie ihr Leben vor einer Trennung. Kinder wünschen sich einfach beide Eltern. Bei einer Trennung muss man diesen Schmerz dann seinen Kindern zumuten. Doch man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Im übrigen ist keine Trennung auch keine Lösung. Dieses Totschlag-Argument kommt nämlich häufig, gerne auch in der Form: Frauen trennen sich zu leichtfertig. Manchmal geht es als Paar nicht mehr weiter, da kann man sich auf den Kopf stellen und mit den Zehen wackeln, wenn es nicht geht und man vieles versucht hat, ist es manchmal einfach besser, man verzichtet als Paar aufeinander. Beim sogenannten Nestmodell gibt es eine Wohnung, in der die Kinder fest leben und die Eltern pendeln. Dann empfangen plötzlich die Kinder ihre Eltern und nicht mehr umgekehrt. Völlig unabhängig davon, dass das finanziell für die meisten Familien nicht drin sein dürfte, halte ich das für eine Verschiebung einer Position, die eigentlich die Eltern inne haben sollten. Ich habe den Eindruck, dass dies ein falsch verstandener Schutz der Kinder ist.

Liest man etwas über das „Residenz-Modell“, das heißt die Kinder leben bei einem Elternteil, wird fast immer davon gesprochen, dass dies dann eben erstens die Mutter ist und zweitens der Vater die Kinder nur an jedem zweiten Wochenende sieht. Warum? Das ist mir unerklärlich. Warum geht das dann nur alle 14 Tage? Warum nicht auch an verschiedenen Nachmittagen? Ganz nebenbei geht es nämlich nicht nur darum, ob man Zeit mit seinen Kindern verbringen will, sondern auch darum, sich Elternschaft trotz Trennung zu teilen. Und damit meine ich die Verantwortung, nicht nur die Zuckerseiten.

Und wenn Eltern nicht kompetente Entscheider sind?

Natürlich weiß ich, dass die Welt nicht so rosarot ist, wie ich sie gerne hätte und es Paare gibt, die finden nach einer Trennung nicht alleine zurück zu einem guten Miteinander. Ich persönlich sehe das so: Wenn ich jetzt noch Paarthemen mit meinem Ex-Mann klären müsste, dann hätte ich auch gleich mit ihm zusammenbleiben können. Ich höre das immer wieder, dass Paarthemen eine maßgebliche Rolle spielen im Leben nach der Trennung. Ich wünschte, hier würden Eltern Hilfen in Anspruch nehmen können, um so eine gute Lösung und einen guten Umgang zu finden. Das würde bedeuten, dass es diese Hilfe wirklich gäbe und Eltern diese auch in Anspruch nähmen.

Diesem Gerichtsurteil wird viel unterstellt: Es ebene den Weg, um die Väter davor zu bewahren, keinen Unterhalt zahlen zu müssen, das wolle der Staat vielleicht sogar, weil ja dies den Topf des neuen Unterhaltsvorschusses schonen würde.

Ich habe auch schon von Fällen gelesen, in dem Kinder gezwungen wurden, Zeit mit ihren gewalttätigen Vätern zu verbringen und da gibt es schlimme Schicksale. Das ist real, das gibt es, gar nicht mal so selten.

Aber ich habe auch schon gelesen, wie Väter per se kriminalisiert wurden und diese Pauschalisierung erfüllt mich mit Unbehagen.

Es ist kompliziert

Wie immer ist es nicht einfach.

Ich sehe Alleinerziehende, die am Existenzminimum leben, sowohl finanziell wie nervlich, weil sie völlig allein sind und weder Unterhalt noch Unterstützung erhalten. Auf der anderen Seite nehme ich einen Widerstand wahr, der sich auf Modelle bezieht, in denen die Mutter nicht die Hauptverantwortung übernimmt. Es gibt Familien, in denen Gewalt vorherrschte, für diese sind pauschale Lösungen sogar gefährlich.

Ich sehe viele Missverständnisse zwischen Menschen, die einmal guter Dinge eine Familie gegründet haben und nun nicht mehr in der Lage sind, diese verantwortungsvoll zu führen, weil ihnen Zwischenmenschlichkeiten völlig aus dem Blick rücken, worum es eigentlich geht.

Ich möchte euch Familien Mut machen. Trennt euch, wenn ihr als Paar nicht mehr zurecht kommt, aber haltet als Eltern zusammen. Lasst nicht die Gerichte oder Jugendämter für euch entscheiden. Findet eine Lösung, die für euch in Ordnung ist, wie auch immer die aussehen wird. Bleibt Entscheider und lasst euch von niemandem etwas erzählen. Wenn ich etwas als Elternteil gelernt habe, dann, dass man es keinem recht machen kann. Dann kann ich es doch gleich so machen, wie ich es für richtig halte. Es gibt Lösungen außerhalb des typischen „der Vater zieht aus und sieht sein Kind nur alle 14 Tage – wenn überhaupt“. Findet sie. Habt Mut. Redet miteinander. Glaubt mir, das schafft viel Frieden. Ihr müsst nach einer Trennung keine Freunde sein. Man darf als Paar versagen. Als Eltern sollte es irgendwie weitergehen.

 

 


Über mein Wochenendmutter-Dasein habe ich mal einen TedX-Talk gehalten.  Und auch schon ganz viel geschrieben:

Wochenend-Mutter

Wochenendmutter: Was ich noch sagen wollte.

Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

50 qm

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Das Erbe

Die Nachricht, dass mein leiblicher Vater verstorben ist, erhielt ich per E-Mail. Das war schon – nennen wir es – speziell, der Inhalt der E-Mail stand dem aber in nichts nach. Mein Onkel verstand es, kurz und knackig drei Sachen zu kommunizieren:

  1. Dein Vater ist tot. Du musst dich um die Beerdigung kümmern.
  2. Du und deine Kinder sollten das Erbe ablehnen, denn da sind nur Schulden.
  3. Ich habe schon einen Käufer für das gemeinsame elterliche Haus, praktisch wäre jetzt eine Vollmacht von dir.

Ja. So hab ich auch geguckt.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß: Ich hatte keinen Kontakt zu meinem Vater, nie wirklich gehabt. Ich bin in einer Pflegefamilie aufgewachsen, weil 100 % meiner Eltern nicht in der Lage waren, ihren Pflichten nachzukommen. Meine, von meinem Vater getrennte, alkoholabhängige Mutter hat mich stark vernachlässigt, die Polizei samt Jugendamt holten mich einmal ab, nachdem meine Mutter mir die Tür nicht mehr öffnete und viele Monate später, nach einem Entzug und einem weiteren Versuch meiner Mutter ein zweites Mal wegen akuter, wenn auch wiederholter grober Kindsgefährdung. Ich kannte Hunger und ich kannte Einsamkeit. Ich war sechs Jahre alt.

Mein Vater war zu der Zeit nicht da, angeblich, weil sie das zu verhindern wusste. Aber selbst, als er die Chance dazu hatte, nämlich als das Jugendamt ihn informierte, dass ich nun in einer Pflegefamilie sei, wusste er diese nicht zu nutzen, hielt Absprachen nicht ein, machte falsche Angaben und verschwand dann ohne eine Erklärung für zehn Jahre. Es gab dann den ein oder anderen späteren Kontaktversuch und als ich letztes Jahr hörte, dass er schwer krank sei, habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, dennoch den Kontakt zu verneinen.

Ich möchte zusammenfassen: Weder meine Mutter, noch mein Vater sind jemals ihren elterlichen Pflichten nachgekommen, weder durch Präsenz, noch in finanzieller Hinsicht, denn Unterhalt hat meine Mutter beispielsweise nie gezahlt und mein Vater nur sehr überschaubar. Viel kann das nicht gewesen sein, wie ich nun weiß.

Warum erzähle ich das alles? Als mein Vater nun verstarb, lernte ich, dass es eine sogenannte Bestattungspflicht gibt. Als leibliches Kind bin ich verpflichtet, dieser nachzukommen.Wenn ich mich weigere, tritt das Ordnungsamt auf den Plan und versucht dann, die Kosten entsprechend einzutreiben. Ich sah mich außer Stande, eine Beerdigung für meinen Vater zu organisieren. Einen Vater, den ich nie hatte und von dem ich zudem 700 Kilometer weit weg wohnte. Also setzte ich  mich gleich mit dem Ordnungsamt in Verbindung, besprach sachlich die Lage mit ihnen und sie übernahmen. Die Kosten dafür werden nun bei mir eingetrieben und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das abwenden kann. Mir wurde deutlich mitgeteilt, dass die Bestattungspflicht Gesetz ist und es keine Rolle spielt, ob der Verstorbene ein Erbe hinterlassen hat, ob man dieses überhaupt annimmt, ob man zum Verstorbenen Kontakt hatte oder ob er sonst irgendwelche Verfehlungen gegenüber des Bestattungspflichtigen getätigt hat. Das Geld wurde vom Staat ausgelegt und die Motivation scheint groß, es wiederzubekommen.

Bei der Durchsicht der Unterlagen meines Vaters stieß ich in der Tat auf viele Schulden, unter anderem auf einen Pfändungsbeschluss des Jugendamts, in welchem der rückständige Unterhalt in Höhe von knapp 15.000 Euro gefordert wurde. Dazu muss ich folgendes erklären: Das Jugendamt hat den Unterhalt vorgestreckt und meinen Pflegeeltern überwiesen und dann erfolglos versucht, dieses Geld bei meinem Vater einzutreiben.

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Trotz Pfändungsbeschluss kein Erfolg beim Eintreiben des Unterhalts

Ich rief beim Jugendamt an und fragte, ob die Forderung noch aktuell sei und ob die über den Tod hinaus gilt. Man musste sich beraten und rief mich zurück. Ja, der Saldo sei aktuell und ausständig, Zinsen kämen noch hinzu und insgesamt müsste das vom Erben übernommen werden. Und nein, verhandeln kann man da nicht, da dies Staatsschulden sind, kann man da nichts erlassen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich das kaufmännisch voll und ganz verständlich finde. Aber schlussendlich – wenn man das ein wenig plakativ formulieren und auf den Punkt bringen möchte – hieß das, ich hätte meinen eigenen Unterhalt ans Jugendamt zurückzahlen müssen.

Plötzlich wurde das Jugendamt auch sehr aktiv und forderte Grundbuchauszüge an und ich bin mir sicher, dass sie nun massiv werden und mehr Erfolg haben werden als die Jahrzehnte davor.

Ich habe das Erbe abgelehnt. Ich meide den Kontakt zu meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters, der sämtliche Pflichten mir auferlegen wollte und sich selbst für nichts verantwortlich fühlte. In der Zwischenzeit habe ich mich vom Vermieter meines Vaters anschreien, beschimpfen und mir drohen lassen und auch diesen Kontakt mittlerweile über mein Handy gesperrt. Er versteht nicht, dass ich abgelehnt habe und nicht in der Pflicht bin. Und ja, ich verstehe ihn sehr gut, aber das hier ist nicht meins.

Ich möchte noch einmal zusammenfassen, weil das wichtig für das ist, worauf ich hinweisen möchte: Mein Vater hat sich nicht um mich gekümmert und hat quasi keinen Unterhalt für mich bezahlt. Das Jugendamt hat es förmlich 37 Jahre lang (meine Eltern haben sich getrennt, da war ich zwei) nicht geschafft, den Unterhalt einzutreiben, werden aber jetzt sehr aktiv, wo ich die Schuldnerin wäre. Ich bin verpflichtet, für die Beerdigung meines Vater aufzukommen, nur weil ich die Tochter bin und werde mich dem vermutlich nicht entziehen können.

In dem Zusammenhang möchte ich Christine Finke von Blog Mama arbeitet zitieren:

… trotz Klagen vor Gericht und Hilfegesuchen bei Behörden kommen 75% der Alleinerziehenden nicht an ihr Geld. Unterhaltspflichtige ignorieren die Pflicht, zu zahlen, verschleiern ihr Einkommen oder entziehen sich durch Umzug ins Ausland….

 

Ich lese immer wieder von Alleinerziehenden, die vom Jugendamt gesagt bekommen, da könne man nichts machen und die den gesamten Unterhalt alleine bestreiten. Unterhalt, welcher nicht wie bei mir vom Jugendamt vorgestreckt wird, sondern schlicht und ergreifend ausbleibt und den die Alleinerziehende vollumfänglich alleine kompensieren muss.

Interessant, oder? Ich bin mitten drin, ich bin vorgespannt und ich bin emotional, aber täuscht mich der Eindruck, dass das Interesse, Geld einzutreiben ein vielfaches höher ist, wenn der Staat es ausgelegt hat, als wenn „nur“ Alleinerziehende ihre Kinder großziehen wollen?

 

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Abschied

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Es ist der Tag nach der Beerdigung meines (Pflege-)Bruders. Er starb vor eineinhalb Wochen völlig überraschend im Schlaf. Im Januar wäre er 46 Jahre alt geworden.

Es ist falsch. Schlicht und ergreifend falsch. Ich bin voll mit Eindrücken, sie schwirren durch meinen Kopf, in dem es gleichzeitig still und furchtbar laut ist.

Gerade erst ist mein leiblicher Vater gestorben, er führte ein offensichtlich einsames Leben und ich stellte mir die Frage: Was bleibt? Diesmal ist die Frage leichter zu beantworten. Zurück bleibt eine fassungslose Großfamilie: eine Oma, die mittlerweile auch schon Ur-Ur-Oma ist, eine wahnsinnig starke und gefasste Mutter, ein Vater, vier Geschwister, Schwager und Schwägerinnen, eine Enkelin und ein gerade erst erwachsener Sohn, dessen Trauer grenzenlos ist. Da ist eine Familie, die voll ist mit Erinnerungen um meinen Bruder, welche von Humor und Lebenslust geprägt sind. Der Kontrast zwischen diesen beiden Leben, dem meines Vaters und dem meines Bruders, könnte größer nicht sein. Meinen leiblichen Vater wollte niemand beerdigen, da ist einfach niemand, der an seinem Grab stehen wollte, die Lebensgefährtin wie der Bruder hätten sich bereits im Krankenhaus verabschiedet und ich für mich? Ich hatte 39 Jahre quasi keinen Kontakt zu ihm, wovon sollte ich mich verabschieden? Und dann noch allein?

Diese Beerdigung gestern zu erleben, rührt mich zutiefst. Da waren Freunde, die selbst trauerten und doch wie ein Rahmen um die Familie standen, die wiederum einen stützenden Rahmen um die Kernfamilie bildeten. Meine (Pflege-)Mutter, die ihren Sohn beerdigen musste und zudem noch Mutter von vier weiteren (erwachsenen) Kindern ist, die trauerten und zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, für uns da zu sein. Was fast nicht nötig war, denn immerzu war ein Familienmitglied für uns Geschwister da – eine Tante, ein Onkel, ein Schwager – irgendwer hakte sich immer mir unter oder legte seine Hand auf meinen Rücken.

Ich habe so viele Bilder im Kopf. Die beste und langjährige Freundin meiner Mutter, wie sie in den Trauersaal hineinkommt und ich dachte: „Puh, nun begleitet sie ihre Freundin, wie sie ihren Sohn beerdigt.“ Die Oma, die meinte, eigentlich wäre sie dran gewesen. Mein Neffe hinter dem Sarg meines Bruders. So hatte jeder seine Rolle dort, jeder auf seine Weise und aus dieser großen Familie hinausblickend schaute ich auf die Freunde und dachte: „Welchen Ort haben sie? Wo und wie trauern Freunde, wo lassen die sich?“ Auch nicht einfach. Auf der Facebook-Seite meines Bruders bekunden sie ihr Beileid und ich lese die Beiträge tatsächlich gern, kurz nach der Nachricht haben sie mir sogar geholfen, zu begreifen, dass das, was geschehen ist, auch wirklich wahr ist. Trauer 2.0 im Web, neue Zeiten, nicht falsch, anders und doch tröstlich.

Es war immer schwierig für mich, diese beiden Familien unter einen Hut zu bringen. Hier die leibliche Familie, da die mich schützende und liebende Pflegefamilie. Da gab es für mich viele Loyalitätskonflikte. Normalerweise überschnitten sich diese Familien selten, die Schnittmenge war ich. Nun ist der Tod eine weitere. Sehr unterschiedlich in seiner Ausprägung und Wirkung, bei meinem leiblichen Vater über ein Jahr erwartbar und vermutlich erlösend und bei meinem Bruder grausam und überraschend.

Auf der leiblichen Seite viel Ärger, menschliche Hässlichkeiten, nervenaufreibende Gespräche und Verpflichtungen, die man mir aufdrücken möchte und auf der anderen Seite diese Familie mit all ihrem Zusammenhalt und ihrer Fürsorge. Mit dem Tod meines leiblichen Vaters hatte ich die Gelegenheit, in ein Leben zu blicken, das ich beinahe geführt hätte, die Unfähigkeit meiner beiden Eltern wusste das zu verhindern. Das klingt bitter, ich meine das aber völlig sachlich. Und dankbar. Dankbar um das Leben, das ich heute führen darf und das vermutlich in der – auf neudeutsch – Filterbubble meiner leiblichen Eltern ein völlig anderes gewesen wäre.

Die vergangenen drei Wochen waren vom Abschied geprägt. Die Geschichte mit meinem Vater ist zu Ende. Es ist ein Unterschied, sich – aus Gründen – gegen einen Kontakt zu entscheiden oder das Kapitel nun endgültig schließen zu müssen. Es war bitter zu erkennen, dass er auch am Schluss nicht an mich gedacht hat, seine Verantwortung nicht wahrnahm, sogar ganz im Gegenteil erwartete, dass ich nun alles regeln würde.

Um meinen Bruder trauere ich. Wir sind gemeinsam aufgewachsen und waren Familie. Die Trauer trifft mich unerwartet, das ist völlig neu, das kannte ich bisher noch nicht. Es wird sich alles finden. Man atmet und geht Schritt für Schritt vorwärts. Und bekommt einen sehr guten Blick dafür, was wirklich wichtig ist.

 

 

 

 

 

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