Loyalität

„Das Kind will dich nicht sehen!“

Meine Mutter und ich saßen im halbdunklem Wohnzimmer auf der beigefarbenen Eckcouch. Die Szene ist über 33 Jahre her und doch erinnere ich mich an viele Details, an den Grundriss der Wohnung, mein Kinderzimmer, das Puppenhaus darin, an das Wohnzimmer, die Couch und deren Stoff. Ich sehe sie da sitzen auf dem langen Teil der – heute würde man sagen: Wohnlandschaft – ich auf dem kurzen Teil. Ich weiß nicht, warum sie mit meinem Vater telefonierte und nicht ich selbst, ich vermute, er rief an, sie fragte mich kurz, ob ich ihn sehen will und dann schmetterte sie diesen Satz verächtlich ins Telefon. Sie klang kalt und ich selbst kannte sie so nicht. Die beiden hatten sich getrennt als ich zwei war und ich erfuhr erst vier Jahre später von ihm. „Dein Vater kommt dich besuchen“, sagte da meine Pflegemutter und ich rief erfreut: „Rainer!“ und sie sagte: „Nein, dein Vater“. Wie sich herausstellte, war mein biologischer Vater Jürgen und nicht Rainer.

„Das Kind will dich nicht sehen!“ – das war extrem frei interpretiert. Ich war sechs Jahre alt und hatte schon erstaunlich viel erlebt in meinem kurzen Leben. Vor dieser kleinen Szene war ich über neun Monate in einer Pflegefamilie untergebracht und nun – nach ihrem wiederholtem erfolgreichen (hier bitteres Lachen einfügen) Entzug – zu meiner Mutter zurückgekehrt.

Als mein Vater also anrief, sagte ich tatsächlich, dass ich kein Treffen möchte, momentan nicht. Ich musste doch aufpassen, dass meine Mutter nicht wieder trank und das konnte ich ja wohl schlecht, wenn ich weg war. Sie machte das ihre daraus und nutze es, um ihm einen reinzuwürgen. Mein Vater meldete sich zehn Jahre lang nicht mehr bei mir, das war nun wirklich nicht das, war ich unter „im Moment nicht“ verstand, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich habe mir das lange vorgeworfen, wie wäre alles geworden, wenn ich in diesem Moment nicht nein gesagt hätte?! Heute weiß ich: Ich war sechs Jahre alt und nicht für meine Eltern und ihr Verhalten verantwortlich. Weder dafür, dass meine Mutter nicht mehr trank, noch dass sie damit klar käme, wenn ich meinen Vater sehe und umgekehrt. Tatsächlich befand ich mich aber in einem riesigen Loyalitätskonflikt, der mich zukünftig noch häufig begleiteten würde.

Die Rückkehr zu meiner Mutter dauerte nur zwei Monate, dann holte mich die Polizei wegen akuter Kindeswohlgefährdung aus der Wohnung und ich weiß wie heute, wie ich zu der Polizeibeamtin sagte, ich könne noch nicht gehen, ich hätte die Hausaufgaben noch nicht fertig. Interessant ist, dass ich das von zwei Seiten betrachten kann. Mein Ich sieht das alles recht sachlich, das ist passiert, das gehört zu mir, so war das einfach. So habe ich überlebt. Aber wenn ich mir all das als Mutter gebe, wenn ich mir vorstelle, … dann zerreißt es mich fast.

Ich hatte Glück und konnte übergangslos und ohne Heimaufenthalt zurück zu meiner Pflegefamilie, in der ich fortan aufwuchs und blieb, bis ich als erwachsene junge Frau auszog. Meine Mutter sah ich, wenn überhaupt, an einem Samstag im Monat.

An diesen Tagen gingen wir schwimmen, Eis laufen und was mir noch so einfiel und was mit Bus und Bahn erreichbar war, oft hingen wir aber auch einfach nur in ihrer Wohnung rum und ich spielte stundenlang mit ihren Sachen, zog ihre Kleider und Mäntel an und tobte mich an ihrer Kosmetik aus.

Abends kehrte ich aufgekratzt und voller widersprüchlicher Gefühle heim. Ich liebte und vermisste sie, gleichzeitig traute ich ihr keinen Meter. Roch sie vielleicht nach Alkohol? Was hatte sie da in ihrer Handtasche? War das wirklich Limo, was sie da trank? Wie oft probierte ich ihr Getränk, wenn sie nicht hinsah. Erzählen konnte ich von all dem nichts in meinem Zuhause. Nicht, weil dort über sie geschimpft wurde. Nein, das muss ich meiner Pflegemutter anrechnen, das hat sie gut geschafft und es war mit Sicherheit nicht sonderlich leicht. Und doch, einig waren sie sich nicht, was auch kein Wunder war. Meine Mutter verstand es, diese seltenen Samstage schillernd zu gestalten und in mir eine Sehnsucht zu wecken, die niemals hätte erfüllt werden können. Und hin und wieder setzte sie mir Flausen in den Kopf und meine Pflegemutter musste mich dann wieder einnorden. Ob das immer gerechtfertigt war oder ob da noch andere Dinge mitschwangen, ich weiß es nicht. Ich erkenne ihre Leistung hoch an, und dennoch, wurde es in irgendeiner Form kritisch, hatte ich ein Loyalitätsproblem.

Wer hatte nun recht? Wer sagte die Wahrheit? Die Frage stellte sich nicht, auf wessen Seite ich stand, im Zweifel immer für die leibliche Mutter, so will es das Gesetz, aber dort lebte ich nicht. Vieles wollte ich auch nicht wahrhaben, über einiges musste mich meine Pflegemutter vielleicht sogar aufklären. Und dennoch, ich wollte das nicht hören und war es noch so sachlich verpackt. Mein kindliches Ich war in großer Not. Ich liebte meine Mutter, trotz allem. Und gleichzeitig war ich dankbar um meine Pflegefamilie​, in der ich sicher aufwachsen durfte.

Als ich dreißig war, nahm ich Kontakt zu meinem Vater auf. Schnell stellte ich die Regel auf, dass meine Mutter kein Thema sein dürfte, besonders dürfe nicht über sie gehetzt werden. Diese Regel musste ich aufstellen, denn schon in den ersten Minuten unseres ersten Telefongesprächs nach über 24 Jahren wurde klar, dass mein Vater diese Regel brauchte. Und obwohl er diese scheinbar akzeptierte, schaffte er es nicht, sie einzuhalten. Immer wieder ließ er ganz beiläufig kleine Spitzen in Nebensätzen fallen, um sie dann, wenn ich ihn darauf hinwies, zurückzunehmen mit den Worten: “ Entschuldigung, du hast ja recht, aber so war das eben.“

Ich war 30 Jahre alt und dennoch das Kind in diesem wundersamen Familientheater. Mich machte sein Verhalten aggressiv und wütend und ich lehnte ihn dafür ab. Er instrumentalisierte mich und er erhob sich über meine Mutter, ohne Gefühl dafür, dass er kein Stück besser war. Versagt hatten beide, wieso war es bei ihm nicht schlimm, dass ich in einer Pflegefamilie aufwachsen musste und bei meiner Mutter schon? Wieso wurde hier mit zweierlei Maß gemessen? Aber ich schweife ab. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter hatte und sie sich wirklich einiges geleistet hatte – unter anderem einen erfundenen bevorstehenden sehr bald eintretenden Krebstod – mein von ihr getrenntes sechsjähriges inneres Kind war loyal.

Nach vielen Telefonaten kam es dennoch zu einem ersten Treffen zwischen meinem Vater und mir. So reiste ich 730 km zu ihm und übernachtete im Hotel, nicht bei meinen Pflegeeltern. Ich schaffte es einfach nicht, ich musste diese zwei Familien trennen. Verständlicherweise hätten meine Pflegeeltern Fragen gestellt und jeden noch so kritischen Zwischenton hätte ich wahrgenommen oder gemeint, wahrzunehmen und dann wäre ich scharf geworden in meinem Ton und dann hätte eines zum nächsten geführt und so weiter und so fort. Loyalitätskonflikt galore.

Man könnte jetzt meinen, ich sei ein wenig dumm und naiv und meine Eltern hätten diese Loyalität nicht verdient und letzterem gebe ich auch Recht, allem anderen widerspreche ich vehement. Ich schreibe das alles deshalb auf, weil ich deutlich machen will, wie diese Mechanismen in einer kleinen Kinderpsyche wirken und dass Kinder gar nicht anders können, als ihre Eltern zu lieben, selbst wenn sie ihnen grausamstes antun.

Wie schlimm muss es dann erst sein, wenn „grausam“ ausbleibt und sich die Eltern im Rahmen von einfachen Streitigkeiten – mit oder ohne Trennung – gegenseitig beschimpfen und versuchen, das Kind auf seine Seite zu ziehen.

Das Thema ploppte bei mir auf, weil meine große Tochter (8) mich vor zwei Wochen unvermittelt und erstmalig fragte: „Das darf ich dem Papa jetzt aber nicht erzählen, oder?“ Ich schaute sie erstaunt an. Noch nie hatte ich so etwas von ihr verlangt – weder als wir noch alle zusammen wohnten noch nach der Trennung. Ich wandte mich ihr ganz zu und sagte: „Du darfst dem Papa alles erzählen, es wird nie passieren, dass ich dich oder deine kleine Schwester bitte, dem Papa etwas zu verschweigen. Wenn ich nicht möchte, dass er etwas nicht weiß, dann behalte ich das einfach für mich.“

Denn nun bin ich nicht mehr das Kind, ich bin erwachsen. Ich bin nun verantwortlich für drei Kinder – für meine zwei Töchter wie auch für mein inneres Kind. Und niemanden von den dreien werde ich noch einmal irgendeinem Loyalitätskonflikt aussetzen.

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Im Falle einer Trennung: Es gibt nicht DAS Modell

divorce-156444_1280Wenn so brandaktuelle Diskussionen im Gange sind und ich Artikel in Zeitungen sowie auf verschiedenen Blogs lese, denke ich oft, ich sehe das große Ganze nicht. Ich bewundere, wie Zahlen, Daten und Fakten in einen gesamt stimmigen Text verknüpft werden. Dann bin ich oft ein wenig eingeschüchtert und traue mich nicht, zusätzlich noch Stellung zu beziehen. Zumal ich ja auch keinen Text à la: „Ja genauso denke ich auch“ schreiben will.

Bezüglich der aktuell stattfindenden Diskussion rund um das Wechselmodell, das momentan aufgrund eines BGH-Urteils in aller Munde ist, habe ich allerdings viele Gedanken, andere, als die, die mir häufig begegnen. Diesmal denke ich nicht, ich sehe das große Ganze nicht, ich denke: Vor lauter Wald sieht niemand mehr die Bäume.

Aber ganz kurz zum Urteil: Das Gericht entschied, dass das Wechselmodell, bei dem ein Kind seinen Wohnsitz beispielsweise wochenweise zwischen den Eltern wechselt, auch dann gelebt werden kann, wenn ein Elternteil partout dagegen ist. Geklagt hatte ein Vater gegen eine Mutter und gewonnen. Grundsätzlich gibt es die Diskussion rund um das Wechselmodell nicht erst seit dem Urteil. Ich verfolge das schon lange und die ganze Zeit habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Nicht wegen des Wechselmodells an sich, es ist die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wird und über was diskutiert wird.

Der Anspruch am Kind

Vor ein paar Tagen las ich eine Überschrift in der Zeit und diese fasst sehr gut zusammen, was mich besonders stört: Getrennte Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind.

Eltern haben den gleichen Anspruch auf Zeit mit dem Kind … das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sollte es nicht umgekehrt heißen: Kinder haben Anspruch auf Zeit mit ihren Eltern? Auf beide Eltern? Es ist nur eine Überschrift und doch ist es das, was gedacht und worüber gesprochen wird.

Als wären Kinder ein Ding, über das man nach der Scheidung entscheiden kann wie um den Rest des im Zugewinns oder was auch immer befindlichen Inventars. Es werden elterlicherseits Ansprüche geltend gemacht und scheinbar auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Denn es besteht ja schließlich ein Rechtsanspruch. Rechte die von ganz oben festgelegt wurden.

Was ich total lustig finde: Diese Rechte – die haben Eltern ja schon die ganze Zeit. Im Normalfall, da wo keine Traumata in Familien stattfinden – haben beide Eltern dieselben Rechte per Sorgerecht. Und wenn Eltern erwachsen miteinander umgingen, dann könnten sie nach einer Trennung auch eine Regelung finden, ohne Gericht und ohne Jugendamt. Wenn Eltern nicht auf Paarebene miteinander reden würden, sondern Verantwortung auf Elternebene übernähmen, dann könnten sie ihre eigene Entscheidung für ihre kleine Familie treffen, so dass es für alle funktioniert.

Aber das Leben ist kein Bullerbü und so geht es um Macht, es geht um Rache, es geht um alles, aber nicht ums Kind. Und in diesem ganzen Zank und in all dieser Ego-Scheiße geben Eltern das Ruder aus der Hand, verwirken ihre Rechte und lassen diese von oben neu entscheiden. Am Ende ist keiner glücklich, denn plötzlich treffen Gerichte und Ämter Entscheidungen, für die sie gar nicht kompetent sind. Denn diese kennen weder die Eltern, noch die Kinder.

Nennt mich naiv, aber ich bin der festen Überzeugung, dass alle Eltern grundsätzlich erst einmal kompetente Entscheider für ihre Kinder sind. Ich bin auch der Überzeugung, dass Familie bunt und individuell ist und dass es DAS Modell für Trennungskinder nicht gibt. Eltern haben unterschiedliche Lebenssituationen, Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse. All das gilt es zu vereinbaren. Familie sollte immer ein Ort sein, in dem es allen möglichst gut geht, auch nach einer Trennung. Das schließt Kinder und Eltern ein.

Ich bin jetzt seit zwei Jahren eine Mutter, deren Kindern seit der Trennung bei ihrem Vater wohnen. Ich hole meine Kinder Montags und Freitags von Kindergarten und Schule ab und verbringe den Nachmittag mit ihnen, jedes zweite Wochenende bleiben sie bei mir. Mein Ex-Mann und ich waren uns immer einig, dass wir uns nicht um die Kinder streiten würden. Die Kinder hätten genauso gut bei mir leben können, aber so wie wir es jetzt leben, hat für sie die meisten Vorteile und wir als Eltern können es händeln. Wir haben dabei nicht daran gedacht, wer wie viel Anspruch auf die Kinder hat.

Im übrigen glaube ich nicht daran, dass es für Kinder nach einer Trennung eine Lösung gibt, die genauso gut ist, wie ihr Leben vor einer Trennung. Kinder wünschen sich einfach beide Eltern. Bei einer Trennung muss man diesen Schmerz dann seinen Kindern zumuten. Doch man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Im übrigen ist keine Trennung auch keine Lösung. Dieses Totschlag-Argument kommt nämlich häufig, gerne auch in der Form: Frauen trennen sich zu leichtfertig. Manchmal geht es als Paar nicht mehr weiter, da kann man sich auf den Kopf stellen und mit den Zehen wackeln, wenn es nicht geht und man vieles versucht hat, ist es manchmal einfach besser, man verzichtet als Paar aufeinander. Beim sogenannten Nestmodell gibt es eine Wohnung, in der die Kinder fest leben und die Eltern pendeln. Dann empfangen plötzlich die Kinder ihre Eltern und nicht mehr umgekehrt. Völlig unabhängig davon, dass das finanziell für die meisten Familien nicht drin sein dürfte, halte ich das für eine Verschiebung einer Position, die eigentlich die Eltern inne haben sollten. Ich habe den Eindruck, dass dies ein falsch verstandener Schutz der Kinder ist.

Liest man etwas über das „Residenz-Modell“, das heißt die Kinder leben bei einem Elternteil, wird fast immer davon gesprochen, dass dies dann eben erstens die Mutter ist und zweitens der Vater die Kinder nur an jedem zweiten Wochenende sieht. Warum? Das ist mir unerklärlich. Warum geht das dann nur alle 14 Tage? Warum nicht auch an verschiedenen Nachmittagen? Ganz nebenbei geht es nämlich nicht nur darum, ob man Zeit mit seinen Kindern verbringen will, sondern auch darum, sich Elternschaft trotz Trennung zu teilen. Und damit meine ich die Verantwortung, nicht nur die Zuckerseiten.

Und wenn Eltern nicht kompetente Entscheider sind?

Natürlich weiß ich, dass die Welt nicht so rosarot ist, wie ich sie gerne hätte und es Paare gibt, die finden nach einer Trennung nicht alleine zurück zu einem guten Miteinander. Ich persönlich sehe das so: Wenn ich jetzt noch Paarthemen mit meinem Ex-Mann klären müsste, dann hätte ich auch gleich mit ihm zusammenbleiben können. Ich höre das immer wieder, dass Paarthemen eine maßgebliche Rolle spielen im Leben nach der Trennung. Ich wünschte, hier würden Eltern Hilfen in Anspruch nehmen können, um so eine gute Lösung und einen guten Umgang zu finden. Das würde bedeuten, dass es diese Hilfe wirklich gäbe und Eltern diese auch in Anspruch nähmen.

Diesem Gerichtsurteil wird viel unterstellt: Es ebene den Weg, um die Väter davor zu bewahren, keinen Unterhalt zahlen zu müssen, das wolle der Staat vielleicht sogar, weil ja dies den Topf des neuen Unterhaltsvorschusses schonen würde.

Ich habe auch schon von Fällen gelesen, in dem Kinder gezwungen wurden, Zeit mit ihren gewalttätigen Vätern zu verbringen und da gibt es schlimme Schicksale. Das ist real, das gibt es, gar nicht mal so selten.

Aber ich habe auch schon gelesen, wie Väter per se kriminalisiert wurden und diese Pauschalisierung erfüllt mich mit Unbehagen.

Es ist kompliziert

Wie immer ist es nicht einfach.

Ich sehe Alleinerziehende, die am Existenzminimum leben, sowohl finanziell wie nervlich, weil sie völlig allein sind und weder Unterhalt noch Unterstützung erhalten. Auf der anderen Seite nehme ich einen Widerstand wahr, der sich auf Modelle bezieht, in denen die Mutter nicht die Hauptverantwortung übernimmt. Es gibt Familien, in denen Gewalt vorherrschte, für diese sind pauschale Lösungen sogar gefährlich.

Ich sehe viele Missverständnisse zwischen Menschen, die einmal guter Dinge eine Familie gegründet haben und nun nicht mehr in der Lage sind, diese verantwortungsvoll zu führen, weil ihnen Zwischenmenschlichkeiten völlig aus dem Blick rücken, worum es eigentlich geht.

Ich möchte euch Familien Mut machen. Trennt euch, wenn ihr als Paar nicht mehr zurecht kommt, aber haltet als Eltern zusammen. Lasst nicht die Gerichte oder Jugendämter für euch entscheiden. Findet eine Lösung, die für euch in Ordnung ist, wie auch immer die aussehen wird. Bleibt Entscheider und lasst euch von niemandem etwas erzählen. Wenn ich etwas als Elternteil gelernt habe, dann, dass man es keinem recht machen kann. Dann kann ich es doch gleich so machen, wie ich es für richtig halte. Es gibt Lösungen außerhalb des typischen „der Vater zieht aus und sieht sein Kind nur alle 14 Tage – wenn überhaupt“. Findet sie. Habt Mut. Redet miteinander. Glaubt mir, das schafft viel Frieden. Ihr müsst nach einer Trennung keine Freunde sein. Man darf als Paar versagen. Als Eltern sollte es irgendwie weitergehen.

 

 


Über mein Wochenendmutter-Dasein habe ich mal einen TedX-Talk gehalten.  Und auch schon ganz viel geschrieben:

Wochenend-Mutter

Wochenendmutter: Was ich noch sagen wollte.

Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

50 qm

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Das Erbe

Die Nachricht, dass mein leiblicher Vater verstorben ist, erhielt ich per E-Mail. Das war schon – nennen wir es – speziell, der Inhalt der E-Mail stand dem aber in nichts nach. Mein Onkel verstand es, kurz und knackig drei Sachen zu kommunizieren:

  1. Dein Vater ist tot. Du musst dich um die Beerdigung kümmern.
  2. Du und deine Kinder sollten das Erbe ablehnen, denn da sind nur Schulden.
  3. Ich habe schon einen Käufer für das gemeinsame elterliche Haus, praktisch wäre jetzt eine Vollmacht von dir.

Ja. So hab ich auch geguckt.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß: Ich hatte keinen Kontakt zu meinem Vater, nie wirklich gehabt. Ich bin in einer Pflegefamilie aufgewachsen, weil 100 % meiner Eltern nicht in der Lage waren, ihren Pflichten nachzukommen. Meine, von meinem Vater getrennte, alkoholabhängige Mutter hat mich stark vernachlässigt, die Polizei samt Jugendamt holten mich einmal ab, nachdem meine Mutter mir die Tür nicht mehr öffnete und viele Monate später, nach einem Entzug und einem weiteren Versuch meiner Mutter ein zweites Mal wegen akuter, wenn auch wiederholter grober Kindsgefährdung. Ich kannte Hunger und ich kannte Einsamkeit. Ich war sechs Jahre alt.

Mein Vater war zu der Zeit nicht da, angeblich, weil sie das zu verhindern wusste. Aber selbst, als er die Chance dazu hatte, nämlich als das Jugendamt ihn informierte, dass ich nun in einer Pflegefamilie sei, wusste er diese nicht zu nutzen, hielt Absprachen nicht ein, machte falsche Angaben und verschwand dann ohne eine Erklärung für zehn Jahre. Es gab dann den ein oder anderen späteren Kontaktversuch und als ich letztes Jahr hörte, dass er schwer krank sei, habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, dennoch den Kontakt zu verneinen.

Ich möchte zusammenfassen: Weder meine Mutter, noch mein Vater sind jemals ihren elterlichen Pflichten nachgekommen, weder durch Präsenz, noch in finanzieller Hinsicht, denn Unterhalt hat meine Mutter beispielsweise nie gezahlt und mein Vater nur sehr überschaubar. Viel kann das nicht gewesen sein, wie ich nun weiß.

Warum erzähle ich das alles? Als mein Vater nun verstarb, lernte ich, dass es eine sogenannte Bestattungspflicht gibt. Als leibliches Kind bin ich verpflichtet, dieser nachzukommen.Wenn ich mich weigere, tritt das Ordnungsamt auf den Plan und versucht dann, die Kosten entsprechend einzutreiben. Ich sah mich außer Stande, eine Beerdigung für meinen Vater zu organisieren. Einen Vater, den ich nie hatte und von dem ich zudem 700 Kilometer weit weg wohnte. Also setzte ich  mich gleich mit dem Ordnungsamt in Verbindung, besprach sachlich die Lage mit ihnen und sie übernahmen. Die Kosten dafür werden nun bei mir eingetrieben und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das abwenden kann. Mir wurde deutlich mitgeteilt, dass die Bestattungspflicht Gesetz ist und es keine Rolle spielt, ob der Verstorbene ein Erbe hinterlassen hat, ob man dieses überhaupt annimmt, ob man zum Verstorbenen Kontakt hatte oder ob er sonst irgendwelche Verfehlungen gegenüber des Bestattungspflichtigen getätigt hat. Das Geld wurde vom Staat ausgelegt und die Motivation scheint groß, es wiederzubekommen.

Bei der Durchsicht der Unterlagen meines Vaters stieß ich in der Tat auf viele Schulden, unter anderem auf einen Pfändungsbeschluss des Jugendamts, in welchem der rückständige Unterhalt in Höhe von knapp 15.000 Euro gefordert wurde. Dazu muss ich folgendes erklären: Das Jugendamt hat den Unterhalt vorgestreckt und meinen Pflegeeltern überwiesen und dann erfolglos versucht, dieses Geld bei meinem Vater einzutreiben.

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Trotz Pfändungsbeschluss kein Erfolg beim Eintreiben des Unterhalts

Ich rief beim Jugendamt an und fragte, ob die Forderung noch aktuell sei und ob die über den Tod hinaus gilt. Man musste sich beraten und rief mich zurück. Ja, der Saldo sei aktuell und ausständig, Zinsen kämen noch hinzu und insgesamt müsste das vom Erben übernommen werden. Und nein, verhandeln kann man da nicht, da dies Staatsschulden sind, kann man da nichts erlassen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich das kaufmännisch voll und ganz verständlich finde. Aber schlussendlich – wenn man das ein wenig plakativ formulieren und auf den Punkt bringen möchte – hieß das, ich hätte meinen eigenen Unterhalt ans Jugendamt zurückzahlen müssen.

Plötzlich wurde das Jugendamt auch sehr aktiv und forderte Grundbuchauszüge an und ich bin mir sicher, dass sie nun massiv werden und mehr Erfolg haben werden als die Jahrzehnte davor.

Ich habe das Erbe abgelehnt. Ich meide den Kontakt zu meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters, der sämtliche Pflichten mir auferlegen wollte und sich selbst für nichts verantwortlich fühlte. In der Zwischenzeit habe ich mich vom Vermieter meines Vaters anschreien, beschimpfen und mir drohen lassen und auch diesen Kontakt mittlerweile über mein Handy gesperrt. Er versteht nicht, dass ich abgelehnt habe und nicht in der Pflicht bin. Und ja, ich verstehe ihn sehr gut, aber das hier ist nicht meins.

Ich möchte noch einmal zusammenfassen, weil das wichtig für das ist, worauf ich hinweisen möchte: Mein Vater hat sich nicht um mich gekümmert und hat quasi keinen Unterhalt für mich bezahlt. Das Jugendamt hat es förmlich 37 Jahre lang (meine Eltern haben sich getrennt, da war ich zwei) nicht geschafft, den Unterhalt einzutreiben, werden aber jetzt sehr aktiv, wo ich die Schuldnerin wäre. Ich bin verpflichtet, für die Beerdigung meines Vater aufzukommen, nur weil ich die Tochter bin und werde mich dem vermutlich nicht entziehen können.

In dem Zusammenhang möchte ich Christine Finke von Blog Mama arbeitet zitieren:

… trotz Klagen vor Gericht und Hilfegesuchen bei Behörden kommen 75% der Alleinerziehenden nicht an ihr Geld. Unterhaltspflichtige ignorieren die Pflicht, zu zahlen, verschleiern ihr Einkommen oder entziehen sich durch Umzug ins Ausland….

 

Ich lese immer wieder von Alleinerziehenden, die vom Jugendamt gesagt bekommen, da könne man nichts machen und die den gesamten Unterhalt alleine bestreiten. Unterhalt, welcher nicht wie bei mir vom Jugendamt vorgestreckt wird, sondern schlicht und ergreifend ausbleibt und den die Alleinerziehende vollumfänglich alleine kompensieren muss.

Interessant, oder? Ich bin mitten drin, ich bin vorgespannt und ich bin emotional, aber täuscht mich der Eindruck, dass das Interesse, Geld einzutreiben ein vielfaches höher ist, wenn der Staat es ausgelegt hat, als wenn „nur“ Alleinerziehende ihre Kinder großziehen wollen?

 

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Abschied

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Es ist der Tag nach der Beerdigung meines (Pflege-)Bruders. Er starb vor eineinhalb Wochen völlig überraschend im Schlaf. Im Januar wäre er 46 Jahre alt geworden.

Es ist falsch. Schlicht und ergreifend falsch. Ich bin voll mit Eindrücken, sie schwirren durch meinen Kopf, in dem es gleichzeitig still und furchtbar laut ist.

Gerade erst ist mein leiblicher Vater gestorben, er führte ein offensichtlich einsames Leben und ich stellte mir die Frage: Was bleibt? Diesmal ist die Frage leichter zu beantworten. Zurück bleibt eine fassungslose Großfamilie: eine Oma, die mittlerweile auch schon Ur-Ur-Oma ist, eine wahnsinnig starke und gefasste Mutter, ein Vater, vier Geschwister, Schwager und Schwägerinnen, eine Enkelin und ein gerade erst erwachsener Sohn, dessen Trauer grenzenlos ist. Da ist eine Familie, die voll ist mit Erinnerungen um meinen Bruder, welche von Humor und Lebenslust geprägt sind. Der Kontrast zwischen diesen beiden Leben, dem meines Vaters und dem meines Bruders, könnte größer nicht sein. Meinen leiblichen Vater wollte niemand beerdigen, da ist einfach niemand, der an seinem Grab stehen wollte, die Lebensgefährtin wie der Bruder hätten sich bereits im Krankenhaus verabschiedet und ich für mich? Ich hatte 39 Jahre quasi keinen Kontakt zu ihm, wovon sollte ich mich verabschieden? Und dann noch allein?

Diese Beerdigung gestern zu erleben, rührt mich zutiefst. Da waren Freunde, die selbst trauerten und doch wie ein Rahmen um die Familie standen, die wiederum einen stützenden Rahmen um die Kernfamilie bildeten. Meine (Pflege-)Mutter, die ihren Sohn beerdigen musste und zudem noch Mutter von vier weiteren (erwachsenen) Kindern ist, die trauerten und zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, für uns da zu sein. Was fast nicht nötig war, denn immerzu war ein Familienmitglied für uns Geschwister da – eine Tante, ein Onkel, ein Schwager – irgendwer hakte sich immer mir unter oder legte seine Hand auf meinen Rücken.

Ich habe so viele Bilder im Kopf. Die beste und langjährige Freundin meiner Mutter, wie sie in den Trauersaal hineinkommt und ich dachte: „Puh, nun begleitet sie ihre Freundin, wie sie ihren Sohn beerdigt.“ Die Oma, die meinte, eigentlich wäre sie dran gewesen. Mein Neffe hinter dem Sarg meines Bruders. So hatte jeder seine Rolle dort, jeder auf seine Weise und aus dieser großen Familie hinausblickend schaute ich auf die Freunde und dachte: „Welchen Ort haben sie? Wo und wie trauern Freunde, wo lassen die sich?“ Auch nicht einfach. Auf der Facebook-Seite meines Bruders bekunden sie ihr Beileid und ich lese die Beiträge tatsächlich gern, kurz nach der Nachricht haben sie mir sogar geholfen, zu begreifen, dass das, was geschehen ist, auch wirklich wahr ist. Trauer 2.0 im Web, neue Zeiten, nicht falsch, anders und doch tröstlich.

Es war immer schwierig für mich, diese beiden Familien unter einen Hut zu bringen. Hier die leibliche Familie, da die mich schützende und liebende Pflegefamilie. Da gab es für mich viele Loyalitätskonflikte. Normalerweise überschnitten sich diese Familien selten, die Schnittmenge war ich. Nun ist der Tod eine weitere. Sehr unterschiedlich in seiner Ausprägung und Wirkung, bei meinem leiblichen Vater über ein Jahr erwartbar und vermutlich erlösend und bei meinem Bruder grausam und überraschend.

Auf der leiblichen Seite viel Ärger, menschliche Hässlichkeiten, nervenaufreibende Gespräche und Verpflichtungen, die man mir aufdrücken möchte und auf der anderen Seite diese Familie mit all ihrem Zusammenhalt und ihrer Fürsorge. Mit dem Tod meines leiblichen Vaters hatte ich die Gelegenheit, in ein Leben zu blicken, das ich beinahe geführt hätte, die Unfähigkeit meiner beiden Eltern wusste das zu verhindern. Das klingt bitter, ich meine das aber völlig sachlich. Und dankbar. Dankbar um das Leben, das ich heute führen darf und das vermutlich in der – auf neudeutsch – Filterbubble meiner leiblichen Eltern ein völlig anderes gewesen wäre.

Die vergangenen drei Wochen waren vom Abschied geprägt. Die Geschichte mit meinem Vater ist zu Ende. Es ist ein Unterschied, sich – aus Gründen – gegen einen Kontakt zu entscheiden oder das Kapitel nun endgültig schließen zu müssen. Es war bitter zu erkennen, dass er auch am Schluss nicht an mich gedacht hat, seine Verantwortung nicht wahrnahm, sogar ganz im Gegenteil erwartete, dass ich nun alles regeln würde.

Um meinen Bruder trauere ich. Wir sind gemeinsam aufgewachsen und waren Familie. Die Trauer trifft mich unerwartet, das ist völlig neu, das kannte ich bisher noch nicht. Es wird sich alles finden. Man atmet und geht Schritt für Schritt vorwärts. Und bekommt einen sehr guten Blick dafür, was wirklich wichtig ist.

 

 

 

 

 

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Der Maulwurf

Ich glaube, ich war etwa acht Jahre alt, als ich auf dem Heimweg von der Schule kurz vor zuhause einen Maulwurf fand. Wir wohnten auf dem Bleichweg, eine kleine Straße am Rande des Dorfes, der Verkehr dort war überschaubar, doch einmal in der Stunde fuhr der Laster des hiesigen Automobilkonzerns über unsere Straße, um zum angrenzenden Industriegebiet zu gelangen. Es ist über 30 Jahre her und dennoch habe ich diese Laster noch detailliert im Kopf – kleine rote Siebentonner ohne Aufschrift, die wir Kinder schon von weitem am Motorgeräusch erkannten. Ich mochte sie, sie gaben der Woche einen Rahmen und eine Ordnung, sie fuhren zuverlässig jede Stunde, Montags bis Samstags. Oft verband ich mit ihnen kleine Orakel: „Wenn ich eher an der Haustüre bin als der Laster an mir vorbeifährt, dann darf ich heute Nachmittag zu meiner Freundin zum Spielen.“

Nun, an diesem Schultag war da also der Maulwurf und lief den Randstein entlang und er war in großer Gefahr. Nicht mehr lang und der nächste Laster würde kommen und wer weiß, ob der Maulwurf so klug war und nicht auf die Straße lief. Ich fing den Maulwurf ein, ich wusste, ich muss ihn retten. Gegenüber war ein großes Feld, ich weiß nicht, warum ich ihn nicht dahin brachte. Vielleicht erschien es mir zu unsicher und ich hatte Bedenken wegen dem zu erwartenden Traktor. Der eingezäunte Garten mit dem wundervollen Rasen erschien mir sicher und schön. So konnte der Maulwurf nicht wieder versehentlich auf die Straße laufen und hatte außerdem ein schönes Zuhause. Und so hob ich den Maulwurf behutsam über den Zaun unseres Nachbarn.

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Zuhause angekommen war ich der festen Überzeugung eine gute Tat vollbracht zu haben. Aber anstatt  dass man mich voller Stolz mit Lob überschüttete, bekam ich Ärger. Dass ich das doch nicht machen könne, man dürfe keine Maulwürfe in die Gärten anderer Leute setzen. Mein Argument, dass der Maulwurf auf der Straße bestimmt gestorben wäre, galt nicht. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich die Reaktion nicht verstand. Hatte ich nicht etwas mildtätiges und gütiges getan? Warum bekam ich dafür Ärger? War es nicht sogar meine Pflicht, den Maulwurf zu retten?

Ich muss auch heute noch oft an diese Geschichte denken.  Ja, vielleicht sorgt der Maulwurf für kunterbunte Erdhügel auf dem englischen Rasen. Schlussendlich ist es aber nur das, was man sieht. Dass der Maulwurf auch viele positive Eigenschaften mitbringt, das wird vollkommen übersehen.

Ganz ehrlich: Ich verstehe es heute noch nicht. Warum das Hab und Gut eines anderen mehr wert ist als das Leben eines anderen Lebewesen. Warum wir jemanden in Not keinen Unterschlupf gewähren wollen, nur weil es bei uns dann etwas aufwühlt. Es sei kompliziert, hört man da oft. Ich denke, das ist es nicht. Es ist eine Frage der Priorität.

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Wie ich mal einen TEDx-Talk hielt #tedxstuttgart

In meinem Blog schreibe ich oft über sensible Themen. Meine Themen. Ich habe sie selbst erlebt und oft liegt ihnen eine große Verletzung zugrunde. Manchmal sind es auch Tabu-Themen. Indem ich öffentlich darüber schreibe, mache ich mich zwangsläufig angreifbar. Vor meinem Laptop sitzend gebe ich mich jedoch oft der Illusion hin, durch das Glas des Bildschirms zwischen mir und diesem Internet geschützt zu sein und lange dachte ich, meine Zeilen lesen eh nur sehr wenige Menschen. Aber die Statistik meines Blogs widerspricht mir zunehmend. Dennoch: Egal über was ich hier bisher schrieb, die Reaktionen waren immer respekt- oft sogar liebevoll – selbst als ich darüber berichtete, dass ich eine Mutter bin, deren Kinder nach der Trennung bei ihrem Vater leben. Und da hatte ich mit Sturm gerechnet. Der kam, aber ganz anderes – wohlwollend, neugierig, aufatmend, ermunternd.

Als ich das Angebot bekam, bei der TEDx zu sprechen, fühlte ich mich sehr geehrt und sagte sofort zu. Für die Vorbereitung hatte ich lockere vier Monate Zeit, „entspannt“ dachte ich. Aber so vier Monate vergehen viel schneller als man meint, manchmal dauern sie quasi nur gefühlt zwei Wochen. Nachdem ich mich fertig gefreut hatte, durchlief ich viele verschiedene Stadien. Vom Träumen wieder zurück zum Freuen, sporadische Vorbereitungen und intensiver Konsum anderer TED-Talks. Allerdings machte ich den Fehler, überwiegend die amerikanischen Talks zu gucken, die oft an Großartigkeit nicht zu übertreffen sind und ich war dann erstmal ordentlich eingeschüchtert. Zwischendurch sammelte ich viele Gedankenfetzen und war motiviert. Und auch wieder nicht. Es gab die klassischen Übersprungshandlungen und Prioritätenverschiebungen, Fensterputzen erschien mir plötzlich sehr wichtig. Und die Bügelwäsche war in der Zeit ein Traum.

Das TEDx-Team war super. Sie hielten immer Kontakt, übten den nötigen Druck aus, den ein Prokrastinierer wie ich braucht, aber niemals zu viel, immer wertschätzend und mit dem richtigen Fokus. Natürlich wollten sie für ihre Gäste eine gelungene Veranstaltung, aber besonders wünschten sie uns Teilnehmern, dass wir einen Talk hielten, mit dem wir uns rundum wohl fühlten und glücklich waren und zwar für lange Zeit. Denn ein TEDx-Talk wird aufgezeichnet und in dieses Internet gestellt. Damit muss man dann leben, das sollte also sitzen.

Als ich endlich intensiver in die Vorbereitung ging gehen sollte, hatte ich eine üble Blockade. Es ging nicht, ich kam einfach nicht rein. Ich zweifelte. Was hatte ich den Menschen schon zu erzählen? Würde das überhaupt jemand hören wollen? Ich legte dennoch los und fing einfach an – mittendrin – denn ein Einstieg wollte mir einfach nicht gelingen.

Bis ich erkannte, dass ich Angst hatte. Kein Lampenfieber – ich hatte Angst, mich mit meinem Thema vor 400 – mir völlig fremden – Menschen zu offenbaren. Ungeschützt. Ohne Bildschirm, da auf der Bühne stehend, Auge in Auge. Was, wenn sie mich nicht mochten? Gar offen ablehnten, weil ich diese Art von Mutter bin? Was, wenn mir die gesellschaftliche Haltung plötzlich offen und im direkten Kontakt entgegen schlagen würde?

Die Angst zu erkennen, half enorm und plötzlich ging’s. Besonders hilfreich war auch der Austausch mit den TEDx-Kollegen und dem -Team. Das war Gold wert und hat ordentlich Antrieb gegeben. Zudem hatte ich eine wundervolle Coachin, die mit ganz viel Feingefühl mit mir dahin guckte, wo es im Kopf und Herzen hakte. Ich habe viel über Körpersprache gelernt und für mich verbessern können. Die wichtigste Erfahrung aus meinem Coaching: „Erzähle deine Geschichte und deine Verletzungen, aber ohne Opferhaltung. Kopf hoch!“ Das hat viel für mich verändert. Nicht nur für meinen Talk, sondern besonders in mir drin, meine innere Haltung mir gegenüber.

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Am Tag der Veranstaltung war ich natürlich aufgeregt. Aber als ich im Opernhaus ankam und die Räumlichkeiten sah, fühlte ich mich fast heimisch. Ein sehr interessantes Gebäude und die Bühne war einfach schön. Ich war so erleichtert, dass ich die Menschen doch ansehen konnte und das Licht nicht so war, dass ich in ein schwarzes Nichts sprechen musste. 

Mein Talk lief gut, auch wenn ich diesen Moment hatte, den wohl jeder fürchtet. Ich hatte einen Aussetzer (sieht man nicht im Video) und da war mal kurz in meinem Kopf vollkommene Leere. Und das absolut überraschend. Ich habe das Ganze etwa 1.746 Mal geprobt und kannte die kritischen Stellen. Diese war es nicht – eigentlich. Unangenehm. Doch das Publikum war sehr sehr freundlich, es fing an zu klatschen und damit war der Kopf wieder klar und alles wieder da. So viel zu meiner Angst der offenen Ablehnung. Ich bin immer noch gerührt, wenn ich daran denke.

Einen TEDx-Talk darf man sich nicht vorstellen wie einen Vortrag. Es geht nicht so sehr um denjenigen, der auf der Bühne steht. Es geht darum, dem Hörer ein Geschenk zu machen. Nach dem Talk soll er etwas für sich mitnehmen können. Das ist schwierig, aber sehr reizvoll. Für mich war es eine wunderbare und großartige Erfahrung, die mich noch lange begleiten und stärken wird. Und besonders freut mich, dass nach dem Talk Menschen auf mich zukamen, die mir erzählten, dass sie sich in meinen Worten wiedergefunden haben. So sollte es ja sein.

Aber genug der geschriebenen Worten, hier ist das lang ersehnte Video.

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Was bleibt?

Nun ist er also fort. Unser beider Leben hat nie in ein gemeinsames gepasst. Ich bin traurig darum, dass es nur nebeneinander, niemals miteinander und absolut ohne einander vergangen ist. Das sollte für Vater und Tochter anders laufen, nicht so.

Ich hadere nicht. Es war wichtig für mich, mich gegen einen Kontakt zu entscheiden. Und nun hat er ohnehin dafür gesorgt, dass ich mich mit ihm auseinandersetzen muss, denn seinen Nachlass hat er nicht geregelt und gesetzlich bin ich nun verantwortlich. Von seinem einzigen noch lebenden Verwandten und seiner ihn noch nicht sehr lang begleitenden Lebensgefährtin weiß ich, er hat sich eine anonyme Feuerbestattung gewünscht. Die beiden brauchen keine Zeremonie, sie haben sich nach eigener Aussage bereits verabschiedet und so bekommt der Tod plötzlich einen fad schmeckenden administrativen Charakter. Es ist etwas, das erledigt werden muss, der nun leere Körper muss weg. Ich persönlich brauche ebenfalls keine Grabkultur, aber das hier kommt mir komplett falsch vor. Wie kann es sein, dass jemand ein Leben beendet und niemand Anspruch auf einen offiziellen Abschied erhebt? Wie unfassbar einsam kann ein Leben sein?

Er hat immer am Existenzminimum gelebt, war ständig auf der Suche nach Anerkennung und das auf eine nicht sehr sympathische Weise. Unsere Gesellschaft neigt dazu, hier schnell auszurufen: “Selbst schuld. Er selbst hätte ja etwas an seiner Situation ändern können. Jeder ist seines Glückes Schmied.” Aber ich hege den Verdacht, dass Manche in dieser Gesellschaft nur sehr schlechtes Stahl zum Schmieden gereicht bekommen und dass wir es uns zu leicht machen, auf genau diese Menschen mit dem Finger zu zeigen.

Ich bin tatsächlich und überraschenderweise in Trauer, dabei denke ich, das steht mir gar nicht zu. Ich bin hin und her gerissen zwischen Erinnerungsfetzen an einen Menschen, den ich nicht kannte, der Frage, wie es wohl heute um mich stünde, wenn ich bei ihm groß geworden wäre, der Gewissheit um mein Glück im Unglück, in einer liebenden Pflegefamilie groß geworden zu sein, Mitgefühl mit seinem Leben und dann wieder Wut. Wie konnte er sich nur davon stehlen ohne etwas zu regeln, wissentlich um sein bald zu erwartendes Ableben? Wie konnte er nur erwarten, dass seine Tochter dann alles regeln würde, mit welchem Recht hat er sich weich in diese nicht vorhandene “Familie” fallen lassen? Ich will das nicht, aber ich werde es tun, manchmal ist das eben so.

Ich frage mich, was bleibt? Offenbar hat er in den letzten zwei Jahren Liebe gefunden und gegeben. Vielleicht müssen zwei Jahre manchmal für ein ganzes Leben reichen.

Nun, und ich bleibe. Sein Beitrag dazu war überschaubar, aber dann doch unverzichtbar. In meiner Vorstellung endet das Leben nicht in einem dunklen und finsteren Nichts, ich glaube, es endet in Liebe, ich glaube, das ist die Essenz von allem, egal was vorher war. Für meine Kinder, meinen Partner, meine Lieben wünsche ich mir, dass wir so viel wie möglich davon auch schon in diesem Leben (er-) leben. Für einen liebevollen Blick auf meinen Vater reicht es nun nicht, aber ich bin klar und ich wünsche ihm Frieden. Ich denke, sein Leben war konsequenzen-reich genug, den Frieden hat er nun verdient.

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50 qm

Als mein Ex-Mann und ich uns vor zwei Jahren trennten, ging ich davon aus, dass die Kinder mit mir kommen würden und so suchte ich eine entsprechende Wohnung. Schon da dachte ich an eine Zwei-Zimmer-Wohnung, denn der finanzielle Sprung auf eine Drei-Zimmer-Wohnung wäre schmerzhaft gewesen und ich wollte keine Geisel der Miete sein. Die Kinder hätten ein Kinderzimmer bekommen und ich ein Wohn-/Schlaf-Zimmer – so der Plan.

Dann entschieden wir, dass ich alleine ausziehe und die Kinder beim Papa bleiben und so zog ich nicht wie zunächst geplant ins Dorf nebenan, sondern in eine 50-qm-Wohnung am Stadtrand im Erdgeschoss, mit zwei Zimmern, 50 qm, Terrasse und eigenem Garten. Gepflegt, sehr bezahlbar und damit inklusive der finanziellen Freiheit, mit den Kindern Dinge zu unternehmen, ohne sie uns vom Kühlschrank absparen zu müssen.

Die Wohnung befindet sich in einem 6-Familienhaus, das wiederum in einer Siedlung aus etwa acht weiteren solcher Häuser besteht. Diese stehen quasi im Kreis, sind mit dem Auto nicht direkt anfahrbar und in der Mitte befindet sich ein kleiner Platz mit Grünfläche und gepflasterten Wegen, einer Schaukel, einem Holzhaus und ein paar Bänken.

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Weil die Kinder nur jedes zweite Wochenende bei mir schlafen und ansonsten ausschließlich nachmittags bei mir sind, habe ich kein Kinderzimmer eingerichtet. Stattdessen habe ich ein großes Bett gekauft und eine gute Schlafcouch, auf der ich an den besagten Wochenenden schlafe.

Für meine „Wohn-Politik“ habe ich mir den ein oder anderen Spruch reinziehen müssen und mir begegnet oft Skepsis. In den letzten Monaten habe ich häufig daran denken müssen, wie mir einmal sehr heftig mitgeteilt wurde, was derjenige von meinem „Wochenendmutter-Status“ hält und im Rahmen dessen auch der sehr wütende Vorwurf fiel: „Du hast ja nicht einmal ein Kinderzimmer!“ Das passierte zu einem Zeitpunkt, wo ich ohnehin noch völlig wund aufgrund der Trennung war und hat mich sehr verletzt. Mittlerweile kann ich darüber nur noch milde lächeln – dank meiner Kinder. Denn die zeigen ständig, dass es passt, wie es ist.

Seit zwei Jahren spielen sie regelmäßig in dieser 50-qm-Wohnung Verstecken. Seit zwei Jahren! Gerade waren sie hier mit dem Nachbarsjungen und haben Gummitwist im Wohnzimmer gespielt. Das geht, weil die Wohnung im Erdgeschoss ist und weil sie cool geschnitten ist. Nun hat es aufgehört zu regnen und die Kinder sind wieder draußen. Dort treffen sie sich seit dem Sommer regelmäßig mit zwei bis vier weiteren Kindern. Meistens zieht dazu jeder sämtliches Equipment aus der Wohnung und/oder aus den Kellern: Fahrräder, Roller, Skateboards, Hulahopp-Reifen, Rollerblades, Gummitwist, Bälle. Sie schmeißen alles zusammen und fetzen dann gemeinsam durch die Siedlung. Dabei betreiben sie geschickten Essens-Tourismus bei den verschiedenen Eltern, so dass sie immer ausreichend und überdurchschnittlich gut versorgt sind. Im Sommer gab es Tage, da sind die Kinder nach dem Aufstehen verschwunden und im Grunde nur zum Schlafen wieder reingekommen.

Es sind alle unfassbar glücklich. Die Eltern, weil die Kinder extrem gut aufgeräumt und vor allem sicher sind. Die Siedlung ist überschaubar, es fahren hier keine Autos, wir sind hier am Stadtrand und wer hier durchgeht, den kennt man. Die Kinder lieben sich und passen gegenseitig auf sich auf. Zudem sind sie nicht jederzeit unter Beobachtung, sie dürfen sich in der gesamten Siedlung frei bewegen und so erleben sie ihre kleinen Abenteuer. Ich habe mit ihnen Grenzen ausgemacht, die sie nicht überschreiten dürfen (nicht auf den Parkplatz) und sie halten sich daran. Sie lernen viel voneinander und miteinander und profitieren auf eine Art und Weise voneinander, die uns Erwachsenen völlig fremd ist. Die älteren Menschen schätzen es ebenfalls, wenn sich etwas rührt und schmunzeln sehr über die Power der Kinder.

Mittlerweile sind meine Kinder fünf und sieben und am Wochenende dürfen sie manchmal mit ihrer kleinen Gang gemeinsam zum Spielplatz, der zwei Siedlungsstraßen weiter ist. Dafür müssen die Großen auf die Kleine aufpassen. Wir haben feste Regeln für diesen Ausflug aufgestellt (niemand geht alleine, muss einer aufs Klo, gehen alle usw.) und sie lieben diese Ausflüge. Sie sind doppelt so groß, wenn sie gehen und sie wissen, dass das ein Privileg ist, das es gilt zu pflegen, um es nicht zu verlieren. Die ersten paar Male bin ich immer wieder mal gucken gegangen, ohne mich zu zeigen und es war toll zu sehen, wie diese kleinen Menschen eigenverantwortlich unterwegs sind und miteinander umgehen.

Wenn es draußen zu ungemütlich wird und auch das alte Holzhaus nicht mehr genügend Schutz bietet, rudeln sich die Kinder in irgendeiner Wohnung zusammen, auch in unserer. Sie laden gerne andere Kinder hierher ein und gehen zudem völlig natürlich mit dem Umstand um, dass sie beim Papa leben und hier nur zwei bis viermal in der Woche sind. Weil sich Besuche nun häufen, die Große ihre Ruhe für Hausaufgaben braucht und sich unser Leben und unsere Bedürfnisse in den letzten zwei Jahren verändert haben, werden sie nun doch ihr Kinderzimmer bekommen, es wird nun Zeit. Damit gebe ich meinen Kritiker nicht recht, ich reagiere einfach flexibel auf unsere Umstände, ich habe diese Wohnung auch deshalb ausgewählt, weil sie das möglich macht.

Erst vor kurzem bin ich gefragt worden, ob meine Kinder eigentlich in der Schule oder im Kindergarten gehänselt werden, weil sie beim Papa leben. Nein, das werden sie nicht. Wenn ich dieses Beispiel erzähle und mein Unverständnis darüber ausdrücke, kommt häufig der Einwand: Ja, aber Kinder können ja auch gemein sein. Ehrlich? Habe ich in dem Kontext noch nicht erlebt. Wir sind es, die gemein sind. Wir Erwachsenen. Wir drücken unseren Kindern unser beschränktes Denken auf und gehen davon aus, dass sie das weitertragen werden. Dabei sind sie es, die völlig offen und frei von jeglicher Beschränkung sind. 50 qm? Super. Spielen wir Verstecken, laden Freunde ein und bauen Höhlen.

Vor einem Jahr erzählte mir meine Große, dass sich die Eltern von XY ebenfalls getrennt hätten, da sei aber der Papa ausgezogen. Meine Kinder nehmen wahr, dass sich Paare trennen und dass dann einer auszieht. Sie denken nicht, dass das zwangsläufig der Papa sein muss. Erst vor kurzem stellte meine Große fest, dass das aber doch häufig so ist, dass die Kinder meistens bei der Mama bleiben. Was ganz erstaunlich war: Sie fragte nicht, warum das bei uns anders ist. Sie stellte die Grundsatzfrage, nämlich, warum das überhaupt so ist. Sie stellt die richtigen Fragen meiner Meinung nach. Sie hinterfragt Umstände und Normen – ungefärbt und ungefiltert, sie fragt nicht, warum wir oder im besonderen ich als Mutter falsch bin.

Als sie wissen wollte, warum Kinder nach einer Trennung häufiger bei der Mutter bleiben und nicht beim Vater, erklärte ich ihr, dass es etwas ist, das die Menschen bisher sehr häufig gemacht haben und ihr Papa und ich eben eine andere Idee gehabt haben. Was mich an dieser Situation wahnsinnig freut und meiner Meinung nach ausdrückt, wie gesund wir als Familie sind: Meine Kleine meinte im Rahmen dieses Gesprächs: „Und außerdem könnten wir ja auch bei dir leben!“.

Meine Kinder sind Wunschkinder und fühlen sich auch so – selbst nach der Trennung. Sie leben in der Gewissheit, dass beide ihrer Eltern sie lieben. Sie haben Eltern, die nicht mehr zusammen sind, aber die noch gemeinsam am Tisch sitzen können, um 60 Tage Schulferien zu wuppen, die sich Hallo sagen und vor ihnen nie ein schlechtes Wort über den anderen verlieren. Natürlich hätten meine Kinder am liebsten, dass ihre Eltern wieder zusammen wären und wir alle unter einem Dach wohnen. Das tut immer wieder einmal weh. Was sie hingegen gar nicht tangiert, dass sie bei ihrem Papa leben oder dass ich eine 50-qm-Wohnung habe.

Ich denke, wir haben als Familie etwas geschafft, das auf diesem Niveau ganz selten ist, etwas, das unsere Kinder nicht schwächt, sondern stark macht. Und auch, wenn mir unterschwellig immer und immer wieder suggeriert wird, dass ich Scham empfinden sollte, ich denke, ich bin es nicht, die das sollte. Ich schaffe es, über 50 Quadratmeter hinaus zu denken.

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Komfortzonen

Als Lisa ein Kind war, wünschte sie sich von Herzen ein Pferd. Ihre Eltern waren aber dagegen und verneinten ihren Wunsch. Lisa begann nach der Schule nebenbei zu arbeiten, ihre Eltern hielten das vermutlich für reinen Fleiß, was sie nicht wussten: Lisa war nicht nur fleißig, sondern auch besonders ehrgeizig. Lisa wollte ein Pferd – sie kaufte sich ein Pferd. Sie kümmerte sich um einen Stall und kam für die Versorgung auf und das alles heimlich. Lisa war zu dem Zeitpunkt 16.

Die Geschichte ist wahr und beeindruckt mich wahnsinnig. Niemals wäre ich in dem Alter auf die Idee gekommen, mich nach einem Nein nach weitere Optionen umzusehen. Überhaupt war mir damals gar nicht bewusst, dass ich mir gesetzte Grenzen überwinden kann. Und vermutlich habe ich mich deshalb auch sehr oft machtlos gefühlt und fand mich häufig in Situationen wieder, in denen ich eigentlich gar nicht sein wollte. Dass ich mein Leben durchaus beeinflussen kann, dahingehend wie es verläuft und was mir widerfährt, das habe ich erst viel später begriffen.

An all das musste ich die Tage denken, als ich die letzten Wochen Revue passieren ließ. Ich habe nach 12,5 Jahren meinen Job geschmissen und damit eine Grenze gezogen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nichts Neues, der Markt war mir aber als Bilanzbuchhalterin durchaus wohlgesonnen. Ich hatte meine Gründe, die ich hier nicht so genau erläutern möchte, aber nach vier Magenschleimhautentzündungen innerhalb eines Jahres musste ich mir schon eingestehen, dass es nicht optimal läuft. Ich neige dazu, in schwierigen Situationen den Fehler bei mir zu suchen und verfalle dann gerne in folgendes Mantra: „Ich muss mich nur mehr anstrengen. Ich bin aber auch empfindlich. Das war bestimmt nicht so gemeint. Ich bin aber auch sensibel. Morgen ist ein neuer Tag. Ich schaffe das schon. Eigentlich ist es auch gar nicht so schlimm.“

Ich weiß nicht, wo dieser tief verwurzelte (Irr-)Glaube herkommt, dass ich in Situationen verharren und diese aushalten muss. Und vor allem, warum ich immerzu glaubte, dass ich mich nur mehr anstrengen muss. Diese Machtlosigkeit von früher, die hat mich lange begleitet. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich als Kind keinen Einfluss darauf hatte, dass ich meiner Mutter weggenommen wurde, weil sie alkoholkrank war. Egal. Nun bin ich 38 Jahre alt und habe etwas Wichtiges begriffen. Ich muss nicht alles mit mir machen lassen. Ich kann NEIN zu Dingen sagen und Grenzen ziehen. Und wenn das nicht hilft, dann kann ich mich Menschen und Situationen entziehen. Meistens haben wir viel mehr Handlungsspielraum als wir glauben.

In meinem Ohr klingt der Spruch: „Du musst auch mal deine Komfortzone verlassen“ und wer hier öfter mitliest, weiß, dass dieser Satz bei mir großen Widerstand auslöst. Erstens: Ich muss gar nichts. Zweitens: Das geht nun mal nicht so ad hoc. Jeder hat sein eigenes Tempo und ich finde, eine Zeitlang jammern durchaus okay. Jammern ist ein bisschen wie Anlauf nehmen. Nicht okay ist es, dem Außen zu viel Macht zu geben und sich die Handlungskompetenz entziehen zu lassen.

Nach der Trennung von meinem Mann, einem Halbmarathon, einem gehaltenem TEDx-Talk (Video folgt in Kürze), einem Tough-Mudder-Lauf und einem Jobwechsel kenne ich mich mittlerweile durchaus außerhalb meiner Komfortzone aus. Wer nach „Trennung von Mann und Job“ nun den Eindruck hat, dass ich etwas sprunghaft sei, ich denke, das kann ich verneinen, nachdem ich beide Beziehungen über zehn Jahre gepflegt habe.

Man kann aber nicht immer davon laufen. Jaaaaaaa. Das war auch lange in meinem Kopf, weshalb ich mit 17 eine fünfjährige Ausbildung zur staatlich geprüften und anerkannten Erzieherin begann und beendete, ohne diesen Beruf dann jemals auszuüben. Weil es nicht meiner war. Weil ich da hineingepresst wurde, ohne es zu wollen und weil ich dann auch nicht die Bremse ziehen konnte.

Ich denke mittlerweile, dieses Leben ist viel zu kurz, um sich in einem Milieu aufzuhalten, das einen schwächt. Wir sollten uns vielmehr mit Menschen und Dingen umgeben, die wir mögen oder sogar lieben und die uns stärken. Oder mindestens das beenden oder reduzieren, was uns nicht gut tut.

Das Verrückte: Es funktioniert. Nach meiner Kündigung dachte ich, zur Not mache einfach mal ein paar Wochen frei. Und jetzt beginne ich am Dienstag übergangslos bei einem neuen, sehr attraktiven Arbeitgeber. Natürlich weiß ich noch nicht, wie es wird. Aber es fühlt sich alles großartig an. Wenn man sich loslöst von dem, was einem nicht gut tut, ist man offen für neue Dinge, sie fliege einem geradezu zu.

Wenn ich heute noch einmal zu meinem 21-jährigen Ich zurückreisen könnte, dann würde ich ihm folgendes ins Ohr flüstern: Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen Komfortzonen zu verlassen, um sich weiter zu entwickeln oder sich selbst zu optimieren. Vergiss das. Aber: Lass‘ dich von nichts und niemandem klein machen. Mach das ganz besonders nicht mit dir selbst. Schütze dich. Stehe für dich und deine Wünsche ein, so wie du es für andere tun würdest. Vertraue dir und diesem Leben. Höre auf deinen Bauch und handle danach. Wenn er grummelt, hat das meistens seinen Grund. Lass dich nicht täuschen. Und geh, wenn es Zeit dafür ist. Egal was andere sagen. Geh deinen Weg.

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Vereinbarkeit: Der Feind in meinem Bett

In den letzten Wochen muss ich sehr intensiv an eine Frau denken, die ich heute besonders bewundere. Eine Frau, die auf den ersten Blick nicht emanzipiert zu sein scheint. Und doch, so wird mir heute klar, ist sie es. Auf eine unaufgeregte Art und Weise ist sie ihren Weg gegangen und macht mir damit heute viel Mut.

Vor etwa 40 Jahren ging ihre Ehe zu Bruch. Man ahnt, dass man sich damals nicht einfach so scheiden ließ. Die Scheidung hatte ihren Grund und irgendwie bekam sie alleinerziehend ihren Job und ihren Sohn unter einen Hut.

Schnitt.

Viele Jahre später lebt sie mit ihrem zweiten Mann und drei weiteren Kindern in einer Doppelhaushälfte. Ihr Mann verlässt morgens gegen halb acht das Haus und ist abends um 17 Uhr wieder da. Zum Mittagessen, das sie frisch zubereitet, kommt er jeden Tag um Punkt halb eins nach Hause. Samstags verbringt er meistens bis zum späten Nachmittag draußen, es gibt viel zu tun rund ums Haus und vor allem im großen (Nutz-)Garten. Die vier Kinder packen fleißig mit an und dennoch ist sie voll beschäftigt. Es gibt wenig Pausen und von einem Latte-Macchiato auf dem Spielplatz mit anderen Müttern ist sie soweit entfernt wie von einem 14-tägigen Wellness-Urlaub inklusive Kinderbetreuung. Keiner von beiden pflegt zeitintensivere Hobbys, was sie tun dient der Familie.

Die jüngste Tochter ist neun als sie sich wieder auf eine Erzieher-Stelle bewirbt und diese bekommt: Gruppenleitung in Vollzeit. Es stellt die Familie auf den Kopf, die Arbeit zuhause wird nicht weniger und muss neben den zusätzlich 37,5 Stunden Erwerbstätigkeit erledigt werden. Durch ihren Einsatz wird sie stellvertretende Kindergartenleitung. Als die Leitung neu vergeben und sie dabei übergangen wird, zieht sie ihre Konsequenzen und kündigt. Mit über 50 packt sie nochmal neu an, bewirbt sich, scheitert, bewirbt sich neu. Findet einen Job, leidet dort unter der Atmosphäre. Bewirbt sich wieder neu, gewinnt. Die Kinder sind längst alle aus dem Haus, sie und er haben sich mittlerweile gut arrangiert. Eine Putzfrau unterstützt (sie) einmal in der Woche, den Rest machen beide nach wie vor allein.

Sie müsste nicht arbeiten, das Geld reicht auch so. Doch sie will. Sie denkt an ihre Rente und will unbedingt noch Rentenpunkte sammeln. Zudem erfüllt sie die Arbeit. Als ihr Mann in Altersteilzeit geht, erwartet er, dass auch sie reduziert. Doch das tut sie nicht. Es wird diskutiert und nicht immer sind beide einer Meinung, was den nun geltenden Tagesablauf angeht. Er ist es nicht gewohnt, allein zuhause zu sein. Auch nicht, die Spülmaschine ausräumen oder mal kochen zu müssen. Sie muss ihm das sagen, dass sie das nun erwartet. Es werden nicht immer leichte, durch und durch harmonische Gespräche gewesen sein. Nicht böse, aber vielleicht hatte er sich das mal anders vorgestellt. Sie hält das aus, mutet ihm das zu. Sie arbeitet, bis sie regulär in Rente geht. Sie würde alles wieder ganz genau so machen, sagt sie heute.

Ich bewundere sehr, wie sie ihren Weg gegangen ist. Klar war sie zwischenzeitlich mal unzufrieden. Denn dieses Leben zuhause ist Gold wert und dennoch gibt es dafür keine Währung. Egal auf welcher Station ihres Lebens, sie hat das Ding konsequent durchgezogen. Und sie hat sich nicht davon irritieren lassen, dass ihr Mann manchmal nicht damit einverstanden war. Sie hat sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass man nach über 14 Jahren Jobpause keinen Job mehr bekommt. Oder davon, dass man mit vier Kindern keinen Job bekommt. Oder dass man mit über 50 keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hat. Auch nicht von eingefahrenen Mustern zuhause. Das alles ist ihr begegnet, war ihr aber kein Hindernis. Die beiden haben es geschafft. Nicht alles gleichzeitig und doch war alles da.

Ich weiß, heute ist das alles viel komplizierter. Aber warum eigentlich?

Ich fange an zu zweifeln. Lassen wir mal alle möglichen Lösungsansätze für eine perfekte Vereinbarkeit außen vor und klären doch zunächst einmal, was Vereinbarkeit überhaupt bedeutet. Hab‘ nur ich das Gefühl, dass suggeriert wird, gelungene Vereinbarkeit findet nur dann statt, wenn mindestens zwei Karriere machen und das Familienleben entspannt läuft? Und bei Karriere denken wir da an Eckbüro, Firmenwagen, viel Geld und mächtig viel Verantwortung? Liege ich so falsch, wenn Vereinbarkeit für mich bedeutet: Das Familienleben läuft und alle sind (einigermaßen) zufrieden.

Vereinbarkeit scheint keine Familienfrage mehr zu sein, sondern dahinter steht in Großbuchstaben: „Wo bleib ich?“ Vereinbarkeit ist ein Kampf geworden. Ein politischer und privater Kampf. Und mir scheint, teilweise macht er Menschen, die eigentlich zusammenhalten sollten, zu Feinden. Als läge das größte Problem bezüglich der Vereinbarkeit manchmal neben einem im Bett. Viele Artikel hetzen gegeneinander auf statt Ansätze zu liefern, wie man gemeinsam! eine Lösung finden kann. Denn die Frage: „Wo blieb ich?“ ist ja berechtigt. Und Altersarmut ist kein Märchen mit Happy End.

Es darf nicht sein, dass Familie nur dann funktioniert, wenn die Frau auf alles verzichtet, während der Mann so weitermachen kann wie bisher. Es gibt viele Wege, wie Familien das lösen können. Was ich in der ganzen Debatte vermisse, ist Toleranz und das Bewusstsein, dass Vereinbarkeit bunt sein kann.

Wenn ich auf einen wirklich kluge Fragen stellenden Artikel wie Viele Grüße aus der Teilzeit-Falle einen Kommentar von einer Frau lese, dass man an manchen Tagen die Frauen beneide, die sich aussuchen können, ob und wie viel Teilzeit sie arbeiten können / wollen. Frauen, die mitten in der Woche zum Yoga gehen oder nachmittags mit Freundinnen im Café sitzen… dann könnte ich aus der Haut fahren. Muss das sein?

Vielleicht funktioniert Vereinbarkeit für Familie A 50:50. Für Familie B vielleicht 100:0. Auch das kann richtig sein und muss nicht zwangsläufig mit „Ausbeute“ für sie verbunden sein. Im Finanztipp stand vor kurzem, dass es beispielsweise denkbar sei, dass er eine Rentenversicherung für sie abschließt, in die er einzahlt. Auch über eine Trennung hinaus. Auch eine Möglichkeit. Why not?

Zwischen dem normalen Alltagswahnsinn, vielen Zwischenmenschlichkeiten und der Jagd nach Vereinbarkeit ist meine Ehe irgendwo unterwegs auf der Strecke geblieben. Interessanterweise funktioniert Vereinbarkeit jetzt gut. Wir sprechen uns ab, können auch mal flexibel reagieren, wenn ein anderer beruflich gerade was hat. Vereinbarkeit geht also auch über die Trennung hinaus. Wenn man will.

All meine Gedanken dazu sollen weder die Politik noch die Unternehmen freisprechen. Kinder haben ist nicht mehr natürlich. Es ist ein Luxus. Ein Luxus, für den man sich selbst entschieden hat und von dem völlig vergessen wird, dass er durchaus die Zukunft aller sichert. Eine Zeit, in der Frauen in Bewerbungsverfahren mehr Erfolg haben, wenn sie ihre Kinder verschweigen und Männer nicht gefragt werden, wie sie das eigentlich mit der Kinderbetreuung machen, hat gesellschaftlich noch viel aufzuholen, wohl wahr.

Ich bin nicht der Meinung, Vereinbarkeit ist ein rein familiäres Problem. Aber nur der Ausbau von Kinderbetreuung hilft immer noch nicht den Familien, in denen es kein Bewusstsein dafür gibt, dass Vereinbarkeit dynamisch sein sollte. Dass das bedeuten kann, dass vielleicht mal jeder seine Zeit hat, vielleicht nicht immer gleichzeitig.

Heute wollen wir alles. Sofort und vor allem gleichzeitig. Durch Werbung und Debatten frei nach dem Motto „Du musst dich nur mehr anstrengen“ wird uns auch ständig suggeriert, dass das geht. Mehr noch, dass wir einen regelrechten Anspruch darauf haben. Nur leider stimmt das nicht mit der Realität überein. Und das macht Vereinbarkeit so wahnsinnig frustrierend. Und irgendwie auch ungreifbar.

Ich würde ja ein Fazit unter meine vielen Worte ziehen. Aber ich weiß es doch auch nicht.

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