Der Maulwurf

Ich glaube, ich war etwa acht Jahre alt, als ich auf dem Heimweg von der Schule kurz vor zuhause einen Maulwurf fand. Wir wohnten auf dem Bleichweg, eine kleine Straße am Rande des Dorfes, der Verkehr dort war überschaubar, doch einmal in der Stunde fuhr der Laster des hiesigen Automobilkonzerns über unsere Straße, um zum angrenzenden Industriegebiet zu gelangen. Es ist über 30 Jahre her und dennoch habe ich diese Laster noch detailliert im Kopf – kleine rote Siebentonner ohne Aufschrift, die wir Kinder schon von weitem am Motorgeräusch erkannten. Ich mochte sie, sie gaben der Woche einen Rahmen und eine Ordnung, sie fuhren zuverlässig jede Stunde, Montags bis Samstags. Oft verband ich mit ihnen kleine Orakel: „Wenn ich eher an der Haustüre bin als der Laster an mir vorbeifährt, dann darf ich heute Nachmittag zu meiner Freundin zum Spielen.“

Nun, an diesem Schultag war da also der Maulwurf und lief den Randstein entlang und er war in großer Gefahr. Nicht mehr lang und der nächste Laster würde kommen und wer weiß, ob der Maulwurf so klug war und nicht auf die Straße lief. Ich fing den Maulwurf ein, ich wusste, ich muss ihn retten. Gegenüber war ein großes Feld, ich weiß nicht, warum ich ihn nicht dahin brachte. Vielleicht erschien es mir zu unsicher und ich hatte Bedenken wegen dem zu erwartenden Traktor. Der eingezäunte Garten mit dem wundervollen Rasen erschien mir sicher und schön. So konnte der Maulwurf nicht wieder versehentlich auf die Straße laufen und hatte außerdem ein schönes Zuhause. Und so hob ich den Maulwurf behutsam über den Zaun unseres Nachbarn.

molehill-231386_1920

Zuhause angekommen war ich der festen Überzeugung eine gute Tat vollbracht zu haben. Aber anstatt  dass man mich voller Stolz mit Lob überschüttete, bekam ich Ärger. Dass ich das doch nicht machen könne, man dürfe keine Maulwürfe in die Gärten anderer Leute setzen. Mein Argument, dass der Maulwurf auf der Straße bestimmt gestorben wäre, galt nicht. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich die Reaktion nicht verstand. Hatte ich nicht etwas mildtätiges und gütiges getan? Warum bekam ich dafür Ärger? War es nicht sogar meine Pflicht, den Maulwurf zu retten?

Ich muss auch heute noch oft an diese Geschichte denken.  Ja, vielleicht sorgt der Maulwurf für kunterbunte Erdhügel auf dem englischen Rasen. Schlussendlich ist es aber nur das, was man sieht. Dass der Maulwurf auch viele positive Eigenschaften mitbringt, das wird vollkommen übersehen.

Ganz ehrlich: Ich verstehe es heute noch nicht. Warum das Hab und Gut eines anderen mehr wert ist als das Leben eines anderen Lebewesen. Warum wir jemanden in Not keinen Unterschlupf gewähren wollen, nur weil es bei uns dann etwas aufwühlt. Es sei kompliziert, hört man da oft. Ich denke, das ist es nicht. Es ist eine Frage der Priorität.

Veröffentlicht unter Gesellschaft | 2 Kommentare

Wie ich mal einen TEDx-Talk hielt #tedxstuttgart

In meinem Blog schreibe ich oft über sensible Themen. Meine Themen. Ich habe sie selbst erlebt und oft liegt ihnen eine große Verletzung zugrunde. Manchmal sind es auch Tabu-Themen. Indem ich öffentlich darüber schreibe, mache ich mich zwangsläufig angreifbar. Vor meinem Laptop sitzend gebe ich mich jedoch oft der Illusion hin, durch das Glas des Bildschirms zwischen mir und diesem Internet geschützt zu sein und lange dachte ich, meine Zeilen lesen eh nur sehr wenige Menschen. Aber die Statistik meines Blogs widerspricht mir zunehmend. Dennoch: Egal über was ich hier bisher schrieb, die Reaktionen waren immer respekt- oft sogar liebevoll – selbst als ich darüber berichtete, dass ich eine Mutter bin, deren Kinder nach der Trennung bei ihrem Vater leben. Und da hatte ich mit Sturm gerechnet. Der kam, aber ganz anderes – wohlwollend, neugierig, aufatmend, ermunternd.

Als ich das Angebot bekam, bei der TEDx zu sprechen, fühlte ich mich sehr geehrt und sagte sofort zu. Für die Vorbereitung hatte ich lockere vier Monate Zeit, „entspannt“ dachte ich. Aber so vier Monate vergehen viel schneller als man meint, manchmal dauern sie quasi nur gefühlt zwei Wochen. Nachdem ich mich fertig gefreut hatte, durchlief ich viele verschiedene Stadien. Vom Träumen wieder zurück zum Freuen, sporadische Vorbereitungen und intensiver Konsum anderer TED-Talks. Allerdings machte ich den Fehler, überwiegend die amerikanischen Talks zu gucken, die oft an Großartigkeit nicht zu übertreffen sind und ich war dann erstmal ordentlich eingeschüchtert. Zwischendurch sammelte ich viele Gedankenfetzen und war motiviert. Und auch wieder nicht. Es gab die klassischen Übersprungshandlungen und Prioritätenverschiebungen, Fensterputzen erschien mir plötzlich sehr wichtig. Und die Bügelwäsche war in der Zeit ein Traum.

Das TEDx-Team war super. Sie hielten immer Kontakt, übten den nötigen Druck aus, den ein Prokrastinierer wie ich braucht, aber niemals zu viel, immer wertschätzend und mit dem richtigen Fokus. Natürlich wollten sie für ihre Gäste eine gelungene Veranstaltung, aber besonders wünschten sie uns Teilnehmern, dass wir einen Talk hielten, mit dem wir uns rundum wohl fühlten und glücklich waren und zwar für lange Zeit. Denn ein TEDx-Talk wird aufgezeichnet und in dieses Internet gestellt. Damit muss man dann leben, das sollte also sitzen.

Als ich endlich intensiver in die Vorbereitung ging gehen sollte, hatte ich eine üble Blockade. Es ging nicht, ich kam einfach nicht rein. Ich zweifelte. Was hatte ich den Menschen schon zu erzählen? Würde das überhaupt jemand hören wollen? Ich legte dennoch los und fing einfach an – mittendrin – denn ein Einstieg wollte mir einfach nicht gelingen.

Bis ich erkannte, dass ich Angst hatte. Kein Lampenfieber – ich hatte Angst, mich mit meinem Thema vor 400 – mir völlig fremden – Menschen zu offenbaren. Ungeschützt. Ohne Bildschirm, da auf der Bühne stehend, Auge in Auge. Was, wenn sie mich nicht mochten? Gar offen ablehnten, weil ich diese Art von Mutter bin? Was, wenn mir die gesellschaftliche Haltung plötzlich offen und im direkten Kontakt entgegen schlagen würde?

Die Angst zu erkennen, half enorm und plötzlich ging’s. Besonders hilfreich war auch der Austausch mit den TEDx-Kollegen und dem -Team. Das war Gold wert und hat ordentlich Antrieb gegeben. Zudem hatte ich eine wundervolle Coachin, die mit ganz viel Feingefühl mit mir dahin guckte, wo es im Kopf und Herzen hakte. Ich habe viel über Körpersprache gelernt und für mich verbessern können. Die wichtigste Erfahrung aus meinem Coaching: „Erzähle deine Geschichte und deine Verletzungen, aber ohne Opferhaltung. Kopf hoch!“ Das hat viel für mich verändert. Nicht nur für meinen Talk, sondern besonders in mir drin, meine innere Haltung mir gegenüber.

wp-1479244564180.jpg

Am Tag der Veranstaltung war ich natürlich aufgeregt. Aber als ich im Opernhaus ankam und die Räumlichkeiten sah, fühlte ich mich fast heimisch. Ein sehr interessantes Gebäude und die Bühne war einfach schön. Ich war so erleichtert, dass ich die Menschen doch ansehen konnte und das Licht nicht so war, dass ich in ein schwarzes Nichts sprechen musste. 

Mein Talk lief gut, auch wenn ich diesen Moment hatte, den wohl jeder fürchtet. Ich hatte einen Aussetzer (sieht man nicht im Video) und da war mal kurz in meinem Kopf vollkommene Leere. Und das absolut überraschend. Ich habe das Ganze etwa 1.746 Mal geprobt und kannte die kritischen Stellen. Diese war es nicht – eigentlich. Unangenehm. Doch das Publikum war sehr sehr freundlich, es fing an zu klatschen und damit war der Kopf wieder klar und alles wieder da. So viel zu meiner Angst der offenen Ablehnung. Ich bin immer noch gerührt, wenn ich daran denke.

Einen TEDx-Talk darf man sich nicht vorstellen wie einen Vortrag. Es geht nicht so sehr um denjenigen, der auf der Bühne steht. Es geht darum, dem Hörer ein Geschenk zu machen. Nach dem Talk soll er etwas für sich mitnehmen können. Das ist schwierig, aber sehr reizvoll. Für mich war es eine wunderbare und großartige Erfahrung, die mich noch lange begleiten und stärken wird. Und besonders freut mich, dass nach dem Talk Menschen auf mich zukamen, die mir erzählten, dass sie sich in meinen Worten wiedergefunden haben. So sollte es ja sein.

Aber genug der geschriebenen Worten, hier ist das lang ersehnte Video.

Veröffentlicht unter Werden und Sein, Wochenendmutter | Verschlagwortet mit , , | 16 Kommentare

Was bleibt?

Nun ist er also fort. Unser beider Leben hat nie in ein gemeinsames gepasst. Ich bin traurig darum, dass es nur nebeneinander, niemals miteinander und absolut ohne einander vergangen ist. Das sollte für Vater und Tochter anders laufen, nicht so.

Ich hadere nicht. Es war wichtig für mich, mich gegen einen Kontakt zu entscheiden. Und nun hat er ohnehin dafür gesorgt, dass ich mich mit ihm auseinandersetzen muss, denn seinen Nachlass hat er nicht geregelt und gesetzlich bin ich nun verantwortlich. Von seinem einzigen noch lebenden Verwandten und seiner ihn noch nicht sehr lang begleitenden Lebensgefährtin weiß ich, er hat sich eine anonyme Feuerbestattung gewünscht. Die beiden brauchen keine Zeremonie, sie haben sich nach eigener Aussage bereits verabschiedet und so bekommt der Tod plötzlich einen fad schmeckenden administrativen Charakter. Es ist etwas, das erledigt werden muss, der nun leere Körper muss weg. Ich persönlich brauche ebenfalls keine Grabkultur, aber das hier kommt mir komplett falsch vor. Wie kann es sein, dass jemand ein Leben beendet und niemand Anspruch auf einen offiziellen Abschied erhebt? Wie unfassbar einsam kann ein Leben sein?

Er hat immer am Existenzminimum gelebt, war ständig auf der Suche nach Anerkennung und das auf eine nicht sehr sympathische Weise. Unsere Gesellschaft neigt dazu, hier schnell auszurufen: “Selbst schuld. Er selbst hätte ja etwas an seiner Situation ändern können. Jeder ist seines Glückes Schmied.” Aber ich hege den Verdacht, dass Manche in dieser Gesellschaft nur sehr schlechtes Stahl zum Schmieden gereicht bekommen und dass wir es uns zu leicht machen, auf genau diese Menschen mit dem Finger zu zeigen.

Ich bin tatsächlich und überraschenderweise in Trauer, dabei denke ich, das steht mir gar nicht zu. Ich bin hin und her gerissen zwischen Erinnerungsfetzen an einen Menschen, den ich nicht kannte, der Frage, wie es wohl heute um mich stünde, wenn ich bei ihm groß geworden wäre, der Gewissheit um mein Glück im Unglück, in einer liebenden Pflegefamilie groß geworden zu sein, Mitgefühl mit seinem Leben und dann wieder Wut. Wie konnte er sich nur davon stehlen ohne etwas zu regeln, wissentlich um sein bald zu erwartendes Ableben? Wie konnte er nur erwarten, dass seine Tochter dann alles regeln würde, mit welchem Recht hat er sich weich in diese nicht vorhandene “Familie” fallen lassen? Ich will das nicht, aber ich werde es tun, manchmal ist das eben so.

Ich frage mich, was bleibt? Offenbar hat er in den letzten zwei Jahren Liebe gefunden und gegeben. Vielleicht müssen zwei Jahre manchmal für ein ganzes Leben reichen.

Nun, und ich bleibe. Sein Beitrag dazu war überschaubar, aber dann doch unverzichtbar. In meiner Vorstellung endet das Leben nicht in einem dunklen und finsteren Nichts, ich glaube, es endet in Liebe, ich glaube, das ist die Essenz von allem, egal was vorher war. Für meine Kinder, meinen Partner, meine Lieben wünsche ich mir, dass wir so viel wie möglich davon auch schon in diesem Leben (er-) leben. Für einen liebevollen Blick auf meinen Vater reicht es nun nicht, aber ich bin klar und ich wünsche ihm Frieden. Ich denke, sein Leben war konsequenzen-reich genug, den Frieden hat er nun verdient.

wp-1479559397885.jpg

Veröffentlicht unter Familie, Werden und Sein | Verschlagwortet mit | 6 Kommentare

50 qm

Als mein Ex-Mann und ich uns vor zwei Jahren trennten, ging ich davon aus, dass die Kinder mit mir kommen würden und so suchte ich eine entsprechende Wohnung. Schon da dachte ich an eine Zwei-Zimmer-Wohnung, denn der finanzielle Sprung auf eine Drei-Zimmer-Wohnung wäre schmerzhaft gewesen und ich wollte keine Geisel der Miete sein. Die Kinder hätten ein Kinderzimmer bekommen und ich ein Wohn-/Schlaf-Zimmer – so der Plan.

Dann entschieden wir, dass ich alleine ausziehe und die Kinder beim Papa bleiben und so zog ich nicht wie zunächst geplant ins Dorf nebenan, sondern in eine 50-qm-Wohnung am Stadtrand im Erdgeschoss, mit zwei Zimmern, 50 qm, Terrasse und eigenem Garten. Gepflegt, sehr bezahlbar und damit inklusive der finanziellen Freiheit, mit den Kindern Dinge zu unternehmen, ohne sie uns vom Kühlschrank absparen zu müssen.

Die Wohnung befindet sich in einem 6-Familienhaus, das wiederum in einer Siedlung aus etwa acht weiteren solcher Häuser besteht. Diese stehen quasi im Kreis, sind mit dem Auto nicht direkt anfahrbar und in der Mitte befindet sich ein kleiner Platz mit Grünfläche und gepflasterten Wegen, einer Schaukel, einem Holzhaus und ein paar Bänken.

wp-1475939018503.jpg

Weil die Kinder nur jedes zweite Wochenende bei mir schlafen und ansonsten ausschließlich nachmittags bei mir sind, habe ich kein Kinderzimmer eingerichtet. Stattdessen habe ich ein großes Bett gekauft und eine gute Schlafcouch, auf der ich an den besagten Wochenenden schlafe.

Für meine „Wohn-Politik“ habe ich mir den ein oder anderen Spruch reinziehen müssen und mir begegnet oft Skepsis. In den letzten Monaten habe ich häufig daran denken müssen, wie mir einmal sehr heftig mitgeteilt wurde, was derjenige von meinem „Wochenendmutter-Status“ hält und im Rahmen dessen auch der sehr wütende Vorwurf fiel: „Du hast ja nicht einmal ein Kinderzimmer!“ Das passierte zu einem Zeitpunkt, wo ich ohnehin noch völlig wund aufgrund der Trennung war und hat mich sehr verletzt. Mittlerweile kann ich darüber nur noch milde lächeln – dank meiner Kinder. Denn die zeigen ständig, dass es passt, wie es ist.

Seit zwei Jahren spielen sie regelmäßig in dieser 50-qm-Wohnung Verstecken. Seit zwei Jahren! Gerade waren sie hier mit dem Nachbarsjungen und haben Gummitwist im Wohnzimmer gespielt. Das geht, weil die Wohnung im Erdgeschoss ist und weil sie cool geschnitten ist. Nun hat es aufgehört zu regnen und die Kinder sind wieder draußen. Dort treffen sie sich seit dem Sommer regelmäßig mit zwei bis vier weiteren Kindern. Meistens zieht dazu jeder sämtliches Equipment aus der Wohnung und/oder aus den Kellern: Fahrräder, Roller, Skateboards, Hulahopp-Reifen, Rollerblades, Gummitwist, Bälle. Sie schmeißen alles zusammen und fetzen dann gemeinsam durch die Siedlung. Dabei betreiben sie geschickten Essens-Tourismus bei den verschiedenen Eltern, so dass sie immer ausreichend und überdurchschnittlich gut versorgt sind. Im Sommer gab es Tage, da sind die Kinder nach dem Aufstehen verschwunden und im Grunde nur zum Schlafen wieder reingekommen.

Es sind alle unfassbar glücklich. Die Eltern, weil die Kinder extrem gut aufgeräumt und vor allem sicher sind. Die Siedlung ist überschaubar, es fahren hier keine Autos, wir sind hier am Stadtrand und wer hier durchgeht, den kennt man. Die Kinder lieben sich und passen gegenseitig auf sich auf. Zudem sind sie nicht jederzeit unter Beobachtung, sie dürfen sich in der gesamten Siedlung frei bewegen und so erleben sie ihre kleinen Abenteuer. Ich habe mit ihnen Grenzen ausgemacht, die sie nicht überschreiten dürfen (nicht auf den Parkplatz) und sie halten sich daran. Sie lernen viel voneinander und miteinander und profitieren auf eine Art und Weise voneinander, die uns Erwachsenen völlig fremd ist. Die älteren Menschen schätzen es ebenfalls, wenn sich etwas rührt und schmunzeln sehr über die Power der Kinder.

Mittlerweile sind meine Kinder fünf und sieben und am Wochenende dürfen sie manchmal mit ihrer kleinen Gang gemeinsam zum Spielplatz, der zwei Siedlungsstraßen weiter ist. Dafür müssen die Großen auf die Kleine aufpassen. Wir haben feste Regeln für diesen Ausflug aufgestellt (niemand geht alleine, muss einer aufs Klo, gehen alle usw.) und sie lieben diese Ausflüge. Sie sind doppelt so groß, wenn sie gehen und sie wissen, dass das ein Privileg ist, das es gilt zu pflegen, um es nicht zu verlieren. Die ersten paar Male bin ich immer wieder mal gucken gegangen, ohne mich zu zeigen und es war toll zu sehen, wie diese kleinen Menschen eigenverantwortlich unterwegs sind und miteinander umgehen.

Wenn es draußen zu ungemütlich wird und auch das alte Holzhaus nicht mehr genügend Schutz bietet, rudeln sich die Kinder in irgendeiner Wohnung zusammen, auch in unserer. Sie laden gerne andere Kinder hierher ein und gehen zudem völlig natürlich mit dem Umstand um, dass sie beim Papa leben und hier nur zwei bis viermal in der Woche sind. Weil sich Besuche nun häufen, die Große ihre Ruhe für Hausaufgaben braucht und sich unser Leben und unsere Bedürfnisse in den letzten zwei Jahren verändert haben, werden sie nun doch ihr Kinderzimmer bekommen, es wird nun Zeit. Damit gebe ich meinen Kritiker nicht recht, ich reagiere einfach flexibel auf unsere Umstände, ich habe diese Wohnung auch deshalb ausgewählt, weil sie das möglich macht.

Erst vor kurzem bin ich gefragt worden, ob meine Kinder eigentlich in der Schule oder im Kindergarten gehänselt werden, weil sie beim Papa leben. Nein, das werden sie nicht. Wenn ich dieses Beispiel erzähle und mein Unverständnis darüber ausdrücke, kommt häufig der Einwand: Ja, aber Kinder können ja auch gemein sein. Ehrlich? Habe ich in dem Kontext noch nicht erlebt. Wir sind es, die gemein sind. Wir Erwachsenen. Wir drücken unseren Kindern unser beschränktes Denken auf und gehen davon aus, dass sie das weitertragen werden. Dabei sind sie es, die völlig offen und frei von jeglicher Beschränkung sind. 50 qm? Super. Spielen wir Verstecken, laden Freunde ein und bauen Höhlen.

Vor einem Jahr erzählte mir meine Große, dass sich die Eltern von XY ebenfalls getrennt hätten, da sei aber der Papa ausgezogen. Meine Kinder nehmen wahr, dass sich Paare trennen und dass dann einer auszieht. Sie denken nicht, dass das zwangsläufig der Papa sein muss. Erst vor kurzem stellte meine Große fest, dass das aber doch häufig so ist, dass die Kinder meistens bei der Mama bleiben. Was ganz erstaunlich war: Sie fragte nicht, warum das bei uns anders ist. Sie stellte die Grundsatzfrage, nämlich, warum das überhaupt so ist. Sie stellt die richtigen Fragen meiner Meinung nach. Sie hinterfragt Umstände und Normen – ungefärbt und ungefiltert, sie fragt nicht, warum wir oder im besonderen ich als Mutter falsch bin.

Als sie wissen wollte, warum Kinder nach einer Trennung häufiger bei der Mutter bleiben und nicht beim Vater, erklärte ich ihr, dass es etwas ist, das die Menschen bisher sehr häufig gemacht haben und ihr Papa und ich eben eine andere Idee gehabt haben. Was mich an dieser Situation wahnsinnig freut und meiner Meinung nach ausdrückt, wie gesund wir als Familie sind: Meine Kleine meinte im Rahmen dieses Gesprächs: „Und außerdem könnten wir ja auch bei dir leben!“.

Meine Kinder sind Wunschkinder und fühlen sich auch so – selbst nach der Trennung. Sie leben in der Gewissheit, dass beide ihrer Eltern sie lieben. Sie haben Eltern, die nicht mehr zusammen sind, aber die noch gemeinsam am Tisch sitzen können, um 60 Tage Schulferien zu wuppen, die sich Hallo sagen und vor ihnen nie ein schlechtes Wort über den anderen verlieren. Natürlich hätten meine Kinder am liebsten, dass ihre Eltern wieder zusammen wären und wir alle unter einem Dach wohnen. Das tut immer wieder einmal weh. Was sie hingegen gar nicht tangiert, dass sie bei ihrem Papa leben oder dass ich eine 50-qm-Wohnung habe.

Ich denke, wir haben als Familie etwas geschafft, das auf diesem Niveau ganz selten ist, etwas, das unsere Kinder nicht schwächt, sondern stark macht. Und auch, wenn mir unterschwellig immer und immer wieder suggeriert wird, dass ich Scham empfinden sollte, ich denke, ich bin es nicht, die das sollte. Ich schaffe es, über 50 Quadratmeter hinaus zu denken.

Veröffentlicht unter Familie, Wochenendmutter | 12 Kommentare

Komfortzonen

Als Lisa ein Kind war, wünschte sie sich von Herzen ein Pferd. Ihre Eltern waren aber dagegen und verneinten ihren Wunsch. Lisa begann nach der Schule nebenbei zu arbeiten, ihre Eltern hielten das vermutlich für reinen Fleiß, was sie nicht wussten: Lisa war nicht nur fleißig, sondern auch besonders ehrgeizig. Lisa wollte ein Pferd – sie kaufte sich ein Pferd. Sie kümmerte sich um einen Stall und kam für die Versorgung auf und das alles heimlich. Lisa war zu dem Zeitpunkt 16.

Die Geschichte ist wahr und beeindruckt mich wahnsinnig. Niemals wäre ich in dem Alter auf die Idee gekommen, mich nach einem Nein nach weitere Optionen umzusehen. Überhaupt war mir damals gar nicht bewusst, dass ich mir gesetzte Grenzen überwinden kann. Und vermutlich habe ich mich deshalb auch sehr oft machtlos gefühlt und fand mich häufig in Situationen wieder, in denen ich eigentlich gar nicht sein wollte. Dass ich mein Leben durchaus beeinflussen kann, dahingehend wie es verläuft und was mir widerfährt, das habe ich erst viel später begriffen.

An all das musste ich die Tage denken, als ich die letzten Wochen Revue passieren ließ. Ich habe nach 12,5 Jahren meinen Job geschmissen und damit eine Grenze gezogen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nichts Neues, der Markt war mir aber als Bilanzbuchhalterin durchaus wohlgesonnen. Ich hatte meine Gründe, die ich hier nicht so genau erläutern möchte, aber nach vier Magenschleimhautentzündungen innerhalb eines Jahres musste ich mir schon eingestehen, dass es nicht optimal läuft. Ich neige dazu, in schwierigen Situationen den Fehler bei mir zu suchen und verfalle dann gerne in folgendes Mantra: „Ich muss mich nur mehr anstrengen. Ich bin aber auch empfindlich. Das war bestimmt nicht so gemeint. Ich bin aber auch sensibel. Morgen ist ein neuer Tag. Ich schaffe das schon. Eigentlich ist es auch gar nicht so schlimm.“

Ich weiß nicht, wo dieser tief verwurzelte (Irr-)Glaube herkommt, dass ich in Situationen verharren und diese aushalten muss. Und vor allem, warum ich immerzu glaubte, dass ich mich nur mehr anstrengen muss. Diese Machtlosigkeit von früher, die hat mich lange begleitet. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich als Kind keinen Einfluss darauf hatte, dass ich meiner Mutter weggenommen wurde, weil sie alkoholkrank war. Egal. Nun bin ich 38 Jahre alt und habe etwas Wichtiges begriffen. Ich muss nicht alles mit mir machen lassen. Ich kann NEIN zu Dingen sagen und Grenzen ziehen. Und wenn das nicht hilft, dann kann ich mich Menschen und Situationen entziehen. Meistens haben wir viel mehr Handlungsspielraum als wir glauben.

In meinem Ohr klingt der Spruch: „Du musst auch mal deine Komfortzone verlassen“ und wer hier öfter mitliest, weiß, dass dieser Satz bei mir großen Widerstand auslöst. Erstens: Ich muss gar nichts. Zweitens: Das geht nun mal nicht so ad hoc. Jeder hat sein eigenes Tempo und ich finde, eine Zeitlang jammern durchaus okay. Jammern ist ein bisschen wie Anlauf nehmen. Nicht okay ist es, dem Außen zu viel Macht zu geben und sich die Handlungskompetenz entziehen zu lassen.

Nach der Trennung von meinem Mann, einem Halbmarathon, einem gehaltenem TEDx-Talk (Video folgt in Kürze), einem Tough-Mudder-Lauf und einem Jobwechsel kenne ich mich mittlerweile durchaus außerhalb meiner Komfortzone aus. Wer nach „Trennung von Mann und Job“ nun den Eindruck hat, dass ich etwas sprunghaft sei, ich denke, das kann ich verneinen, nachdem ich beide Beziehungen über zehn Jahre gepflegt habe.

Man kann aber nicht immer davon laufen. Jaaaaaaa. Das war auch lange in meinem Kopf, weshalb ich mit 17 eine fünfjährige Ausbildung zur staatlich geprüften und anerkannten Erzieherin begann und beendete, ohne diesen Beruf dann jemals auszuüben. Weil es nicht meiner war. Weil ich da hineingepresst wurde, ohne es zu wollen und weil ich dann auch nicht die Bremse ziehen konnte.

Ich denke mittlerweile, dieses Leben ist viel zu kurz, um sich in einem Milieu aufzuhalten, das einen schwächt. Wir sollten uns vielmehr mit Menschen und Dingen umgeben, die wir mögen oder sogar lieben und die uns stärken. Oder mindestens das beenden oder reduzieren, was uns nicht gut tut.

Das Verrückte: Es funktioniert. Nach meiner Kündigung dachte ich, zur Not mache einfach mal ein paar Wochen frei. Und jetzt beginne ich am Dienstag übergangslos bei einem neuen, sehr attraktiven Arbeitgeber. Natürlich weiß ich noch nicht, wie es wird. Aber es fühlt sich alles großartig an. Wenn man sich loslöst von dem, was einem nicht gut tut, ist man offen für neue Dinge, sie fliege einem geradezu zu.

Wenn ich heute noch einmal zu meinem 21-jährigen Ich zurückreisen könnte, dann würde ich ihm folgendes ins Ohr flüstern: Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen Komfortzonen zu verlassen, um sich weiter zu entwickeln oder sich selbst zu optimieren. Vergiss das. Aber: Lass‘ dich von nichts und niemandem klein machen. Mach das ganz besonders nicht mit dir selbst. Schütze dich. Stehe für dich und deine Wünsche ein, so wie du es für andere tun würdest. Vertraue dir und diesem Leben. Höre auf deinen Bauch und handle danach. Wenn er grummelt, hat das meistens seinen Grund. Lass dich nicht täuschen. Und geh, wenn es Zeit dafür ist. Egal was andere sagen. Geh deinen Weg.

wp-1475069761339.jpg

 

Veröffentlicht unter Werden und Sein | Verschlagwortet mit | 13 Kommentare

Vereinbarkeit: Der Feind in meinem Bett

In den letzten Wochen muss ich sehr intensiv an eine Frau denken, die ich heute besonders bewundere. Eine Frau, die auf den ersten Blick nicht emanzipiert zu sein scheint. Und doch, so wird mir heute klar, ist sie es. Auf eine unaufgeregte Art und Weise ist sie ihren Weg gegangen und macht mir damit heute viel Mut.

Vor etwa 40 Jahren ging ihre Ehe zu Bruch. Man ahnt, dass man sich damals nicht einfach so scheiden ließ. Die Scheidung hatte ihren Grund und irgendwie bekam sie alleinerziehend ihren Job und ihren Sohn unter einen Hut.

Schnitt.

Viele Jahre später lebt sie mit ihrem zweiten Mann und drei weiteren Kindern in einer Doppelhaushälfte. Ihr Mann verlässt morgens gegen halb acht das Haus und ist abends um 17 Uhr wieder da. Zum Mittagessen, das sie frisch zubereitet, kommt er jeden Tag um Punkt halb eins nach Hause. Samstags verbringt er meistens bis zum späten Nachmittag draußen, es gibt viel zu tun rund ums Haus und vor allem im großen (Nutz-)Garten. Die vier Kinder packen fleißig mit an und dennoch ist sie voll beschäftigt. Es gibt wenig Pausen und von einem Latte-Macchiato auf dem Spielplatz mit anderen Müttern ist sie soweit entfernt wie von einem 14-tägigen Wellness-Urlaub inklusive Kinderbetreuung. Keiner von beiden pflegt zeitintensivere Hobbys, was sie tun dient der Familie.

Die jüngste Tochter ist neun als sie sich wieder auf eine Erzieher-Stelle bewirbt und diese bekommt: Gruppenleitung in Vollzeit. Es stellt die Familie auf den Kopf, die Arbeit zuhause wird nicht weniger und muss neben den zusätzlich 37,5 Stunden Erwerbstätigkeit erledigt werden. Durch ihren Einsatz wird sie stellvertretende Kindergartenleitung. Als die Leitung neu vergeben und sie dabei übergangen wird, zieht sie ihre Konsequenzen und kündigt. Mit über 50 packt sie nochmal neu an, bewirbt sich, scheitert, bewirbt sich neu. Findet einen Job, leidet dort unter der Atmosphäre. Bewirbt sich wieder neu, gewinnt. Die Kinder sind längst alle aus dem Haus, sie und er haben sich mittlerweile gut arrangiert. Eine Putzfrau unterstützt (sie) einmal in der Woche, den Rest machen beide nach wie vor allein.

Sie müsste nicht arbeiten, das Geld reicht auch so. Doch sie will. Sie denkt an ihre Rente und will unbedingt noch Rentenpunkte sammeln. Zudem erfüllt sie die Arbeit. Als ihr Mann in Altersteilzeit geht, erwartet er, dass auch sie reduziert. Doch das tut sie nicht. Es wird diskutiert und nicht immer sind beide einer Meinung, was den nun geltenden Tagesablauf angeht. Er ist es nicht gewohnt, allein zuhause zu sein. Auch nicht, die Spülmaschine ausräumen oder mal kochen zu müssen. Sie muss ihm das sagen, dass sie das nun erwartet. Es werden nicht immer leichte, durch und durch harmonische Gespräche gewesen sein. Nicht böse, aber vielleicht hatte er sich das mal anders vorgestellt. Sie hält das aus, mutet ihm das zu. Sie arbeitet, bis sie regulär in Rente geht. Sie würde alles wieder ganz genau so machen, sagt sie heute.

Ich bewundere sehr, wie sie ihren Weg gegangen ist. Klar war sie zwischenzeitlich mal unzufrieden. Denn dieses Leben zuhause ist Gold wert und dennoch gibt es dafür keine Währung. Egal auf welcher Station ihres Lebens, sie hat das Ding konsequent durchgezogen. Und sie hat sich nicht davon irritieren lassen, dass ihr Mann manchmal nicht damit einverstanden war. Sie hat sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass man nach über 14 Jahren Jobpause keinen Job mehr bekommt. Oder davon, dass man mit vier Kindern keinen Job bekommt. Oder dass man mit über 50 keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hat. Auch nicht von eingefahrenen Mustern zuhause. Das alles ist ihr begegnet, war ihr aber kein Hindernis. Die beiden haben es geschafft. Nicht alles gleichzeitig und doch war alles da.

Ich weiß, heute ist das alles viel komplizierter. Aber warum eigentlich?

Ich fange an zu zweifeln. Lassen wir mal alle möglichen Lösungsansätze für eine perfekte Vereinbarkeit außen vor und klären doch zunächst einmal, was Vereinbarkeit überhaupt bedeutet. Hab‘ nur ich das Gefühl, dass suggeriert wird, gelungene Vereinbarkeit findet nur dann statt, wenn mindestens zwei Karriere machen und das Familienleben entspannt läuft? Und bei Karriere denken wir da an Eckbüro, Firmenwagen, viel Geld und mächtig viel Verantwortung? Liege ich so falsch, wenn Vereinbarkeit für mich bedeutet: Das Familienleben läuft und alle sind (einigermaßen) zufrieden.

Vereinbarkeit scheint keine Familienfrage mehr zu sein, sondern dahinter steht in Großbuchstaben: „Wo bleib ich?“ Vereinbarkeit ist ein Kampf geworden. Ein politischer und privater Kampf. Und mir scheint, teilweise macht er Menschen, die eigentlich zusammenhalten sollten, zu Feinden. Als läge das größte Problem bezüglich der Vereinbarkeit manchmal neben einem im Bett. Viele Artikel hetzen gegeneinander auf statt Ansätze zu liefern, wie man gemeinsam! eine Lösung finden kann. Denn die Frage: „Wo blieb ich?“ ist ja berechtigt. Und Altersarmut ist kein Märchen mit Happy End.

Es darf nicht sein, dass Familie nur dann funktioniert, wenn die Frau auf alles verzichtet, während der Mann so weitermachen kann wie bisher. Es gibt viele Wege, wie Familien das lösen können. Was ich in der ganzen Debatte vermisse, ist Toleranz und das Bewusstsein, dass Vereinbarkeit bunt sein kann.

Wenn ich auf einen wirklich kluge Fragen stellenden Artikel wie Viele Grüße aus der Teilzeit-Falle einen Kommentar von einer Frau lese, dass man an manchen Tagen die Frauen beneide, die sich aussuchen können, ob und wie viel Teilzeit sie arbeiten können / wollen. Frauen, die mitten in der Woche zum Yoga gehen oder nachmittags mit Freundinnen im Café sitzen… dann könnte ich aus der Haut fahren. Muss das sein?

Vielleicht funktioniert Vereinbarkeit für Familie A 50:50. Für Familie B vielleicht 100:0. Auch das kann richtig sein und muss nicht zwangsläufig mit „Ausbeute“ für sie verbunden sein. Im Finanztipp stand vor kurzem, dass es beispielsweise denkbar sei, dass er eine Rentenversicherung für sie abschließt, in die er einzahlt. Auch über eine Trennung hinaus. Auch eine Möglichkeit. Why not?

Zwischen dem normalen Alltagswahnsinn, vielen Zwischenmenschlichkeiten und der Jagd nach Vereinbarkeit ist meine Ehe irgendwo unterwegs auf der Strecke geblieben. Interessanterweise funktioniert Vereinbarkeit jetzt gut. Wir sprechen uns ab, können auch mal flexibel reagieren, wenn ein anderer beruflich gerade was hat. Vereinbarkeit geht also auch über die Trennung hinaus. Wenn man will.

All meine Gedanken dazu sollen weder die Politik noch die Unternehmen freisprechen. Kinder haben ist nicht mehr natürlich. Es ist ein Luxus. Ein Luxus, für den man sich selbst entschieden hat und von dem völlig vergessen wird, dass er durchaus die Zukunft aller sichert. Eine Zeit, in der Frauen in Bewerbungsverfahren mehr Erfolg haben, wenn sie ihre Kinder verschweigen und Männer nicht gefragt werden, wie sie das eigentlich mit der Kinderbetreuung machen, hat gesellschaftlich noch viel aufzuholen, wohl wahr.

Ich bin nicht der Meinung, Vereinbarkeit ist ein rein familiäres Problem. Aber nur der Ausbau von Kinderbetreuung hilft immer noch nicht den Familien, in denen es kein Bewusstsein dafür gibt, dass Vereinbarkeit dynamisch sein sollte. Dass das bedeuten kann, dass vielleicht mal jeder seine Zeit hat, vielleicht nicht immer gleichzeitig.

Heute wollen wir alles. Sofort und vor allem gleichzeitig. Durch Werbung und Debatten frei nach dem Motto „Du musst dich nur mehr anstrengen“ wird uns auch ständig suggeriert, dass das geht. Mehr noch, dass wir einen regelrechten Anspruch darauf haben. Nur leider stimmt das nicht mit der Realität überein. Und das macht Vereinbarkeit so wahnsinnig frustrierend. Und irgendwie auch ungreifbar.

Ich würde ja ein Fazit unter meine vielen Worte ziehen. Aber ich weiß es doch auch nicht.

img_20160629_145303.jpg

Veröffentlicht unter Familie, Vereinbarkeit | Verschlagwortet mit , | 18 Kommentare

Der vierte Mann

Anmerkung: Der folgende Text kann gegebenenfalls triggern. #häuslicheGewalt

Mann Nr. 4 lernte sie im Entzug kennen. Zwischen Bastel- und Selbsthilfegruppe muss es zwischen Ihnen gefunkt haben. Vielleicht war es auch nur die Perspektivlosigkeit, die die beiden miteinander verband. Eine, die entsteht, wenn man dem Alkohol vollkommen verfallen ist und daraus resultierend Fehler macht. Fehler, die man nicht wieder gut machen kann. Fehler, bei denen Menschen und Beziehungen zu Schaden gekommen sind. Kleine, schutzbedürftige Menschen wie die eigenen Kinder. Vielleicht war es aber auch tatsächlich der Wille, etwas besser machen zu wollen als das, was beide in der Vergangenheit geleistet hatten. Eine Vergangenheit, die sich größtenteils ihrer Erinnerung entzieht, weil diese zu weiten Teilen vernebelt stattgefunden hatte. Und irgendwie auch ohne sie.

Ach, die Vergangenheit. Wie lange trank sie bereits? Seit sie 20 war? Wer weiß das schon. Ihre drei Kinder werden später – viel später – darüber reden, was jeder von ihnen so erlebt hat, als Sohn, als Tochter einer alkoholkranken Mutter. Gruselige Geschichten und Abgründe tun sich da auf. Erinnerungsfetzen, die vermutlich in ihrer Detailtiefe und -breite gnädig sind und dennoch unvorstellbar. Weiß sie noch, dass sie ihre zwei kleinen Kinder sich selbst überlassen hatte, während sie sich dem Alkohol überließ? Erinnert sie sich noch daran, dass ihr erster Mann von der Dienstreise kam und seine beiden kleinen Kinder völligst vernachlässigt vorfand? Wund war die Kleine und dehydriert. Gegessen hatten die beiden vermutlich auch schon länger nichts mehr. Es gibt da diese Szene, an die sich der große Bruder später erinnern wird. Eine Szene, in der er vor dem Bettchen seiner kleinen Schwester steht und ihr durch die Gitter versucht, Wasser zu reichen. Der große Bruder war selbst noch ein Kleinkind. All das ist schon lange her zum Zeitpunkt des Entzugs. Es ist nicht der erste, nein, sicher nicht. Aber diesen macht sie aufgrund der Auflage des Jugendamts. Des Jugendamtes, das sich um Kind 3 kümmert. Jenes, welches sie nie hat haben wollen und das ein Unfall gewesen war und das sie dennoch glaubte, zu lieben. Die zwei Großen hatte sie längst verloren. An Heim und Pflegefamilie. Aber vor allem psychisch. Aber Kind 3 – eine Tochter – da steckte Hoffnung drin. Und so offenbarte sie der sechsjährigen Tochter, dass sie einen Mann kennengelernt und nach dem Entzug mit ihm zusammen leben würde. Und sie versprach ihrer Tochter, nie wieder zu trinken. Tochter 3 war sehr loyal. Sie glaubte ihr und weinte vor Freude am Telefon. Sie wollte ihr glauben, sie wollte es so sehr. Und sie verstand nicht, warum die großen und schon viel älteren Geschwister so wahnsinnig zornig auf ihre Mutter waren.

An einem Besuchswochenende – heutzutage ist es fast unvorstellbar, das dies überhaupt noch möglich war, ohne Aufsicht, ohne Kontrolle, eine ganzes Wochenende, man stelle sich das einmal vor – schlief Tochter 3 im großen Ehebett. Sie hatte Fieber, zumindest ist es das, woran sie sich erinnert, das es ihr erzählt wurde. Als sie aufwachte, war es gefühlt mitten in der Nacht. Sie war allein im Bett und in der Wohnung war Lärm. Kein Partylärm. Es war ein aggressiver Lärm, laut und krachend. Sie hatte Angst. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt weit auf und sie sah, dass sich ihre Mutter mit Mann Nr. 4 stritt. Genau genommen sah sie, wie er sie gegen die Wand warf und schlug. Leise schlich sie wieder zurück ins Bett und schlief irgendwie ein.

So viel Angst sie in der Nacht hatte, so mutig sprach sie am nächsten Tag die beiden Erwachsenen auf die Situation an, schilderte, was sie gesehen hatte. Beide beteuerten, dass das nicht wahr sei. Sie hätte nur geträumt. Und das könne auch gar nicht sein, schließlich war er die ganze Nacht beim Angeln. Als Beweis zeigten sie ihr einen Eimer voller Fische. Das müsse das Fieber gewesen sein. Bis heute weiß die erwachsene Tochter 3 nicht, was tatsächlich in der Nacht geschehen ist. Viel schlimmer noch, sie traut ihrer eigenen Erinnerung nicht. War es ein böser Traum? Oder hat sie das tatsächlich gesehen? Und wenn es ein böser Traum war, wie kann eine Sechsjährige überhaupt von so etwas träumen? Ist es für eine Sechsjährige nicht eher unvorstellbar? Von all der Vernachlässigung, von all den Lügen, von all dem Elend ist das fast eines der schlimmsten Dinge, die ihr die Mutter angetan hat. Sie hat sie ihrer Wahrnehmung beraubt. Wie sollte sie sich jemals ihrer Erinnerungen sicher sein? Später wird es viel Arbeit erfordern, in diese Unsicherheit wieder Stabilität zu bringen.

So oder so – Mann Nr. 4 war kein guter Mann. Er trank schon sehr bald wieder nach dem Entzug und dessen ist sich die Tochter sicher. Denn als sie mit ihm im Auto saß und er die Flasche Korn aus der Seitentasche zog, hatte sie kein Fieber. Sie fragte, was das sei und er antwortete: „Medizin“. Aber sie wusste, er lügt. Viel zu oft hatte sie sämtliche Flaschen der Mutter verstecken müssen, wenn es klingelte, sie wusste sehr genau, was Alkohol war.

Mann Nr. 4 war ihr unsympatisch, aus vielerlei Gründen. Und dennoch gibt es da diese Situation, in der sie gemeinsam mit ihm in der Badewanne sitzt. Er auf der einen Seite, sie auf der anderen Seite. Über der Badewanne hing ein Boiler, einer, durch den man eine kleine Flamme sehen kann. Das macht ihr Angst. Er streckt die Arme aus, sagt wiederholt: „Komm her.“ Aber sie schüttelt immer wieder den Kopf. Schaut auf die Flamme, schaut zwischen seine Beine, weigert sich.

Als die immer wieder verprügelte Mutter ihrer Tochter am Telefon erzählt, dass sie Mann Nr. 4 heiraten wird, wird ihre kleine Tochter zum ersten Mal zornig. Mit ihren sechs Jahren bricht sie den Kontakt ab, weigert sich, ihre Mutter zu besuchen und obwohl Jugendamt und Pflegemutter versuchen, zu vermitteln, weigert sie sich, der Hochzeit beizuwohnen. Es ist ihre Form des Ausdrucks. Ihre Form zu sagen: „Du machst einen riesen großen Fehler.“ Als sie später ihre eigene Jugendamtsakte liest, ist sie schwer beeindruckt von diesem Kind, das sie selbst gewesen ist. Wie stark sie war. Wahnsinn. Und sie hat recht gehabt, die Ehe hält nicht lang. Es wird der letzte eheliche Versuch bleiben.

TIW_kind


Vor zwei Wochen wurde meine Mutter, zu der ich keinen Kontakt mehr pflege, 71 Jahre alt. Ihr Geburtstag ist fest in meinem Kopf verankert und so denke ich jedes Jahr daran. Über 17 Jahre habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr – aus guten Gründen. Dennoch denke ich häufig an sie, zwangsläufig, weil mir viele Erinerungen immer wieder durch den Kopf gehen. Mittlerweile sind diese nur noch selten schwer, es sind Geschichten, die ich mit großem Erstaunen über dieses Leben und seine Schicksale durchlaufe. Es gibt Hinweise darauf, dass sie mittlerweile in einem Pflegeheim ist, aufgrund ihres Lebenswandels nicht verwunderlich. Ich frage mich, was von ihr übrig ist oder ob der Alkohol ihr jeglichen Verstand geraubt hat. Wie betrachtet sie rückblickend ihr Leben, das was sie getan hat, das was sie unterlassen hat? Was glaubt sie, was ihre Kinder über sie denken? Was würde sie ihren Kindern noch sagen wollen, wenn sie die Chance dazu hätte? Ist das überhaupt ein Thema für sie? Und ich frage mich: Wozu war das alles gut? So ein verschwendetes Leben. Da waren so viele kleine Schräublein, an die man hätte drehen können, um etwas zu ändern.

Ich rechne jeden Tag mit der Nachricht ihres Todes und es tut mir wahnsinnig leid, dass wir nur einen kurzen Weg in diesem Leben gemeinsam gehen konnten. Ich hätte sie so sehr gebraucht. Aber davon abgesehen hatte sie auch ganz großartige Seiten: Sie war sehr intelligent und hatte einen tollen Humor. Sie wusste sich zu inszenieren und hatte dazu noch eine wahnsinnige Ausstrahlung. Ich glaube, wir hätten gemeinsam viel Spaß gehabt.

Sie hat viel Leid in unser Leben gebracht, in das meiner Geschwister und das meinige. Aber irgendwie hat sie es auch geschafft, uns nicht kaputt zu machen. Viele Jahre haben wir uns – in alle Winde zerstreut – aus den Augen verloren und waren für uns unauffindbar. Aber seit sechs Jahren haben wir uns wieder und ich bin so dankbar darum. Wir sind eine tolle Truppe, stark und lustig und wo wir gemeinsam sind, da ist Humor und Ausstrahlung.

Ich bin heute nicht mehr zornig und auch nicht mehr mitlaufend traurig. Ich verstehe nur sehr vieles nicht und würde so gerne. Ich hoffe, dass sie wo immer sie ist und wo immer sie hingehen wird, Frieden finden wird. Denn irgendwann hat das jeder einmal verdient.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 20 Kommentare

590 Km. Oder: Der Feind in meinem Kopf

Letztes Jahr im Februar wusste ich nicht viel. Frisch nach der Trennung von meinem Mann war mein Alltag davon geprägt, mich überhaupt in diesem neuen Leben zurecht zu finden. Klar kommen und über Wasser bleiben, war die Devise. Ganz sicher wusste ich aber eins: Ich wollte einen Halbmarathon laufen. Bis September sollte es mehr als realistisch sein, meine Afterbaby-Kondition auf Halbmarathon-Niveau zu bringen. Ich war mir so sicher, dass ich meine zwanzig Jahre alten (relativ wenig genutzten) Laufschuhe in die Tonne warf und mir für den gefühlten Wert eines Kleinwagens neue leistete. Ach ja, und angemeldet habe ich mich für den Lauf auch. Verbindlich, versteht sich.

Mein erster Laufversuch überraschte mich selbst. Fast fünf Kilometer schaffte ich aus dem Stand heraus. Ich fand das großartig, nachdem ich quasi sieben Jahre lang nur dann gerannt war, wenn ich irgendeines der beiden Kinder einfangen wollte. Gut, schnell war ich nicht, es war eher so eine Art meditatives Fortbewegen, das ein wenig dynamischer wurde, wenn ich versuchte, einen Fußgänger zu überholen, aber hey, ich schaffte fünf Kilometer, quasi einen Achtelmarathon. Begeistert über meine Leistungsfähigkeit, joggte ich am nächsten Tag wieder los. Ich lief drei Kilometer, ignorierte den Schmerz in meinem linken Knöchel einen weiteren Kilometer, um anschließend vier Kilometer zurückzuhumpeln – direkt in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses.

wp-1462823914011.jpg

Ein Klassiker: Sehnenüberlastung. Ich beschloss, den Fuß vernünftig und ausreichend ausheilen zu lassen, meine Motivation gesellte sich derweil zu meinen Laufschuhen, die weit hinten im Schrank verschwanden. Anfang April startete ich einen neuen Versuch: sehr langsam und auch nur 2 km. Der Fuß hielt. Die Motivation leider nicht. Erst Ende Mai packte es mich wieder und ich starte erneut. Einen Monat lang lief ich regelmäßig und motiviert bis mir mein Fuß erneut einen Strich durch die Rechnung machte. Ich fand das nicht sonderlich witzig, dennoch dachte ich, „Ich bin es, die hier anschafft, nicht mein Körper.“ Vorsichtig, nicht hirnlos und auf meinen Fuß und Körper hörend startete ich Mitte Juli erneut. Bald schaffte ich das erste Mal acht Kilometer, ein wahnsinniges Gefühl, ich war sehr stolz. Auf mich, dass ich nicht aufgegeben hatte, aber auch darauf, dass mein Körper mitmachte. Ich entwickelte ein neues Bewusstsein dafür, wie gesund ich bin. Dass ich laufen konnte und durfte. Ja, dankbar war ich. Und deshalb wollte ich nichts riskieren und buchte meinen Halbmarathon um auf den 10km-Lauf. Es war ein schöner Lauf am 19. September, mitten im Chiemgau-Tal. Ich lief ihn gemütlich, hörte Musik und war unterm Laufen einfach glücklich. Als Relation: Zu dem Zeitpunkt brauchte ich für einen Kilometer 6 Minuten 40.

Eine Woche zuvor lief ich als „Laufperle“ den Womensrun in München mit. 8 km quer durch den Olympiapark. Gleich nach dem Start ließ ich mich mitreißen und sauste in einem Affenzahn los. Ein großer Fehler, der mir den gesamten Lauf im wahrsten Sinne des Wortes versau[er]te. Die acht Kilometer waren extrem hart, das Auf und Ab im Olympiapark tat sein übriges und es war eine Qual, überhaupt ins Ziel zu kommen. Im Nachhinein war das eine gute Erfahrung. Ich weiß nun, wie wichtig es ist, sich seine Kräfte gut einzuteilen. Wie notwendig es ist, Distanzen zu kennen und seine Grenzen und Kräfte einschätzen zu können. Es ist äußerst hilfreich, gut auf sich zu hören und in gutem Kontakt zu sich zu stehen. Mein Tempo zählt, nicht das der anderen. Überforderung vernichtet Energie. Das bedeutet im Sport manchmal, dass danach nichts mehr geht oder aber jeder weitere Schritt zur Qual wird. Das ist wie im echten Leben.

Ich trainierte weiter, arbeitete an meiner Geschwindigkeit, ignorierte erfolgreich den Winter und lernte ihn zu schätzen. Ein Jahr nach meinem ersten Lauf lief ich erstmals 15 Kilometer. Mein neues Ziel: Halbmarathon Waging Mitte April. Doch obwohl ich gut auf mich aufpasste erwischte mich eine Bronchitis. Ärgerlich. Waging musste ohne mich starten und so konzentrierte ich mich voll und ganz auf den Halbmarathon Salzburg am 1. Mai.

Die Vorbereitungszeit wurde knapp. Ich wollte je Woche einen Kilometer bis auf 19 km steigern, nun musste ich das Training ordentlich straffen und das Programm schneller durchziehen. 15 km, dann 17, nochmal 17, dann 19.

Salzburg, 1. Mai – es war soweit.

wp-1462823765480.jpg

Die Kurzfassung: Es war geil. In der Wettkampfsituation war ich mental extrem gut drauf. Ich lief die 21,1 Kilometer ohne Einbruch. Im Training hatte ich zwischen dem 7ten und 11ten Kilometer oft eine Schwäche und hatte etwas Sorgen deswegen. Unterm Laufen beschloss ich schlicht und ergreifend, dass ich das ignorieren würde. Das hat geklappt, es war ein Self-Fulfilling-Problem – wenn du glaubst, es wird schwierig – wird es schwierig. Das wurde mir unter dem Laufen klar.

Während des ganzen Laufs über standen Menschen am Wegesrand, die einem zujubelten. Kinder streckten am Wegesrand die Hand aus und ich lief hin und schlug ein. Eine Frau rief mir zu: „Super siehst du aus.“ „Super Leistung“ – hörte man auch immer wieder. Wie oft im Leben übersieht man diese Menschen am Wegesrand, die einem Mut machen, einem gute Wünsche auf den Weg geben, einen motivieren? Man kennt sie nicht, sieht sie nur Sekunden, aber während eines solchen Laufs sind sie Gold wert. Immer wieder rief ich ihnen „Danke“ zu. Ich applaudierte den Musikern und Trommlergruppen an der Laufstrecke, und die wiederum freuten sich.

Ab Kilometer 18 habe ich gemerkt, dass es jetzt wirklich schwierig wird. Ich zog in Erwägung, meine Geschwindigkeit zu drosseln und dann zum Ende hin nochmals richtig Gas zu geben. Doch dann entschied ich mich, das Tempo zu halten. Noch 18 Minuten, das würde ich packen. Die richtige Entscheidung. Ich änderte die Relation. Es waren keine drei Kilometer mehr, sondern nur noch 18 Minuten. Das war quasi nichts und diese gedankliche Neuorientierung hat mir viel Energie gegeben. Als ich über die letzte Brücke in den Stadtkern lief, musste ich vor lauter Rührung weinen.

Ein Jahr war vergangen und da war ich nun. Ich lief durch das wundervolle Salzburg und war mittendrin in meinem Ziel – mit einem Tempo von 6 Minuten pro Kilometer. Ein Jahr Training, ein Jahr Neuorientierung. Ich bin vielem davon gelaufen und vielem entgegen. Im Nachhinein hat mir dieser Halbmarathon Struktur gegeben in einer Zeit, in der alles unsicher war.  Schmerz körperlicher Art ist ein guter Ableiter für seelische Schmerzen.

590 km. Die bin ich im letzten Jahr gelaufen. Ich weiß jetzt, dass wenn ich mir ein Ziel setze, es auch erreiche – auch wenn es später ist. Ich weiß, dass mein größter Feind in meinem Kopf sitzt und dass ich stärker bin als er.

Das Wissen um die Distand kann hart sein.

5 km geschafft, ein Viertel, yeah.

Was?! Erst 9 km, da folgen noch 12 – bäh.

Wow! 18 km geschafft, nur noch 3.

Und dennoch ist das Wissen um die Distanz absolut hilfreich. Ich komme nicht gut damit klar, wenn ich nicht weiß, wie weit der Weg noch ist. Oder wenn sich der Weg unerwartet verlängert. Hier stimmen Training und meine Reaktionen im Leben absolut überein. Es ist eine gute Erkenntnis. Sie macht es nicht leichter, wenn mal wieder kein Ende in Sicht ist und ich schier verzweifle. Aber ich kann mit etwas mehr Nachsicht auf mich blicken.

Training macht einen nicht nur körperlich fit, sondern vor allem im Kopf. Durch das Training habe ich mich gut kennengelernt. Meine Stärken, aber auch meine schwachen Phasen. Ich wusste dadurch, dass diese vorbei gehen würde. Dieses Wissen macht ein Tief durchstehbar. „Es geht immer weiter“ – eine Gewissheit, die mich im Tiefsten meines Herzens in diesem Leben begleitet und die dort wie aber auch im Training viel wert ist.

Veröffentlicht unter Uncategorized, Werden und Sein | Verschlagwortet mit , , | 10 Kommentare

Wochenendmutter: Ich bin nicht allein.

 

„Über dich wird auch ziemlich viel geredet, hm?“

Es war keine wirkliche Frage, eher eine Feststellung. Eine wissende Feststellung und ich winkte nur müde ab. Mir gegenüber saßen zwei Mütter aus meinem ehemaligen Dorf und die Rede war von dem Umstand, dass meine beiden Kinder nach der Trennung von meinem Mann nun bei ihrem Papa leben. Eine Entscheidung, die wir getroffen haben, weil sie möglich war. Eine Entscheidung, die sowohl Vorteile wie Nachteile bringt. Meine Große fasste das mit ihren sieben Jahren mal ziemlich klug zusammen: „Es ist jetzt gut. Aber früher war es besser.“

Ich denke nach so einer Trennung gibt es keine Lösung, die für die Kinder so gut ist, wie vor der Trennung. Von dem Gedanken muss man sich verabschieden. Man kann versuchen, eine gute Lösung zu finden. Ich sage auch nicht, dass die aktuelle Lösung die beste ist. Es bleibt für die Kinder eine Lücke zurück, die auch da wäre, hätten wir den umgekehrten Weg gewählt.

Wenn ich uns in unserem kleinen Mikrokosmos betrachte, läuft es sehr gut. Wir haben unsere Termine für ein Jahr im Voraus geplant: Wann sind die Kinder bei wem, wer übernimmt wann die Ferien, wann gibt es berufliche Termine, …? Dazu schicken wir uns gegenseitig die Termine an unsere Kalender. Änderungen besprechen wir und richten sie nach unseren Möglichkeiten ein. Die Kinder wissen genau Bescheid, an welchen Tagen sie bei mir sind. Wir sind Eltern und wollen uns nicht um und über die Kinder streiten und mit Verlaub: Ich finde, wir bekommen das großartig hin. Wir klären keine vergangenen Beziehungsthemen mehr miteinander, wir basieren allein über die Elternschaft, die uns miteinander verbindet. Denn ganz ehrlich, wenn wir noch Beziehungsthemen miteinander klären müssten, dann hätten wir auch zusammenbleiben können. Finde ich.

Aber da sind die anderen. Die reden, verurteilen, sind neugierig, verstehen nicht, tuscheln, ätzen herum. Und obwohl ich mir vornahm, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, beschäftigt mich das und geht nicht sang- und klanglos an mir vorbei. Dabei ist es nicht das Gerede an sich, das sind nur zusätzliche Tropfen auf dem ohnehin heißen Stein. Denn ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Das heißt aber nicht, dass ich schuldig bin. Ein schlechtes Gewissen eint wohl fast alle Eltern, egal ob zusammenlebend, getrennt oder wie auch immer. Wir versuchen immer das Beste für unsere Kinder zu geben und dabei selbst irgendwie auch nicht zu kurz zu kommen. Manchmal glaube ich, wir wollen viel zu viel für unsere Kinder, es soll perfekt laufen. Aber dieses Leben ist nun mal nicht perfekt. Es hat Höhen und Tiefen und auch unsere Kinder müssen hin und wieder durch welche hindurch. Das auszuhalten ist hart. Diese Tatsache als eigenes Versagen zu deuten, ist masochistisch. Und weil ich ständig mit mir selber kämpfe, tut Kritik von außen so weh.

Ich nehme an Kindergarten- und Schulfesten teil und fühle mich unwohl. Ich fühle mich beobachtet. Bei näherem Kontakt mit anderen Eltern stelle ich oft so eine Art Überraschung in ihrem Gesicht fest. Als würden sie verwundert wahrnehmen, dass ich keine Hörner auf dem Kopf habe, kein Monster, keine Außerirdische bin. „Die ist ja doch ganz okay“, meine ich des öfteren im Gesicht meines Gegenübers zu lesen.

Von 14 Tagen bin ich sechs Tage mit meinen Kindern zusammen. Ich richte die Kindergeburtstage aus, ich mache mit der Großen Hausaufgaben, ich telefoniere fast jeden Tag mit beiden, ich gehe mit ihnen einkaufen, fahre sie zu Freunden. Ich bin keine Freizeitmama, ich habe nach wie vor einen Erziehungsauftrag und bekomme deshalb auch das gesamte Gefühlspotpouri meiner Kinder ab.

Der Kontakt zu anderen Eltern stresst mich. Und der Plan, mir ein dickeres Fell anzuschaffen, ist mit Sicherheit kein schlechter. Daran arbeite ich noch.

„Die ist wieder zurück in die Stadt gezogen“, hörte ein Bekannter von mir vor kurzem. Er erklärte seinem Gegenüber, dass er es gut findet, wie wir das hinbekämen und dass das auf dem Niveau selten ist. Und er sah, dass seine Worte Wirkung zeigten, der zunächst leicht naserümpfende Gegenüber fing an zu nicken und nachzudenken.

Deshalb habe ich mir überlegt, mehr über unser Modell zu schreiben. Wie wir was regeln, wo es schwierig ist, was die Kinder brauchen und über was wir so reden. Ich weiß aufgrund meines Erstbeitrags zu diesem Thema, dass es viel mehr Familien gibt, die dieses rebellische Modell leben und ihnen will ich hier eine Stimme geben. Fast 150 Kommentare finden sich nun unter diesem Beitrag, dort finden schon Gespräche zwischen einzelnen Kommentatorinnen statt. Insgesamt wurde der Beitrag über 31.000 Mal geklickt, für meinen kleinen Blog ist das gigantisch. Fast täglich findet jemand zu meinem Blog, weil er in Google „wenn die Kinder beim Vater bleiben, Trennung“ eingegeben hat. Betroffene suchen im Netz und finden nur wenig. Kämpfen tun sie aber fast alle mit den äußeren und inneren Stimmen. Auch wenn sich das oft so anfühlt: Ich bin nicht allein. Und ihr seid es auch nicht.

wpid-img_20151012_194748.jpg

Aus: Brigitte MOM 02.2015

Veröffentlicht unter Uncategorized, Wochenendmutter | Verschlagwortet mit | 12 Kommentare

Der Tod als Ratgeber

Als ich 14 Jahre alt war, trug ich jeden Mittwochnachmittag Zeitungen aus. Gefühlte 12 Jahre später (zwei, um genau zu sein) kaufte ich mir von dem kleinen Hungerlohn eine Stereoanlage. Eine, die den Namen Stereoanlage verdiente, nicht so ein kompaktes, mickriges Ding, nein, drei ordentliche Bausteine: ein Tuner, ein CD-Player und hoho – ein doppeltes Kassettendeck, das selbstständig! die Seiten wechseln konnte. Nicht nur von A nach B, sondern auch von B nach A – DAS waren noch Nutzererlebnisse, aber hallo.

Fortan lag ich – mit kleinen Unterbrechungen, die ich damit verbrachte, in die Schule zu gehen – auf dem Boden meines kleinen Zimmers, genau in der Mitte der zwei 1,50 Meter hohen Boxen und quälte meinen Bruder – nur getrennt durch eine dünne Rigipswand – mit meinem Hang zu den Cranberries und dem Lied Zombie mittels Repeat 1.

Ich lag da und tat nichts, ich hörte nur Musik. Ich war nicht besonders effizient dabei, ich schrieb währenddessen keine To-do-Listen in meinem Kopf und ich überlegte nicht, was ich morgen machen würde. Ich optimierte in meinem Kopf keine Prozesse. Ich reflektierte nicht meine Zwischenmenschlichkeiten oder mein Tagespensum. Nein: Ich hörte Musik.

Ich vermisse dieses Dasein im Hier. Heute bin ich hier, aber eigentlich dort.

Ich habe den Eindruck, Zeit ist die neue Währung, fast noch wichtiger als Geld. Geld beruhigt, wenn man genügend davon hat, um sich ein sorgenfreies Leben leisten zu können. Aber Geld hat keinen Anspruch auf Qualität, Zeit schon. Ich fange an, Bilanz zu ziehen, darüber, ob sich etwas lohnt, ob eine Unternehmung einen Benefit für mich hat, ob die investierte Zeit in etwas mich erfüllt, mich glücklich macht – zumindest irgendwie.

Und die Stunden, Tage, Wochen und Monate rinnen durch meine Finger und am Ende eines jeden Tages sind noch wahnsinnig viele unerfüllte Bedürfnisse und sehr viele fremdsteuernde Mechanismen übrig. Abends absorbiert die Müdigkeit sämtliche Energie mit dem Durchschreiten der Wohnungstüre, die Couch ist mein bester Freund, bis das Bett die besseren Argumente hat.

Das ist nun ein wenig bitter und dunkel gezeichnet, aber im Zeitraffer des Daumenkinos mit dem Titel Leben kommt das dem Ganzen schon ziemlich nah. Oft hetze ich durch die Tage, häufig fremdgesteuert und FREIzeiten stehle ich mir regelrecht, indem ich Dinge verschiebe und verschiebe, bis sie anfangen, mich zu quälen oder bis die Deadline auf Anschlag ist.

Was ist wirklich wichtig? Keine Frage, die man einmalig beantworten kann, sondern die sich immer wieder stellt. Gerade weil ich gefühlt kaum noch Zeit habe, bin ich nicht mehr bereit, diese zu verschwenden. Und so finde ich es nur konsequent, so eine Art Spar-Charakter zu entwickeln und mir zu überlegen: Wo genau liegen meine Prioritäten, was ist mir wichtig, was nicht, was ärgert mich und was kostet unnötig Zeit?

Was Sterbende bedauern

Vor zwei Jahren ging ein Zeitungsausschnitt durch die sozialen Medien, der auflistete, was laut einer Palliativpflegerin Sterbende bedauern.

297692_356609977748959_122641244_n

Ich sah diese Begeisterung damals relativ kritisch. Ich schrieb wörtlich: „Das kann man nicht mit einem vergleichen, der mitten im Leben steckt, nach vorne schaut und die Konsequenzen seines Handelns aushalten muss. Wenn wir es wirklich könnten, unser eigenes Leben zu leben, weniger zu arbeiten, anderen unsere Gefühle auszudrücken, Freundschaften aufrechtzuerhalten und glücklicher zu sein, dann würden wir es doch jetzt schon tun!“ Ich schrieb auch, dass ein Sterbender natürlich einen anderen Fokus hat, er blickt zurück und kann ganz anders beurteilen, als einer, der nicht weiß, wie sich sein Handeln auf seine Zukunft auswirken wird.

Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein

Vor zwei Jahren sagte ich meinem Hausarzt, ich bräuchte etwas gegen Nasennebenhöhlenentzündung, mein Gesicht würde sich komisch anfühlen, die eine Hälfte wäre taub. Er teilte meine Diagnose nicht und ein paar Tage später lag ich im MRT mit Verdacht auf MS. In so einer Röhre ist es nicht besonders spaßig. Während es um mich herum summte, klopfte und dröhnte, wusste ich, ich muss etwas ändern. Noch, dessen war ich mir sicher, war es nur Stress im Kopf. Und doch hatte es die Psychosomatik geschafft, mein Gesicht taub werden zu lassen. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich wirklich krank würde?

Zu dem Zeitpunkt war ich nicht sonderlich glücklich, aber ich dachte, wenn ich mich nur mehr anstrengen würde, dann würden sich die Umstände zum Guten wenden. Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel Anstrengung mich all das kostete, auch nicht, dass es das nicht wert ist. Bis zu dem Moment in der Röhre.

Wie oft im Leben kommt man schon an einer Weggabelung an, die top ausgeschildert ist, frei nach dem Motto „Wähle rechts für Unglück, links für Zufriedenheit“? Meistens geht man doch einfach so den Weg entlang und manchmal ist dieser eben und manchmal nimmt man wahr, dass der Untergrund recht holprig wird. Dann sinkt die Laune und würde sich ein neuer, glatt geteerter Weg auftun, würde man ihn vermutlich wählen. Aber wann ist das schon der Fall?

Sich zu erlauben, glücklicher zu sein oder sein eigenes Leben zu leben, erfordert eine Menge Mut. Das heißt manchmal, dass man den vorgegebenen Weg verlassen muss und fortan querfeldein geht. Vielleicht heißt das, einen Weg zu wählen, den bisher noch keiner gegangen ist, einen Weg, der nicht vorgegeben ist und den man zunächst selbst suchen muss. Offroad quasi. Manchmal muss man dazu ganz viel Anlauf nehmen – manchmal jahrelang.

Die Auflistung „Was Sterbende bedauern“ ist interessant, aber nicht wirklich hilfreich für dieses Leben in der Gegenwart, weil sie keine Lösungsansätze liefert. Wie lebt man sein eigenes Leben? Wie erlaubt man sich, glücklicher zu sein?

Der Tod als Ratgeber

wpid-img_20140518_153253.jpg

Wenn man das Leben plötzlich als limitierte Zeit wahrnimmt, bekommt auch die Gegenwart einen anderen Fokus. Natürlich wissen wir, dass wir eines Tages sterben werden. Aber bewusst ist uns das nicht wirklich. Deshalb sind wir auch so betroffen, wenn ein Mensch in unserem Umfeld viel zu früh verstirbt.

Auf Youtube begegnete mir vor kurzem das Video Pragmatische Esotherik. Ich empfehle das Video ab 1:34:00. Vera F. Birkenbihl beschreibt da die Lehre des Don Juan: „Den Tod als Ratgeber nehmen“.

Ja, ich gebe zu, das wirkt ein wenig dramatisch. Ich halte es für nicht sinnvoll, sein Leben so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte. Denn ganz ehrlich, dann würde ich nicht mehr in die Arbeit gehen. Betrachte ich das Ganze aber mal im Rahmen von drei Monaten oder sagen wir, einem Jahr, dann sieht das schon anders aus. Dann müsste ich alleine schon aus administrativen Gründen arbeiten gehen. Aber würde ich mich dann mit einem Job zufrieden geben, zu dem ich mich jeden Morgen hinquälen muss? Nähme ich es hin, dass man mich schlecht behandelt? Würde ich in einer Beziehung verbleiben, in der ich häufiger traurig als glücklich bin? Was, wenn ich nur noch drei Monate oder ein Jahr hier wäre? Ich denke, ich würde häufiger Nein sagen. Und auch häufiger Ja. Ich hätte viel öfter den Mut, Grenzen zu ziehen, egal was das am Ende für Konsequenzen hat.

„Wie sähe die Entscheidung aus, wenn …“ halte ich zukunftsgerichtet für einen guten Denkansatz/eine gute Entscheidungshilfe. Zumindest wird einem dadurch klar, was einem persönlich wichtig ist, wo man keine Zeit verschwenden möchte, worauf man sich konzentrieren will und wo man es rückblickend schade fänd, nicht gehandelt zu haben.

Apropos bereuen: Ich habe mich gefragt, welchen Einfluss dieses Denken auf mein Verhalten in den letzten Jahren gehabt hätte. Was, wenn ich Entscheidungen eher getroffen hätte? Was, wenn ich damals schon den Mut gehabt hätte, eine Ausbildung abzubrechen, die mir nicht gefallen hat? Wer wäre ich heute, wie würde ich leben? Ich habe diesen Gedanken wieder verworfen. Es gibt Situationen, in denen habe ich ganz lange verharrt und gelitten. Ich habe nicht gehandelt, auch wenn ich es nach vernünftigen Gesichtspunkten längst hätte tun sollen. Aber emotional war ich noch nicht so weit. Wenn man einen Missstand entdeckt hat, heißt das noch nicht, dass die Entscheidung dazu reif ist.

Jetzt merke ich, dass meine Entscheidungswege kürzer werden und dass ich immer weniger darauf angewiesen bin, dass der Weg ausgeschildert und schon geebnet ist. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es die Erfahrung, dass offroad manchmal auch sein Gutes hat. Vielleicht ist es aber auch das #älterwerden.

 

Veröffentlicht unter Werden und Sein | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare