Das Ehegattensplitting – eine Geschichte voller Missverständnisse

Es mag am Wahlkampf – oder nennen wir es besser Wahljahr – liegen. Vielleicht auch an meiner Arbeit mit Familie 2.0. Zur Zeit lande ich immer wieder in Diskussionen rund um das Ehegattensplitting. Einige Argumente, die ich höre, stimmen. Andere sind gruselig bis an den Haaren herbeigezogen. Heute möchte ich damit aufräumen und versuchen, anschaulich anhand von Beispielen darzulegen, wie es tatsächlich ist, wenn man verheiratet ist. Also steuerlich!

Das Ehegattensplitting bevorzuge vor allem reiche Ehepaare. Je größer der Verdienstunterschied, desto besser. Es halte die Frauen davon ab, wieder arbeiten zu gehen. Ehepartner zahlen weniger Steuern, auch wenn sie genauso viel verdienen wie ihre ledigen Kameraden. Und überhaupt, aus steuerlicher Sicht heiraten lohnt!

Schauen wir uns jeweils ein Paar in einem Vorort von München und einem Vorort von Hamburg an – was man so hört findet man ja weder innerhalb der einen, noch in der anderen Stadt eine Wohnung. Das Münchener Paar ist verheiratet – wie sich das in einem katholischen Vorortes Bayerns gehört. 50% des Hamburger Paares würden gerne heiraten, bisher kam es jedoch nicht dazu.

Exkurs Splitting: Beim nicht verheirateten Paar wird jeweils mit den einzelnen Jahreseinkommen in die Steuertabelle geschaut. Beim Ehepaar addiert man beide Einkommen und teilt dieses anschließend durch 2. Mit dem halbierten Ergebnis wird die Steuer berechnet und anschließend verdoppelt.

In München, wie auch in Hamburg stehen alle am Anfang ihrer akademischen Laufbahn und verdienen gleich viel: jeder 40.000 Euro.

Hamburg Gehalt Einkommensteuer*
Er      40.000,00 €                     8.983,00 €
Sie      40.000,00 €                     8.983,00 €
Summe      80.000,00 €                   17.966,00 €
München Gehalt Einkommensteuer*
Er      40.000,00 €
Sie      40.000,00 €
Summe      80.000,00 €                   17.966,00 €
Bemessungsgrundlage für den Steuersatz      40.000,00 €
Differenz                                  –   €

*Zur Vereinfachung ohne Solidaritätszuschlag/Kirchensteuer

Fazit:  Bei gleichem Gehalt zahlen alle gleich viel Steuern, unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht.

Einige Zeit verstreicht, alle arbeiten fleißig und man(n) erhält Gehaltserhöhungen. Die Männer verdienen 60.000 Euro und die Frauen 45.000 Euro. 😉

Hamburg Gehalt Einkommensteuer*
Er      60.000,00 €                   17.004,00 €
Sie      45.000,00 €                   10.846,00 €
Summe    105.000,00 €                   27.850,00 €
München Gehalt Einkommensteuer*
Er      60.000,00 €
Sie      45.000,00 €
Summe    105.000,00 €                   27.708,00 €
Bemessungsgrundlage für den Steuersatz      52.500,00 €
Differenz                         142,00 €

Man sieht gut, wie die Progression greift. Der Vorteil liegt hier in der Teilung des Einkommens. Dadurch zahlt der verheiratete Mann im Vergleich weniger Steuern, als der ledige Mann, der mit 60.000 Euro in die Steuertabelle einsteigt. Der verheiratete Mann liegt beim Steuersatz jedoch maximal bei 52.500 Euro.

Exkurs Progression: Je höher das zu versteuernde Einkommen, desto höher der Steuersatz!

Einige Jahre gehen ins Land. In München werden zwei Kinder geboren und Überraschung!: auch in Hamburg. Obwohl hier immer noch nicht geheiratet wurde und man sich sehr wundert, wo die Kinder plötzlich herkommen. Beide Paare entscheiden sich, dass sie daheim bleibt und er weiterhin arbeiten geht. Die Gehälter sind derweil auf 70.000 Euro gestiegen.

Hamburg Gehalt Einkommensteuer*
Er      70.000,00 €                   21.204,00 €
Sie                     –   €
Summe      70.000,00 €                   21.204,00 €
München Gehalt Einkommensteuer*
Er      70.000,00 €
Sie                     –   €
Summe      70.000,00 €                   14.470,00 €
Bemessungsgrundlage für die Steuerberechnung      35.000,00 €
Differenz                     6.734,00 €

Nun wird ganz besonders deutlich, wie das Splittingverfahren funktioniert. Weil Hamburg immer noch nicht verheiratet ist, greift hier der Steuersatz für 70.000 Euro. In München wird jedoch nur der Steuersatz für 35.000 Euro angewendet. Dieser ist natürlich wesentlich geringer.

Die geborenen Kinder sind bei diesen Zahlen übrigens steuerlich vollkommen irrelevant. Ich habe nur nach einem Grund gesucht, die Frau aus dem Berufsleben ausscheiden zu lassen. Hört die kinderlose Ehefrau aus anderen Gründen auf zu arbeiten, sähe die obige Aufstellung genauso aus!

DAS ist meines Erachtens nach die größte Ungerechtigkeit am Ehegattensplitting. Beide Paare leben in gleichen Verhältnissen, nur der Trauschein unterscheidet sie. Dennoch zahlt das Hamburger Paar 6.734 Euro mehr Steuern und hier ist der Solidaritätszuschlag und die Kirchensteuer nicht einmal mit eingerechnet. Und das, obwohl das Hamburger Paar mit den Kindern einen vom Staat gewünschten Beitrag geleistet hat. Und ja, ich weiss, keiner bekommt Kinder, weil der Staat ihn fördert. Aber es bekommen Leute keine Kinder, weil der Staat es nicht ausreichend tut. Was will der Staat? Er will – vereinfacht gesagt – Geburten. Aber er fördert die Ehe. Dass das nicht dasselbe ist, beweisen die Menschen in Deutschland jeden Tag.

Aber wie schaut es nun aus?

Pauschal kann man nicht sagen, dass das Ehegattensplitting vor allem gut verdienende Ehepaare bevorzugt. Es sei denn, der Verdienst wird hauptsächlich nur durch einen Ehegatten erbracht. Dann ja. Und ganz klar, je größer der Verdienstunterschied, desto größer der Splittingvorteil, d.h. der Steuervorteil gegenüber einem unverheiratetem Paar. Gleich verdienende Ehepartner haben hingegen keinen Vorteil gegenüber unverheirateten.

Hält es Frauen davon ab, wieder arbeiten zu gehen? Dies ist eine Argumentation, die ich aus vielen verschiedenen Gründen nicht nachvollziehen kann. Dies könnte ein eigener Beitrag werden.

Und ob heiraten aus steuerlicher Sicht lohnt? Scheidungskosten sind absetzbar. Entscheidet selbst!

——————————————————————————————-

Hier könnt ihr alle meine Zahlen überprüfen oder nur so ein wenig rumspielen: https://www.bmf-steuerrechner.de/ekst/?

Auch gut, allerdings mit Steuertabelle vor 2013: http://www.nettolohn.de/rechner/splitting-veranlagung-steuer.html

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4 Antworten zu Das Ehegattensplitting – eine Geschichte voller Missverständnisse

  1. Magda schreibt:

    „Was will der Staat? Er will – vereinfacht gesagt – Geburten. Aber er fördert die Ehe. Dass das nicht dasselbe ist, beweisen die Menschen in Deutschland jeden Tag.“

    Ich finde, damit vermischt du zwei Dinge, die zwar oft, aber eben nicht immer zusammengehören. Ja, der Staat „will“ Geburten, aber er „will“ eben auch Ehe. Siehe das Grundgesetzt, Artikel 6, Absatz 1: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

    Und das Ehegattensplitting ist eben ein Instrument dieser Förderung. Familien und Kinder werden ja auch mit anderen Mitteln unterstützt, z.B. Kindergeld und Steuerfreibeträgen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Magda,

      danke für deinen Kommentar.

      Nur zwei schnelle Gedanken dazu: das Grundgesetz ist von 1949 (wenn ich das richtig im Kopf habe) und das war zu einer Zeit, wo Kinder ohne Ehe quasi undenkbar waren. Ich bin mir nicht sicher, ob der Staat immer noch die Ehe im Fokus seines Interesses hat.

      Und in dem von dir zitierten Artikel steht unter Absatz (5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.

      Die gleichen Bedingungen hat auch sehr viel mit Geld zu tun.

      Gruß, Tina

      • Magda schreibt:

        Ja, das GG ist schon alt, aber es gilt immer noch. Ich meine, dass darin eben auch ein Wertefundament gelegt ist, das u.a. auch die Ehe besonders schützt und fördert. Und das auch unabhängig von Kindern.
        Dass auch unehelichen Kinder die gleichen Bedingungen gelten sollen, steht für mich außer Frage.
        Mein Punkt ist halt, dass es die Förderung von Kindern geben soll, das ist total wichtig. Und ob die ehelich oder unehelich sind, bei verheirateten Eltern oder Alleinerziehenden leben, das sollte egal sein.
        Aber dass die Ehe auch schützenswert ist, das ist dann noch eine andere Sache.

  2. Pingback: 10 Fragen von Papaganda | WerdenundSein

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