Mama, wo war ich, bevor ich in deinem Bauch war?

Wir saßen im Kinderzimmer und hatten gerade ein Buch zu Ende gelesen, als die Große unvermittelt meinte: „Mama, ich war in deinem Bauch, gelle?“ Zustimmendes Mh meinerseits. „Und meine kleine Schwester war auch in deinem Bauch?!“ Nochmaliges zustimmendes, noch entspanntes, nichts ahnendes Mh.

Die Große, das Dirnei (bayrisches Kosewort für Dirndl) dachte nach. Dann: „Wer war in Papas Bauch?“

Ich mag die Selbstverständlichkeit in dieser Frage. Sie fragte nicht, OB der Mann einen Beitrag leistet, sondern WELCHEN. Schwer bemüht ein Grinsen zu unterdrücken, um von der Ernsthaftigkeit der Frage nicht abzulenken, antworte ich: „Niemand!“

Wieder Stille. Es arbeitete sichtbar in ihr. Sie schaut nach rechts oben, senkt wieder den Kopf, schaute mich an und meinte dann: „Und wie bin ich in deinen Bauch rein gekommen?“

Gut, jetzt war ich endgültig wach und sehr aufmerksam. Und während ich noch nachdachte, war sie schon bei der nächsten Frage, die mich niederknien ließ: „Wo war ich vorher?“

Die Fragen wirkten wie Espresso. Ich wurde immer wacher. Und interessierter. Wo kam das plötzlich her? Ich fragte nochmal genauer nach, wie sie das meinte. Nicht, dass meine Antwort sie völlig überforderte. Doch sie wusste genau, was sie wissen wollte: „Wo war ich, bevor ich in deinem Bauch war?“

Ich staunte wieder. Über die Folgerung, dass sie vorher irgendwo gewesen sein musste. Über die Überzeugung, dass Geburt und Tod kein Anfang und Ende darstellen. Überhaupt über die Fähigkeit so zu denken. Es als Frage zu formulieren. Sie ist vier Jahre alt.  Und ich entgegnete wie selbstverständlich: „Beim Himmelpapa!“

Ohne Nachdenken, wie aus der Pistole geschossen: „Aber ich war doch noch gar nicht gestorben!“

Staunen ist gar kein Ausdruck mehr. Ich war fasziniert. Beeindruckt. Mittlerweile neugierig und wie ein Flitzebogen gespannt, wo dieses Gespräch noch hingehen sollte. Ich sagte: „Ja, das stimmt, aber ich glaube, dass immer, wenn man nicht auf dieser Welt ist, man beim Himmelpapa ist. “

Das Dirnei dachte nach. Die Augen gegen die Zimmerdecke gerichtet fasste sie sich nachdenklich ins Gesicht. Ich konnte förmlich sehen, wie sich die kleinen Rädchen in ihrem hübschen Kopf drehten.

„Und wie bin ich dann vom Himmel runter gekommen?“

Jetzt musste ich nachdenken. Was sagt man da zu einer Vierjährigen? Bisher fand ich, hatte ich mich gut geschlagen. Aber wie kommt die Seele oder was auch immer auf die Erde? Darüber haben andere ganze Bücher geschrieben und ich sollte das jetzt mal auf die Schnelle beantworten? Auf der Bettkante sitzend, im Kinderzimmer, in einer orthopädisch nicht entspannten Sitzposition?

„Der Himmelpapa hat dich gebracht.“

„Oder die Engel, stimmt’s Mama?“

Sagte es, sprang auf, ließ sich auf dem Boden nieder und spielte mit den dort liegenden Autos als wäre nix gewesen. Mich ließ sie verzaubert und fasziniert zurück.

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Und? Kennt ihr diese Gespräche auch? Was für Gedanken haben eure Kinder? Ich bin gespannt auf eure Berichte.

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10 Antworten zu Mama, wo war ich, bevor ich in deinem Bauch war?

  1. Coco Lores schreibt:

    Mein Vierjähriger erzählte mir im Alter von zwei Jahren, dass er von ganz oben kommt, da, wo man auf alles runter gucken kann. Er sei da oben geflogen und dann habe er sich seine Eltern ausgesucht – nämlich uns. Und dann sei er runter gekommen. UNHEIMLICH!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich finde das faszinierend. Und sowas muss man sich unbedingt aufschreiben. Das ist so spannend und es wäre schade, würde man es vergessen.

    • SleepingAngel schreibt:

      Interessant, wirklich. Eine Freundin von mir hat mal was Ähnliches erzählt. Mittlerweile ist sie 19, aber sie kann sich noch genau daran erinnern (also ihre Mutter hat ihr das später immer wieder erzählt), dass sie als kleines Mädchen (etwa 1 1/2 oder 2) auf dem Wickeltisch ihrer Mama erzählt hatte, sie käme von da oben. Da hat man sie gefragt, wo sie gern zur Welt kommen würde, und bei wem. Sie hat sich ihre Eltern auch ausgesucht.
      Ich weiß nicht, ob ich diese Geschichte gruselig oder faszinierend finden soll…es gibt ja scheinbar viele Kinder, die ähnliche Geschichten erzählen. Schade, dass ich wohl als Kind nie so etwas erzählt habe…aber vielleicht kamen wir alle auch von da oben und haben uns unsere Eltern ausgesucht?
      An sich finde ich den Gedanken schön. Aber bei Kindern, die in nicht so schönen Elternhäusern aufgewachsen sind, weiß ich nicht mehr, was ich dazu sagen soll. Sollten diese Kinder sich ihre Eltern wirklich auch selbst ausgesucht haben? Und wussten sie vielleicht auch, was auf sie zukommen würde?
      Eine andere Freundin erzählte mir mal, dass sich jede Seele, bevor sie geboren wird, eine Lebensaufgabe auswählt. Sie entscheidet, welchen Ängsten/Problemen/Herausforderungen sie sich in ihrem zukünftigen Leben stellen will. Haben sich die Menschen auf dieser Erde auch selbst entschieden, wo sie aufwachsen sollen, um ihre Lebensaufgaben zu erfüllen?
      Hach ich könnte ewig über diese Themen philosophieren…aber es fasziniert mich, dass nicht nur meine Freundin die Geschichte von den Engeln erzählt. Manchmal glaube ich echt, dass es sie vielleicht doch gibt.

  2. Mama arbeitet schreibt:

    Meine Kinder waren ja Krümel in meinem Bauch, bevor sie da rauskamen. Das wurde bisher noch nicht weiter hinterfragt und ist biologisch einigermassen richtig. 🙂

  3. Paula schreibt:

    „Himmelpapa“, naja. Warum nicht „Gott“ sagen, wenn man ihn meint? Wenn die Kleinen wissen möchten, was Gott bedeutet, müssen sie das ohnehin selbst herausfinden, wie wir alle.
    Und welche Rolle spielt der Papa dabei? Geschickt drumrum gemogelt!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Die Frage meiner Tochter war nicht „Was oder Wer ist Gott?“ Sondern „Wer bin ich und wo komme ich her?“

      Himmelpapa ist ein gängiger bayrischer Begriff, den wir ebenso nutzen, wie Gott. Beide Begriffe sind meinen Kindern bekannt.

  4. Paula schreibt:

    Aha! Danke. Das Wort kannte ich Nordlicht bisher noch nicht.

  5. Pingback: Aufklärung | WerdenundSein

  6. Anne-Lisa schreibt:

    meine Tochter (damals 8) fragte auch öfter als ich mit ihrem kleinen Bruder schwanger war, wie die Babys in den Bauch kommen, warum sie so lange da drin sind
    ich sagte ihr das Baby muss noch wachsen, Mama und Papa, sich sehr lieb haben, viel schmußen und sich noch ein Baby gewünscht haben
    ….. anfangs war sie damit zufrieden.
    Bei fortgeschrittener Schwangerschaft hatten wir das Eltern-Heft „Schwangerschaft“. DAS hat meine Tochter (damals 8) fasziniert. Eines Morgens kam sie ganz stolz aus ihrem Zimmer, schwenkt das Heft und sagte: „jetzt weiß ich wie der Papa-Samen zum Mama-Ei gekommen ist“
    Anmerkung: in der Zeitschrift war es kindgerecht erklärt 😉

  7. Nadine schreibt:

    Meine 4,5 jährige Tochter fragte mich heute früh auch, was sie war, bevor sie in mein Bauch kam.
    War auch leicht überfordert mit der Frage. Das Thema das sie im Bauch mal war und im Großen und Ganzen wie sie da rein kam, hatten wir schon besprochen. Tja, aber was war sie nun früher??? Ich sagte ganz ehrlich, dass ich es nicht weiß.Sie darauf: “ aber Mama, wir sind doch alles Menschen, wir müssen doch irgendwo gewesen sein“ Recht hat sie ja mit der kindlichen Selbstverständlichkeit.
    Süß war auch mal ihre Aussage, dass sie als Baby aus der Brust trinken musste, weil wir uns nichts anderes leisten könnten:)

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