Aufreger des Tages: Wie man Eltern manipuliert

Ich recherchiere gerade über das Thema Betreuungsgeld und bin dabei auf ein Propaganda-Video für das Betreuungsgeld von der Initiative Familienschutz gestoßen.

Ich komme gleich zur Sache: ich halte das Video, welches letztes Jahr entstanden ist, für eine Frechheit und ich finde, die Initiative für Familienschutz sollte sich dafür schämen. Mir geht es dabei nicht um das Betreuungsgeld an sich. Sondern darum, wie das Video aufgebaut ist, was es unterschwellig vermittelt und wie es manipuliert.

Es schustert Informationen zusammen und unterbreitet diese derart emotional, dass es eine Mutter danach unheimlich viel Kraft kosten muss, sich für etwas anderes zu entscheiden als für eine Betreuung daheim. Natürlich durch die eigene Person. Denn alles andere schädige ja quasi das Kind.

Im Video wird schnell durch den sympathisch und souverän klingenden Sprecher gefragt: „Sind Krippen überhaupt der richtige Aufenthaltsort für kleine Kinder?“ Er klärt darüber auf, dass es beim Betreuungsgeld um ein- bis zweijährige Kinder gehe und setzt nach „also Säuglinge, Kleinst- und Kleinkinder.“ Säuglinge sind per Definition Kinder im ersten Lebensjahr. Also keine ein- und zweijährige Kinder. Auch der Begriff Kleinstkind ist nur ein Verstärker und kein medizinisch/pädagogischer Begriff. Nach Säugling folgt Kleinkind. Kleinstkinder gibt es nicht, aber dem Sprecher scheint es hier sehr wichtig zu sein, eine gewisse Dramatik aufzubauen, so dass jedem klar ist, es handelt sich um wirklich kleine Kinder.

Nächstes Original-Zitat: „Durch Blickkontakte und Worte stillt die Mutter das elementare Bedürfnis des Kindes nach Bindung, Sicherheit und Liebe. So lernt das Kind stehen, laufen, Türmchen bauen, formt erste Worte und Sätze – ganz nebenbei. [Pause] Urvertrauen entsteht. Das ist die Basis für spätere Erziehung.“

[…]

„In dieser Intensität kann das eine Erzieherin, die bis zu 7 Krippenkinder betreuen muss, nicht leisten!“ Diesen Betreuungsschlüssel kann ich aus meiner Krippenerfahrung nicht bestätigen.

Während des ruhig gesprochenen Textes wird alles schön untermalt mit weich gezeichneten Mama-Baby-Bildern. Halten wir fest: elementare Bedürfnisse nach Bindung, Sicherheit und Liebe kann nur die Mutter erfüllen! Wo bleibt hier die Rolle des Vaters? Und dann URVERTRAUEN. Ja, welcher Elternteil will dies nicht für sein Kind? Das wissen alle Eltern: Ohne Urvertrauen kein lebenswertes Leben (Überspritzung). Die Kombination Kinderkrippen-Kritik (Ist das überhaupt der richtige Ort? Bindung, Sicherheit und Liebe kann die Erzieherin nicht leisten) und die Erwähnung elementarer Bedürfnisse, die die Mutter stillt und damit Urvertrauen entstehen lässt, empfinde ich als extrem manipulativ.

Das Video wechselt thematisch zu Cortisol, einem Stresshormon. Jetzt, wo das teilnehmende Elternteil emotional so richtig schön eingestimmt ist, folgt die Aussage (verstärkend textlich eingeblendet – gleichzeitiges Lesen und Hören prägt sich ja besonders ein):

„Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen.“

Wie das bei Studien immer so ist: auch hier gibt es Studien, die das Gegenteil beweisen, aber das weiß im Moment des Schauens niemand und so kann auch dieser Informationsbruchteil wundervoll nachwirken.

Spätestens jetzt schmelzt auch der Letzte dahin: „Für eine gesunde, seelische Entwicklung des Kindes ist eine sichere Eltern-Kind-Bindung (erste Einblendung eines Vaters bei Minute 3:39) die beste Voraussetzung. Das ist der Stand der aktuellen Entwicklungspsychologie und so sieht das auch die Mehrheit der Eltern mit kleinen Kindern.“

Schöne Vermischung von Wissenschaft und gesellschaftlicher Meinung. Wie soll man da als gute liebende Mutter und liebender Vater noch etwas anderes wollen, als das Betreuungsgeld, ergo keine Krippe?

Es folgt eine einigermaßen sachliche Darstellung des Themas Betreuungsgeld, währenddessen man bzw. frau sich emotional ein wenig entspannen kann und natürlich der Aufruf, an der Petition für das Betreuungsgeld teilzunehmen.

Von einer Initiative, die sich Familienschutz nennt, erwarte ich wesentlich weniger Manipulation und weniger Dogmatismus. Hier wird ein Familienbild zementiert, welches ich schlicht für unwahr halte. Die Kritiker des Betreuungsgeldes machten in der Entstehungsdiskussion die Erziehungsleistung der Familien nieder, aber dieses Video hat ein ganz ähnliches Niveau.

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Und zum Schluss nur zur Klarstellung: ich bin weder dafür, noch dagegen, dass Frauen daheim bei ihren Kindern bleiben oder Teil-/Vollzeit arbeiten. Ich gehe davon aus, dass jede Familie ein Modell findet, das für sie am besten ist. Weil das im Normalfall nämlich jeder Vater und jede Mutter kompetent entscheiden kann.

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Eine Antwort zu Aufreger des Tages: Wie man Eltern manipuliert

  1. Kirsten schreibt:

    Betreuungsschlüssel 1:7 in der Krippe ist leider genau der, der hier in Hamburg üblich ist. Genau wie 1:14 für die größeren Kinder ab 3. Und von Schulkindern in der Ganztagsbetreuung in der Grundschule mal gar nicht zu reden. So gern ich arbeite und meine Kinder gut aufgehoben wissen möchte – manchmal denke ich auch, ob das jetzt so ideal für die ist, ständig jeden Tag den ganzen Tag (bis 16.00 Uhr) in großen Kindergruppen zu sein – ich persönlich würd das ja auch nicht wollen, allen den ganzen Lärm ständig…

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