Warum wollen Frauen arbeiten, obwohl sie Kinder haben?

Diese Frage habe ich mir nicht ausgedacht. Sie ist mir gestern gestellt worden. Aus Interesse. Nicht als Provokation. Das möchte ich unbedingt klarstellen.

Gestört hat mich die Formulierung der Frage sofort. Was heißt denn da obwohl? Die Frage an sich stört mich schon. Dass es überhaupt eine ist. Als hätten wir Frauen unsere Ausbildung nur als Zeitvertreib bis zur Niederkunft gemacht.

Und da sind wir auch schon bei der Begründung. Wir FP1060834rauen sind ausgebildet. Und wir wollen dieses geistige Kapital einsetzen. Teilweise müssen wir arbeiten, größtenteils wollen wir es aber unbandig gerne. Im Tagesspiegel Online habe ich gelesen, 1,5 Millionen Vollzeitstellen könnten alleine durch derzeit nicht erwerbstätige Mütter besetzt werden (http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/position-betreuungsgeld-setzt-falsche-anreize/6550886.html) Aber die Wirtschaft interessiert mich dabei nur zweitrangig. Solange es offensichtlich keine Selbstverständlichkeit ist, dass Frauen arbeiten, brauchen wir uns darum sowieso nicht kümmern.

Nicht falsch verstehen. Mir geht es nicht darum, dass Frauen zwingend arbeiten. Ich selbst blieb 4,5 Jahre fast ausschließlich daheim. Ich wünsche mir – entschuldigt das Wort, euch hängt es wahrscheinlich auch schon zum Halse heraus – Wahlfreiheit. Echte. Gerade ist im Netz ein Artikel der Zeit Online im Umlauf, der beschreibt, wie sich französische Frauen von ihren Kindern entfremdet fühlen. Jetzt könnte man den falschen Schluss ziehen und argumentieren: „Seht ihr, Eltern und Kinder gehören einfach zusammen und das hochgelobte Frankreich-Modell bringt es auch nicht.“ Dass hier aber auch nur ein Modell gelebt wird, dem alle mehr oder weniger folgen, bleibt wahrscheinlich unberücksichtigt. Die französischen Familien haben sicher auch nicht das Gefühl der echten Wahlfreiheit.

Echte Wahlfreiheit! Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich mich mit Frauen und Männern über Vereinbarkeit austausche, desto mehr bin ich davon überzeugt: es ist nicht nur ein Potpourri der Möglichkeiten. Sondern vor allem ein gesellschaftliches Denken. Wenn wir nicht mehr ausschließen, dass das Modell des Nachbarn richtig ist, weil ich ein anderes lebe. Wenn wir akzeptieren, dass Kinder, Mütter und Väter allesamt anders sind und es viele verschieden richtige Lösungen gibt. Dass Eltern kompetente Entscheider für ihre Familien sind, weil sie im Normalfall ihre Kinder abgöttisch lieben.

Wenn… hach. Ich habe gerade die Assoziation von Weltfrieden.

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10 Antworten zu Warum wollen Frauen arbeiten, obwohl sie Kinder haben?

  1. Katharina schreibt:

    Weltfrieden ist gut. Wahlfreiheit auch. Obwohl natürlich auch echte Wahlfreiheit nie bedeutet, dass nicht jede Entscheidung auch ihren Preis hat. Frei wählen können ohne an irgend einer Front Nachteile in Kauf nehmen zu müssen halte ich für illusorisch (obwohl unser Familienmodell dem einigermassen nahe kommt – nur der Schlaf und der Haushalt müssen dran glauben).

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Katharina, schön, dass du meinen Beitrag kommentiert hast. Ich stimme dir zu, dass jede Entscheidung ihren Preis hat. Ich denke, das ist auch okay. Schön, dass ihr für euch ein gutes Modell gefunden habt. Schöne Grüße, Tina

  2. momatka schreibt:

    Wer hat dir diese Frage gestellt? War das beruflich oder privat? War der/die Fragende alt oder sehr jung? Natürlich jede so wie sie will. Aber ich finde die Frage (für mich) so absurd. Bin ich kein Mensch mehr, weil ich Mutter geworden bin? Gebe ich mein Leben, meine Ziele, mein Wollen auf, sobald der Test positiv ist? Was bedeutet denn Arbeit für die oder den Fragenden? Ich wundere mich. Das ist wirklich eine seltsame Frage.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Momatka, danke für deinen Beitrag. Ich finde die Frage auch schräg. Zum Fragenden möchte ich keine genaueren Angaben machen. Ich habe diesen bewusst nicht weiter beschrieben. Nur soviel: es handelte sich dabei um einen Menschen unserer Generation (+/- 5-10 Jahre).

  3. Rosalie schreibt:

    Antworten kann man nur: Warum will ein Mann arbeiten, obwohl er Kinder hat?
    Solche Fragen, auch aus echtem Interesse gestellt, machen mich immer traurig. Denn es reduziert mich durchaus zum Muttertier, sobald ich meine Gebärmutter benutze. Männern scheint es immerzu gestattet ihre primären Geschlechtsteile benutzen zu dürfen, ohne dass es ihr Leben ansonsten auf den Kopf stellt.
    Leider verstehe ich diese Frage auch nicht, denn ich komme aus einer Familie, in der die Frauen immer – auch mit Babys – arbeiten mussten. Für Geld. Ganz profan. Keine Hausfrauen als Vorbild (noch nicht einmal mit 4 Kindern).
    Ohne die tägliche Leistung von Hausfrauen gering zu schätzen (mit Kindern ist selbst der anstrengendste Bürojob erholsam), aber ich will auch mein eigenes Geld haben, später meine eigene Rente und meine eigene Arbeitserfahrung. Ich will auch Abwechslung, ein ruhiges Mittagessen in der Kantine, Kollegen, ich will nicht meinen Mann um Geld fragen, wenn ich etwas kaufe. Ich will meine Familie genauso versorgen können, wie mein Mann, finanzielle Sicherheit etc. Ich will ganz normal leben. Und darum verstehe ich diese Frage nicht. Und weil der Fragende wahrscheinlich all diese Sachen für sich für selbstverständlich hält, ist diese Frage demütigend. Und ich frage mich im Gegenzug, weshalb in unserer Gesellschaft die Meinung herrscht, ein Kind müsse immer im Mittelpunkt der Mutter stehen. Dreht sich etwa die Welt meiner Tochter nur um mich? Das hätte ich aber gemerkt…

    Ein toller Blog übrigens.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Rosalie,
      danke für das Lob :-). All das, was du schreibst, teile ich. Es gibt viele Gründe, warum wir arbeiten wollen und/oder müssen. Und das dich die Frage traurig macht, kann ich verstehen. So ging es mir gestern auch. Und enttäuscht war ich. Ich dachte, wir wären schon weiter.

  4. Sabine schreibt:

    Hallo Tina,
    Vielleicht ergibt sich die Frage für den Fragenden auch nur aus der eigenen Einstellung, nämlich: Warum möchtest Du arbeiten wenn Du es nicht müsstest? Sprich: Ich würde liebend gerne zuhause bleiben wenn ich die Möglichkeit hätte. (also der/die Fragende)
    Liebe Grüße, Sabine

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Sabine,
      ich habe sofort nachgefragt, warum die Frage so gestellt wurde und so war es nicht. Und ja, ganz sicher resultiert die Frage aus der eigenen Lebenssituation heraus. Jeder lebt nun mal in seiner eigenen Welt. Aber irgendwie hatte ich erwartet, dass die Aufklärungsdichte ein wenig besser ist :-).
      Lieben Gruß, Tina

  5. HERDIR schreibt:

    Wie was arbeiten wenn man möchte? Dann habe ich ein deutlich anderes Umfeld! Bei uns müssen beiden Partner arbeiten gehen damit die laufenden Kkosten gedeckt sind. Es gibt sich nicht die Frage ob man will, es müssen (in meinem Umfeld) alle.
    Diese Formulierungen („Arbeiten zum Selbstverwirklichen. Ich geh wenn ich möchte mal arbeiten.“) fallen mir inzwischen häufiger auf. … und es stört mich (für mich selbst überraschend) immer mehr.

    *kopfschüttel* gibt es wirklich so krasse Unterschiede in Dtl.? Ich bin fassungslos.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Herdir,
      vielen Dank für deine Antwort. Du hast vollkommen recht, auf den Aspekt des Müssens bin ich in meinem Beitrag nicht eingegangen, dabei ist es ein ganz großer. Das war mir beim Schreiben auch bewusst, doch meinem Gegenüber ging es nun mal gar nicht darum. Darüber hinaus denke ich, dass es nicht Müssen ODER Selbstverwirklichung geben muss. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich beides miteinander verbinden kann.
      Schönen Gruß,
      Tina

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