Schnee – dreimal anders

„Mama?! Woast du, warum i den Winter so mog?“

„Nein, sag’s mir!“

„Weil i narrisch gern an Schnee mog!“

Das war gestern. Heute stehe ich um etwa 6 Uhr 20 in der Küche und bereite gedankenverloren die Brotzeiten zu, als ich im Radio Worte wie Schnee, abgebrochene Bäume, Schnee, S-Bahn, München, Schnee vernehme. Kennt ihr diese Momente des langsamen, fast schon mechanischen Verstehens? Die, wo man wirklich die kleinen Zahnräder oben im Kopf knirschen hört? Ganz ganz langsam – uhrzeitangemessen?

Ohr an Hirn: Schnee!

Hirn im Halbschlaf: „Wie?! …………………  Schnee?!“

Verstand: “ Schau aus dem Fenster!“

Ich schaute aus dem Fenster, aber nur, um mich zu versichern, dass alles ein großer Irrtum war und ich im Halbschlaf irgendeine relevante Ortsinfo wie Antarktis (gibt es da Bäume?!) oder so überhört hatte. Ich wurde bitterlich enttäuscht. Echter weißer kalter Schnee, überall! Die Sache mit den Wochentagen habe ich nicht immer so drauf, aber Monate? Das war mir noch nie passiert. Ich überlegte kurz, aber nein, wir schreiben Oktober.

Ich sagte zu meiner Großen: „Heute darfst du deine neuen Winterschuhe anziehen.“ Da ich ein sehr kritisches Kind habe, entgegnete sie gewohnheitsmäßig: „Warum?“

„Weil der Himmelpapa eine Überraschung für dich hat.“

„Welche denn?“

„Weisst du noch, was du mir gestern erzählt hast, warum du den Winter so magst?“

Lustigerweise verstand sie sofort. Sie zweifelte auch nicht oder hinterfragte. Oder prüfte kurz die Monate. Nein, sie schrie hocherfreut auf: „Schnee!“ Und sie lachte und tanzte durch die Wohnung – ohne aus dem Fenster zu schauen, soviel zu kritisch. Für einen kurzen Moment stand die Welt für mich still, in dem ich staunte, wie sehr sich ein kleiner Mensch über so etwas Banales wie das Wetter freuen kann und wie unterschiedlich unsere Reaktionen auf denselben Umstand waren. Denn ich hatte gestern viele Minuten damit zugebracht, Google Maps nach einer optimalen Schleichweg-Lösung zu durchforsten, damit ich morgens nicht noch einmal 80 Minuten in die Arbeit brauchte. Ich hatte eine gefunden und sah sie gerade davon schwimmen äh frieren. Außerdem, mein Auto hat auch noch Sommerreifen. Und überhaupt. Das geht doch nicht! Wir haben Oktober. Da war ich mir mittlerweile sicher.

Als wir endlich draußen standen, schneite es immer noch. Die Große führte einen erneuten Jubeltanz auf, lachte und streckte die Zunge raus und fing Schneeflocken auf. Die Kleine – die im August bei 38 Grad in der Winterjacke unterm Trampolin saß und Winter spielte und sich da besonders wohl fühlte, weinte und meinte „Baatz! Baatz!“, was soviel heißt wie nasser Dreck, Erde, Schmutz. Sie war fassungslos. Ich befreite das Auto von dem für meine Tochter so wundervollen Schnee, brachte die 50% erfreuten Kinder in die Kita und fuhr in die Arbeit – innerhalb von 50 Minuten, ha!

Heute Abend bedankte sich meine Tochter beim Himmelpapa für den Schnee. Offensichtlich in dem festen Glauben, dass er ihn extra auf ihren Wunsch hin runter rieseln lies.

Wieder staune ich und bin gleichzeitig ein wenig wehmütig: wie wundervoll muss es sein, in dieser magischen, zauberhaften Welt zu leben.

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