Angreifbar

Erst vor kurzem traf mich die Erkenntnis, dass zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sein und dennoch nebeneinander existieren können. Im Nachhinein klingen so Eingebungen ja immer total blöd oder banal, aber für mich hat es eine Menge verändert. Bisher gehasste Diskussionen genieße ich mittlerweile regelrecht und fühle mich nicht mehr so schnell angegriffen. Ist ja nur eine Meinung, das bin ja nicht ich. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Anders verhält es sich da schon bei den Gefühlen. Der Gedanke zu bloggen geisterte schon länger in meinem Kopf herum und als mich jemand fragte, warum ich es nicht einfach tue, meinte ich, dass meine Texte sicher ganz viel mit meinen Gefühlen zu tun haben würden und dass ich dann angreifbar sei. Und als Gegenfrage kam ein schlichtes „Warum?“.

Das hat mich stutzig gemacht. Ja wie – warum? Liegt das denn nicht auf der Hand? Doch wenn mein Gegenüber meine Aussage in Frage stellt, dann ist es vielleicht gar nicht so, dann ist es vielleicht nur meins? Seit einigen Wochen denke ich nun immer wieder darüber nach und ich muss zugegeben, ich bin damit noch nicht ganz fertig. Immerhin hat unter anderem das mich dazu gebracht, doch den Blog-Stift zu schwingen.

Gefühle hat man einfach. Dafür kann man nix. Man kann sie vielleicht hinterfragen und gegebenenfalls seine Einstellung zu gewissen Dingen ändern, was dann sicher auch eine Veränderung der eigenen Gefühlswelt nach sich zieht. Aber bin ich tatsächlich angreifbar durch meine Gefühle?

Ja! In dem Moment, wo ich meine Gefühle zu erkennen gebe, bin ich in Gefahr. Immer, wenn das Herz beteiligt ist, bin ich angreifbar und verletzlich, auch einschätzbar. Deshalb gehen wir mit unseren Emotionen im Job auch anders um, als im Privatleben.

Dennoch: in vielen Bereichen ist es meiner Erfahrung nach von großem Vorteil und sehr gewinnbringend, authentisch und transparent zu sein. Natürlich dosiert, im Job anders, als im Privatleben. Ich denke, es ist wichtig, sich selbst gut zu kennen und zu schützen und abzuwägen, wo ich wie auspacken kann. Und das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt. Ich muss das zweistufig betrachten: sozusagen im Innen- und Außenverhältnis. Gefühle zuzulassen, sich diesen zu stellen, auch wenn es wehtut, sich zu spüren und kennenzulernen, halte ich für sehr wichtig. Wenn ich mich auf mich selbst einlasse, dann ist das sehr spannend und ich glaube, das ist der Schlüssel zur persönlichen Weiterentwicklung. Wenn es mir gelingt, für mich selbst präsent zu sein, dann weiss ich auch, wo ich wieviel von mir preisgeben kann. Denn dann spüre ich, ob mein Gegenüber wertschätzend mit mir umgehen wird oder ob ich selbst soweit bin, eine eventuell negative Reaktion auszuhalten.

Schlussendlich ist es wohl so: Ich muss nicht jeden Stein auffangen, der mir zugeworfen wird, ich kann auch lernen, auszuweichen. Am Wichtigsten wird es sein, Steinwerfer zu erkennen.

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Wollt ihr mir eure Gedanken dazu mitteilen? Ich würde mich sehr freuen.

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11 Antworten zu Angreifbar

  1. Mama abeitet schreibt:

    Das hast du aber schön gesagt, das mit den Steinwerfern.
    Viele Grüsse!

  2. "Clumsy Mama bloggt jetzt" schreibt:

    Ja, im Privatleben sehe und handhabe ich das ziemlich genauso. Wie ich das im Internet und im Blog handhaben will, weiß ich noch nicht genau… 😉

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, diese Überlegung kann ich nachvollziehen. Da ist es besonders schwierig, weil du deine Adressaten nicht kennst. Für mich heißt das momentan: Ich gehe textlich mit nichts raus, wo ich noch mitten in einer Verletzung stecke. Diese Themen, an die man nur denkt und schon schießen einem die Tränen in die Augen, du wirst sicher wissen, was ich meine. Bei Freude ist das natürlich ganz anders 🙂
      Viele Grüße…

  3. familienallerlei schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe auch lange ueberlegt ob ich bloggen soll und wieviel ich dabei preisgeben moechte. Andere am eigenen Leben und den Gefuehlen teilhaben zu lassen kostet schon etwas Ueberwindung. Ich denke aber, es birgt auch viel Potential fuer interessante Begegnungen und man kann dabei viel gewinnen. Schoen, dass du uns an deinem Leben teilhaben laesst. Ich freue mich darauf mehr von dir zu lesen.

  4. Daniela schreibt:

    Ja, das ist immer eine echte Gratwanderung und ich finde es auch sehr schwer. Wie viel Gefühl darf/soll/kann ich in meinem Blog preisgeben? Vor dieser Frage stehe ich immer wieder. Mir liegen Herzenstexte auf der Seele, aber ich trau mich dann nicht. Und Du hast Recht, je mehr Gefühl man nach Außen trägt, desto angreifbarer und vor allem verletzbarer ist man. Auf der anderen Seite hilft mir das Schreiben auch immer ein bisschen, mir meine Gedanken klarer ins Bewusstsein zu rufen. Und sie aus dem Kopf raus zu bekommen, rein ins Blog oder wo auch immer. Vielleicht liegt es mir deshalb auch bei meinen persönlichen Themen mehr, in sprachlichen Bildern zu schreiben. So als kleine Verpackung drumherum. Fühlt sich ein bisschen „geschützter“ an 🙂

  5. Alltagsheldin schreibt:

    Du hast sososoooo recht, absolut!
    Ich stehe da auch immer so… mhm… unschlüssig da. Ich verblogge ganz selten Herzthemen, so richtig echte, die auch persönlich sind. Nicht nur wegen der Angreifbarkeit, da stehe ich drüber, aber auch weil ich nicht weiß, wie die Leser darauf reagieren…
    Zwar tut das Schreiben an sich gut, doch ob der Persönlichkeit traue ich mich dann doch nicht… Zuletzt erst verbloggte ich etwas, las den Entwurf dem Liebsten vor und er fand es zu persönlich „für das Internet“ (er ist da eh ein Skeptiker), also änderte ich den Artikel ab, sodass vieles weg gefallen ist… Naja…

    Liebe Grüße,
    die Alltagsheldin

  6. Secondlifemama.de schreibt:

    wenn du selbst zu dir stehst, zu dem was du sagst, was du tust, wer du bist, dann darf man ruhig „ehrlich“ sein zu seinen mitmenschen, was seine gefühle und gedanken angeht. so können einen die anderen doch viel leichter verstehen und einschätzen – und somit ihr verhalten daran orientieren, spiegeln, schleifen 😉

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Dem stimme ich zu und halte es meistens auch so. Das Problem ist, dass man ja nicht jeden Tag gleich gut aufgestellt ist und manchmal erwischt es einen dann eben und man wünscht sich, man hätte eher die Eisblock-Methode angewandt. Dennoch, unterm Strich gewinnt man auch viel.

  7. ulf schreibt:

    Ich blogge seit mehr als elf Jahren. Mir würde etwas fehlen. Und angreifbar ist man, wenn man sich angreifen lässt. Man darf einfach keine Trolle füttern. Ein Leben ohne Blog? Wie soll das gehen?

  8. Pingback: Die Botschaft macht der Empfänger | WerdenundSein

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