Wenn Kinder über das Sterben nachdenken (Teil II)

Heute musste „des Spotzei“ (2) ins Krankenhaus. Nichts dramatisches, aber akut. Ich sagte dem Dirnei (4), dass wir nun fahren und sie sich bitte die Schuhe anziehen soll, als sie unvermittelt vor mir stand und fragte: „Stirbt des Spotzei jetzt?“.

Was mich an solchen Situationen ja immer amüsiert – in dem Fall auf eine perverse Art und Weise – sind die Vorgänge, die sich im Kopf abspielen. In meinem Fall war das Erstaunen bis Bewunderung, über die vollkommen sachlich gestellte Frage über einen Sachverhalt, der – sollte er eintreten – Gott bewahre -… Ich meine diesen Gegensatz von Sachlichkeit zu dramatischem Ereignis. Was ist das? Ist das fehlende Vorstellungskraft bei den Kindern oder tatsächlich das natürliche Betrachten von Leben und Tod? Faszinierend. Irgendwie. Wenn man mal alle Muttergefühle außen vor lässt.

Und der zweite Gedanke, der mir parallel durch den Kopf schoss: Wow, des Dirnei hat da eine Gedankenkombi, die so nicht richtig ist – Krankenhaus = Tod.

Dazu muss ich erklären: vor einem Jahr starb ein engeres Familienmitglied im Krankenhaus. Und wir besuchten sie am Sterbebett und nahmen – sehr behutsam – die Große dabei mit. Das mag jetzt vielleicht den ein oder anderen erschrecken, aber wir fragten sie, ob sie das wolle und sie bejahte. Sie geht auch völlig natürlich mit diesem Tod um, spicht vom Himmelpapa, auch von Trauer und dennoch von der Hoffnung, dass es diesem geliebten Menschen gut geht.

Als ich heute also so im Flur stand – in Sorge um die Kleine – und konfrontiert mit dem Gedanken der Großen, blieb kurz die Zeit stehen: „Stirbt des Spotzei jetzt?“.

„Nein!“, erklärte ich. „Im Krankenhaus werden die Menschen gesund, sie sterben nur sehr selten!“, wohlwissend, dass bisher 100% der Menschen gestorben sind, die meine Große im Krankenhaus erlebte. Ursprünglich hatte ich überlegt, sie vor dem Krankenhausbesuch zur Nachbarin zu bringen, aber nach all dem hielt ich es für sinnvoll, sie an dem Krankenhaus-„Erlebnis“ teilhaben zu lassen.

Als wir dieses hinter uns hatten und durch das Eingangsfoyer Richtung Ausgang schlenderten, sagte ich in extra leichtem Ton zu meiner großen Tochter: „Schau, des Spotzei hat alles gut mitgemacht. Und lebt noch! Doktoren helfen!“

„Und warum ist dann Tante Irmi im Krankenhaus gestorben?“

„Weisst du, ich denke, sie wäre auch daheim gestorben. Als der Himmelpapa sie abholte, war sie einfach zufällig im Krankenhaus.“

„Mama, krieg ich noch a Gummibärli?“

Auch das liebe ich an Kindheit. Diese völlig brutalen Themenwechsel, auf die man als Erwachsener so gar nicht eingestellt ist. Aber irgendwie ist doch genauso das Leben. Oder?

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Hier geht´s zum Teil I….

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Eine Antwort zu Wenn Kinder über das Sterben nachdenken (Teil II)

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