Sprungbrett

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sprung vom Dreier erinnern. Es war in dem Schwimmbad, in dem ich jede Woche trainierte und ich kletterte stolz und ein wenig flau die Treppe hinauf. Vorne angekommen schaute ich hinab ins blaue Wasser und es kam mir gigantisch hoch vor. Ist es ja auch, wenn man zu der Höhe die Wassertiefe und die eigene Körpergröße hinzurechnet.

Natürlich war ich nicht alleine im Schwimmbad und ich ließ unzählige Kinder an mir vorbei, weil ich noch nicht bereit war, zu springen. Aber für mich war klar, die Treppe ist nicht mehr mein Weg, diesen gehe ich nicht zurück. Irgendwann war ich soweit und meine Füße lösten sich vom Sprungbrett. Ein großartiges Gefühl, ich hatte es geschafft, ich hatte mich nicht beeinflussen lassen vom Außen, von den Rufen und Hänseleien der Kinder und den Blicken des Trainers.  Nein, ich blieb ganz bei mir selbst und ich war narrisch stolz auf mich. Dasselbe Erlebnis wiederholte sich Jahre später auf dem 5er.

Es gibt Lebenssituationen, da muss ich daran denken. Wie ich da oben stand, mutig, diesen Weg nehmen zu wollen, mit der Gewissheit, warten zu können. Was mir heute abgeht, ist die Geduld, warten zu können, bis ich soweit bin. Ich kann auch nicht mehr so gut ausblenden, was mir zugerufen wird oder aushalten, dass andere schon weiter sind und völlig selbstverständlich springen. Und ich zweifel an meiner Anforderung, auf gar keinen Fall wieder die Treppe zurückgehen zu wollen. Wenn das Ziel doch das Wasser ist, ist es dann nicht egal, welchen Weg ich nehme? Muss es denn immer ein Sprung vom 5er sein?

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8 Antworten zu Sprungbrett

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Ich bin nie vom 5er gesprungen. Und als ich das letzte Mal im Leben so richtig ins kalte Wasser gesprungen bin, gab es keinen anderen Weg ins Wasser, nur Flucht nach vorn. Ich glaube, wenn man zu lange wartet, könnte es sein, dass sich die Zahl der Wege verringert. Was aber auch hilfreich sein kann, denn dann weiss man wirklich, dass es keinen Weg zurück gibt.

  2. Katharina schreibt:

    Ich stand mal einen Nachmittag lang auf dem Fünfer – und ging am Ende die Treppe runter.
    Unten stand mein Vater und versuchte erst, mich mit einem Eis zu locken – um mich etwas später zu hänseln und noch später als Feigling und Schlimmeres zu beschimpfen.
    Damals dachte ich, er hätte Recht.
    Der Weg war lang bis zu dem Punkt wo ich wusste: Egal ob ab dem Brett oder der Treppe, hauptsache es ist MEIN Weg und MEINE Entscheidung und was andere darüber denken ist allein deren Verantwortung und hat mit mir und meiner Entscheidung nicht das Geringste zu tun.

  3. Michaela Albrecht schreibt:

    Ich bin kein Freund von Mutproben nur um der Mutprobe willen. Wenn ich Mut aufbringe, dann, weil es mir erforderlich scheint, und dann gibt es meist kaum Alternativen (ähnlich wie bei Mama arbeitet).
    Ich bin daher nie von irgendeinem Brett ins Wasser gesprungen, denn wozu sollte ich das tun? Als 10jährige bin ich mal vom Beckenrand gesprungen, aber auch nur ins flache Wasser.

    Aber wenn ich mich dafür hänsele, dass ich so ein Schisser bin (auch eine Sommerrodelbahn ist für mich eine Riesenherausforderung!), dann erinnere ich mich daran, dass der Sprung von der Regelschule in eine nichtdirektive Schule viel weiterreichend ist als ein Sprung vom 3er. Denn es erfordert immer wieder das Vertrauen, dass alles gut wird, auch wenn (oder gerade weil?) ich die Kontrolle über meine Kinder abgeben muss. Wenn sie z.B. nach mir ins Bett gehen, obwohl sie vor mir wieder aufstehen müssen. Wenn K2 nicht in die Englischzeit gehen will und eigentlich auch nicht in Mathe, sondern lieber stundenlang an ihrem Buch schreibt. Oft habe ich Angst, aber dann erinnere ich mich, dass es MEINE Angst ist und nicht die meiner Kinder. Und weil ich das alles aushalte (weil ich mich eben auch so sehr daran freue, wie gut es meinen Kindern in dieser Schule geht!), glaube ich, ich bin doch auch mutig. Wenn auch wasserscheu.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Michaela,
      mir ging es weniger um die Mutprobe an sich, sondern darum, sein Ziel zu kennen und zu erreichen. Und wie Mama Mia richtig schreibt: das hat ganz viel mit loslassen zu tun. Genau darüber schreibst du ja auch. Loslassen ist in vielen Fällen wohl auch sehr mutig. Von daher…. 🙂
      Ganz liebe Grüße, Tina

  4. Mama Mia schreibt:

    Kommt auf die Angst an. Weißt Du aus Erfahrung, dass der Sprung viele nicht unbedeutende Risiken mit sich bringt, dann kann es klüger sein, den Turm über die Treppe zu verlassen. Wenn Du aber nur zögerst, weil Dir das Neue, Unbekannte, das dich erwartet Angst macht, dann spring! Denn es ist so, wie Christine sagt: Wer nicht loslassen kann, verbaut sich auch viele Chancen.
    LG Mia

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