Mädchen können nicht rechnen und Piratenbücher sind nur was für Jungs

Den Satz „Mädchen können nicht rechnen“ hörte ich mit etwa 6-8 Jahren von meinen Brüdern beim Mittagessen. Ich kann mich noch gut an die Reaktion meines Vaters erinnern. Er unterband das sofort, streng und deutlich und mir tut seine Reaktion bis heute gut. Er wollte nicht nur, dass meine Brüder mich nicht hänselten, nein, er machte sehr deutlich, dass die Aussage Schwachsinn ist, weil mathematische Fähigkeiten eines Menschen nicht geschlechtsabhängig seien. Er ließ daran keinen Zweifel und dem Vorwurf keinen Raum und dass er alles sofort im Keim erstickte, hat – so glaube ich bis heute – viel für mich ausgemacht.

Das Genderding war nie ein Thema in der Familie – trotz klassischer Rollenverteilung. Mein Vater verdiente das Familieneinkommen und meine Mutter war jahrelang Hausfrau und Mutter. Meine großen Brüder übernahmen die schwereren Arbeiten wie Kohle reinholen (oh ja, lange ist es her) oder Rasenmähen, während ich hauptsächlich häuslichen Pflichten nachkam.

Schon früh besaß mein Vater einen Computer, so einen mit Kassette und er brachte mir daran viele Dinge bei. Ich beherrschte recht bald leichte Textverarbeitung und da Windows damals nicht mal ein Gedanke war, auch Dos-Eingaben.

In seiner Werkstatt durfte ich werkeln und er brachte mir bei, wie ich mein Fahrrad selbst reparierte und ich erinnere mich an meinen Stolz, als ich es schaffte, ganz alleine einen Bremszug an meinem Radl zu wechseln.

Selbst, als mir in der vierten Klasse der angeblich zur Wahl stehende Werkunterricht vom Lehrer untersagt wurde, weil der nur für Jungs sei und ich bitte Handarbeit belegen solle, kam ich nicht auf die Idee, dass es einen Unterschied – außer den offensichtlichen – zwischen Jungs und Mädels gab.

Als ich 20 war, arbeitete ich neben meiner Ausbildung zur Steuerfachangestellten in einer Kfz-Werkstatt, nicht im Büro, sondern ich montierte Reifen und wuchtete selbige. Ich weiss, was ein Drehmomentschlüssel ist und wie man ihn bedient. Witzigerweise stellte ich dort zum ersten Mal fest, dass es unterschiedliche Reaktionen auf das, was ich da tat, gab. Das war plötzlich Gesprächsthema und mich verwunderte das, besonders mein subjektiver Eindruck, dass es vor allem Frauen waren, die ein Problem mit meiner Tätigkeit hatten. Von vielen Männern, besonders älteren erhielt ich die Rückmeldung, dass sie das toll fänden.

Vor kurzem fiel mir all das in Dankbarkeit wieder ein und ich frage mich, welchen Einfluss dies auf mein heutiges Rollenbild hat. Das Thema passt gut zu dem neuen Blogpost der schlimmen Helena. Sie beschreibt ihre Sicht über die Bewegung Pinkstinks, „eine Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen.“

Ich sehe diese Bewegung ebenfalls kritisch. Es mag Studien geben, die Zusammenhänge zwischen genderstereotypen Waren (Spielzeug/ Kleidung) und späteren Rollenverhalten aufzeigen, aber meist fehlen bei diesen Studien weitere Einflussfaktoren.

Ach ja, erwähnte ich schon, dass ich Barbie über alles liebte und ganz besonders gerne Röcke und weiße Kniestrümpfe trug? Natürlich war meine Welt nicht so rosa, wie es die meiner Töchter ist,  dennoch bin ich überzeugt davon, dass genderstereotype Waren nur dann einen Einfluss haben, wenn wir ihn unreflektiert wirken lassen.

Den Satz „Piratenbücher sind nur was für Jungs“ hörte ich vor etwa zwei Wochen im Kindergarten. Von einer Mädchen-Mama zu einem Papa, der glücklicherweise den Kopf schüttelte und widersprach. Ich nehme solche Begebenheiten zum Anlass, mit meinen Kindern darüber zu sprechen, frage meine Große (4), was sie von Piraten hält und ob sie der Meinung ist, dass das nur was für Jungs sei. Es ist eine willkommene Situation, weil sie mir im ganz kleinen, ohne schmerzhafte Erfahrung ermöglicht, mein Kind auf die Welt da draußen vorzubereiten, ihr aufzuzeigen, dass man stereotype Gedanken hinterfragen kann/soll und sich darüber hinwegsetzen und sich selbst eine Meinung bilden kann. Zwischen ihren rosa gekleideten Puppen gibt es daheim auch einen Werkzeugkoffer und die vielen Matchboxautos passen wunderbar in den großen John-Deere-Hänger, welcher von einem großen Bullog (Traktor) gezogen wird. Meine Töchter backen mit mir ebenso, wie sie beim Aufbau kleiner Regale helfen.

Ich habe Zweifel daran, dass es reicht, rosa Gefahren aus den Geschäften zu verbannen (stark vereinfacht gesagt). Ich glaube, das ist der falsche Ansatz und dass wir unseren Kindern vorleben müssen, dass sie geschlechterunabhängig machen dürfen und können, was sie wollen. Aus meiner eigenen guten Erfahrung heraus.

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7 Antworten zu Mädchen können nicht rechnen und Piratenbücher sind nur was für Jungs

  1. dieschlimmehelena schreibt:

    Ein großartiges Piratenbuch: „Heute ist Lucy Pirat“

    Und den Rest weißt Du ja. 🙂

  2. Katharina schreibt:

    Ich kenne keine einzige Feministin, die sich der Illusion hingibt, „dass es reicht, rosa Gefahren aus den Geschäften zu verbannen“. Wer aus erster Hand erfahren möchte, was die hier kritisierte Organisation Pinkstinks tut, darf gerne auf ihren Seiten und ihrem Blog stöbern: http://pinkstinks.de/blog/
    In dem Sinne: Pink ist für alle da, nicht nur für Mädchen!

  3. Pingback: Spielzeug und Spielzeug für Mädchen: Ihr werdet pinkifiziert! | Mama hat jetzt keine Zeit…

  4. Ich denke es ist wichtig, dass man zwischen Häufungen und absoluten Betrachtungen unterscheidet. Ich denke, dass Häufungen aufgrund biologischer Unterschiede im Schnitt schon zu den Geschlechterrollen beitragen, aber es eben keine absoluten Unterschiede sind, sondern es graduelle Unterschiede mit fließenden Unterschiedsausprägungen sind, die es sind Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern aber unterschiedlichen Mittelwerten.

    Damit sollte man Frauen nicht sagen, dass sie kein Mathe können oder Piratenbücher nicht mögen, aber sich auch nicht wundern, wenn Piraten Jungen im schnitt mehr begeistern.

    Zum Spielverhalten gibt es zB hier eine interessante Studie zum Zusammenhang mit Testosteron.
    http://allesevolution.wordpress.com/2012/12/20/hormone-und-spielverhalten/

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Das ist eine Ansicht, die ich durchaus teile. Gleichberechtigung heißt für mich nicht, alle sind gleich, sondern lediglich, dass Wünsche und Bedürfnisse die gleiche Wertschätzung erfahren, unabhängig vom Geschlecht.

      Danke für diesen differenzierten Beitrag.

  5. Wiebke schreibt:

    Achtung tagging Spiel 😉 Ich habe dich für den Best Blog Award nominiert. Was das bedeutet erfährst Du hier: http://verflixteralltag.blogspot.de/2013/12/best-blog-award.html.
    Würd mich freuen, wenn Du mal reinschaust und evtl. sogar mitmachst!
    Wiebke

  6. Pingback: Spielzeug und Spielzeug für Mädchen: Ihr werdet pinkifiziert! | Mama hat jetzt keine Zeit

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