Sind Kinder reine Privatsache?

Die Frage begleitet mich, seit ich das erste Mal wahrnahm, dass mein gesamtes Umfeld – völlig unabhängig jeglicher Vorbildung – bestens über Kindererziehung Bescheid weiß und keine Mühen scheut, dies kund zu tun. Das war recht bald, ich möchte sagen, das fing schon vor der Geburt meiner ersten Tochter an – bei der Entscheidung, wo das Kind geboren werden soll. Viele hatten dazu eine Meinung, mein Lieblingssatz in diesem Zusammenhang „Wow, bist du mutig ins Geburtshaus zu gehen!“. Als wäre es etwas gefährliches, gar fahrlässiges sein Kind außerhalb des Krankenhauses zu gebären. Ich hatte plötzlich auch sehr viel Körperkontakt, denn viele meiner Mitmenschen insbesondere Kollegen streichelten mir immer wieder über den Bauch, dies passierte mir sogar mit wildfremden Menschen im Schuhgeschäft. Ich vermute hier denselben mir noch unbekannten Grund wie bei den ständig aufploppenden älteren Männern, die mich beim Einparken einwinken wollen (ich erwähnte das schon mal).

Richtig brisant wurde die Frage allerdings, als es um das Thema Impfen ging.  Da in Deutschland keine Impfpflicht herrscht, war ich der Meinung, ich hätte so eine Art Wahl. Egal, ob man impft oder nicht – man muss als Eltern vollkommen alleine mit den Folgen klar kommen. Hier war ich mir meiner Verantwortung gegenüber meiner Kinder mehr denn je bewusst. Das war eine sehr private Entscheidung. (Und nein, ich bin keine Impfgegnerin, bitte seht an dieser Stelle von der Impfdiskussion ab, dafür gibt es ganz „tolle“ Foren).

Mit dieser Vorprägung muss ich die Frage, ob Kinder reine Privatsache sind, ganz klar und vollen Herzens mit JA beantworten. Ich treffe die Entscheidungen für meine Kinder und ich trage auch die Verantwortung dafür, bzw. muss diese tragen. Das nimmt mir keiner ab. Auch wenn gefühlt jeder, wirklich jeder meint darüber urteilen und kommentieren zu dürfen. Dennoch: das allein macht meine Kinder nicht zur Gesellschaftssache.

Aber der Kontext, warum es zu diesem Blogbeitrag kam, ist ein anderer. In einer Internetgruppe berufstätiger Frauen erzählte eine Mutter, dass ihr eine kinderlose Kollegin sagte, Kinder seien Privatsache, das habe man doch vorher alles gewusst und ein Unternehmen könne nicht alle Sonderwünsche umsetzen, „nur“ weil Kinder da wären. Wenn ich mich recht erinnere, wurde Eltern-Teilzeit gleichgesetzt mit Teilzeit aufgrund erhöhtem Freizeitbedarfs.

Und nun? Sind Kinder immer noch Privatsache? Ich finde schon, natürlich. Aber der Umstand, dass ich nun Mutter bin, dass ich damit einen Beitrag für den Fortbestand der Menschheit (hoho) geleistet habe und das überdurchschnittlich (1,6 Kinder pro Frau in Deutschland, ich habe 2!!!) gehört m.E. nach nicht zwingend honoriert, aber mindestens akzeptiert und gewürdigt. Ich bin grundsätzlich ein Fan vom Prinzip dieses Sozialstaates. Der Grundsatz einer gleichmäßigen Förderung des Wohles und der gleichmäßigen Verteilung der Lasten aller Bürger ist doch ein guter. Das heißt jetzt nicht, dass ich finanziell so gut gestellt sein muss, wie ein DINC-Paar, DAS hat man tatsächlich vorher wissen können. Doch zunächst einmal sind Eltern zeitlich und organisatorisch mehr belastet und eine gewisse Flexibilität von Unternehmen und Arbeitskollegen zu erwarten, die ja ebenfalls von diesem Sozialstaat leben, kann doch nicht zu viel verlangt sein. (Wer hier den Zusammenhang zwischen Sozialstaat und plumper Rücksichtnahme sucht, der erschließt sich über die Rente).

In meinem Job klappt diese Rücksichtnahme/ Flexibilität überraschend gut. Ich bin höchst erfreut, dass Besprechungen, die mich betreffen, vorwiegend in meiner Anwesenheit angesetzt werden. Bewusst, nicht zufällig. Darf man das nervig finden als Kollege? Gewiss. Ich finde als Autofahrer schließlich auch die Fahrradfahrer störend und sitze ich auf dem Radl, finde ich die Autofahrer doof. Dennoch – sitze ich im Auto, achte ich darauf, den Fahrradfahrer nicht zu überfahren. Ich stelle mir vor, wie er so unter meinem Auto liegt und ich ihm zuraune: „Man, das hättest du dir vorher überlegen müssen, Radlfahren ist doch reine Privatsache!“

Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist wie immer – wir leben in einer Gesellschaft und da achtet man einfach auf den neben sich. Ob er Kinder hat oder nicht. Ich halte Menschen die Türe auf und helfe jemanden, seine Einkäufe ins Auto zu verladen, wenn er offensichtlich damit Schwierigkeiten hat. Das gebietet einfach der normale Menschenverstand.

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Im Vereinbarkeitsblog hat Sabrina wesentlich komplexer über das Thema gebloggt, als ich das jemals könnte: http://vereinbarkeit.wordpress.com/2013/12/04/kinder-sind-keine-privatsache/

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5 Antworten zu Sind Kinder reine Privatsache?

  1. Sabrina schreibt:

    Das Augenzwinkern im Beitrag gefällt mir.

    Ja, du hast Recht – Kinder sind (oder sollten) im Grundsatz Privatsache sein.

    Was mich persönlich ja sehr nervt, ist die *Unkenntnis* vieler kinderloser Personen – darüber, was Kinderhaben eigentlich bedeutet in unserer Gesellschaft. Diese ganzen Regeln, Vorgaben, Eingriffe – diese Unkenntnis nervt mich. Aber das hatten wir in besagter Gruppe schon geklärt 😉

  2. Kinder sind Teil unserer Gesellschaft, ebenso wie Behinderte oder Homosexuelle. Sie sind kein Haustier, das man sich anschafft und das man als Privatsache bezeichnen kann. Kinder sind einfach keine Sachen. Mich stört dieser Begriff, weil er zeigt, wie respektlos Kinder in unserer Gesellschaft behandelt werden.

  3. Pingback: Elternschaft geht uns arbeitsrechtlich alle etwas an! | WerdenundSein

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