Der dritte Tag

In meinem Familien- und Freundeskreis werden gerade fleißig Babys geboren. Fünf neue Erdenbürger nur im engeren Kreis. Vier der kleinen Menschen sind die ersten ihrer Art in ihrer Familie und ich stelle mit Erstaunen eine Entspanntheit an den Mamas fest, die mir gänzlich abging.

In der letzten Zeit dachte ich häufig über die ersten Tage mit meiner Großen nach. Fast 5 Jahre ist es her, dass sie bei strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher im Geburtshaus auf die Welt kam. Kaum fünf Stunden später lagen wir daheim im Bett, der kleine mir noch unbekannte Mensch neben mir. Ich war mit angelesenem Wissen randvoll und hoch motiviert, alles richtig zu machen.

Am berühmten dritten Babyblues-Tag kam dann alles zusammen. Ich wachte morgens (zum wiederholten Male) auf und die Tränen liefen schon. Aufgrund eines Todesfalls in der Schwiegerfamilie war ich den Tag über alleine daheim und meine Tochter erbrach sich zweimal hintereinander komplett. Ich war in heller Aufregung und typisch für solche Situationen, erreichte ich die Hebamme nicht. Ich war ratlos und auch verzweifelt, der Magen meiner Tochter musste leer sein und da ich gerade erst gestillt hatte, konnte ich ihr auch nichts Neues geben. Das „Problem“ löste sich dann sehr bald, meine Tochter schlief weiter und hatte zunächst keine weiteren Bedürfnisse. Die Hebamme rief irgendwann zurück und konnte mich auch beruhigen.

Aber mein Babyblues-Thema hängt mir bis heute nach. Da lag dieser kleine neue Mensch – meine Tochter. Von Gott oder wem auch immer gegeben, gesund und munter, vollständig und wunderschön. Ein Geschenk, ich habe nichts dafür getan, sie kam einfach so zu mir. Ein kleine reine Seele, noch völlig unbedarft, noch nichts erlebt, wie ein weißes Blatt Papier – und die Verantwortung erschlug mich mit einer Wucht, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Es war weniger die Verantwortung über ihre körperliche Gesundheit. Die wiegte auch schwer, doch vielmehr war es diese Reinheit der Seele/der Psyche/des Herzens, die mir zu schaffen machte, wusste ich doch, wie es ist, mit einer Vergangenheit zu leben. Aber meine Tochter hatte noch alles vor sich. Und ich weinte – um die Verantwortung, die so schwer lastete und vermutlich um meine Vergangenheit; zu wissen, wie es tatsächlich war und zu sehen, wie es hätte sein können.

Ein paar Jahre später erzählte mir eine sehr liebe Bekannte eine Geschichte, die es mir heute oft erleichtert, wenn ich an meinen hohen Ansprüchen knabbere.

Meine Bekannte war mit ihrer Tochter bei der Oma zu Besuch, als sie nach nebenan in die Küche ging und hörte, wie die Oma zur Enkelin sagte: „…dann hat die Oma dich nicht mehr lieb!“ Sie wurde stocksteif, hatte sie selbst viel zu oft gehört, wenn sie dieses oder jenes nicht täte, hätte ihre Mutter – jetzt Oma sie nicht mehr lieb. Während sie noch in der Küche verharrte und mit sich haderte, ob sie zu ihrer Tochter gehen soll, um sie vor größerem Schaden zu bewahren, hörte sie, wie ihre Tochter sagte: „Ach Oma, das glaube ich dir nicht!“

Und sie stand da und dachte: „War ich blöd! Ich habe es geglaubt!“

Was ich damit sagen will: Ja, ich habe Verantwortung. Dennoch liegt nicht alles in meiner Hand. Wie meine Kinder etwas aufnehmen z.B. nicht. Kinder kommen nicht wie ein weißes Blatt Papier auf die Welt, davon bin ich überzeugt. Sie haben schon einen gewissen Charakter und es ist auch unklar, wie viel sie von dem aufnehmen, was die Eltern noch so als Päckchen mit sich herumtragen. Und auch hier ist jedes Kind anders.

Je größer die Kinder werden, desto mehr erfahre ich, dass es viele äußere Einflüsse gibt, die ich nicht in der Hand habe. Und dass ich meine Kinder nicht vor allem schützen kann. Ich versuche, immer einen guten Kontakt zu ihnen zu haben, ich denke, das ist neben Liebe wohl fast das Wichtigste.

Auch, wenn meine Mutter nicht in der Lage war, ihren Erziehungspflichten nachzukommen, so hat sie zumindest eines geschafft: Sie machte mich zu einem liebenden Menschen. Vielleicht ist es manchmal das Einzige, was zählt.

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8 Antworten zu Der dritte Tag

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Jedenfalls ist ohne Liebe und Empathie alles nichts, wie bei Menschen, die nur egozentrisch um sich selbst kreisen.

    Das mit der schwer wiegenden Verantwortung nach der Geburt des ersten Kindes kenne ich auch. Ach, was hatte ich gelesen und gute Vorsätze. Es war nicht leicht, auch wenn der Babyblues an mir vorbeiging. Eigentlich, denke ich manchmal, bräuchten Erstlingsmütter eine Art „Coach“, der mehr tut als die Hebamme bei den Nachbesuchen. Jemanden, der Erfahrung mit Kindern hat und unaufdringlich Tipps geben kann. Mir hätte das geholfen.

    Viele Grüsse! Christine

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Die Idee ist sicher gut, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendwelche Tipps hätte gelten lassen. Was aber sicherlich hilfreich gewesen wäre: ein Austausch unter Gleichgesinnten. Zum Glück lernte ich sehr bald andere Mamas kennen. Denn in meinem Familien- und Freundeskreis war ich mit der Kinder-Nummer ein Pionier.

  2. Mama notes schreibt:

    Ohja, wie sehr einen die Verantwortung erschlagen kann, gerade beim ersten Kind, daran kann ich mich auch noch gut erinnern…. Als ich dann am Tag 4 nach der Geburt (KS) nach Hause wollte, hatte ich richtig Schiss und fragte mich, wieso „die“ mich jetzt einfach mit dem kleinen Baby weg gehen lassen…. 😉

    Das andere, was Du schreibst, gilt für jede Mutter. Wir sind besonders verantwortlich für die Seele und das Herz des Kindes. Das ist es ja, was eigentlich so schwer wiegt. Wie tröstlich ist da die Geschichte Deiner Bekannten!

  3. Ich erinnere mich, dass mir das vor 13 Jahren auch so ähnlich ging: Da hatte ich nun zwei kleine Bündel Menschlein, und ich war allein für sie verantwortlich. Es hat mich wahnsinnig gestresst, und zwar vor allem, weil ich in den letzten Schwangerschaftsmonaten wegen unterschiedlicher Symptome immer schlechter geschlafen hatte und am Ende fast gar nicht mehr (wegen Juckreiz am ganzen Körper). Ich bin also völlig übernächtigt und nervenschwach ins Muttersein gestartet, und die Schlafsituation wurde ja nach der Geburt keineswegs besser. Ich fühlte mich eigentlich konstant überfordert. Ich habe gerade in den ersten Jahren alles Mögliche falsch gemacht (sogar gehauen habe ich sie manchmal) und kriege immer noch das Heulen, wenn ich daran denke.
    Was mich getröstet hat, ist die Annahme (die mir von vielen medialen Menschen bestätigt worden ist), dass meine Kinder genau mich ausgesucht haben, weil sie genau das lernen wollten, was sie bei mir lernen können.
    Und alles war nicht falsch. Denn ich habe mich z.B. immer wieder entschuldigt, bin ihnen oft auf Augenhöhe begegnet, habe sie kaum je bestraft, habe durch GFK gelernt, mich einzufühlen (und sie bescheinigen mir, dass ich das gut kann), und wir haben sie auf eine Schule getan, wo es ihnen so wirklich gut geht (gerade heute habe ich gesehen, wie sie die Lernbegleiter zum Weihnachtsabschied umarmt haben, und K2 hat neulich gesagt, dass sie es blöd findet, dass die Ferien so lang sind).
    Und hey, meine Kinder sind glücklich, fühlen sich geliebt, lieben sich selbst, sind selbstbewusst, kommunikativ, können sich durchsetzen und haben Freunde! Was kann eine Mutter sich mehr wünschen?

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Michaela,

      vielen Dank für deinen ausführlichen und sehr offenen, ehrlichen Beitrag. Es ist unglaublich, wie wir uns selbst weiterentwickeln (müssen/dürfen) durch sie und mit ihnen. Ich bin immer wieder erstaunt, was sie an Gefühlen bei mir hervorrufen. Teilweise kannte ich diese gar nicht (z.B. Wut war mir z.B. vollkommen neu).

      GfK interessiert mich, kannst du mir zum Einlesen etwas empfehlen?

      Lieben Gruß,
      Tina

  4. Kirsten schreibt:

    Ich bin auch immer wieder erstaunt, wie locker meine – eigentlich eher unlockeren, zurückhaltenden – Kinder mit Schimpfen von ihren Großeltern umgehen. Man selber hört viel mehr , offensichtlich unnötige, Zwischentöne raus und kriegt schon leichtes Magengrimmen – und as Kind macht einfach einen Spruch und gut iss – und man denkt: „Ach, so einfach ist das“

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Kirsten,
      ich denke nicht, dass es so einfach ist. Ihr geht einfach mit unterschiedlichen Vorerfahrungen in solche Situationen und deshalb reagiert jeder anders. „Sowas“ baut sich mit der Zeit ja auf. Gut ist, wenn es einem dann auffällt, dann hat man die Möglichkeit, eine Änderung hervorzurufen, ohne dass die vorherigen Reaktionen jedoch ihre Berechtigung verlieren. Quasi wertungsfrei.
      Lieben Gruß
      Tina

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