Zwischen den Jahren…

Zwischen den Jahren – ich liebe diese Zeit, obwohl sie für mich auch eine große Schwere hat. Zwischen den Jahren hat sich 1982 mein ganzes kleines Leben von Grund auf verändert, als mich meine Mama zum nächstgelegenen Kiosk zum Einkaufen schickte:

  • 1 Fl. Flasche Limo
  • 1 Fl. Altbier
  • 1 Fl. Korn
  • Russisch Brot

Den Einkaufszettel werde ich mein Lebtag nicht vergessen, war er doch immer derselbe.

Ich zog los, zwei Straßen weiter war der Kiosk und besorgte wie beauftragt die vier „Sachen“.  Ich war 5 Jahre alt und auch, wenn inzwischen 31 Jahre vergangen sind und es damals ein bisschen lockerer zuging, wundere ich mich immer noch, wie man einer 5-jährigen eine Flasche Korn aushändigen kann. Immer wieder!

Ich schepperte wieder nach Hause, stieß unten die Haustür des 8-Familienhauses auf und klingelte oben an der Wohnungstür. Und wartete. Niemand öffnete. Ich klingelte wieder und wartete. Nichts. Ich hörte ein Geräusch von drinnen, dann nichts mehr.

Ich stellte die Einkaufstasche vor die Tür, setzte mich gegenüber auf die Stufen der Treppe und starrte wartend und hoffend die Wohnungstür an. Sie war dunkelbraun und hatte einen runden Türknauf und die Treppe hatte diesen typischen Mietshausflair, weiß mit dunklen Flecken drin. Das Geländer der Treppe war aus Metall, dünne Stäbe, schwarz, geschlungen und kalt.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort gewartet habe. Irgendwann fanden mich die Nachbarn der nebenliegenden Wohnung. Eine junge Familie mit kleinem Baby. Die Polizei kam und ich habe immer noch dieses Bild vor Augen, wie ich hinter den Beinen der Nachbarin stehe und den grünen großen Polizisten von unten her anschaue. Ich kann mich an das Gespräch erinnern: ob er mich mitnehmen soll und die Nachbarin verneinte, ich könne da bleiben.

Die nächsten Tage verbrachte ich in der Wohnung der Nachbarn, spielte mit dem Baby, ging zwischendurch zum Spielen nach draußen und klingelte und horchte hin und wieder an der Tür meiner Mutter. Sie öffnete nicht. In meiner kindlichen Vorstellung konnte ich mir darauf keinen Reim machen, ich wusste, sie war krank, viel zu oft hatte ich die vielen Flaschen versteckt, wenn es unverhofft klingelte, aber ich vermutete sie weiterhin in der Wohnung. Immerhin war doch auch die Einkaufstasche verschwunden. Mir hat niemand erklärt, dass sie im Krankenhaus ist und ich fragte nicht.

Am 2.1. kam eine Dame vom Jugendamt und holte mich ab. Sie brachte mich in eine Pflegefamilie, übergangslos, ohne Heimaufenthalt. Ich habe großes Glück gehabt. Nicht nur, dass mich diese Pflegefamilie aufnahm wie ein eigenes Kind, ich wuchs dort auf und blieb – mit einer Unterbrechung – bis ich mit fast 19 auszog.

Zwischen den Jahren – ich liebe diese Zeit. Alles geht langsamer, alles ist ruhiger. Die Welt steht ein wenig still, die Menschen rücken näher zusammen und manchmal tut man etwas herzliches, etwas, was man unterm Jahr vielleicht nicht täte. Vielleicht war das mein großes Glück. Zwischen den Jahren – da mahlen die Mühlen der Ämter nicht, da kann man dann auch mal ganz unbürokratisch bei der Nachbarsfamilie bleiben. Einer Nachbarsfamilie, die den weihnachtlichen Gedanken gelebt hat und der ich sehr dankbar dafür bin.

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Viel Weg für eine 5-jährige

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32 Antworten zu Zwischen den Jahren…

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Viel Weg für eine 5-Jährige, wirklich. Glück hast du gehabt, und es ist gut, dass du das auch so sehen kannst. ❤

    Sehr eindrücklich geschrieben.

    Liebe Grüsse, Christine

  2. Mama notes schreibt:

    <3!
    Mehr kann ich grad gar nicht schreiben… ❤

  3. zweibeinerin schreibt:

    Huff! Ich habe deinen Beitrag gerade leicht, unbeschwert und zwischen-den-jahren-beseelt angefangen und kurz darauf wurde mir ganz schwer und ich habe mich gefragt, ob ich es ertragen kann, weiterzulesen. Zum Glück habe ich es. Danke für die Schilderung deines „Glücks“. Ich bin immer wieder erstaunt, was alles im Leben doch noch gut werden kann. *ichdrückedich* und sehe deinen Beitrag als einen Grund mehr an, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Danke für diesen lieben Kommentar und schön, dass du dich getraut hast. Schwer machen wollte ich es keinem. Dein letzter Satz freut mich sehr, mit den eigenen Zeilen etwas zu bewirken, ist einfach riesig. Dankeschön!

  4. Frische Brise schreibt:

    Danke fürs Teilen.

  5. Sehr spannend und wirklich schön geschrieben. Ich frage mich die ganze Zeit, warum Dir niemand gesagt hat, dass Deine Mutter im Krankenhaus war und warum Du auch nicht gefragt hast. War Dir das klar, weil es schon einmal passiert ist oder hast Du Dich nicht getraut zu fragen, weil Du noch Schlimmeres befürchtet hast?

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich vermute, da kamen viele Dinge zusammen. Natürlich hatte unsere Familie schon eine Vorgeschichte und insgeheim wusste ich wohl, das was ganz gehörig nicht stimmte. Und dann kennst du es bestimmt, dass Kinder nur das fragen, was sie wirklich wissen wollen und vertragen können. Ich denke, meine Grenze war einfach erreicht. Es war in dem Moment einfach klar, dass ich nicht mehr zu meiner Mutter zurück kann. Was hätten mir die Nachbarn da schon erzählen sollen? Und hey, das Ganze ist 30 Jahre her, da hat man auch noch völlig anders mit Kindern geredet, als man es heute tut. Aber ganz ehrlich: münze ich es auf meine Kinder um, ich wüsste auch kaum, was ich erklären soll. Dass die Mama krank ist: ja. Aber dass sie sie lange nicht wiedersehen würden. Oh man. Da zerreißt es mich.

  6. Chris schreibt:

    Gänsehaut, echt jetzt…

  7. Das ist eine schöne Geschichte, auch wenn sie traurig ist. Aber traurige Dinge passieren leider immer wieder. Durch Dummheit, durch Bosheit, Zorn oder Zufall. Schön wird eine Geschichte, wenn in dem Traurigen Gutes geschieht, wie es bei Dir anscheinend der Fall war.

    Ich hoffe, daß ich auch so reagiere, wie es Deine Nachbarn getan haben, wenn es einmal nötig ist, und daß ich micht nicht vor so einer Aufgabe drücke, egal ob Weihnachten oder nicht. Ich wünsche allen Menschen in Not, vor allem den Kindern, solche Nachbarn, wie Du sie hattest.

  8. Frau Kreis schreibt:

    Deine Kindheitserlebnisse haben mir die Tränen in die Augen getrieben, nicht zuletzt deshalb, weil ich Ähnliches erlebt habe. Einkaufszettel mit Bier und Schnaps, das Toben, wenn ich nicht einkaufen wollte, die Mutter, die zu Hause hinter der Tür zusammengebrochen war. Meine Mutter hat mit dem Trinken begonnen, als ich 5 oder 6 war. Wenn es meine Großeltern nicht gegeben hätte, die mich immer mal wieder geholt haben, wenn es zu Hause zu arg wurde, ich weiß nicht, wo ich jetzt wäre. Bei allem Schmerz, den die Trennung von den Eltern im Bauch bedeutet, ist das Woanders-Aufwachsen manchmal doch sinnvoller … Meine Mutter ist im letzten Jahr gestorben, und sie hat es nie vollständig geschafft, ohne ihre Sucht zu leben. Danke fürs Teilen deiner Geschichte (und ja, auch bei mir ist es so, dass ich in der Zeit „zwischen den Jahren“ viel Zeit habe fürs Denken an die Vergangenheit und Bewusstmachung, dass mein Leben heute ein anderes ist)

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Frau Kreis,
      vielen Dank für deinen Kommentar, man wünscht so eine Erfahrung ja niemanden, aber es ist wohltuend, Gleichgesinnte zu finden. Dass deine Mutter gestorben ist, tut mir leid. Trotz allem bleibt man ja immer liebende Tochter, da kommt man ja nicht aus und so ist dieser Verlust trotz Vergangenheit ein schmerzhafter.

      Deine Weigerung, einkaufen zu gehen, verlangt mir Respekt ab. Das habe ich leider nie geschafft und mir lange vorgeworfen.

      Ich wünsche dir immer viel Kraft, mit den Geistern der Vergangenheit umgehen zu können.
      Herzliche Grüße
      Tina

  9. Pingback: Abhängen zwischen den Jahren: Besinnung, Ausblick und Link-notes : Mama notes

  10. Mia Sommer schreibt:

    Liebe Tina, ich habe das hier schon vor ein paar Tagen gelesen, aber mir fehlten einfach die Worte für einen Kommentar. Das tun sie auch jetzt noch, aber ich wollte Dich wenigstens wissen lassen, dass mir Deine Geschichte seit Tagen im Kopf rumspukt. Danke fürs Teilen! Komm gut ins neue Jahr!
    Liebe Grüße. Mia

  11. suse schreibt:

    Liebe Tina,
    das wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind.
    Danke, daß Du diese Geschichte geteilt hast mit uns. In einer Welt, die sich nicht oft hinter die Kulissen schauen läßt. In der alles Hochglanz ist und jeder eine Maske aufsetzt.
    Du hast großes Glück gehabt, daß Dich Deine Kindheit bis zu diesem Zeitpunkt nicht so negativ geprägt hat, daß die Erlebnisse Dein ganzes Leben überschatten. Dass Du trotzdem Deinen eigenen Kindern ein liebevolles Zuhause bieten kannst. Hut ab!
    Und einen guten Rutsch!
    Liebe Grüße
    Suse

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  14. Mamamania schreibt:

    Puh. Mein Herz klopft und ich muss schwer schlucken. Du hast eine ganz besondere Art, das zu schreiben. Ging direkt ins Herz, wenn auch schwer…

  15. feierSun schreibt:

    Mir stockt der Atem – zwischen den Jahren ist wirklich eine Magische Zeit und auch wenn unser Pflegebub Anfang Dezember zu uns kam – zwischen den Jahren hat beim Herz entscheiden das ich kämpfen werde und er bleiben kann / darf / soll – MUSS.

    Ich kannte den Artikel noch nicht und habe Gänsehaut. Hast Du die Nachbarin jemals wieder getroffen? Ich denke manchmal noch sehr an die Menschen die mich zwischen den Heimaufenthalten und in diesen Begleiteten. Manchmal möchte ich sie kontaktieren – einfach Danke sagen…..

    Hab tolle Tage zwischen den Jahren und genieße Dein Glück!!!

    Liebste Grüße
    JesSi Ca

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  20. Danke, dass Du den Artikel noch mal geteilt hast. Weißt Du, ich denke manche Leute müssen in ihr Glück stolpern – damit meine ich Deine Nachbarn von damals. Wenn ich so nachdenke: Würde ich in einer solchen Situation genau so handeln? Ja klar! Aber selber hinaus gehen und bewusst z.B. als Pflegemutter noch jemanden ins Haus holen, wo ich grade selber ständig an die Grenzen gerate? Eher nicht. Aber wenn jemand an die Tür klopft, bestimmt.

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