Lästige Gefühle

Es gibt Tage, da empfinde ich Gefühle als lästig. Weil ich stundenlang über einen Kommentar grübel, den ich persönlich nehme. Dass ich diesen überhaupt persönlich nehme. Weil ich in Situationen dastehe, wie ein Kalb, wenn es blitzt und reaktionsunfähig bin, während mich Scham oder Wut blockieren. Hin und wieder nehme ich wahr, wie ich mich in einer Situation unwohl fühle, doch was genau los ist, verstehe ich erst viel später. Weil ich eine Argumentation vergesse, als mich mein Gegenüber lobte und ich mit Freuen beschäftigt war. Je nach Gesamtsituation fange ich an, mich selbst zu „hassen“, weil irgendwas schief läuft und ich in einem Gefühlschaos stecke, das für den Moment unlösbar erscheint.

In der letzten Zeit habe ich viel über Wahrheit nachgedacht und schon in meinem Blogpost „Wahrheitskugel“ vermutete ich, dass es DIE eine Wahrheit gar nicht gibt. Davon bin ich immer mehr überzeugt. Die Wahrnehmung ist dicht an Erfahrungen und den damit verbundenen Gefühlen gekoppelt und je nach dem, wie diese ausgefallen sind, nehme ich eine Situation – plump ausgedrückt – als gut oder schlecht wahr. Wobei mir klar ist, dass das schon eine Wertung ist. In vielen Gesprächen stelle ich fest, dass mein Gegenüber eine Situation völlig anders als ich erlebte, obwohl wir beide zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren. Was ist da nun wahr?

Aus dieser Überlegung heraus fände ich es spannend, einmal einen Tag so zu sein wie der Androide Data vom Raumschiff Enterprise – keine Gefühle, einen Tag lang. Sagen wir ab dem Aufwachen bis zum nächsten Aufwachen. Aber kann ich dann am nächsten Tag beurteilen, ob es gut war?

Was bleibt von uns, wenn wir keine Gefühle mehr haben? Nehmen wir einen Tag mit all seinen Erlebnissen überhaupt wahr? Und wenn ja, wie? Ist es so, wie beim Zeitung lesen? „Tatsachen“, die sich aneinanderreihen? Wobei „Tatsachen“ im Zusammenhang mit Zeitung vielleicht etwas schwierig ist. Vielleicht ist es wie beim fernsehen? Was bleibt übrig, wenn wir ohne Gefühl sind? Reines Wissen? Kann ich plötzlich gigantisch gut argumentieren, weil mich Gefühle nicht mehr beeinflussen oder blockieren? Kann ich dann noch einschätzen? Gibt es noch Moral? Nimmt Jeder alles gleich wahr?

Da drängt sich die Frage auf, was sind denn überhaupt Erlebnisse? Sind Erlebnisse Gefühle? Ist Erlebtes nur ein Erlebnis, wenn es mit Gefühl einhergeht? Und ist das Gehirn überhaupt fähig, Erlebnisse ohne Gefühl abzuspeichern? Wir wissen, dass die besten Lernerfolge erzielt werden, wenn man Freude am Lernen empfindet. Darf man umkehrschließen, dass ohne Gefühl kein Lernen stattfindet?

Fragen über Fragen – ein sehr spannendes Thema. Bei all diesen Überlegungen ist mir klargeworden, dass es um Vermeidungsdenken geht. Ich denke oft in „Ganz oder Gar nicht“, „Schwarz oder Weiß“. Es gibt sicher noch einen Schritt dazwischen, nämlich zu lernen, mit Gefühlen umzugehen. Sich davon nicht wegschwemmen zu lassen. Versuchen, „bei sich zu sein“, damit ich auch in Situationen an mir wahrnehme, was passiert und auf Basis dieser Wahrnehmung handeln kann. Eine Erkenntnis, die ich versuche, für mich umzusetzen. Und für meine Kinder, sie darin zu stärken, dass Gefühle jeglicher Art okay sind, sich nicht gegen sich selbst zu stellen und sich selbst zu mögen.

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8 Antworten zu Lästige Gefühle

  1. Volker Dobler schreibt:

    Ein möglicher Denkansatz ist, wenn „Gefühl“ und „Emotion“ nicht als Synonym verwendet wird.
    Ich denke, ein Tag ohne Gefühl geht schon (siehe manche Art von Autismus) – aber ohne Emotionen geht es nicht.
    Das Gehirn verarbeitet nur Dinge, die einen emotionalen Wert haben. Das kann Freude, Trauer etc sein, aber auch Neugier, Abenteuer, Sauberkeit, Heimat etc sein.

    • siggiro schreibt:

      Genau deshalb unterscheiden Wie uns von kalter Materie. Die Emotion aus Angst Oder aber und Zweifel geboren, die Überwindung von diesem durch Mut und Selbstbeherrschung. Ein Tag ohne Gefühl ist ein verlorenet Tag. Für mich wäre er ein Tag ohne ein Kinderlachen.

      Gefühl ist Leben. Warum einen Tag tot sein?

      • vomwerdenzumsein schreibt:

        Hallo Siggiro,
        mir ging es darum, den Unterschied zu erleben, deshalb. Und ja, dass dann auch die positven Erlebnisse ausblieben, dessen war ich mir bewusst.
        Viele Grüße,
        Tina

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Volker,
      danke für deinen Kommentar. Du hast mich daran erinnert, dass Gefühl und Emotion ja nicht dasselbe ist.
      Gruß, Tina

  2. Momatka schreibt:

    Das Grübeln über vergangene Ereignisse kenne ich auch. Dabei ist das Grübeln und Festhalten an diesen Gefühlen (also an Ärger, Wut, Irritation, weil ich nicht so reagiert habe, wie ich es mir später wünsche) doch eigentlich reine Energieverschwendung. Jemand sagte mir mal, es wäre so, als würde man eine glühende Kohle in der Hand halten, anstatt sie loszulassen (oder auch in Richtung des Angreifers zu schleudern). Wenn ich ins Grübeln komme versuche ich immer daran zu denken. Entweder entgegne ich eben verspätet oder ich versuche das Gefühl loszulassen (in der Hoffnung, in der Zukunft besser zu reagieren).
    Auf meine Gefühle zu verzichten, könnte ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Vielleicht auf eigene Unsicherheiten, aber auf Gefühle – keinesfalls! 🙂
    Liebe Grüße, Momatka

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Momatka,
      dauerhaft kann ich mir das auch nicht vorstellen. Es sollte eher ein Experiment für einen Tag sein, um den Unterschied zu erleben, das stelle ich mir spannend vor. Wenn man ihn den erleben könnte. Das Beispiel mit der Kohle ist ein Gutes und ich bin mir in dem Moment bewusst, dass es unsinnig ist. Aber Wissen und Tun…. hach ja. Meistens ärgert man sich ja auch nicht darüber, was der andere gesagt hat, sondern darüber, wie man sich dabei gefühlt hat, dass man nix Kluges entgegnen konnte oder dass es einem überhaupt etwas ausmacht.
      Viele liebe Grüße,
      Tina

  3. Simone von KiKo schreibt:

    Gefühl hat was mit fühlen zu tun! Ich litt sehr lange an Morgenübelkeit mit massiven Kreislaufproblemen! Nachdem 6 Spezialisten Alles ausschließen konnten was sie auf Ihrem Gebiet hätten finden können, bekam ich Antidepressiva in superniedriger Dosierung! Einfach um die Übelkeit nicht mehr zu fühlen. Ex hat geholfen, aber ich fühlte auch sonst nichts mehr. Keine Enttäuschung, kein Ärger, keine Freude, keine Wut, keine Liebe, kein genervt sein (das hat meiner Familie wahrscheinlich gefallen *kicher*). Und all das habe ICH gar nicht bemerkt. Mir war nur aufgefallen das ich perfekt durchgeschlafen habe und die Kinder nicht gehört habe wenn Nachts was war. Ich war wie in Watte gepackt und habe das gar nicht gemerkt! Bis mich mein Schwager auf einer Feier zur Seite nahm und darauf angesprochen hat. Ich wäre so still und … „Anders“, ob alles o.k. wäre. Und da fing ich an nachzudenken und habe es selber gemerkt. Habe dann die Tabletten ausgeschlichen und dann war mir zwar wieder schlecht, aber ich fühlte wieder, und DAS war mir ECHT wichtiger!

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