Rechtssitzer

Es war einmal in einem kleinen bayrischen Dorf anno 2012, als meine Familie und ich in die Kirche mussten. Es war mein erstes Mal, nein, nicht in der Kirche, aber in dieser Kirche, in diesem Dorf und räusper… auch in jenem Jahr.

Als wir ankamen, war die Kirche schon gut gefüllt, der Anlass war ein trauriger. Nun ist man als Mutter mit zwei Kindern ja nicht immer mit voller Konzentration bei der Sache und unaufmerksamerweise verlor ich meinem Mann am Eingang aus den Augen. Die meisten Trauergäste saßen bereits und da, ich entdeckte meinen Mann neben meinem Schwiegervater weit entfernt in den vorderen Reihen. Mit je einem Kind rechts und links bewaffnet, klackerte ich mit meinen schwarzen Stöckelschuhen vom hinteren Eingang durch die gesamte Kirche. Jetzt ist es ja so: Während man in den Reihen sitzt und auf den Beginn des Gottesdiensts wartet, hat man nicht allzu viel zu tun. Smartphone ist nicht und so ist man dankbar um jede Ablenkung. Akustisch auffällig zog ich einige Blicke auf mich, während ich dahinging. Klack klack klack klack klack. In der Mitte bog ich rechts ab, den Mittelgang meide ich immer. Vorne an der Ziel-Bank angekommen, in der bisher nur mein Mann und mein Schwiegervater saßen, stutzte ich und verharrte in der Bewegung. Mein Mann schaute mich an – fragend und leicht irritiert und ich schwöre, seine rechte Augenbraue zog sich einen Millimeter, für alle anderen unsichtbar, nach oben. Mich schauten gefühlte 270 Augenpaare an, die von meinem Schwiegervater und meinem Mann und 268 mir unbekannte, ja es war eine ziemlich große Kirche. Ich schaute mich um und erkannte das Muster: Rechts nur Männer, links nur Frauen! Dunkel erinnerte ich mich, in irgendeinem Geschichtsbuch davon gelesen zu haben und auch in meiner Kindheit vor 30 Jahren in Nordrhein-Westfalen war es mal ähnlich.

Ich stand an der Bank, rechts und links ein Kind an der Hand und es wurde still – sehr still. Ich war durch die gesamte Kirche gestöckelt und im Begriff, mich in eine Bank zu schieben, die mir nicht gebührte. Gefühlte 15 Minuten vergingen. Wo ist nur immer dieses Loch, wenn man es braucht? Ich schluckte, lächelte angemessen und schob souverän die Große zu ihrem Papa und flüsterte: „Sie hat dich gesucht!“ Nahm die Kleine an die Hand, drehte mich um und ging erhobenen Hauptes durch die gesamte Kirche auf meine Seite.

Und die Moral von der Geschicht: es ist egal, was du tust, es kommt nur darauf an, wie du dabei guckst.

Quelle: http://www.life40up.de/

Bild: Valérie Müller – http://www.life40up.de/

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13 Antworten zu Rechtssitzer

  1. Sehr schön! Das hätte von mir sein können. Wann immer man in eine peinliche Situation gerät gilt: Lächeln, immer nur lächeln und so tun, als wäre es keine peinliche Situation. Ich gebe demnächst Kurse, da scheint Bedarf zu sein ;-).

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Oh ja, Bedarf ist da. Ich überlege gerade, eine eigene Kategorie im Blog dafür zu eröffnen, ich hätte da noch so ein bis drei Geschichten. Nicht so katholisch, aber mindestens so peinlich 🙂

  2. Mama notes schreibt:

    Haha 🙂 Das es heutzutage sowas noch gibt?! Pffffft Du Arme! 😉

  3. Katharina schreibt:

    Wie meine Oma selig sagte: Bauch rein, Brust raus, Lächeln als obs das Leben gälte.

  4. Mamatanzt schreibt:

    Bildungslücke! Ich wusste wirklich nicht, dass es geschlechterspezifische Sitzbanktrennung noch gibt. Und Kompliment: Problem hervorragend gelöst!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Bei hoch frequentierten Kirchen-Anlässen, wie Ostern und Weihnachten lockert sich diese Regel auch, da sitzen dann die Familien zusammen und jeder einfach da, wo Platz ist. Aber an normalen Sonntagen oder einer Beerdigung ist die Welt noch in Ordnung: Frauen links, Männer rechts. Damit sich die Geschlechter gegenseitig nicht ablenken, wie sich das gehört. 🙂

  5. Kerstin schreibt:

    wozu Kinder doch so alles gut sind bzw. herhalten müssen 🙂
    Tja, das mit den „Kirchenregeln“ ist so eine Sache. Ich bin immer mit dem Aufstehen und Setzen und Knien völlig überfordert und mache es dann meist falsch.
    Liebe Güße, Kerstin

  6. Pingback: Liebster Award – 11 Fragen über mich. | WerdenundSein

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