Der verschluckte Glücksstein

Mit Kindern erlebt man Situationen, die kann man sich nicht ausdenken. Zum Beispiel jene einen Tag vor unserem Umzug im Juli 2012. Ich hatte die Kinder erfolgreich ins Bett gebracht und war mächtig im Stress, weil noch einiges vorzubereiten war. Ich wollte bis zum Anrücken der Umzugshelfer am nächsten Tag alles verpackt haben und da gab es noch sehr viel zu tun. Ich stand gerade in der Küche, als von oben ein klägliches Weinen zu hören war. Die Große, zu dem Zeitpunkt 3 Jahre alt, stand oben an der Treppe und schluchzte: „Mama?! Ich hab ihn verschluckt.“

Ich gestresst und ich gebe zu, ungeduldig: „Was?“

„Den Glückstein. Ich hab ihn verschluckt.“

„Wie?! Du hast ihn verschluckt?!“ Manchmal glaube ich selber kaum, dass ich einen höheren Schulabschluss habe.

„Der Glückstein, der ist weg!“

Es war 20 Uhr. Ich zählte von zehn runter. Es half nix. Ich zählte nochmal. Und atmete: Ein und Aus. Das Kind schluchzte, wohl mehr wegen des unglaublichen Verlustes, als um die Tatsache, dass ein Glas-Dekostein allerbester China-Qualität nun in ihrem Bauch war.

Ich reagierte zunächst pädagogisch sinnvoll und besonders sachlich: „Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, du sollst den Stein nicht in den Mund nehmen!“, schimpfte ich.

Der Stein war klein, rund, ohne Ecken und Kanten, vermutlich aus bedenklichem Material und in meiner Phantasie machte die Magensäure daraus etwas scharfkantiges und ziemlich giftiges, das äußerst ungut für mein Kind war. In Gedanken weckte ich schon die Kleine (1) und fuhr ins Krankenhaus. Sowas passiert ja nie, wenn es gerade günstig ist, wenn es einen solchen Zeitpunkt überhaupt gibt.

Ich dachte kurz darüber nach, ob Erbrechen eine Option wäre und verwarf den Gedanken gleich wieder mangels Durchführbarkeit bei einer Dreijährigen. Also rief ich im Krankenhaus an. Ein Arzt rief mich bald zurück und klärte mich auf, dass man nicht einmal einen Nagel „bergen“ würde und ich solle warten und im Laufe der Tage den Stuhl kontrollieren. Tauche der Stein innerhalb von zwei Tage nicht auf, solle ich mich wieder melden.

Ich tröstete meine Tochter, erklärte ihr, wir müssten nun warten, der Stein tauche wieder auf und schickte sie wieder ins Bett. Ich scherzte noch, dass sie ja nun den Glückstein ganz nah bei sich trage und er immer bei ihr sei.

Am nächsten Tag holten Oma und Opa die Kinder ab. Ich unterrichtete sie über den erweiterten Betreuungsauftrag und bot ihnen an, die Windeln (falls vorhanden) selbst zu untersuchen, aber sie zuckten nicht einmal und gingen äußerst patent auf Schatzsuche. Der Tag blieb jedoch erfolglos.

Am Tag darauf war es so weit. Ich wickelte und zog mich mit meiner Beute auf den Balkon zurück und suchte. Demut und Elternteil-sein liegen ganz nah beinander, sowas weiß man, während man … ach, ihr wisst schon. Ich wurde fündig und barg den Schatz. Mein Große war überglücklich und strahlte und verkündete stolz: „Mama, i hob den Stoa aussa g’stunga!“ [bayr.: Mama, ich habe den Stein rausgestunken].

Ein Glücksstein – eine Frage der Perspektive. Ich vermute, der Stein definiert Glück eher in einer Glasschale, eine Kerze umsäumend. Aber hey, er ist quasi der erste Mann auf dem Mond unter den Glassteinen, er war dort, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Man kann nicht alles haben.

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4 Antworten zu Der verschluckte Glücksstein

  1. linsensicht schreibt:

    eine herrliche Anekdote

  2. Mara schreibt:

    Hihi, solche Erlebnisse einen uns alle, oder?
    Unser Glücksstein (bei uns: Muggelstein) ist nie wieder aufgetaucht, aber wir waren immerhin zweimal beim Arzt wegen ihm. Liebste Grüße von Mara!

  3. Patty schreibt:

    Ente gut …
    Ich darf mir in den Ärztebesprechungen jede Woche mindestens ein kindliches Röntgenbild inkl. interessanter Gegenstände und inkl. Ärztekommentare ansehen/anhören. Spannend!

  4. Rosalie schreibt:

    Oh ja, kinderlose wissen gar nicht, wie verrückt das Leben wirklich sein kann! Am Ende heißt es so oft: Stein gut, alles gut.

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