Ohne Opfer keine Täter – Kinder stark machen

Ich bin ein Fan davon, seinen Kindern viele Freiheiten zu lassen. Zum einen ist es sehr spannend, was dabei herauskommt, wenn Kinder alleine tätig werden, zum anderen schafft es mir Freiräume. Meine Kinder sind fast fünf und drei und seit der Frühling und die neuen Nachbarn mit Kind eingezogen sind, sind meine Kinder die meiste Zeit im Garten – allein. Ich schaffe wieder ganz viel, auch wenn ich alle fünf bis zwanzig Minuten aus dem Fenster schaue, um zu sehen, ob meine Kinder noch da sind oder ob das Gebrüll da draußen erwachsene Begleitung braucht.

Ich dachte, ich sei locker, umso überraschter war ich von meinen plötzlich auftretenden Gefühlen der Sorge. Von allen Seiten kommen die Nachbarn, die den Kindern etwas zustecken und nicht immer bekomme ich mit, was und wie viel. Zwar kommt die Große und fragt mich, ob sie den Schokoriegel essen darf, aber dass ich nicht alles mitbekomme, weiß ich seit dem Tag, an dem meine Tochter fünf Trinkpäckchen konsumierte, die sie wohlgemerkt nicht von mir hatte.

Nachbarn ist das eine, aber was ist, wenn mal jemand anderes kommt und den Kindern etwas anbietet? Wenn dieser jemand keine guten Gedanken hat? Unser Garten ist offen und liegt zur Straße hin.

Ein anderer Aspekt: Die Große mit ihren fast fünf Jahren ist naturbedingt immer mehr alleine in Haushalten unterwegs, die mir unbekannt sind. Sie ist auf Kindergeburtstage eingeladen oder fährt nach dem Kindergarten zu einer Freundin.

Ich habe keine konkreten Sorgen oder Verdächtigungen. Dennoch nehme ich an mir wahr, wie das zunehmende Flüggewerden der Kinder und das mir Unbekannte mich umtreiben und ja, überraschenderweise ein wenig überfordern. Wie entspannt es war, als ich noch alles im Griff hatte, weil der Dunstkreis so klein und geschützt war. Mir ist klar, dass das zunächst einmal mein Problem ist und ich meine Ängste nicht unreflektiert an meine Kinder übertragen darf. Obwohl ich wusste, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem ich meine Kinder auf das „da draußen“ vorbereiten muss, merke ich jetzt, wo er da ist, wie viele Fragen das Thema aufwirft.

Wie bereite ich meine Kinder darauf vor, dass nicht alle Menschen gute Absichten haben, ohne sie zu verängstigen? Wie viel Information ist gut, was ist schon zu viel des Guten? Wie mache ich meine Kinder stark, ohne sie in eine ständige Alarmbereitschaft zu versetzen?

Ich habe der Großen beigebracht, dass ein gutes Geheimnis nur eines ist, das im Bauch gut tut. Alle anderen Dinge darf sie mir immer erzählen, auch wenn ein anderer behauptet, man dürfe es nicht tun.

Kuscheln, Bussis geben usw. erfolgen immer freiwillig, egal ob Mama, Papa oder Oma. Ein Nein reicht aus und wird ernstgenommen. Das kommuniziere ich auch umgekehrt, wenn ich mal nicht will. Wird mein Kind im Supermarkt angefasst und wendet sie sich ab, kommentiere ich das unterstützend mit „Recht hast du!“.

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Ich habe mich mit anderen Müttern über meine Ängste unterhalten und einige Tipps, die mir besonders wichtig erscheinen, möchte ich hier aufführen. Sie sind einleuchtend und dennoch stehen Sie nicht in den üblichen Ratgebern. Deshalb halte ich sie für besonders nennenswert.

Laut den Profilstudien der Polizei suchen Täter immer nach Opfern. Ohne Opfer kein Täter. Angst lähmt den Menschen und macht ihn handlungsunfähig. Ein selbstbewusster Mensch kommt daher weniger in Frage und kann einen möglichen Täter meist abwehren.

Deshalb: Menschen sind nie generell gut oder böse. Menschen machen Fehler und zwar alle Menschen. Du, ich und auch unsere Kinder. Wichtig ist, dass Kinder wissen, was richtig und was falsch ist, und dass jeder Mensch selbst über sich bestimmt. Kinder können das gut lernen, indem sie z.B. mit niemandem kuscheln müssen, wenn sie nicht wollen. Genauso kann auch die Mama oder sonst wer mal „Nein“ sagen, wenn das gerade nicht passt.

Kindern sollten die richtigen Namen für P*en*is und S*chei*de kennen. Kinder, die sich hier unmissverständlich ausdrücken können, sollen weniger gefährdet sein. [Nachtrag: ich musste den Text nachträglich editieren, weil ich bereits einen Suchbegriff im Blog hatte, der nichts Gutes ahnen ließ. Ich hoffe, so reicht es aus, um mir weitere Anfragen zu ersparen.]

Kinder für das Thema ihres Körpers sensibilisieren und dass niemand über ihn bestimmen darf außer ihnen selbst.

Immer da sein, wenn das Kind etwas beichtet, besonders dann keine „Welle“ machen. Wenn sie wissen, dass sie immer mit allem zur Mutter/zum Vater kommen können, werden sie das auch dann tun, wenn ihnen etwas Seltsames passiert ist. (Danke an dieschlimmehelena.wordpress.com)

Hier gibt es noch viele weitere Informationen für Eltern, Lehrer usw.: http://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de/informationen

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5 Antworten zu Ohne Opfer keine Täter – Kinder stark machen

  1. minulinu schreibt:

    Danke für die Anregungen! Meine Jungs zählen noch zu den Kleinen, aber ich denke schon darüber nach welche Möglichkeiten ich als Mama habe, die beiden stark zu machen, zumal beide total auf Kekse/Kuchen/Schokolade abfahren…noch sind sie vorsichtig bei Fremden (naturgemäß), aber was, wenn sich das ändert?
    Schön, dass Du das geteilt hast!
    Minusch

  2. Mama spinnt schreibt:

    Der Ansatz, Kinder gar nicht erst in die Opferrolle rutschen zu lassen, ist aus meiner Sicht genau richtig und der einzige der wirklich funktionieren kann. Wir können unsere Kinder noch gut beaufsichtigen, wenn sie klein sind, aber später wird das schwieriger. Ich möchte keine Helikopter-Mutter werden… Außerdem ist es wichtig, dass sie über ihren Körper Bescheid wissen und altersentsprechend aufgeklärt sind.
    In diesem Zusammenhang folgende Gedanken: Kinder werde eher Opfer, wenn ein potentieller Täter bemerkt, dass sich niemand um sie kümmert. Es gibt leider Kinder, die sind auf sich allein gestellt (aus welchen Gründen auch immer). Ich habe so eine Situation mal beobachtet. Ein Mädchen spielte alleine auf dem Spielplatz, die Mutter war zwar auch im Park, war aber nicht interessiert am Kind. Ein Mann hat sich eine Weile sehr intensiv mit diesem Mädchen unterhalten, was mir merkwürdig vorkam. Ich konnte ihn auch keinem der Kinder auf dem Spielplatz zuordnen. Ich bin zu dem Mädchen hingegangen, habe es angesprochen und gezeigt, wo die Mutter gerade ist. Der Mann war ganz schnell weg. Sie hat von der ganzen Situation nichts mitbekommen, ich habe es aber der Mutter gesagt. Leider kein Interesse. Wir sollten auch auf andere Kinder achten, die ansonsten alleine wären. Wir stärken und schützen sie damit.
    Wäre der Mann übrigens ein Onkel etc. gewesen, hätte er sich sicher vorgestellt und wäre nicht gleich weggelaufen. Ich habe ihn auch nicht beschuldigt, da ich ja nicht wusste, ob er vielleicht zu dem Mädchen gehört. Er hat aber gemerkt, dass ich jemand kümmert. Keine nachhaltige Lösung, ich weiß, aber alles was ich tun konnte.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Vielen Dank für deine positiven Worte zu meinem Beitrag, das tut gut. Ich habe nämlich schon ein wenig einstecken müssen, z.B. für die Überschrift, die signalisiere, Opfer seien selbst schuld.

      Deine Situation auf dem Spielplatz zeigt, wie wenig manchmal nötig ist, um schon Änderungen zu bewirken. VORHER. Und darüber hinaus gibt es leider Situationen, die hat man einfach nicht im Griff. Schlimm genug.

      • Mama spinnt schreibt:

        Ich finde es gut, dass Du diesen Text geschrieben hast, so wie er ist und mit dieser Überschrift. Die Überschrift trifft es doch genau! Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man sich in eine Opferrolle hineinbegeben kann -unwissentlich und unwillentlich- und somit quasi “ausgesucht” wird. Das hat aber NICHTS damit zu tun, dass das Opfer Schuld hat, an dem was passiert. Die Schuld liegt IMMER beim Täter. Und erst recht und sowieso, wenn es sich um Kinder handelt. Es hat viel mehr mit Verantwortung zu tun. Verantwortung der Erwachsenen (der Eltern), das Kind so zu stärken, dass es nicht in diese unwissentliche und unwillentliche Opferrolle gerät.

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