Was Sterbende bedauern

Es gibt da diesen Zeitungsausschnitt. Der auf Twitter verbreitete Artikel handelt davon, dass eine Palliativ-Pflegerin zusammentrug, was Sterbende am meisten bedauern. Fünf Dinge – so heißt es in dem Artikel – zur Erinnerung:

1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, wirklich mein eigenes Leben zu leben.

2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.

3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, anderen meine Gefühle auszudrücken.

4. Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.

5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

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Seit einigen Wochen denke ich immer wieder mal darüber nach. Darüber, warum dieser Tweet mit dem Zeitungsausschnitt eine solche Begeisterung auslöst , warum er so oft geteilt wird, warum wir solche „Erkenntnisse“ so gerne lesen und was das überhaupt bringt. Ich habe ein kleines Problem mit dieser Botschaft und ich habe eine Zeitlang dafür gebraucht herauszufinden, warum.

Diese Erkenntnisse werden in die Welt hinausgetragen und viele meinen, sie für ihre jetzige Lebenssituation beherzigen zu können. Das mag für eine Zeitlang gehen, wenn man noch in dieser Aufmerksamkeit steckt und so berührt ist. Doch dann folgt man wieder diesem Leben mit all seinen Herausforderungen und vergisst. Irgendwann ist man vielleicht sogar frustriert, denn man hat es ja schwarz auf weiß gelesen, wie es ginge. Warum tut man es dann nicht einfach?

Ich denke, weil es nicht geht. Weil ein Sterbender natürlich einen völlig anderen Fokus hat, er schaut zurück und vieles relativiert sich. Das kann man nicht mit einem vergleichen, der mitten im Leben steckt, nach vorne schaut und die Konsequenzen seines Handelns aushalten muss. Wenn wir es wirklich könnten, unser eigenes Leben zu leben, weniger zu arbeiten, anderen unsere Gefühle auszudrücken, Freundschaften aufrechtzuerhalten und glücklicher zu sein, dann würden wir es doch jetzt schon tun!

Jeder sollte Verständnis für seine jetzige Situation aufbringen. Es ist eine andere, als die eines Sterbenden. Die fünf Punkte eignen sich zum Innehalten und vielleicht kann man für sich prüfen, ob die eigene Richtung noch stimmt.

So könnten die Fragen für die Lebenden lauten: Lebe ich jetzt mein eigenes Leben? Wenn nein, will ich das ändern? Kann ich es ändern, bin ich dazu in der Lage? Vielleicht wird es so sein, dass ich am Ende meines Lebens bereue, zuviel gearbeitet zu haben und erkenne, dass Arbeiten nicht alles ist und andere Dinge rückblickend wichtiger erscheinen. Aber empfinde ich jetzt schon so? Wenn mich meine Arbeit jetzt erfüllt, dann ist das für den Moment genau so richtig. Um den Mut zu haben, anderen meine Gefühle auszudrücken, muss ich diese erst einmal kennen. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, aber bei mir vergeht schon mal einige Zeit, bis ich mir diverser Gefühle wirklich klar bin. Kann ich heute aushalten, sie meinem Gegenüber mitzuteilen, auf die Gefahr hin, dass er diese Gefühle nicht erwidert oder gar als unangemessen empfindet? Will ich das wirklich?

Das meine ich mit Fokus, wenn es endlich wird, will man etwas zurücklassen, man ist mehr denn je auf Liebe angewiesen, man will verständlicherweise nicht alleine sein. Man will etwas Gutes getan haben und so liegt der Gedanke nahe, dass man anderen seine Gefühle ausdrücken und Kontakt zu seinen Freunden will. Das bedeutet aber nicht, dass man deshalb früher einen Fehler beging. Zumal im zwischenmenschlichen Bereich alles immer mindestens zwei Seiten hat, während ich am Ende aber mein alleiniges Fazit ziehe.

Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein. Wann ist man das? War ich glücklich, wenn ich am Ende meines Lebens dastehe und nichts hätte besser machen können? Ich denke, so funktioniert das Leben einfach nicht: Fehler machen und diese zu erkennen, genau das ist Leben. Sich und seine Fehler anzunehmen, das wird wohl Glück sein. Und zwischendrin einfach mal genießen, dass mir das viele Arbeiten Spaß macht, mich erfüllt, mir Bestätigung  bringt. Und zu erkennen, wann es nicht mehr so ist und den Mut zu haben, dann eine Änderung herbeizuführen, ohne das Vorher in Frage zu stellen.

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9 Antworten zu Was Sterbende bedauern

  1. KiezkickerDe schreibt:

    Natürlich unterscheidet sich die Gedankenwelt von Sterbenden von denen von Leuten, die mitten im Leben stehen – das ist ganz natürlich und im Grunde genommen auch nicht verwunderlich oder “schlimm”.
    Gleichwohl kann es nicht schaden, sich auch als jemand, der (vermeintlich) mitten im Leben steht mal zwischendurch damit auseinander zu setzen, wie andere ihr Leben in einer Extremsituation (vielleicht auch anders) beurteilen. Ich habe die aktuelle Diskussion, auf die du hier anspielst, nicht mitbekommen, mir wurde einfach nur dein Tweet, der diesen Artikel announcte in meine Timeline gespült – aber ich musste sofort an das Buch mit der ISBN 3783133939 denken, was ich vor einiger Zeit gelesen habe – und was mein Leben insofern verändert hat, als das ich es nun etwas bewusster wahrnehme – schon bevor ich mit in die besprochene Kategorie falle.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo KiezkickerDe,
      aufmerksam mit sich, seinem Leben und anderen umzugehen ist bestimmt ein guter Weg. Es hat keine Diskussion vorab gegeben, ich sah lediglich immer wieder den genannten Zeitungsausschnitt und das Thema hat mich beschäftigt. Danke für den Buchtipp und viele Grüße.
      Tina

  2. Hannes schreibt:

    Eine gute Betrachtung, die ich absolut teile. Würde ich mich dauerhaft an diesen Ansprüchen messen, ich würde mich überfordern. Innehalten und reflektieren, wie Du schreibst, ist immer wieder wichtig. Aber das Leben will auch gelebt werden. Mit all seinen Facetten. Dazu gehören Phasen von Glück, aber eben auch Phasen von Traurigkeit. Ich persönlich brauche diese Traurigkeiten, um Menschen und Dinge wieder neu “wertschätzen” zu können. Es sind Phasen der inneren Reinigung. Dauerhaftes Glück oder Glücklichsein halte ich für mich persönlich überhaupt nicht mehr für erstrebenswert.

  3. minulinu schreibt:

    Ich mag Deine klaren Gedanken zu diesem Thema. Ich hab oft über diesen Satz “Lebe jeden Tag als wäre er Dein letzter” nachgedacht und mich gefragt, wie das gehen soll? Diese Form der Rücksichtslosigkeit kann ich in meinem Leben gar nicht umsetzen. Manchmal stelle ich mir vor, was mit meiner Familie passiert, wenn mir jemand sagt, dass ich nur noch einen Monat zu leben habe. Erster Impuls: alle einpacken und mit dem restlichen Geld auf dem Konto abhauen. Zweiter Impuls: Und was machen die danach? Wenn das Geld weg ist und ich weg bin?…
    Minusch

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Minusch,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich denke, es ist wie immer, die Lösung liegt in der Mitte. D.h. nicht zu leben, als gäbe es kein Morgen, aber auch nicht auf ein Ereignis zu warten, dass es mir erlaubt, glücklich zu sein. Das Heute annehmen und Morgen dennoch aufstehen zu können.

      Viele Grüße
      Tina

      • minulinu schreibt:

        Hej Tina,
        vielleicht auch einfach immer wieder auf sich selbst hören. Ein anderer Satz, der mich schon lange begleitet und den ich nicht in Frage stelle, ist: „Durch unsere Sehnsucht spricht Gott zu uns.“ Ich bin jetzt keine praktizierende Katholikin mehr und die Jesuiten sind mir auch nur aus meiner Erziehung näher als andere Kapuzenträger, aber der Gedanke, dass durch meine Sehnsucht mein Weg gezeigt wird, ist mir ein Kompass. Also achte ich auf meine Sehnsucht. Nicht auf den ganzen kleinen Kram drumrum.

        Außerdem finde ich Vorstellungen vom Tod echt blöd. Tut nur weh. Zieht Kraft. Noch bin ich zu jung dafür…

        Minusch

  4. Katharina schreibt:

    Ich denke, gerade wenn man im Hamsterrad feststeckt, lohnt es sich ab und an innezuhalten und sich zu fragen: “lebe ich das Leben, das ich leben möchte”? “bin ich da, wo ich hinwill oder wenigstens auf dem Weg dorthin?”
    Ansonsten gleicht man dem Menschen, der über den Ozean rudert aber vor lauter Rudern keine Zeit hat, den Blick zu den Sternen zu erheben und nachzuschauen, ob er wenigstens in die richtige Richtung rudert.
    Navigieren bedeutet nicht nur vollgas fahren, sondern auch schauen “wo bin ich” und “wo will ich hin”. Erst mit diesen zwei Punkten ist Navigation überhaupt möglich.

  5. Pingback: Der Tod als Ratgeber | WerdenundSein

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