Danke Jugendamt!

Vor über 10 Jahren rief ich beim Jugendamt an und wollte meine Akte einsehen. Meine damalige Sozialarbeiterin war immer noch im Dienst, sie machte mir keine großen Hoffnungen, denn diese Unterlagen werden nicht ewig aufbewahrt und meine Akte wurde schon vor vielen Jahren geschlossen. Sie versprach sich zu kümmern und sich wieder bei mir zu melden.

Einige Wochen später saß ich in einem kleinen Besprechungszimmer des Jugendamts, vor mir meine Akte auf der ein großer Vermerk stand: „Zur Vernichtung 2001“. Es war der 1.12.2003.

In den Medien hört man oft, wie Jugendämter „versagen“, es wird angeklagt und angeprangert und ich kann mich an keinen positiven Bericht erinnern. Heute fand ich beim Aufräumen den Brief, den ich der Sachbearbeiterin nach dem Lesen meiner Akte schrieb und leider nie abschickte.

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Ich möchte ihn in meinem Blog veröffentlichen, um das quasi symbolisch nachzuholen, aber vor allem, um zu zeigen, dass Jugendämter auch wertvolle Arbeit leisten, dass etwas Gutes dadurch entstehen kann und nicht alles schlecht ist.

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Liebe Frau ….,

am Montag, den 1.12.2003 hatte ich die Gelegenheit, meine Akte zu lesen. Ich bin jetzt 26 Jahre alt und meine Akte zu lesen, war das Befreiendste, was ich bisher getan habe.

Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihnen rückwirkend mitteilen möchte, was Ihre Arbeit bewirkt hat.

Als Kind war ich oft sehr sauer auf das Jugendamt, auf wen denn auch sonst?! Ich war sehr überrascht zu lesen, wie sehr Sie auf mich eingegangen sind, wie viele Original-Zitate von mir notiert waren, aber ganz besonders überrascht hat mich, dass in der Akte stand, dass ich eine Namensänderung auf den Namen meiner Pflegefamilie wünschte und diesem Wunsch nachgegangen wurde, auch wenn es endgültig nicht dazu kam. Mir war nicht klar, wie sehr das Jugendamt versucht hat, mich wieder zu meiner Mutter zurückzuführen, wie viele Vereinbarungen getroffen wurden usw.

Als Kind, nein eigentlich bis heute habe ich mir immer eine Wahrheitsmaschine gewünscht. Ich hatte so viele Fragen, die niemand so recht beantworten konnte oder wollte. Und wenn, dann konnte ich mir nie sicher sein, ob die Antworten auch der Wahrheit entsprachen. Die Akte hat mir genau das gegeben, was ich mir schon seit Ewigkeiten gewünscht habe: Sachlichkeit und Wahrheit, zeitnahe, emotionslose Aktennotizen, Protokolle. Ich weiß nun viele Dinge, die ich schon immer wissen wollte, Gegebenheiten, die ich nie wissen wollte, sind nun Tatsachen, Lügen sind nun ausgehebelt und falsch eingeprägte, teils suggerierte Halbwahrheiten auf ein Minimum reduziert. Ich weiß nun, dass mich meine Pflegemutter nicht angelogen hat, wenn sie versuchte, mich über meine Mutter aufzuklären. Und ich weiß wieder, dass ich einmal stark war. Ich hatte vergessen, dass es mir als Kind möglich war, meiner Mutter zu trotzen, ihr etwas entgegenzubringen. Leider ist mir das als 19-jährige wieder abhanden gekommen, als ich vergeblich versuchte, sie doch zu retten. Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr (seit 2 Jahren) und bin mir nun sicher, dass es auf jeden Fall dabei bleiben wird.

Ich fühle mich nach dem Lesen der Akte seelisch wund, habe aber zum ersten Mal das Gefühl, dass es nun richtig verheilen wird und bezüglich dieser Geschichte meinen seelischen Frieden gefunden zu haben. Jetzt wird’s endlich gut.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie die Akte für mich gefunden und mir Bescheid gegeben haben. Aber ganz besonders für das Führen der Akte, für Ihre Versuche, mich wieder in die Familie zurückzuführen und für das damalige genaue Hinhören.

Danke!

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17 Antworten zu Danke Jugendamt!

  1. Mama notes schreibt:

    Liebe Tina,
    vielen Dank für das Teilen dieser Geschichte und der sorgfältigen Arbeit des Jugendamts. Ich habe eine riesigen Kloß im Hals und wünsche Dir von ganzen Herzen, dass „es“ verheilen konnte, wie Du im Brief geschrieben hast, und Du Deinen seelischen Frieden gefunden hast. Das wünsche ich DIr von Herzen. ❤
    Deine Mama notes

  2. Mama arbeitet schreibt:

    Ich habe eine Freundin, die im Jugendamt arbeitet und oft leidet ob der Dinge, die sie mittelbar so erlebt. Der werde ich den LInk schicken.

  3. Herzmutter schreibt:

    Ein sehr berührender Brief, danke für deinen Mut! Da kriegt man echt eine Gänsehaut… schade daß die betreffende Person den Brief nie erhalten hat. So eine tolle Rückmeldung, für eine so harte Arbeit. Ich habe auch einige Zeit in der Jugendhilfe gearbeitet (Heim) und es ist echt ein dankbarer Job, die Jugendlichen hassen einen (größtenteils) und überall stößt man auf Ungerechtigkeit. Ich wünsche dir alles Gute in deinem Leben und hoffe, du hast deinen Frieden geschlossen – auf dem Weg bist du ja zumindest 🙂

    Liebe Grüße, Janina

  4. wortmeer schreibt:

    Sehr sehr berührend und ehrlich. Danke fürs teilen. Alles gute und viele. grüße, doreen

  5. Sehr persönliche und sehr rührende Worte. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du Deinen inneren Frieden gefunden hast. Ich glaube auch, dass es an den Menschen liegt, die in diesen Ämtern arbeiten, was am Ende raus kommt. Ist sicher auch kein leichter Job und ich könnte ihn nicht machen. In den Medien kommt doch immer nur das Schlechte rüber, aber ich habe auch schon von so vielen gehört, die da ihr ganzes Herz hineinstecken. Alles Gute Dir!

  6. Bienenstube schreibt:

    Ich kann deir da ja gut nachempfinden und es ist super das du deine Akte einsehen konntest auch wenn so etwas oft trotzdem nicht alle Antworten gibt die man sucht,habe eine Kloß im Hals und wünsche Dir von ganzen Herzen, dass es du mit deiner Vergangenheit abschliessen konntest, wie Du im Brief geschrieben hast, und du deinen Frieden gefunden hast.

  7. Echium schreibt:

    Sehr berührend und vielen Dank für das Teilen! Es ist eine Schande, wie pausenlos negativ von Jugendämtern berichtet wird, Erfolgsgeschichten dagegen finden nicht den Weg in die Öffentlichkeit.

  8. vomwerdenzumsein schreibt:

    Ich danke euch allen für die lieben Kommentare und eure guten Wünsche. Ich finde es großartig, dass ihr kommentiert, so macht bloggen wirklich Freude, vor allem wenn solch tolle Rückmeldungen kommen. Danke und viele Grüße.
    Tina

  9. Kerstin schreibt:

    Danke für den schönen Beitrag…kann man gar nicht oft genug sagen. Liebe Grüße, Kerstin

  10. mamafuer4 schreibt:

    Es ist so wichtig alles aufzuschreiben. Gut das du jemand so gewissenhaftes im Amt hattest. Lg bibi

  11. Pingback: Frieden und Demut | WerdenundSein

  12. paleica schreibt:

    es ist schön zu hören, dass es auch anders sein kann. medien haben ihre feindbilder und das jugendamt gehört dazu. sicher passieren da auch viele dinge, die falsch laufen, aber das zeigt wieder, dass man niemals alles über einen kamm scheren darf und dass die leute dort nicht dazu da sind, um kinder oder familien zu quälen.

  13. Volkmar vrmuc schreibt:

    Ich glaub ich bin der erste Mann der hier kommentiert.
    Das ist ein schöner Beitrag und ein toller Brief. Ich finde es super das Du eine so gute und menschliche Bearbeiterin beim Jugendamt hattest.
    Ich habe leider nicht so gute Erfahrungen aktuell gemacht. Um so mehr freue ich mich, auch mal etwas (sehr) positives über das so vielgeschimpfte Jugendamt zu lesen.

  14. Keyon schreibt:

    And, forgot to add, we have been practicing gratitudes each day during snack time telling one another one or two things we are thankful for that day. It amazes me how much it opens the boys up to think outside thlseesvem, which is the whole point of this Christmas season I think!

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