Wenn Löwen beißen und Eltern keine Ahnung haben

Heute Mittag waren die Kinder im Garten. Irgendwann hörte ich die Große (5) laut schreien und weinen. Jetzt muss man dazu sagen, dass die Große hart im Nehmen ist und ich hörte an ihrem Schreien, das muss ernster sein. Als sie zu mir kam, berichtete sie, die Kleine (3) habe sie gebissen. Auf der Rückseite ihres Oberschenkels prangte ein beachtenswerter, schon blutunterlaufender Zahnabdruck. Ich versorgte die fassungslose und weinende Große mit einem Kühlkissen, trocknete die ersten Tränen, übergab sie an den Papa und ging hinunter. Die Kleine stand bereits vor der Haustür: „I hobs ja ned gewusst!“, sagte sie mit unschuldigem Blick. Ich schaute sie streng an und sagte: „Sofort rauf mit dir. Du weisst ganz genau, dass nicht gebissen wird. Abmarsch!“

Sie wollte nicht, also trug ich sie in die Wohnung. Sie schrie mich an, schlug mich, wollte hinausrennen – das volle Programm. Ich blieb bei ihr und versuchte sie zu beruhigen und mit ihr zu reden. 10 Minuten später lag sie schluchzend in ihrem Bett und ich ging zur Großen. Ich fragte sie, ob sie wüsste, warum die Kleine sie gebissen habe, ob sie sich gestritten hätten und sie erklärte mir: „Wir haben Löwen gespielt!“

Ich wollte gleichzeitig lachen und weinen.

Ich bin kein Freund davon, sich als Erwachsener ein Urteil zu bilden und zu schimpfen, nur weil ein Kind weint und das andere schuldig ausschaut. Denn erstens glaube ich nicht daran, dass das weinende Kind zwangsläufig das Opfer ist, denn es kann durchaus umgekehrt sein und der vermeintliche Täter hat sich nur einmal gewehrt. Zweitens hat man als Eltern meistens keine Ahnung! Man kennt die Zusammenhänge nicht, weiß nicht, was vorher gelaufen ist, wer wen geärgert hat und wie lange. Normalerweise lasse ich mir immer von beiden Kindern erzählen, was los ist und meistens reicht das schon. Sie sind jetzt drei und fünf Jahre alt und besonders die Große überrascht mich immer wieder mit ihrer Fähigkeit, Lösungen zu finden. Zudem beruhigen sich unterm Erzählen oft die Gemüter und alles fügt sich, so dass Jeder wieder zufrieden ist.

Heute dachte ich, die Situation läge klar auf der Hand: Der Bissabdruck war mir Beweis genug. Dass die beiden Löwe spielten, konnte ja nun wirklich keiner ahnen. Was heute passiert ist, ist ein gutes Beispiel dafür, dass man als Eltern einfach nicht in der Situation drinsteckt und es tut mir sehr leid, dass ich heute von meinem bisherigen Verhalten abgewichen bin. Ich habe mich bei meiner Kleinen entschuldigt und die zwei kleinen Löwen umarmten sich herzallerliebst. Noch in ihren Armen liegend, meinte die Kleine zur Großen: „I wollt des ned. I hobs ja ned gewusst.“ Nun sind sie wieder im Garten. Löwe spielen sie allerdings so schnell gewiss nicht mehr. Hoffe ich.

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4 Antworten zu Wenn Löwen beißen und Eltern keine Ahnung haben

  1. minulinu schreibt:

    Es ist wirklich wahr: was objektiv klar aussieht kann dennoch ganz anders sein…und trotzdem komme manche Reaktionen superschnell und klar aus dem Bauch (oder der Erinnerung). Dagegen wehren können wir uns kaum. Aber das Entschuldigen danach ist mit Sicherheit das Wichtigste an der Sache.
    Ich hoffe, ich kriege das auch so hin. Noch sind meine zwei so gut wie nie allein, ergo hab ich mein Adlerauge so gut wie immer auf den Abläufen und Verwicklungen. Außerdem ist das Angriffspotenzial des Einjährigen noch sehr gering (aber es entwickelt sich…hihi). Aber auch jetzt schon kann ich was falsch verstehen.
    Liefs,
    Minusch

  2. kleinwirdgross schreibt:

    Meine 3jährige hat genau das gleiche gemacht – Löwe gespielt und zugebissen. Einmal mich und einige Zeit später ihre Tante 🙂 also das Spiel kann öfters zuschlagen. Beide Male war es aber wirklich keine „böse“ Absicht – sie war einfach so in ihr Löwe-Spiel vertieft, dass sie es wieder voll vergessen hat, dass sie nur so tun soll als ob.
    LG
    Petra

  3. Gut zu wissen. Dann werde ich bei den ersten Bisswunden wohl etwas genauer nachfragen 😉

  4. Pingback: 10 Fragen von Papaganda | WerdenundSein

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