Simplify Your Friend

Vergangenes Wochenende traf ich einen alten Freund wieder. Viele Jahre verbrachten wir viel Zeit miteinander. Nach der Trennung seiner Freundin, mit der er viele Jahre zusammen war, räumte er rigoros in seinem Leben auf: er verkaufte viele Dinge – große und kleine – die ihn an sein altes Leben erinnerten und mistete ordentlich aus. Auch Freunde, unter anderem mich. Dies ist nun ein paar Jahre her und als ich ihn am Wochenende traf, erklärte er, dass dieser Schnitt für ihn wichtig gewesen sei, da es ihm damals nicht gut ging.

Am Sonntag, nach diesem Treffen ging ich mit meinen Kindern zum Spielplatz. Nach kurzer Zeit kam ein Junge hinzu, den meine Große (5) aus dem Kindergarten nur vom Sehen her kannte, sie sind zwar zusammen im Kindergarten, aber nicht in derselben Gruppe. Der Junge wohnt neben diesem Spielplatz und kam alleine, ich vermute, er hat meine Große gesehen und kam wegen ihr. Auch sie zog es gleich zu ihm hin, stoppte sofort das sich drehende Karussell und lief auf ihn zu. Nur ein paar Minuten später hörte ich die beiden lachen und sie tobten über den Spielplatz. Ich war sehr fasziniert darüber, wie schnell dieser Kontakt zustande kam. Während ich in alter Manier eine Gänseblümchenkette wpid-img_20140504_153200.jpgbastelte, beobachtete ich, wie die beiden wippten, immer schneller, immer wilder. Sie lachten, doch so hundertprozentig passte es für meine Große nicht. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich und plötzlich schaute sie sehr verärgert. Sie sagte ihm, sie wolle das so nicht und gut war’s. Sie verließen die Wippe und suchten einen Schatz. Was mich erstaunt hat: Ich war mir sicher, hätte er nicht aufgehört, sie wäre auf der Stelle von der Wippe gestiegen und hätte den Jungen stehen gelassen, Spaß hin, Spaß her.

Das finde ich interessant bis beeindruckend, gleichzeitig war ich überrascht über meine Reaktion. Ich wäre zu dem Zeitpunkt bereits mit dem Jungen „verbunden“ gewesen und hätte ihn nicht einfach so stehen lassen können.

Diese zwei Begebenheiten beschäftigen mich seit Sonntag und werfen einige Fragen auf.

Es erscheint sehr attraktiv, einfach einmal einen Schnitt zu machen und komplett neu anfangen zu können. Wenn man ungebunden und unzufrieden ist, ist das bestimmt eine spannende Möglichkeit. Aber was ist mit den Freunden, die man zurücklässt, mit denen man viel Zeit verbracht hat, durch dick und dünn ging, darf man sich einfach so von jemanden abwenden, ohne Erklärung, ohne ein Wort? Hat man da nicht eine gewisse Verantwortung? Und geht das wirklich, neu anzufangen? Das suggeriert ja quasi, dass alle Probleme von außen kommen und wenn ich dieses Außen ändere, dann wird alles gut.

Auf der anderen Seite beobachte ich meine Große, die noch nicht neu anzufangen braucht, weil sie am Neuanfang steht. Warum kann sie einem Menschen einfach den Rücken kehren, liegt es an dem guten Bauchgefühl, dass Kinder noch haben oder daran, dass sie empathisch und gesellschaftlich noch nicht vollkommen „entwickelt“ ist (zum Glück!)?

Vom Dürfen und Sollen ganz abgesehen: Schon oft habe ich gelesen, man soll sich von Dingen und Menschen, die einem nicht gut tun, lösen. Aber wann tut mir ein Mensch nicht gut? Ich finde das schwierig. Manchmal hält mir einer einen Spiegel vor. Das tut nicht immer gut, ist vielleicht dennoch sinnvoll. Ein anderer rührt unbewußt oder bewußt einen wunden Punkt in mir an, den ich noch gar nicht kannte. Ich denke, Menschen treffen nicht zufällig aufeinander, viele Kontakte haben mit Sicherheit ihren Sinn. Wie unterscheide ich Menschen, die mir sinnlos weh tun von denen, die mir helfen, mich weiterzuentwickeln? Wo muss ich eine Grenze ziehen, mich umdrehen und gehen und wann muss ich den Blick in den Spiegel standhalten und meine Geister anpacken? Oder umgekehrt: Wo halte ich krampfhaft an etwas fest und erkenne nicht, dass das Lernfeld hier die Abgrenzung und nicht die Weiterentwicklung ist?

Wo hört sich schützen auf und fängt davonlaufen an?

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7 Antworten zu Simplify Your Friend

  1. siggiro schreibt:

    Dem kann ich nur zustimmen. Diese Beobachtungen habe ich schon öfter in Varianten gemacht.
    Diese Erfahrungen und Philosophien sind das Salz un der Suppe des Lebens.

  2. minulinu schreibt:

    Wenn ich bei einem Menschen, der/die mir einmal lieb war, kein gutes Gefühl mehr habe, weiß ich inzwischen, dass der Wurm, der da drin ist, zu groß ist, um ihn rauszuziehen. Das ist nämlich immer dann der Fall, wenn ich nicht mehr ehrlich sein darf. Wenn ich permanent aufpassen muss, nicht zu sagen, was ich denke. Und wenn meine Vorfreude auf ein Treffen langsam abnimmt. Mit 36 bin ich endlich alt genug, mich davor nicht mehr zu fürchten. Es tut immer weh. Aber ich weiß auch, dass ich immer gewinne, wenn ich mich um mich selbst kümmere…

  3. Mia Sommer schreibt:

    Ich habe mir inzwischen angewöhnt, Freundschaften, die nicht mehr funktionieren, zu beenden. Sie müssen dann aber auch wirklich beendet werden, d.h. ich sage demjenigen, warum ich mich zurückziehe. Oft merkt man dann schon, dass das gar nicht geht, weil wir uns in dem Moment schon wieder so viel zu sagen haben und deshalb gar nicht gehen können. Wenn allerdings nur ein Achselzucken kommt, war´s richtig.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Das ist eine Lösung, die ich gut finde, weil dann beide abschließen können. Es ist nämlich als Zurückgeblienene sonst sehr unbefriedigend. Und wird dem „Davor“ auch nicht gerecht. Ich finde es vollkommen natürlich, dass so Mancher einen nur einen Teil des Weges begleitet. Lg. Tina

  4. Wirklich schön geschrieben und es wirft einmal eine interessante Sichtweise auf. Mir gefällt auch die Anmerkung von Mia, dass sie, wenn sie einen Schlussstrich ziehen möchte, dies offen anspricht. Ich bin auch ein Mensch, der Klartext redet, gleichzeitig aber immer darauf bedacht ist, niemanden zu verletzten. Bei mir haben sich Freundschaften jedoch bislang eher auseinandergelegt, als dass ich sie “kündigen” musste. Zum Glück, sonst wäre ich sicherlich in einen Zwiespalt gekommen.
    Lieben Gruß, Wiebke

  5. woerterfall schreibt:

    Liebe Tina,
    ich möchte dir einfach nur sagen, dass ich mich sehr verbunden mit dir fühle, wenn ich deine tiefschürfenden Gedanken lese, und dass ich ein ganz warmes Gefühl in der Brust habe. Ich mag, welche Fragen du dir stellst, und dass du oft auch keine Antworten findest – weil es manchmal schon reicht, die Frage gestellt zu haben. Ich mag, dass du oft nicht bewertest, sondern nur beobachtest. Schade, dass du so weit weg wohnst. ❤
    Ganz liebe Grüße
    Michaela

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich freu mich seit einer Stunde und weiß gar nicht genau, was ich sagen soll. Was für eine schöne Rückmeldung. Ich glaube auch, wir könnten uns gegenseitig sehr bereichern – im persönlichen Kontakt noch besser, denn von dir nehme ich auch immer viel mit. Dank dir. ❤

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