Für mehr Reflexion und weniger Gedichte!

Meinen Muttertag feierte ich schon am Freitag im Kindergarten. Die Erzieherinnen hatten gemeinsam mit den Kindern ein Muttertags-Picknick mit Gesang, Gedicht und Geschenk vorbereitet. Das war wirklich sehr rührend, als die Kinder im Chor sangen: „Mama, ich brauche dich, Mama, hast du Zeit für mich? …. “ und nicht nur ich kämpfte heftigst gegen die aufsteigenden Tränen der Rührung.

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Doch als die Kinder aufgefordert wurden, sich zu ihren Müttern umzudrehen, um das Gedicht aufzusagen, hatte ich den Eindruck, dass sich die Große (5) ein wenig wand und in mir weckte dieser Moment unangenehme Erinnerungen.

Ich mag den Muttertag nicht besonders, sowohl als Tochter als auch als Mutter – zumindest nicht in der Form, wie ich ihn kenne. Die Kommerzialisierung dieses Feiertages zu Ehren der Mütter ist einer der Gründe, doch vielmehr finde ich ihn zwischenmenschlich schwierig. Jemanden zu ehren, zu schätzen, ihn Hochleben zu lassen, ist schon ohne Termindruck schwierig, aber auf den Punkt und erwartungsgeladen völlig losgelöst von dem, was davor (5 Minuten, einen Tag, ein Leben) los war, quasi unmöglich. Doch als Kind kommt man aufgrund des hohen Erwartungsdrucks, der durch Kindergärten, Schulen, Medien, Väter, Gesellschaft aufgebaut wird, kaum aus. Speziell das Gedicht aufsagen war mir als Kind nicht sehr angenehm. Zudem kam bei mir ein großer Zwiespalt hinzu, da ich den Muttertag quasi zweimal zelebrieren musste (leibliche Mutter, Pflegemutter).

Ich habe im Bekanntenkreis jemanden, der eine narzisstische Mutter und in Folge dessen eine sehr schwierige Beziehung zu ihr hat. Verständlicherweise ist es ihm quasi unmöglich, sie zu ehren. Ein Anruf am Muttertag kostet ihn unglaublich viel Überwindung, macht er ihn nicht, erlebt er danach mindestens einen unangenehmen Moment mit ihr.

Als ich eben das Mittagessen vorbereitete, dachte ich daran, wie viel schöner es wäre, liefe dieser Tag unter dem Motto „Alles kann, nichts muss“. Ich wünschte, dass Kinder nicht in ein Gedicht gepresst würden, das ihren Gefühlen vielleicht gar nicht entspricht. Ich denke, es ist völlig normal, dass es im zwischenmenschlichen Bereich nicht immer „zum Ehren“ reicht. Ehren ist schon verdammt viel. Und als Mutter bin ich nun mal nicht die beste Freundin meiner Kinder, zumindest nicht immer. Ich wünschte, Erzieher würden mit den Kindern mehr reflektieren: Was schätzt du an deiner Mutter? Was magst du besonders gern? Wofür möchtest du Danke sagen, gibt es da etwas? Dabei mag je nach Lebenssituation, Familienkonstellation, Kindheitsentwicklung mehr oder weniger raus kommen, aber dann hätten die Kinder die Freiheit, das sagen zu können, was ihnen auch entspricht und ich bin mir sicher, das was da käme, wäre großartig.

Wenn man diese Reflexion weiterspinnt, kann man sich an einem solchen Tag die Zeit nehmen und als Mutter die gleichen Gedanken an seine Kindern zurückgeben. Einmal kurz inne halten und sich aufeinander konzentrieren. Dann kommt man dem Ehren vielleicht ein Stückchen näher und trifft den Ursprungsgedanken der Gründerin des Muttertags wesentlich besser.

Als ich eben meine Pflegemutter zum Muttertag anrief, sagte ich ihr, dass ich erst heute verstehe, was sie alles geleistet habe und dass mein Anruf heute von wesentlich mehr Achtung geprägt sei, als je zuvor.

Und meiner leiblichen Mutter möchte ich dafür danken, dass es trotz allem dafür gereicht hat, aus mir einen liebenden Menschen zu machen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

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14 Antworten zu Für mehr Reflexion und weniger Gedichte!

  1. staublos schreibt:

    Hat dies auf staublos rebloggt und kommentierte:
    Ich mag den Muttertag nicht unbedingt. Meine Kinder hatten trotzdem wahnsinnig Freude daran, für mich ein Geschenk vorzubereiten und ich denke, sie haben ganz andere Beweggründe dafür als ich damals. Tina hat sehr schön über Gedanken zum Muttertag geschrieben.

  2. Hannes schreibt:

    Alles kann, nichts muss. Das ist wohl so. Ich finde diesen Erwartungsdruck auch sehr schwierig. Danke für diese wohltuenden Worte und Gedanken.

  3. Frische Brise schreibt:

    Du hast meine Gedanken in Worte gefasst. Danke. Ich tue mich auch schwer mit der verordneten Dankbarkeit.
    Meine Mutter ist nun seit 10 Jahren tot. Und erst jetzt kann ich wirklich ermessen, was sie für mich getan hat.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      „Verordnete Dankbarkeit“ ist eine gute Zusammenfassung. 🙂

      Und wahrscheinlich ist das alles noch einmal eine ganz andere Nummer, wenn die Endlichkeit dazu kommt. Das kann ich momentan gar nicht in Worte fassen, was mir dazu alles in den Sinn springt. Danke für deinen Kommentar.

  4. Katharina schreibt:

    Ich habe mich riesig über das Geschenklein gefreut, das Kurzer in der Kita gebastelt hat.
    Aber mehr Muttertag gab und gibt es hier nicht und das ist gut so.

  5. minulinu schreibt:

    Ich hab heute von meinem Vater mitgeteilt bekommen, dass meine Mutter schon den ganzen Tag in der Nachbarschaft beobachtet, wo die erwachsenen Kinder aufkreuzen und dass er denke, dass sie sich freuen würde, würde ich sie anrufen.
    Er unterschlägt, dass unser Kontakt nicht selbstverständlich ist. 7 getrennte Jahre bleiben unerwähnt. Die Auslöser für diesen riesigen Bruch: unerwähnt. Ich solle ihm doch den Gefallen tun, und anrufen.
    Das hat mir, wie sonst auch am Muttertag, die Laune vermiest. Hier war alles schön. Ich hatte meine Alditulpen (ok, dank Twitter hab ich die Sträuße und Ehrungen anderer Mütter gesehen und bin etwas blas/neidisch geworden), wir haben gefaulenzt, ich hab gewittert, wir haben Würstchen mit super leckerem Kartoffelbrei gegessen, Muffins gebacken, Drachen steigen lassen und das Badezimmer unter Wasser besetz. Es war richtig gut. Und wieder hat meine Mutter diesen Tag überschattet. Weil sie meinen Vater einen Tag lang angemuffelt haben muss, damit dieser sich bewegt.
    Das macht eine Menge mit mir…Ich wäre auch für etwas Gegenseitiges, Reflektiertes und Ehrliches. Nicht diesen verlogenen Pralinen/Blumen/Tüdelü-Wahnsinn, der scheinbar nach wie vor für viele der Standard ist.
    Minusch

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Minusch,
      ich lese hier viel Verletzung und an diesen Tagen, besonders dann, wenn sie nicht gesehen und ignoriert wird, ist das besonders hart. Vermutlich wird dich dieses Thema noch sehr oft einholen und ich wünsche dir, dass sich für dich alles zum Guten wendet, wie auch immer.
      Herzliche Grüße,
      Tina

      • minulinu schreibt:

        Stimmt, es wird mich noch ein paar Jahre treffen/verwundbar machen. Ich hab gerade mit Papasch darüber gesprochen. Gerade deshalb, denk ich über solche Tage nach. Welche sind meine Gefühle, welche sind die späten Übertragungen meiner Mutter? Worum gehts MIR?
        Es wird gut werden.
        Liefs,
        Minusch

    • Mamamotzt schreibt:

      Liebe Minusch, beim Muttertag bin ich total emanzipiert. Egal, was passiert, ich freue mich. An diesem Tag lobe ich mich selbst, auch wenn ich sonst noch sehr zweifele an mir und meinen Leistungen. Wahrscheinlich, weil man an den Kindern richtig gut sehen kann, dass ich eine wenigstens mittelgute Mutter bin, denn die sind liebenswerte Menschlein.
      Meine Mutter eiskalt, deren Geschenke ich nur bastelte in der Schule und später wegschmiss, weil sie mich dafür nur gerügt hätte, habe ich heute nicht mal gesprochen! Mache ich nie! Und mir ist herzlich pupsegal, was sie in ihrem heutigen Zustand der Hilflosigkeit drüber denkt! :)))
      Morgen früh bin ich bestimmt wieder der Zweifel in Person, aber heute, heute find ich mich selbst einfach richtig klasse! Mein Tag, meiner!! Wenn sie damit nichts anfangen kann, dann ist das vermutlich ihr Problem und mich interessiert in diesem Fall nicht mal mehr warum! :)))
      Diese innere Emanzipation von deiner Mutter wünsche ich dir sehr! Gerade an solchen Tagen ist es viel zu schade, sie sich durch leider nicht! beantwortbare Grübeleien selbst! zu vergrauen!
      Auf deine beiden Herrschaften hätte ich nach der Aktion allerdings auch einen Hals bekommen!
      Ach, ach, ach, ich schick dir ein Stürmchen, dass die dunklen Wolken wegbläst! 🙂

  6. Mamamotzt schreibt:

    Alles Liebe heute Abend noch!
    Meine Mutter hasste den Muttertag, ich hatte es lange Jahre übernommen. “Wer einen Gedenktag braucht, um mit zu danken …!”
    In der Schule habe ich Geschenke brav gebastelt, auf dem Heimweg habe ich sie entsorgt. Wollte keinen Spruch kassieren von Mutter eiskalt!
    Nun bin ich dreifache Mutter, seit ca. 13 Jahren im Dauereinsatz, an diversen Fronten, nicht nur als Mutter, aber dort eben ganz allein.
    Ich genieße den Tag jedes Jahr mehr und meine Kinder auch. Ich liebe die Geschenke, ihren Eifer, ihre Freude, mir mit Nettigkeiten den Tag zu versüßen. (Türen aufhalten, Stuhl rausziehen, die schönste Erdbeere anbieten, um die Wette höflich sein, sowas.)
    Im Alltag geht das bei und unter, leider hatten wir in den letzten Jahren viel Stress, und leider ist besonders die Achtung der Leistung Alleinerziehender generell eher … nicht besonders ausgeprägt.
    Wir, wir für uns klopfen uns als Team an diesem Tag auf die Schultern und freuen uns, dass uns die letzten Jahre noch nicht untergekriegt haben.
    Ich mag den Muttertag total!
    (Dazu beigetragen hat evtl. das gute Gefühl, das ich als Schwangere erstmals kostenlos an einem Muttertag ins Freibad durfte. Ich fühlte mich ungeheuer besonders im Vergleich zu den anderen Gästen und sehr wertgeschätzt damals, vor ca. 177 Jahren 😉 Inzwischen ist das ja anders, s.o. Aber das ist ein anderes Thema.)

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Das liest sich so, als hättet ihr ein Muttertagsmodell jenseits dessen gefunden, was ich kritisiere. Wenn es allen gut geht, dann ist das wundervoll. Wenn es ein Innehalten und ein Bewußtmachen ist, dann finde ich das durchaus gut. Viele liebe Grüße und noch eine angenehmen Rest-Muttertag.

      • Mamamotzt schreibt:

        Oh, ich schreibe mobil, hab keinen Eindruck von der Länge und auch noch einige Fehlerchen. Egal! 😉
        Ja, wir gehen das hier norddeutsch gelassen an! Und ich habe den Eindruck, oder es liegt an meiner inneren Einstellung zum Thema, das sei hier überall so.
        Alles Liebe! 🙂

  7. Sam schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele.
    Wir wurden als Kind am Muttertagmorgen vom Vater in den Blumenladen geschickt, da Muttern es so erwartete. Dieser “Zwang” ist auch jetzt noch da.
    Meinen Kindern habe ich das erspart. Ich habe gestern morgen von meinem Großen eine seiner Rühreivariationen kredenzt bekommen, ganz freiwillig und auch das erste Mal. Darüber konnte ich mich richtig freuen. Nur das, was freiwillig passiert, kommt von Herzen…
    Alles Liebe

  8. Mama spinnt schreibt:

    Ich gehöre auch zu denen, die den Muttertag nicht besonders mögen – nicht als Tochter meiner Mutter und nicht als Mutter meiner Kinder. Ich habe kein einfaches Verhältnis zu meiner Mutter und wüsste gerade spontan nicht, wofür ich ihr besonders dankbar bin. Sie erwartet das aber.
    Von meinen Kindern erwarte ich nichts. Es ist schön, wenn sie etwas basteln, aber darüber freue ich mich auch sonst. Blumen gab es keine und ich habe sie auch nicht vermisst.
    Es bedeutet mir sehr viel, wenn mein Kind mir sagt, dass es mich lieb hat und dass es froh ist, dass es mich hat. Da kommt selten, aber es kommt und das muss nicht am Muttertag sein, sondern wenn es gerade genau so empfindet.
    Ich erwarte allerdings von meinem Mann etwas, er ist schließlich erwachsen und kann die Gesamtlage überblicken. Ich erwarte, dass er mir wenigsten einmal im Jahr sagt, dass er weiß, was ich leiste und dass schätzt, was ich mache. Das könnte er auch das ganze Jahr über machen, aber das fände ich dann tatsächlich merkwürdig. Er sagt es aber nicht, weil er es gar nicht so sieht. Und damit kann mir der ganze Muttertag gestohlen bleiben….

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