Meine kleine Abrissbirne

Ich kenne nur wenige Menschen, die nicht in schwarz oder weiß, gut oder schlecht, ja oder nein, ganz oder gar nicht denken. Gerade in unserer Simplify-Gesellschaft habe ich das Gefühl, diesem hop oder top häufig zu begegnen. Einfach ist das: Schublade auf, Mensch rein. Und passt etwas nicht so recht in eine Schublade, sortiert man eben aus. Wir reden selten in Sätzen wie: „Er ist ein Dickkopf, hat aber unglaublich viel Geduld mit… “ Oder „Mich stört xy, aber ich schätze an ihm sehr seine Art….“. Das Problem an Schubladen ist, dass man nicht in mehreren gleichzeitig Platz hat.

Meine kleine dreijährige Tochter hat mir jetzt sehr eindrücklich gezeigt, dass es zwischen dem schwarz oder weiß viele Farben gibt und dass es gerade diese Abstufungen sind, die es so spannend machen.

Im Gegensatz zur Großen ist meine Kleine ein Kind, das bereits viele Bücher auf dem Gewissen hat. Sie trennt Seiten, die keine Trennung vorgesehen haben. Sie entfernt Klappen aus Büchern, die nur zum Hinein- und Dahinterschauen gedacht sind. Sie schiebt die behandelnde Zahnärztin der Großen auf die Seite, um selbst besser in den Mund der Großen zu schauen. Passt man nicht gut auf, kurbelt sie heftig an der Kurbel vom Wohnwagen herum, was auch immer sie da vorhat. Ich wäre nicht einmal überrascht, würde sie die Feststellbremse desselbigen lösen. Eine, die im Wohnwagen die Jalousie aus der Schiene baut oder sich das Waleda-Puder aus der Wickelkommode holt und es im Flur auf den Boden schüttet, während ich mich freue, mal in Ruhe eine Email schreiben zu können. PuderSie nimmt Smarties in den Mund, lutscht sie bis zur Unkenntlichkeit und spuckt sie dann wieder in ihre Hand. Sie schraubt an allem herum, öffnet, was sie nicht öffnen soll und steckt ihre Finger in Öffnungen, von denen sie nicht weiß, was sich dahinter befindet. Sie ist ein Kind, das beim Camping außerhalb vom Vorzelt steht, allen Aufforderungen zum Trotz und sich nass regnen lässt. Sie ist wirklich kein Kind, dass man unbeobachtet lassen sollte, wenn es plötzlich ganz leise ist. Ein Kind, das einen mit großen, sehr blauen, sehr süßen Gesichtsausdruck ehrlich anschaut, nickt und dann alles anders macht, als man es als Mutter will.

Zwischen kaputten Büchern und Glasscheiben , angemalten Wänden und eingeschalteten Herdplatten hatte ich immer wiederScheibe kurze Momente, in denen ich den Verdacht hatte, dass das Kind einen ausgeprägten Forscherdrang hat und es um sie geht und nicht (nur) darum, mich zu testen, zu ärgern oder meine Grenzen auszuloten. Jetzt im Urlaub, ohne dem Alltags-Filter vor Augen nahm ich meine Kinder, besonders die Kleine ganz plötzlich anders wahr. Zum einen genoß ich die Freiheit des Urlaubs an den Kindern zu beobachten, zudem zwingt Urlaub einen aufgrund der veränderten Strukturen, Dinge anders zu machen oder begegnet ihnen überhaupt.

Wir hatten das Boot dabei und wie selbstverständlich wollte die Kleine es fahren. Mit ihren drei Jahren stellte sie sich mit großem Selbstvertrauen hinter das Steuer und lenkte souverän die 50 PS über den See. Sie setzte die Kommandos Links, Zurücklenken und Geradeaus richtig um und versetzte mich damit in großes Erstaunen. Sie schaltete ohne großes Zögern in den Leerlauf und drückte auf den Knopf, um den Motor auszuschalten. Sie platzte fast vor Stolz – zurecht – und ich übrigens auch. Ich bin so gerührt und fasziniert, wie diese kleine Schwester etwas gefunden hat, wo sie völlig individuell und losgelöst von der Großen handeln kann. Denn das war ganz allein ihr Ding, die Große hatte vor all dem viel zu viel Respekt. Aber die Kleine, mit großer Leidenschaft streckte sie die Nase in den Wind und fuhr das Boot.

Vroni_BootEs rührt mich vor allem auch deshalb, weil ich plötzlich so konzentriert auf sie war. Es liegt in der Natur der Sache, dass das erste Kind eine ganz andere Aufmerksamkeit erfahren hat, als das zweite Kind. Die Große hatte zwei Jahre ein Alleinstellungsmerkmal, das die Kleine nie hatte. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben, aber meine Kleine plötzlich so wahrzunehmen, treibt mir die Tränen in die Augen.

Meine Kleine ist ein Kind, das gerne schaut, was zwischen den dicken Seiten der Bilderbücher steckt, die nicht glauben kann, dass da nix weiter sein soll außer Papier. Eine, der es nicht reicht, Klappen auf und zu zu machen, sondern genau wissen will, wie es dahinter ausschaut. Eine, die beim Zahnarzt dasselbe sehen will wie die Ärztin und eine, die jede Kurbel, jede Schiene, jedes Loch spannend findet und erforschen will. Eine, die fasziniert beobachtet, wie es staubt, wenn man Puder schüttelt und sehen will, ob Smarties im Mund die Farbe verändern. Ein Kind, das beim Camping außerhalb vom Vorzelt steht, die Hand ausstreckt und versucht, Regentropfen zu fangen.

Ich finde es nach wie vor nervig und ärgerlich, wenn Glastüren zu Bruch gehen und Bücher kaputt gemacht werden. Aber ich denke, ich muss für die Kleine etwas finden, das ihrem Forscherdrang gerecht wird und sie fordert, so wie es ihr entspricht. Das ist mir klar geworden im Urlaub.

Meine kleine Abrissbirne, spannend dieses Kind!

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6 Antworten zu Meine kleine Abrissbirne

  1. momatka schreibt:

    Eine wunderbare Homage an die kleine Entdeckerin. *verdrückt sich eine Träne*

  2. cloudette schreibt:

    🙂 Das kommt mir äußerst bekannt vor (Buchseiten auseinander nehmen, da könnte noch was dazwischen sein, genau!), ich habe hier auch so ein Exemplar.

  3. Mama notes schreibt:

    Das hast Du ganz toll beschrieben. So schön einfühlsam, verständnisvoll und trotzdem echt! Und so eine tolle Tochter ❤

  4. Murmels und ich schreibt:

    Wow! So wunderschön und voller Liebe ♥♡ ein zauberhaftes Mädchen mit einer wahnsinnig tollen Mami… sehr rührend erzählt! Danke, dass Du diese tolle Geschichte mit uns teilst 😉
    … vielleicht sind oder werden die Murmels (die ich eingangs öfter entdeckt habe) ja auch kleine Forscher und Entdecker? Neugierige Abenteurer sind sie definitiv!

  5. Ich liebe Deine Texte! >3 Anschließend lasse ich mich oft ganz anders auf diese Themen ein! 🙂

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