Frieden und Demut

Vor etwa einer Woche saß meine große Tochter (5) im Kinderzimmer und beschwerte sich über ihre kleine Schwester. Die beiden hatten sich gestritten und während die Kleine (3) im Garten blieb, klagte mir die Große ihr Leid. Plötzlich meinte sie zu mir: „Mama, hat dich deine große Schwester früher auch mal genervt?“

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Ich sah sie lange an und überlegte einfach „Ja!“ zu sagen. Doch ich konnte nicht. Irgendwie war es an der Zeit, ihr eine ehrliche Antwort zu geben und so sagte ich: „Nein. Weißt du, meine Schwester und ich sind nicht gemeinsam groß geworden!“

Sie schaute mich überrascht an und ihre Reaktion rührt mich immer noch. Sie war plötzlich ganz ruhig, nicht im Sinne von still, das auch, sie war eher konzentriert und sehr behutsam fragte sie: „Warum nicht?“ Das konnte ich ihr nicht beantworten. Wo hätte ich da anfangen sollen? Und wie? Mein Kind, vollkommen und unverletzt, noch voller Vertrauen in die Welt und im Glauben, dass meine Pflegeeltern ihre Großeltern seien. Es ging nicht, noch nicht: „Das erzähle ich dir ein anderes Mal!“ „Nein, jetzt!“, forderte sie. Aber ich blieb dabei.

Gestern saßen die beiden Mädels im Garten und schaukelten nebeneinander. Sie erzählten und lachten, machten Quatsch und waren einfach glücklich. Ich stand im Kinderzimmer, beobachtete sie und war so unendlich gerührt und demütig. Dass diese beiden Kinder sich haben und lieben und glücklich sind, sauge ich auf wie ein Schwamm. Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Ich genieße es so sehr und bin gleichzeitig stolz, dass ich es schaffe, sie in einem Umfeld groß werden zu lassen, das offensichtlich nährenden Boden bietet.

Mit Tränen in den Augen sah ich den beiden zu und meine Mutter ging mir durch den Kopf. Drei Kinder hat sie an das Jugendamt verloren und völlig unabhängig davon, dass sie das selbst verschuldet hat, denke ich mir heute, wo ich selbst Mutter bin, dass das doch kaum auszuhalten ist. Wie kann man da überhaupt mit dem Trinken aufhören, wenn man derart versagt hat? Ich meine das nicht bösartig, sondern verständnisvoll. Mir wurde schon gesagt, dass ihr Charakter diese Gedanken, diese Schuld nicht zulasse, aber ich kann das nicht glauben. Ich weiß, was Muttergefühle sind und ich weigere mich zu glauben, dass – narzistisch hin oder her – diese einfach nicht vorhanden sein sollen. Wie dem auch sei: Ich denke, jeder muss die Konsequenzen seines Handelns tragen. Was aber gleichzeitig nicht heißen soll, dass diese ohne Jammern, ohne Folgen hingenommen werden müssen. Es ist scheiße, auch wenn sie es „verdient“ hat. Und manchmal wünschte ich, sie wüsste, dass es mir gut geht, und dass ich Kinder habe, die ganz wundervoll sind. Nicht für mich, sondern für sie.

Seit gestern denke ich darüber nach, ob mein Frieden aufgesetzt ist. Deckel ich etwas, weil das, was darunter liegt noch viel unangenehmer ist? Ich denke, nein! Ich habe wirklich alle Gefühlslagen durch. Ich war verständnisvoll, wollte sie retten und war co-abhängig. Mit Anfang 20 traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Ich kann sie nicht retten, das muss sie selbst tun. Ich brach den Kontakt endgültig ab. Ich fiel tief und rappelte mich wieder auf. Und ich war wütend – so unglaublich wütend. Was sie sich einbildet, sich auf ihre schwierige Kindheit hinauszureden. Die hatte ich auch und schau! Ich las meine Akte und all das, was ich mit der Zeit beschönigt hatte, verlor seinen Schleier. An der Geschichte war nichts schön und sie war kein Opfer. Oh, ich war verdammt wütend.

Aber all das ist weg. Nicht mehr da. Sie hat großen Mist gebaut, das rede ich nicht schön. Da ist viel Schmerz (gewesen) und es war gut, dass ich nicht bei ihr aufwuchs. Aber ich werfe ihr nichts mehr vor. Ich war mehr oder weniger fünf Jahre bei ihr und sie hat es in dieser Zeit irgendwie geschafft, mich nicht kaputt zu machen.

Dieser Frieden bedeutet nicht, dass es wieder zu einer Zusammenkunft kommt. Das schließe ich für mich komplett aus. Nicht, weil ich mich von ihr fernhalte, um sie zu strafen, sondern um mich zu schützen.

Schlussendlich tut sie mir leid. Wie sie ihren Frieden mit all dem finden will, ist mir schleierhaft. Sich selbst zu verzeihen – in der Größenordnung – erscheint mir fast unmöglich.

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19 Antworten zu Frieden und Demut

  1. Juli schreibt:

    Was für ein berührender, kluger und ehrlicher Post!
    Danke

  2. Mama arbeitet schreibt:

    Sie hat es in den 5 Jahren, in denen du bei ihr warst, nicht nur geschafft, dich nicht kaputt zu machen. Sondern auch irgendwas Gutes gepflanzt, davon gehe ich fest aus. Aber vielleicht wolltest du ja auch genau das mit jenem Satz sagen. Ja, wahrscheinlich.
    Liebe Grüße.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, das stimmt, aber ich wollte nicht zu dick auftragen. Vermutlich ist es auch so für Viele schwierig zu verstehen, warum ich nicht mehr negative Gefühle habe. Dabei war bzw. ist sie eine sehr lustige und kluge Frau mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung. Ich habe mit ihr viel gelacht.

  3. Frische Brise schreibt:

    Danke für Deine Zeilen.

  4. Murmels und ich schreibt:

    Wow! Du bist eine starke Persönlichkeit und genau das gibst Du an Deine wundervollen Töchter weiter!
    Du kannst mächtig stolz auf Euch sein 😉
    Danke, dass Du uns teilhaben lässt!

  5. Mama notes schreibt:

    Danke für das Teilen Deiner Gedanken und Deiner Geschichte. ❤

  6. papaleaks schreibt:

    Berührend, ehrlich, offen. Danke für das Teilen Deiner Gedanken! Schön zu sehen, dass aus Deinem Leid, dass Du beschreibst etwas gutes erwachsen konnte.

  7. Mia Sommer schreibt:

    Was für ein wunderschöner Post ❤ Danke dafür!

  8. Chris schreibt:

    Hammer…bin sprachlos…starker Text

  9. Katrin schreibt:

    Ich habe gerade Gänsehaut beim Lesen gehabt. Ich kann es mir auch nicht vorstellen, wie man sich das verzeihen könnte. Diese große Schuld, das Versagen, das kann keine Mama-Seele verarbeiten, niemals.
    Toller Post, wirklich!

  10. paleica schreibt:

    es ist beeindruckend, wie du dazu stehen kannst. ich denke, das ist das ergebnis anstrengender aufarbeitungsgedanken, die einen aufreiben und einen oft dazu bringen sich zu fragen “warum tu ich mir das an?” aber genau deswegen: dass man eines tages nicht mehr wütend ist.

  11. muellermanfred schreibt:

    Danke für den Post, er hat mich sehr berührt.

  12. Thomas schreibt:

    Ich bin erst heute auf Deinen Blog aufmerksam geworden und doch – vielleicht liegt es an Deiner offenen Art zu Schreiben, – meine ich Dich nun schon länger zu kennen.

    Papperlapp und jedenfalls: Ich freue mich sehr für Dich, dass Du Deinen Freiden gefunden hast und Deinen Kleinen eine liebvolle, fürsorgliche, beschützende und stolze Mama bist.

    Vielen Dank für Deine Gedanken!

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