Einfach mal die Fresse halten

Ein Kind ist aus beruflichen Gründen der Eltern seit zwei Tagen bei Oma und Opa. Der Kleine kennt die Situation, er ist gerne dort und ein weiterer Tag ist geplant. Am Abend rufen die Großeltern an, das Kind sei traurig und hätte Sehnsucht. Die Mutter empfiehlt den Großeltern: Ab ins Bett und kuscheln, falls ihr Sohn morgen immer noch traurig ist, käme sie eher.

Dem Partner und den Großeltern gefällt diese Lösung nicht, das Kind wird entgegen dem Willen der Mutter vom Partner abgeholt. Die Mutter ist ratlos, sie hält dies für das falsche Signal und bittet in einer Gruppe um Feedback.

Heute Morgen ging mir besonders eine Antwort nochmals durch den Kopf, sie tickerte mich bereits gestern an: Wenn man mit einer Stunde Autofahrt dem Kind helfen kann, dass es sich besser fühlt, why not? Ich würde das Kind mit seinen Gefühlen ernst nehmen.“

Meiner Meinung liegt hier ein Missverständnis vor: Gefühle ernst zu nehmen ist nicht das Gleiche wie Bedürfniserfüllung und ich glaube, dass das sehr häufig verwechselt wird. Die Mutter nahm die Gefühle ihres Kindes durchaus ernst (Kuscheln, wenn es morgen nicht besser ist, kommt sie eher). Gefühle ernst zu nehmen kann auch bedeuten, dass ich dem Kind sage: „Ich verstehe, dass es dir nicht gut geht.“ Wenn ich Gefühle klein rede oder sie ignoriere, dann nehme ich sie nicht ernst.

Gefühle ernst zu nehmen bedeutet für mich auch, dass ich meinem Kind zutraue, Gefühle auszuhalten. Ich denke, dass stetige Bedürfniserfüllung sogar ungesund ist. Und ich rede hier nicht von Hunger oder Durst.

wpid-img_20140731_155736.jpg

Mich regt vor allem der versteckte Vorwurf in dem Einwand auf. Als wenn die Mutter falsch gehandelt hätte. Der Vierjährige war bei den Großeltern. Bei Oma und Opa. Innerhalb der Familie. Er ist grundsätzlich gern dort und hatte einfach einen schwachen Moment. Und schwupp, wird die gesamte Verantwortung auf die Mutter übertragen: „Löse das!“ Und du bist nicht gut, wenn du es nicht tust, habe bitte ein schlechtes Gewissen.

Ich bin diese Diskussionen so leid. Ich schrieb es schon einmal in meinem Beitrag „Ich habe kein schlechtes Gewissen“ und ich möchte es noch einmal wiederholen: „Ich will kein Eltern-Monopol in der Familie sein.“

Ich finde, dass diese Geschichte beispielhaft dafür ist, mit was Mütter ständig konfrontiert werden. Mir begegnet so etwas fast täglich, sei es, dass ich gefragt werde: „Und die Kinder?“, wenn ich erzähle, dass ich arbeite oder dass ich gefragt werde, ob ich ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen hätte, weil ich mal drei Tage weg bin. Oder wie mir vor kurzem der Vollzeit tätige Kollege (selbst Vater) erklärte, dass ich mehr als 20 Stunden nicht arbeiten solle, denn dann hätte das Kinderkriegen ja keinen Sinn gemacht.

Ich zitiere Dieter Nuhr: „Einfach mal die Fresse halten!“ Bitte danke.

Dieser Beitrag wurde unter Familie, Vereinbarkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Einfach mal die Fresse halten

  1. papaleaks schreibt:

    Ich finde, dass stetige Bedürfniserfüllung (es geht nicht um die elementaren Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Liebe, …) nicht nur nicht gut ist, sondern einem Grundsatz der Erziehung – Grenzen ziehen – widerspricht. Ich kann meinem Kind keine Grenzen aufzeigen, wenn ich permanent seine Bedürfnisse erfülle/n möchte. Das Kind hat das Bedürfnis zu spielen, statt zu schlafen? Das Kind hat das Bedürfnis, seinen Ärger durch Hauen auszudrücken? Etc.
    Ich stimme Dir vollumfänglich zu ☺ Super Post, danke!

  2. Zwetschgenmann schreibt:

    Absolute Zustimmung. Von einem Mann, Vater zweier (mittlerweile fast erwachsener) Töchter und Ehemann einer berufstätigen Frau.
    Ich kenne genug solcher Momente aus eigener Erfahrung. Und es trifft immer die Mütter, die unter Druck gesetzt werden.
    Nie ist man ein schlechter Vater, wenn man Vollzeit arbeitet und öfter mal auf Geschäftsreisen geht.

  3. Hannes schreibt:

    Dieses ständige Abschirmen von Kindern vor Negativem gepaart mit dem Hang zu permanenter Bedürfnisbefriedigung ist mit das Schlimmste, was man Kindern antun kann. Wie sollen sie sich denn in einer Welt, die eben nicht nur “gut” ist, zurechtfinden, wenn ihnen dieses Lernen verweigert wird. Ich bin dir sehr dankbar für die Worte und vor allem die dahinter stehende Haltung.

  4. Mal abgesehen davon, das deine Einstellung absolut richtig ist, finde ich das generell ein No-Go wenn andere sich in die Erziehung meiner Kinder einmischen. Das ist MEINE Sache, und “richtig” erziehen gibt es sowieso nicht. Solange man das nach bestem Wissen und Gewissen macht ist es absolut in Ordnung, wenn nicht immer heile Welt ist. Anders gehts gar nicht, ich kenne konkrete Beispiele im Freundeskreis wo das böse schiefgegangen ist.

  5. sybbel schreibt:

    Ich kann es einerseits gut verstehen, wenn jemand vor Mitleid zerfließt, weil das Kind (und sei es nur ein Moment) Kummer hat.
    Aber: Deinem Kind ging es gut und es wurde gut gesorgt. Mal abgesehen davon, dass es nicht richtig sein kann, jedem Impuls eines Kindes sofot nachzugeben. Im Moment ist es leichter, das “arme Kind” zu retten, anstatt es etwas aushalten zu lassen. Fürs nächste Mal macht man es dem Kind wieder schwerer.
    Ich bin der festen Überzeugung, dass dein Sohn am kommenden Tag stolz auf sich gewesen wäre, hätte er die Nacht bei den Großeltern verbracht. Ich nehme mal stark an, Oma und Opa wissen, wie man kurzzeitiges Heimweh beseitigt. Er hätte vielleicht gesagt: “Ich bin kein Baby mehr, ich kann auch woanders schlafen” und es wäre gewesen, als hätte er ein Abenteuer erlebt. Für sein Selbstbewusstsein wäre es besser gewesen, bel Oma zu bleiben. Finde ich!
    Gutes Thema übrigens. Wer mag, kann mich mal bei http://www.dreimaedelhaus.wordpress.com besuchen.

  6. Nadja schreibt:

    danke für diesen Beitrag

  7. Yummy Mummy schreibt:

    Ein ganz tolles Thema, das du hier ansprichst. Mich beschäftigt es auch schon eine ganze Weile. Unter einer großen Anzahl von Müttern ist diese “bedürfnisorientierte Erziehung”, wie sie es selbst gerne nennen, mittlerweile sehr beliebt. Ich selbst habe dein Eindruck, dass sie sich unter diesem liebevoll und harmlos klingenden Deckmäntelchen gerne in etwas verrennen. Denn die ganze Familie hat doch Bedürfnisse, nicht nur die Kinder. Wir Eltern haben eine wichtige Aufgabe: Unsere Kinder verantwortungs- und liebevoll auf die Welt vorzubereiten, so dass sie in der Lage sind, sich dort später auch alleine zurechtzufinden und einen Platz in ihr einzunehmen, der ihnen ein erfülltes Leben ermöglicht. Einem Kind den Eindruck zu verschaffen, der Mittelpunkt der Erde zu sein, gehört für mich nicht dazu. Im Leben muss man manchmal Dinge tun, auf die man keine Lust hat. Im Leben muss man sich oft mit unbequemen Rahmenbedingungen arrangieren und das beste aus seiner Situation machen. Im Leben begegnet man laufend anderen Menschen, die ebenfalls Gefühle und Bedürfnisse haben. Diese decken sich nicht immer mit unseren, hier gilt es also Kompromisse zu finden.
    Wenn ich mir selbst täglich ein Bein ausreisse, um jedes Bedürfnis meines Kindes unverzüglich und vollständig zu befriedigen, wird es mein Kind später nicht einfach haben. Nicht im Freundeskreis. Nicht im Job. Nicht in der Partnerschaft. Und schon gar nicht, wenn ein Großteil seines Umfeldes auf dieselbe Art erzogen wurde. Man stelle sich vor, mit welchen Erwartungen an ihre Umgebung diese Kinder in die Welt entlassen werden.

  8. fadenvogel schreibt:

    Man hat schon verloren, wenn beide Elternteile sich nicht einig sind. Was ist denn das für ein Signal an das Kind? Mama richtet es schon.

  9. paleica schreibt:

    ich habe zwar noch keine kinder, aber das, was du über die sache mit bedürfniserfüllung und gefühle aushalten schreibst, kann ich mir gut vorstellen. dazu habe ich kürzlich einen interessanten artikel einer nanny gelesen, die gemeint hat, dass sie in den letzten 25 jahren immer mehr dabei zuschaut, wie eltern nur noch danach trachten, jedes bedürfnis des kindes mit sofortiger wirkung zu erfüllen, was sich in einigen bereichen, was die charakterbildung der kinder angeht, gar nicht positiv auswirkt. sie schreibt das der “fehlenden konsequenz” zu. wie gesagt, ich traue mich das nicht zu beurteilen, für mich klingen diese dinge aber sehr plausibel.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich wüsste gerne, warum das so ist. Also warum wir von dem einen Extrem (Kinder laufen nebenher) in das andere fallen. Ist doch irgendwie merkwürdig.

      • paleica schreibt:

        ja das ist es. aber ich denke, das liegt einfach in einem gewissen gesellschaftsbild, das sich wandelt – und mit ihm wandelt sich die kindererziehung…

  10. Esther schreibt:

    Hallo

    Ich habe diesen Post schon damals gelesen, als Du ihn veröffentlicht hast. Ich habe nicht kommentiert, weil ich nichts zu sagen wusste. Aber Du hast genau auf den Punkt gebracht, was ich auch dachte. Weil es mir oft so ergeht und ich das nervig finde. Denn mein Mann ist sehr bemüht unser Kind ständig vor negativen Gefühlen zu bewahren. Und ich hasse das. Ein Freund sagte mir dazu: „Das ist doch normal. Alle Eltern wollen ihre Kinder vor schlechten Gefühlen bewahren. In der Welt ist es hart genug. Da sollen sie es wenigstens daheim gut haben.“ Und ich dachte: ‚OK. Ist was dran. Meine Eltern waren oft sehr gemein zu mir und haben mich runter gemacht, haben mir ständig meine Schwächen vorgehalten, alles angeblich damit ich auf die harte Welt da draußen vorbereitet bin. Und fast nie war die Welt da draußen so gemein, wie meine Eltern. Das will ich nicht für mein Kind.‘ Aber das schlechte Gefühl blieb, wenn mein Mann stets verlangte, dass ich mich „opfere“, damit das Kind nur gute Gefühle hat. Eines Tages ging die Lieblingstasse vom Kind kaputt. Es weinte sehr deswegen und er sagte: „Nicht traurig sein! Wir kaufen eine neue.“ Und da Begriff ich, was das Problem ist. Negative Gefühle kommen vor. Kinder werden sie so oder so fühlen. Und es gibt da gewaltige Unterschiede im Umgang:
    – man ist gemein und gehässig gegenüber seinen Kindern, so wie meine Eltern es häufig genug getan haben. Damit wälzt man die Verantwortung komplett auf die Kinder ab, baut den eigenen Stress ab und rechtfertigt es damit, so das Kind auf die harte Welt vorzubereiten. Nicht gut. Völlig zu Recht wird das als schädliches Verhalten oder als Form der psychischen Gewalt abgelehnt.
    – man versucht jedes negative Gefühl des Kindes asap zu beseitigen, entweder durch Bedürfnisbefriedigung oder durch Ablenkung. Auch das tut man für sich selbst und nicht fürs Kind. Denn man leidet mit dem Kind und möchte die negativen Gefühle selbst nicht aushalten. Damit zeigt man seinen Kindern auf lange Sicht: Du darfst keine negativen Gefühle haben, denn negative Gefühle sind nicht ok! Was ist das für ein aussichtsloser Anspruch, den man da seinen Kindern vermittelt? Damit wird das Kind doch auf Dauer unter den Druck gesetzt immer glücklich sein zu müssen.
    – man benennt die negativen Gefühle des Kindes, zeigt ihm dass sie ok und verständlich sind und unterstützt es dabei die Gefühle zu bewältigen. Und das heißt eben nicht immer den Bedürfnissen nachzugeben, die durch diese Gefühle ausgedrückt werden. Sondern es heißt grade bei kleinen Kindern oft: körperliche Nähe, Trost und Vertrauen in die Kraft des Kindes das Gefühl auszuhalten und ihm so die Chance zu geben zu erkennen, dass es wieder vorbei geht.
    Und das Kindern zu geben, erfordert eben die Fähigkeit auch die eigenen Gefühle auszuhalten und darauf zu vertrauen, dass sie vorüber gehen oder dass man selbst etwas tun kann, um sich wieder besser zu fühlen. Aber leider sind viele Menschen mit der Handhabung ihrer eigenen Gefühle total überfordert. Und ich vermute das liegt daran, dass sie in ihrer Sozialisation keine Chance hatten zu lernen, wie sie ihre Gefühle konstruktiv managen können. Sie lernten vielmehr, dass bestimmte Gefühle ok sind und ausgedrückt werden dürfen und andere nicht ok sind und daher auch keinen sichtbaren Ausdruck finden dürfen. Das ist enorm verwirrend. Denn dann weiß man teilweise gar nicht, was das für Gefühle sind, die einen grade überwältigen. Sie werden dann entweder unterdrückt und dimmern ständig unter der Oberfläche und überschatten dauerhaft das Leben. Oder sie entladen sich irgendwann in unkontrollierten Anfällen. Jedenfalls glaube ich, dass ist auch der Grund warum wir so immens viel Lob und Anerkennung brauchen (ich ziehe hier den Bogen zu einem aktuellen Post). Denn viele von uns leben in permanenter Unsicherheit über unsere Gefühle und wir brauchen dann Bestätigung von Außen, um unsere Gefühlswelt zu validieren und sie irgendwie verarbeiten und Gefühle auch „loslassen“ zu können.

    Ich versuche also meinem Kind stets zu zeigen und zu benennen, was ich fühle und auch was ich mache, um damit klar zu kommen. Ich versuche meine Gefühle dem Kind gegenüber transparent darzustellen. Ich beharre auf meine persönlichen Grenzen. Und ich unterstütze mein Kind liebevoll dabei die eigenen Gefühle zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Mein Mann dagegen gehört zur Gruppe derer, die negative Gefühle beim Kind asap beseitigen will. Die Folge davon ist, dass das Kind sich bei ihm nicht sicher fühlt. Obwohl ich „die Strenge“ bin, sucht das Kind meine Nähe deutlich mehr und möchte alles Wichtige nur mit mir machen. Der Papa ist ok als Spielkamerad, aber wenn etwas Schlimmes passiert, es sich z.B. weh tut oder traurig ist, dann muss der Papa weg gehen. Das macht ihn sehr traurig, aber ich konnte ihm bisher noch nicht erklären, wie auch sein eigenes Verhalten dafür der Auslöser ist. Denn er ist sehr überzeugt davon, dass sein Verhalten „bindungsorientiert“ ist und meins eben nicht. Aber ich glaube nicht, dass es die Bindung zum Kind stärkt, wenn ich ihm vermittle, dass negative Gefühle nicht ok sind. Und zu sagen „Nicht traurig sein!“ tut eben genau das.

    Liebste Grüße und vielen Dank für Deine scharfsinnigen Artikel
    Deine Esther

    P.S.: Vielen Dank an meine Schwester, die immens zur Klärung meines Problems in dieser Sache beigetragen hat und von der einige Formulierungen in diesem Kommentar stammen ❤

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Esther,

      was für ein umfassender und toller Kommentar. Da steckt so viel drin. Ich gebe dir in allen Punkten recht und bin beeindruckt von deinem Gedanken-Ergebnis. Ich bin mir sicher, dass es kein leichter Weg war, dass so differenziert zu sehen. Vor allem, wenn deine eigene Wahrnehmung im Gegensatz zu der des Partners steht. Toll, dass du deinen Weg und die Klarheit dazu gefunden hast. Vielen Dank, dass du all das mit mir und damit mit Anderen teilst.

      Und was mich richtig begeistert: der Bogen zu meinem aktuelleren Post. Das finde ich mal richtig cool. Wahnsinn, wie du es geschafft hast, die Sache rund zu machen. Seinen Kindern zu helfen, sich selbst zu spüren und zu akzeptieren – da bin ich mir sicher – ist Gold wert.

      Ganz viele Grüße, auch an deine Schwester
      Tina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s