Genügsamkeit

Vor ein paar Tagen spielte ich mit meinen Kindern ein Gesellschaftsspiel. Für die Kleine (3) ist das noch relativ neu, während die Große (5) schon ein alter Hase im Gesellschaftsspiel-Business ist. Nichts desto trotz ist Verlieren für die Große kein Zuckerschlecken, sie schreit, sie weint und ich bin mir sicher, irgendwann fliegt so ein Spiel auch mal quer durchs Wohnzimmer. Das Temperament dazu hat sie. Die Große gewann (zum Glück) und die Kleine drohte, die Fassung zu verlieren. „Ich will auch gewinnen!“, schrie sie.

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Irgendwie war ich fasziniert. Dieser Drang zu gewinnen, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben scheint den Kindern in die Wiege gelegt. Ich gebe es offen zu: Ich finde die Reaktion der Kinder nervig. Aber an diesem Sonntag sah ich die Kleine an und dachte mir, dass es falsch wäre, den Kindern das Verlieren-können beizubringen. Warum sollte man sich mit weniger zufrieden geben, warum sollte man genügsam sein? Nur damit andere nicht genervt sind? Und was bedeutet Verlieren-können überhaupt?

Vor knapp einem Jahr erzählte ich in einem kleinen Kreis eine Anekdote über meine Tochter. Meine Bekannte, die beruflich Psychotherapie und systemische Therapie macht, meinte beim Abschied ganz lapidar, sie freue sich, dass ich zwei so kraftvolle Töchter hätte, die genau wissen, was sie wollen, während ich so genügsam sei. Erst im Auto drang mir dieser Satz so richtig ins Bewusstsein und beim nächsten Mal fragte ich sie, wie sie das gemeint hat. Sie bediente sich einer Metapher, sprach von Blumen, die manchmal sehr gehaltvollen Boden bräuchten, damit sie gedeihen und anderen, die mitten in der Stadt auf dem Asphalt wunderschön blühen würden. Es gäbe beides, ohne Wertung.

Ich erinnere mich an eine Situation mit meinen großen Pflege-Brüdern. Wir spielten Wasserschlacht und die beiden kamen mit 5-10 Liter-Eimern auf mich zu. Voll versteht sich. Hinter mir war die Wand und ich kauerte mich einfach auf den Boden, schlug die Hände über den Kopf und ließ mich mit 10-20 Liter Wasser überschütten. Ich kann mich noch gut an die Reaktion meines Bruders erinnern: „Du musst dich wehren, Tina!“

Ich bin ein genügsamer Mensch, das stimmt. Es gibt viele Dinge, da ist es mir schlicht und ergreifend wurscht, ob das nun so oder so entschieden wird. Das ist das eine. Was ist mit den Situationen, wo es nicht um entweder/oder geht, sondern um hop oder top? Seit dieser Situation mit den Kindern frage ich mich: Wo hört Genügsamkeit auf und fängt Aufgabe an? Und hat Genügsamkeit etwas damit zu tun, dass man sich selbst nicht mehr wert ist?

Johann Wolfgang von Goethe beschreibt es so:

Das wahre Glück ist die Genügsamkeit,

und die Genügsamkeit hat überall genug.

In meinem näheren Umfeld gibt es mehrere Personen mit ausgeprägten Kämpfergeist. Ich glaube fest, dass einem so etwas nicht zufällig begegnet und einem auffällt. Vielleicht war es lange Zeit für mich notwendig, genügsam zu sein. Doch vielleicht wird es Zeit, diese Strategie zu überprüfen, ob sie für die verschiedenen Lebensbereiche noch passt. Und vor allem: Was will ich meinen Kindern vermitteln?

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5 Antworten zu Genügsamkeit

  1. Mamamotzt schreibt:

    Schnell heute endlich aufgeschrieben: Kurz schmerzlich und peinlich bewusst wurde mir diese Haltung meinereiner vorvorgestern, als ich telefonierte und mir jemand aus dem Hintergrund “Liebe Grüße” zurief. Mein Telefonpartner wiederholte die grüße sicherheitshalber. Ich sagte reflexartig wie immer: “Danke, richte ich aus!” Den Kindern oder meinen Pflegefällen.
    Dass mich jemand grüßen wollte kam mir nicht in den Sinn.
    Heute ist wieder Alarm hier, ich springe für andere.
    Gestern lag ich selbst mal flach und dachte, das Ende kommt. (Nicht ganz, aber …)
    Niemanden habe ich um Hilfe zu bitten, niemanden habe ich zu stören usw.
    Aber heute muss ich einfach mit voller Kraft für andere da sein. Egal, wie es mir geht, gleich, was ich mir wünsche.
    Ja, ich glaube, ich bin auch so ein viel zu genügsamer Mensch! Und es schadet mir im höchsten Maße.
    Und trotzdem werde ich weiterhin damit klarkommen, denn mich in irgendeiner Weise nach vorne schieben ist nicht. Klappe halten, ab nach hinten.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Mamamotzt,
      ich glaube, Genügsamkeit hat etwas mit Zufriedenheit zu tun und das lese ich bei dir nicht. Es gibt sicher Wege, mehr auf dich zu schauen. Sei es dir wert!
      Alles Gute
      Tina

      • Mamamotzt schreibt:

        Für mich hat es aufgrund meiner Herkunft, die bei dir ebenfalls öfter eine Rolle spielt und die ich daher berücksichtige, mit „bloß keine (eigenen) Ansprüche stellen“ zu tun. Völlig wurscht, was man tatsächlich denkt/empfindet.
        Und wird, in welcher Auslegung auch immer, von mir maßlos betrieben.
        Herzlichst, Mamamotzt

  2. Claudia schreibt:

    Ich bin nicht der Ansicht, dass man Genügsamkeit gleichsetzen sollte mit einem schwachen Kampfgeist oder Selbstaufgabe. Sicher gibt es wie immer ein Extrem, womit man sich selbst unglücklich machen kann. Hat man keinerlei Ziele, gibt immer klein bei und legt man eine demonstrative „Mir egal“-Haltung an den Tag, dann sollte sich eindeutig was an der Einstellung zum Leben ändern. Ist man aber nur generell ein Mensch, der sich eben auch mit Kleinigkeiten zufrieden gibt und nicht immer nach MEHR giert, sehe ich das als sehr positive Eigenschaft. Ich glaube, die golde Mitte ist genau richtig – und dies versuche ich meinen Kindern auch so zu vermitteln.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Claudia,
      ich gebe dir Recht. Ich hatte beim Schreiben auch teilweise das Gefühl, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Dennoch habe ich es im ersten Zug nicht geschafft, genauer zu differenzieren. Es gibt eine Schnittmenge, davon bin ich überzeugt, deshalb schrieb ich darüber. Aber so ganz erfasst habe ich es noch nicht. Das hier ist nur ein Gedankenfetzen. Danke für deinen Kommentar.
      Lieben Gruß,
      Tina

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