Sich klein machen lassen vs. sich selbst klein machen

Ich kann es nicht leiden, wenn mich jemand klein macht. Das funktioniert auf viele verschiedene Arten, besonders empfänglich bin ich dafür, wenn mich der Gegenüber dumm da stehen lässt oder mir das Gefühl vermittelt, dass er mich für dumm hält. Ich werde dann wütend. Und das für mich ungewöhnlich schnell.

In den letzten Tagen habe ich viel über Beziehungen nachgedacht. Ich glaube nämlich, dass man sich nicht zufällig trifft, sondern dass Beziehungen quasi als Leinwand fungieren, die einem unerfüllte Bedürfnisse, eigene Verletzungen und Ängste aufzeigen. Ich glaube daran, dass genau das der Grund ist, warum wir uns von Menschen angezogen oder abgestoßen fühlen. In Liebesbeziehungen funktioniert das besonders gut, weil da das Herz weit geöffnet und man entsprechend empfänglich ist. Ich sehe Beziehungen als Lernfeld an, durch das man sich persönlich weiterentwickeln kann, wenn man sich seinen Bedürfnissen, Verletzungen und Ängsten stellt.

Was hat jetzt das eine mit dem anderen zu tun? Nun, scheinbar habe ich ein Problem: Mir begegnen nämlich ständig Menschen, die mich klein machen. Schon von Kind auf. Ich wurde viel gehänselt, ich denke, dass ich jeden Tag damit konfrontiert war, entweder dumm, hässlich oder dick zu sein.

Ich selbst behaupte von mir, ein hässliches Kind gewesen zu sein. Erst vor kurzem habe ich meine sehr übersichtliche Fotosammlung durchgeschaut und dabei eine interessante Entdeckung gemacht. Als Kleinkind finde ich mich noch so einigermaßen süß. Aber ab der Grundschule bis ich etwa 21 Jahre alt bin sehe ich auf allen Bildern ein hässliches Kind, eine unattraktive Jugendliche/junge Erwachsene. Ich schaue auch immer völlig unentspannt in die Kamera. wpid-photogrid_1408038075432.jpgSachlich betrachtet stimmt das vielleicht nicht, aber auch heute noch sehe ich die Bilder an und sehe nichts anderes. Ab 21 legt sich das plötzlich. Ich bin entspannt, lächle, finde mich selbst ansehnlich. Zufällig ist das das Alter, indem ich anfing, an mir zu arbeiten, mich weiterzuentwickeln, meiner Umwelt nicht mehr die ganze Schuld für meine Nöte zu geben. Ich hatte durchaus ein paar Päckchen zu tragen, die genügend Rechtfertigung dafür lieferten, dass ich manchmal wochenlang depressiv war und in diversen Lebensbereichen Schwierigkeiten hatte. Dennoch, mit 21 war ein Wendepunkt, ich fing an, innerlich in den Spiegel zu schauen.

Ich weiß nun, dass mich niemand klein machen kann. Ich kann es nur selbst tun. Bisher ist das noch reine Theorie. Ehrlich gesagt macht mich das sogar wütend. Was war denn, als ich Kind war? Da kann doch nun wirklich keiner erwarten, dass ich all den Hänseleien in mir ruhend strotzen würde und alles an mir abprallt. Da bin ich doch wohl ganz klar Opfer gewesen. Und natürlich war da meine Umgebung schuld. Ich weiß, dass Wut ein sekundäres Gefühl ist, welche ein anderes Gefühl, eine Verletzung deckelt und wenn ich mich da weiter hineindenke, spüre ich das auch. Da tut es schlimm weh. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, ab wann der Punkt tatsächlich gewesen wäre, an dem ich für mich selbst hätte einstehen können und ich wünschte, ich hätte es eher gewusst und getan.

Lustigerweise bringe ich meiner großen Tochter (und später natürlich auch der Kleinen) das jetzt schon bei. Sie kommt oft auf mich zu und sagt: „XY hat gesagt, dass ich doof/gemein/usw. bin!“ Dann frage ich: „Glaubst du das auch?“ Und sie verneint immer. Und dann lächel ich und sage: „Dann ist es völlig egal, was der andere sagt und denkt, wenn du weißt, dass es anders ist.“ Dann dreht sie sich um und geht. Zufrieden.

All das fällt mir jetzt auf. Witzig, dass ich es meiner Tochter beibringen kann und für mich selbst nicht beherzige. Es ist doch so egal, was mein Gegenüber von mir hält, wenn ich selbst anderer Meinung bin. Es ist an der Zeit, mein erlerntes Verhalten, meine Reaktion auf früher immer wiederkehrende Situationen zu ändern.

Mich kann keiner mehr klein machen, das kann nur noch ich selbst. Und das werde ich mir nicht mehr erlauben. (Bald.)

Auf dem Weg …

Dieser Beitrag wurde unter Werden und Sein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Sich klein machen lassen vs. sich selbst klein machen

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Liebe Tina,

    und ich hatte schon Sorge, du hörst auf mit dem Bloggen, nach diversen Tweets der letzten Tage. Das vorab. *SteinvomHerzen*

    Wieder einmal verstehe ich dich recht gut. Ich war auch so ein „hässliches Entlein“ und versuche heute, meinen Kindern mitzugeben, dass das Urteil anderer Leute nur dann zählt, wenn man es für sich annimmt. Annehmen will. So, wie du das mit deinen Kindern machst. In diesem Bereich habe ich das Gefühl, dass ich etwas als Mutter richtig gut mache. Und das macht mich froh.

    Also Applaus und Respekt für dich. Und noch eine Umarmung hinterher!

    Viele Grüße, Christine

  2. Mama notes schreibt:

    Liebe TIna,
    mir geht es mit meinem Kinder- und Jugendbildern ähnlich. Die Brille, die Haare … ich sehe die Fotos noch heute ungern an. Wie bei Dir wurde es mit rund 21 besser.Zufall oder Reifeprozesse?
    Ich finde die Antwort, die Du Deiner Tochter nach solchen Gemeinheiten gibtst, wunderbar und werde das in Zukunft auch selber mal bei meinen Kindern anwenden! Danke dafür.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, sicher kommt ein Reifeprozess dazu, angeblich tritt man ja alle 7 Jahre eine neue Entwicklungsstufe an, 21 wäre dann ein solcher Neubeginn.

      Ich freue mich, dass du meinen Beitrag als Impuls annimmst. Kannst mir ja mal schreiben, wie deine Kinder darauf reagieren. Da ist sicher jedes anders.

      Liebe Grüße,
      Tina

  3. Micha schreibt:

    „sondern dass Beziehungen quasi als Leinwand fungieren, die einem unerfüllte Bedürfnisse, eigene Verletzungen und Ängste aufzeigen.“

    Ein super Gedanke, die menschlichen Kontakte als Spiegel oder Projektion der eigenen Innenwelt zu sehen. Ich finde es sehr spannend, solche Hürden zu entdecken. Damit habe ich etwas messbares, das ich beeinflussen könnte. Und das öffnet mir plötzlich die Möglichkeit, dass ich tatäschlich Veränderung bewirken kann.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Das stimmt, es ist spannend. Aber manchmal auch ganz schön lästig. Je nachdem wie weh es tut. Es gibt Hindernisse, die erkenne ich und das Problem ist quasi gebannt. Und dann gibt es welche, da tut sich ein riesen Widerstand auf, da will ich einfach nicht. Dann ist es unangenehm, wenn man weiß, nur man selbst kann eine Änderung herbeiführen (Stichwort Komfortzone), da wäre es einfach schön, die anderen wären schuld 🙂 .

  4. woerterfall schreibt:

    Liebe Tina,
    ich bin sicher, dass du es zuerst warst, die sich klein gemacht hat, und dass du dann Ereignisse angezogen hast, die diese unbewusste „Entscheidung“ gespiegelt haben.
    Man ist tatsächlich nie Opfer, auch wenn diese Sichtweise bequemer ist.

    Ich habe jahrelang meine Großmutter und meinen Vater dafür verantwortlich gemacht, dass ich mich als Kind leidenschaftlich gehasst habe. Ich habe meinem Vater geglaubt, wenn er Sätze sagte wie „Halt doch’s Maul, es kommt doch eh nur Scheiße raus!“ (das mit dem Maul weiß ich nicht mehr so genau, aber bei der Scheiße bin ich mir sicher). Ich war hochsensibel und hörte immer „Sei doch net so empfindlisch!“, also versuchte ich, weniger empfindlich zu sein. Ging auch nicht. Ich war falsch, egal, was ich auch anstellte. Bis ins junge Erwachsenenalter habe ich immer nur versucht, geliebt zu werden und war bereit, mich in jede erdenkliche Richtung zu ändern, damit ich liebenswerter wäre. Und folgerichtig habe ich mich mit Menschen umgeben, die mich beschissen behandelt haben. Ich hatte mal einen Freund, der wollte, dass ich geschminkt ins Bett gehe, weil er mich ungeschminkt nicht mochte. Und wenn ich am nächsten Morgen verschmiert aussah, sagte er, ich sähe aus wie eine runtergefallene Pizza. Was für ein Arsch, oder? Aber ich hätte ihn ja nicht erwählen müssen!
    Sogar meine „beste Freundin“ war eine falsche Schlange, die mir immer erzählt hat, wer mich alles nicht möge – damit sie die volle Kontrolle behielt.

    Ich liebte mich nicht, also kreierte ich mir Lebensumstände, die mir das auch im Außen spiegelten. Ich erkenne mittlerweile voll an, dass meine Sichtweise auf mein Leben meine Entscheidung war. Natürlich wusste ich damals nicht, dass ich mich auch anders hätte entscheiden können, aber da hatte ich ja auch entschieden, ins Opferbewusstsein zu gehen. Das Opferbewusstsein ist ungefähr so, wie wenn du dich 2 Monate mit McDonalds-Fraß einschließt und hinterher meckerst, dass du fett geworden bist: Opferbewusstsein ist, sich selbst vor der höheren Weisheit abzuschotten. Und die Wahrheit ist, dass man sich alles, was man erlebt, selbst kreiert, in 100% der Zeit und 100% aller Umstände. Hart, oder? 🙂
    (Was Geld angeht, bin ich leider immer noch nicht in der Lage, mir so viel davon zu kreieren, wie ich gerne hätte.)

    Wir erleben die Welt alle total unterschiedlich. Jeder erschafft sich selbst einen Filter, durch den er die Welt sieht. Wenn ich Menschen zuhöre, kann ich ihre Filter deutlich wahrnehmen: Ihre Konditionierungen, Gedankenstrukturen, Emotionen, Glaubenssätze umgeben sie wie ein undurchdringliches Ei. Durch das Ei nehmen sie die Welt wahr, und dann scheint sie wirklich so zu sein, wie sie vor ihnen auftaucht.
    Wenn man ihnen was sagt, was nicht zu ihrer Weltsicht passt, hören sie es entweder gar nicht erst, verstehen es anders, als es gemeint war, oder sie wehren sich und sagen „Hör auf mit dem Schwachsinn“.
    Wenn ich nun einen Filter habe, in dem ich klein und wertlos bin, dann projeziere ich meinen Filter auf die Welt und filtere alles heraus, was nicht dazu passt. Ich nehme nur das wahr, was meinen Glaubenssatz bestätigt.

    Dass man sich trotzdem entwickelt, liegt daran, dass man leidet und daran was ändern will (durch Wohlbehagen hat sich noch nie jemand geändert). Das Leiden bewirkt, dass man sein Filter-Ei mal öffnet und neuen Input reinlässt. Je nach Mensch aber nur sehr wenig – ich kenne eine Fundamentalchristin, die ihr Ei immer nur für geprüfte Fundamentalchristen-Wahrheiten öffnen würde! 😀

    Wenn du Englisch kannst, empfehle ich dir zusätzlich dieses Video: http://www.askteal.com/videos/find-your-negative-imprint-find-your-life-purpose-teal-swan

    Und wenn du Lust hast, können wir auch mal telefonieren. 🙂

    • sternchen0502@gmx.de schreibt:

      Hallo Woerterfall,
      schön zu lesen, wie reflektierend und erkennend du durch die Welt gehst. Wenn auch der Artikel schon über zwei Jahre her ist, hoffe ich, dass du dies hier liest.
      Denn mein Problem ist, dass ich mit jemandem zusammen bin, der sich selbst immer klein macht. Er war 14 Jahre lang in einer Beziehung, in der seine (Ex-)Frau stark psychisch dominiert hat. Und zwar auf negative Weise. Anscheinend habe ich ein Helfersyndrom, denn ich habe mir zur Aufgabe gemacht, ihm zu zeigen, dass er eben kein Opfer ist und nicht ausgeliefert ist. Wir sind nun knapp vier Jahre zusammen, aber der Erfolg ist mäßig. Wir fallen immer wieder (und in immer kürzeren Abständen) in Situationen, in denen er mir vorwirft, ich sei übermächtig, er käme gegen mich nicht an, es würde immer nur nach mir gehen, seine Bedürfnisse würden nie erfüllt….was so ja definitiv nicht stimmt. Mag sein, dass ich, die ich eine starke Persönlichkeit bin, manches mal mehr entscheide als er, aber meist auch mit seiner Zustimmung: „Entscheide du das.“ „Was magst du machen?“ usw.. Da ich aber auch durchaus gerechtigkeitsliebend bin, kommt er absolut nicht zu kurz. Ganz im Gegenteil. Er hat aus der Ehe einen mittlerweile pubertierenden Sohn. Und was für den schon Zeit und Energie drauf gegangen ist….aber ich tu ja nix für ihn.
      Nun stehen wir – wieder mal – vor der Entscheidung, Trennung oder nicht. Ich habe wenig Hoffnung, dass die Diskrepanz zwischen den gefühlten Machtverhältnissen sich je ändern wird. Und es macht mich sehr traurig, diese Beziehung aufgeben zu müssen und sagen zu müssen: „Wir haben es nicht geschafft.“
      Was kannst du aus deiner Erfahrung dazu sagen? Gibt es Hoffnung?
      Ich hoffe, du liest das noch und wir können in Kontakt kommen. Ich würde mich sehr freuen.
      Flocke (w./47J.)

  5. Radix schreibt:

    Deine Offenheit hat mich sehr berührt. Ich habe mich sofort wiedererkannt: Jedesmal, wenn jemand Dich klein gemacht hat, musstest Du Dich fragen, ob die Person recht hat. Die Frage nach dem eigenen Wert hat Dich offenbar lange beschäftigt, es war selbstverständlich, diese Frage immer wieder neu zu verhandeln. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor und ich kenne es aus eigener Erfahrung.

    Das Timing der Auseinandersetzung kann entscheidend sein. Wenn man sich jedesmal fragt, ob die anderen recht haben, dann ist das einerseits gut, weil man auf Kritik eingeht, andererseits ist es aber auch eine sichere Methode, sich eine hübsche Sammlung von Selbstzweifeln zuzulegen.

    Was in solchen Momenten abhanden kommt, ist die eigene Basis. Ich finde es schön, dass Du Deine inzwischen gefunden hast. Du hast die Frage nach der eigenen Größe, die immer wiederkehrt, ein für alle mal für Dich beantwortet. Sie ist zu einer rhetorischen Frage geworden. Du kannst jetzt anderen zeigen wie man mit Selbstzweifeln umgeht- meine Ergänzung dazu ist folgende: Vieleicht wäre es ratsam, derartig tiefgreifende Fragen nicht erst dann zu verhandeln, wenn jemand Kritik geäußert hat sondern im Vorfeld.

    In der Theorie ist das machbar, aber im Alltag gelingt mir das leider noch nicht so ganz. Ich habe so meine Krisen, die starke Selbstzweifel auslösen: Es fällt mir schwer vor Gruppen von Menschen zu sprechen, obwohl ich das in meiner Ausbildung regelmäßig tun muss. Ich bekomme weiche Knie dabei, man sagt ich könne es lernen aber es wird immer schlimmer. Ich stehe vor meinem Kurs, mein Selbstwertgefühl sinkt in den Keller, auch wenn ich auf rationaler Ebene weiß, dass mir keine Gefahr droht, reagiert mein Körper mit Panik.

    Ich versuche mir dann grundsätzlich klarzumachen: Du bist ein wertvoller Mensch, Du kannst Einzelheiten ändern aber Du kannst dem Sturm auch widerstehen. Stell die Kritik auf den Prüfstand, nicht die eigene Persönlichkeit. Niemand darf Dein Selbstwertgefühl vernichten, Deine Würde ist unantastbar und das ist Dein Fundament, Deine selbst-Anerkennung.

    Aber die Erkenntnis allein reicht bei mir nicht aus. Man muss auch üben, so zu denken.

    Deine hohe Bereitschaft, an Dir selbst zu arbeiten ist jedenfalls eine große Stärke, die mich sehr beeindruckt hat. Sie ist Teil Deines Fundaments. Das hat mich zum Nachdenken über meine eigenen Krisenmomente gebracht und mir ist klar geworden: Man kann solche Situationen außerhalb der Krise reflektieren, vielleicht sollte man auch innerlich darauf vorbereitet sein. Ich danke Dir wünsche Dir weiterhin einen guten Weg!

  6. Hallo Tina,

    weißt du, was Hochsensibilität bedeutet? Es könnte evtl. ein Thema für dich sein. Hier – wie ich finde – das beste Buch für den Einstieg zum Thema. Da kann man sich auch das Inhaltsverzeichnis anschauen und bekommt dann schon einen Eindruck, ob man sich darin wiederfindet.

    http://www.chbeck.de/Sand-Kraft-Fuehlens/productview.aspx?product=16551955

    Alles Liebe und noch eine schöne Weihnacht,
    Julia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s