Die subtile Macht der Frau. Oder: Eheglück.

Über Eheglück entscheidet vor allem die Frau – so titelte vergangenen Sonntag Spiegel online. Die Süddeutsche fasste zusammen „Frau zufrieden -> Beziehung gut„. Amerikanische Forscher haben demnach beobachtet (in mir tat sich das Bild in freier Wildbahn grasender Antilopen auf), was eine glückliche Ehe ausmacht.

Das Ergebnis deutet Spiegel online wie folgt: „Der Mann mag vielleicht gar nicht so positive Gefühle über die Beziehung hegen, solange die Frau glücklich ist, ist alles gut – so in etwa könnte man die Studie zusammenfassen, die im Fachblatt „Journal of Marriage and Family“ erschienen ist.“

Hier bin ich zum ersten Mal ausgestiegen. So in etwa?!? Im Grunde hätte man sich ab hier den Rest des Artikels schenken können. Doch es wird noch besser, Zitat Spiegel online: „Ich denke, es liegt daran, dass eine mit der Ehe zufriedene Frau dazu tendiert, viel mehr für ihren Mann zu tun, was sich positiv auf sein Leben auswirkt“, sagt Rutgers-Forscherin Deborah Carr.

Sie denkt! Bisher ging ich davon aus, Forschung hätte etwas mehr Substanz. Schlimm finde ich, dass die Ergebnisse, die hier vermutlich schlicht und ergreifend falsch und völlig aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden, wie harte Fakten rüberkommen. Fakten, die auf Fragestellungen wie „Sind sie glücklich?“, „Fühlen Sie sich wertgeschätzt“ oder „Verstehen Sie die Gefühle des anderen?“ basieren (lt. Spiegel.de).

Sind sie glücklich? Darunter versteht wohl jeder etwas anderes. Ich denke (ja, ich darf hier denken, ich verkaufe mich nämlich nicht als wissenschaftliche Forscherin), dass das ganz viel mit Erwartung zu tun hat.

Verstehe ich die Gefühle des anderen? Das ist eine Fragestellung, deren Antwort meines Erachtens immer falsch sein muss. Niemand versteht die Gefühle des anderen. Dazu müssten diese erst einmal korrekt kommuniziert werden (erste Fehlerquelle), was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass der Gegenüber diese korrekt verarbeitet (zweite Fehlerquelle). Ich kann also nur meinen, zu verstehen. Darum geht es meines Erachtens nach auch gar nicht. Meiner Meinung nach ist nur wichtig, die Gefühle des anderen zu akzeptieren. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Lustigerweise kann man das „wissenschaftliche Ergebnis“ in zwei Richtungen deuten: Entweder ist der Mann fein raus und er kann sich der Verantwortung komplett entziehen oder es überträgt den Männern die volle Verantwortung.

Dieser Deutungsspielraum schlägt sich in den Kommentaren unter den Artikeln nieder. Man erkennt schnell, wer da wie deutet und da tun sich Abgründe auf. Da ist die Rede von Frauen, die eine ungeheure subtile Macht besitzen und dazu noch zunehmend Macht in den Aufsichtsräten einnehmen. Von Frauen, die alles kaufen müssen und immer noch nicht zufrieden sind. Männer klagen darüber, dass sie zum Familienernährer degradiert werden und Frauen sich die angenehmeren Jobs suchen um vom höheren Gehalt der Männer zu profitieren.

Wann genau sind wir zu solchen Gegnern geworden? Ich weiss, ich weiss, die Kommentatoren bilden nicht die breite Masse ab, aber die Tonalität der beiden Artikel schlägt meines Erachtens nach in dieselbe Kerbe. Allein die Argumentationskette „Männer reden nicht so viel, kommunizieren weder Glück noch Unglück, so findet demnach kein Transfer an die Frau statt. Ergo: Es genügt eine zufriedene Frau, dann ist alles gut. Ich meine „Hä?!?“

Was mich wirklich erschreckt und traurig macht: Frauen werden unglücklich, wenn ihre Männer krank werden. Männer umgekehrt nicht so. Ein wenig ketzerisch könnte man fragen: „Definieren wir Frauen uns über unsere Beziehung und Männer nicht?“

Bei meiner Recherche zu diesem Blogpost stieß ich auf einen Beitrag von 2011 mit der Headline: „Studie: Dünnere Frauen machen Ehe glücklicher!“

Wenn alle Stricke reißen, bleibt also immer noch die Option Diät. Immerhin.

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7 Antworten zu Die subtile Macht der Frau. Oder: Eheglück.

  1. mrscgn schreibt:

    Schönes Ding.
    Eine Ergänzung dazu. In einem Interview las ich neulich dies hier:

    Frauen sind im Gegensatz zu den Männern beziehungsorientiert. Das heißt, für Frauen stehen Beziehungen und ihr Aufbau und Erhalt im Vordergrund, während Männer eher leistungs- und gewinnorientiert handeln. Die inhaltliche Kooperationsfähigkeit ist unter Frauen stark an persönliche Sympathien gebunden.
    (Quelle: http://www.zm-online.de/starter/arbeit/Zickenkrieg-im-Praxisalltag_248035.html)
    Beziehungsorientiert bezieht sich hier, so meine ich, nicht ausschließlich auf das Führen tatsächlicher (wie auch immer gearteter) Beziehungen, sondern auch auf dieses Modell, wonach man eine bestimmte Meldung auf vier „verschiedenen Ohren“ kann. Frauen hören diese Nachrichten oftmals auf dem Beziehungsohr (was sagt das gerade über meine Beziehung zum Absender der Information aus?). Ich meine, dass da was dran ist.

    Insofern ist Deine ketzerische Frage danach, ob Frauen sich über ihre Beziehungen definieren, wohl nicht ganz so klar mit Nein zu beantworten. Andersherum würde ich aber sagen, dass sich Männer durchaus auch über ihre Beziehungen definieren. Vielleicht, statistisch gesehen, nicht so häufig, aber eben doch.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Vielen Dank für deinen differenzierten Kommentar. Lustig, dass du das Vier-Ohren-Modell anspricht, genau damit beschäftige ich mich momentan. Den von dir verlinkten Beitrag lese ich mir mal in Ruhe durch, ich bin sehr gespannt.

      Viele Grüße,
      Tina

  2. fritzvonsteiner schreibt:

    Hallo Tina,
    ich glaube, es steckt noch mehr dahinter, wenn man sagt, dass die Beziehung von der Zufriedenheit der Frau abhängt.
    Männer sind doch fast immer zufrieden in der Beziehung. Oder hast du schon mal einen Mann gesehen, der gesagt hat: „Ich bin so unzufrieden in unserer Beziehung – ich gehe!“ ?
    In einer nachehelichen Befragung wurden in einer Studie einmal folgende Fragen gestellt:
    An den Mann: „Würden sie wieder in die alte Beziehung gehen?“
    Der überwiegende Teil der Männer antwortete mit ‚Ja‘!
    An die Frau: „Würden sie wieder in die alte Beziehung gehen?“
    Der überwiegende Teil der Frauen antwortet mit: „Nein!“
    Die meisten Frauen halten in der Ehe oft nur noch aus, während der Mann immer noch zufrieden ist. Männer wollen nur ein Nest, in dem sie alles haben wie bei Muttern früher: Ein Dach über dem Kopf, was zu essen und: Sex! Es reicht auch einmal die Woche! Aber solange sie das alles haben, sind sie zufrieden! Aber ‚Frau‘ will mehr! Sie will Liebe, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Fürsorge und: Reden! Das, was die meisten Männer sowieso nicht so gut können…! Liegt wohl an der Entwircklungsgeschichte des Menschen! Männer quatschen nun mal eben nicht gern viel. Es muss immer schnell eine Lösung gefunden werden, während die Frau doch einfach nur reden wollte. Aber die Zeiten von Steinzeitjägern und Großfamilien, wo die Frauen zu Hause blieben und miteinander reden können, sind nunmal vorbei. Aber der ‚Moderne Mann‘ von heute hat das noch nicht in den Genen drin, dass er das jetzt auch noch wuchten muss: Reden!!! – Frau bleibt eher unzufrieden als der Mann. Die Bedürfnisse des Mannes sind weitgehend gestillt – die der Frau nicht!
    Und daher entscheidet auch meistens die Frau, wann es Zeit ist zu gehen: Wenn ihre Bedürfnisse rund 10-15 Jahre ungestillt geblieben sind und sie schon längst sagt: Ich hab das alles nur noch wegen der Kinder mitgemacht! Der Mann geht doch nicht freiwillig aus dem ‚gemachten Nest‘! Es sei denn er findet woanders eine ‚Zweitfrau‘, die ihm ein weiteres Nest herrichtet. Dann lässt er es meist jahrelang parallel laufen. Und wenn es gut ist, dann verlässt er vielleicht seine Ehefrau. Oder erst wenn sie dahinterkommt! Aber freiwillig geht Kerl von einer Frau weg. Er würde zuviel dabei verlieren!
    Lieben Gruß
    Fritz

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Lieber Fritz,
      danke für deinem ausführlichen Kommentar. Da sind einige Punkte in deinen Ausführungen, die mich nachdenklich machen. Im Grunde müssten sich beide anpassen, der Mann kann ja schlecht die gesamte Bedürfniserfüllung übernehmen, die einst die Sippe erfüllte. Schwierig!
      LG, Tina

  3. Katharina schreibt:

    Ich wette 1:99, dass da wieder mal ein Journi (oder zwei) statistische Tabellen nicht lesen konnten und deshalb vermeintliche Aussagen von Forschenden falsch wiedergegeben haben. Oder so, dass sie am meisten Effekt erzielen und zu schönen Diskussionen führen.
    (ich geht jetzt das Paper runterladen…)

  4. großartiger text. samt großartiger meinung. bitte weiterschreiben!
    und die diät-option hat ja auch was ungemein beruhigendes. außer vielleicht für sehr dünne, unglückliche ehefrauen…
    was würden wir nur ohne die forschung machen!

    naja. die/der eine oder andere würde vielleicht mehr der inneren stimme folgen. aberwitziger gedanke…

    herzlichste grüße aus freiburg!
    friederike

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