Erkenntnis der Woche

Diese Woche hatte ich eine interessante Erkenntnis. Seit einigen Monaten touchiert mich immer wieder ein Thema und die Quintessenz daraus lautet: Es gibt Menschen, die haben Verhaltensweisen oder machen Dinge, die finde ich nicht gut. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass ich die Person nicht leiden kann. Für mich ist das kein Widerspruch.

In meiner Umgebung nehme ich aber wahr, dass diese Einstellung für Verwirrung sorgt bzw. anders gehandhabt wird. Wie kann das sein, dass ich etwas an einem kritisiere und trotzdem mit ihm lache? Wieso rede ich überhaupt mit ihm, wo ich doch gerade erst mit ihm zusammengerückt bin?

Vergangene Woche saß ich im Auto und war auf dem Heimweg von der Arbeit. Ich dachte über all das nach und erkannte, dass auch ich meine Grenze habe. Was ich oben beschrieb, geht nämlich nicht immer. Ganz manchmal erwischt mich einer doch so, dass er danach quasi für mich gestorben ist. „Huch“, dachte ich, „das ist doch interessant.“ Woran liegt das, dass ich mal mit an anderen ungeliebten Verhaltensweisen umgehen kann und manchmal nicht?

Mir ist klar geworden, dass es zwei verschiedene Ausgangssituationen gibt. Der Unterschied liegt darin, ob mir mein Gegenüber nahe steht oder nicht. Es gibt Themen, die lässt jemand in mir anklingen, denen liegt eine große Verletzung zugrunde. Dazu muss mir mein Gegenüber nicht einmal besonders nah sein. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte ich so eine Situation. Mich behandelte jemand sehr unhöflich, überging und unterbrach mich und trat zudem sehr dominant auf. Ich selbst war von meiner sehr emotionalen Reaktion sehr überrascht, hatte ich damit überhaupt nicht gerechnet. Tagelang beschäftige mich das, erzeugte Wut und selbst ich erkannte, dass meine Reaktion nicht wirklich im Verhältnis zum Erlebten stand. Ich begriff, dass mein Problem die empfundene Herabsetzung war. Ich fühlte mich sehr klein – offensichtlich ein Schmerzthema für mich.

Nun, wo ich all das weiß, kann ich anders in solche Situationen hineingehen. Ich mache mir vorher bewusst, dass dieses Verhalten des Gegenübers keine mich persönlich betreffende Komponente hat, dass er Vielen gegenüber so auftritt. Ich schaue verständnisvoller auf mich und kann die Emotionen, die da kommen besser durchlaufen lassen ohne ihnen viel Raum zu geben. Ich brauche mich darin nicht mehr zu verlieren, es gibt da einen Anteil in mir, da tut es einfach weh, wenn man drauf drückt. Warum genau weiß ich (noch) nicht, aber es reicht, um besser auf mich zu achten.

Dann gibt es Menschen, die habe ich nah an mich herangelassen, da ist das Herz weit auf. Wenn nun eine Verletzung passiert, ist es richtig schlimm. Dann fühlt man sich verraten, missbraucht, verstört. Reflexartig setzt ein Nicht-mehr-mögen ein, denn jemand, den man mag, kann doch nicht derart verletzen. Ob derjenige mit Vorsatz gehandelt hat oder nicht: Er hat einen Schmerzknopf gefunden, vielleicht einen unbekannten. Wenn einem jemand nah ist und einen voll erwischt, dann liegt es doch nahe, dass man ihn (zunächst) nicht mehr leiden kann. Aus Schutz, damit sowas nie wieder passiert. Aus Angst. Aus Scham. Aus Wut. Das innere kleine Kind schreit: „Du bist nicht mehr mein Freund.“ Und: „Pöh, mir macht das alles gar nichts aus.“

Das ist ein bisschen wie nachts einen Alptraum haben. Es ist finster, man wacht auf und hat Angst. Und dennoch muss man sich wieder in die gefürchtete Situation hineinbegeben, die Augen schließen und versuchen, weiterzuschlafen. Wenn man einen Schmerz entdeckt hat, kann man dem anderen die Schuld geben und von sich ablenken. Man selbst trägt keinen Anteil an der Situation, der anderen ist vollumfänglich verantwortlich.

Oder man dreht sich mutig um und schaut in den Spiegel. Wo kommt der Schmerz her, an was erinnert er mich, wie alt war ich? Und brauche ich das noch? Schmerz hat als Schutzfunktion ja auch etwas nützliches. Vielleicht ist das gar nicht mehr nötig, sondern nur noch erlerntes gewohntes Verhalten?

Lange bin ich hier einem Irrtum unterlegen. Mich machte diese Vorgehensweise wütend. Mein Gegenüber darf wie eine Wildsau durch den Wald rennen und ich soll dann dafür verantwortlich sein, mir selbst anzuschauen, was das mit mir macht? Und er kommt ungeschoren davon? Auch hier eine neue Erkenntnis: es geht beides. Ich kann die Chance ergreifen, mir aufploppende Verletzungen ansehen und daran arbeiten. Davon unabhängig und nichts desto trotz kann ich Konsequenzen ziehen, mich von Leuten entfernen, die mich mit Vorsatz verletzen und Grenzen setzen. Ich kann bewusster in Situationen hinein gehen, mich schützen, wo es nötig ist, mich von Situationen nicht mehr emotional überraschen lassen und nicht mehr ins offene Messer laufen. So gesehen eigentlich praktisch. Wenn es nicht so furchtbar anstrengend wäre.

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2 Antworten zu Erkenntnis der Woche

  1. Andrea schreibt:

    Für diese Fähigkeit so reflektiert, analytisch und dennoch emotional Dinge zu erfassen und zu beschreiben bewundere ich Dich immer wieder.

    Das musste mal gesagt werden 🙂

  2. murmelmama schreibt:

    Ich habe ja nun schon vor zwei Wochen versprochen, diesen Beitrag zu kommentieren… warum es solange gedauert hat, hat vielfältige Gründe – der eine davon ist, dass ich erst mal in mich hineinhorchen musste. Ich habe mich sofort in dem Beitrag wieder gefunden, konnte es mir aber selber in dem Moment nicht genau erklären!

    Zunächst aber möchte ich Dir, liebe Tina, meinen Respekt für diesen starken Beitrag aussprechen! 😉

    Im Januar 2013 habe ich nach fast 20 Jahren einen Bekannten wieder getroffen. Durch Zufall – wir haben beide in der alten Heimat wieder eine Wohnung gesucht und sind uns bei der hiesigen Wohngesellschaft über die Füße gelaufen. Ich habe mich sehr gefreut. Noch mehr gefreut habe ich mich, als der Bekannte mir erzählte, dass mein bester Freund aus Schulzeiten auch wieder da ist. Wir haben direkt Nummern getauscht. Der Bekannte hat dem “Freund“ meine Nummer gegeben und er hat sich auch sofort bei mir gemeldet.

    Ein Lichtblick in einer schweren Zeit… der “Freund“ hat mich besucht, mir lang und breit seine Hilfe bei Renovierung und Umzug angeboten. Dann war es soweit… Ich hatte die neue Wohnung. Der Bekannte hat mir nahezu täglich geholfen. Der “Freund“ hat mich komplett hängen gelassen. Monate später hat er sich wieder gemeldet, um über den Bekannten herzuziehen und ihn schlecht zu machen… Ich war eh schon sehr enttäuscht, aber nun war ich wütend! Der Bekannte hat sich mir als Freund bewiesen und das tut er heute noch… er ist Freund geworden. Ein wahnsinnig lieber 😉 der “Freund“ von früher hat sich als heiße Luft entpuppt.
    Er hat vom ersten Moment an versucht, mir auszureden, an meinem Mann festzuhalten und um unsere Ehe und unsere kleine Familie zu kämpfen. Er hat von sich aus permanent Hilfe angeboten (was er alles tolles kann), um dann bei lange abgesprochenen Terminen plötzlich verhindert zu sein. Er wollte Menschen, die mir lieb und teuer geworden sind, schlecht machen… er hat mir suggeriert, wir könnten nahtlos ansetzen, wo wir uns vor 18 Jahren aus den Augen verloren haben. Ich wollte es gerne glauben, weil ich unsere tolle Zeit nie vergessen habe. Genau das hat die Enttäuschung in dem Moment soooooo groß gemacht.
    Ich hatte Hoffnungen und die sind bitter enttäuscht worden!
    Vor 20 Jahren hätte ich ihm einfach nur gesagt, er solle das mit dem anderen selber klären und mich da raus halten. Letztes Jahr hätte ich ihm am liebsten die Augen ausgekratzt!
    Zwei Dinge sind passiert… der “Freund“ hat mich oder die Illusionen, die ich hatte, sehr enttäuscht – Schmerz! Das “Lästerobjekt“ ist mir lieb und teuer geworden, ihn muss ich beschützen – Wut!

    Dies ist nur ein Beispiel von vielen… Lange Rede kurzer Sinn – es kommt darauf an, WER was tut, WAS einer tut und ganz ganz wichtig ist für mich der KONTEXT und mein eigener GEMÜTSZUSTAND in der Situation.

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