Dass ich gut wäre …

Heute Morgen im Auto hat mich ein Song von Alanis Morisette sehr berührt. Ich kenne das Lied schon lange, aber erst heute Morgen begriff ich den Text so richtig. Wünschen wir uns nicht alle jemanden, der tief in unsere Seele blickt und sagt: „Schön dort!“? Dass ein Anderer findet, zu was wir selbst nicht zu sehen in der Lage sind? Etwas sieht, von dem wir selbst nicht glauben, dass es überhaupt da ist? Und wie groß ist die Enttäuschung, wenn derjenige dieser Erwartung nicht gerecht wird?

Warum nur ist es so fucking schwer, umzusetzen, was Alanis so eindringlich singt? Und warum erwarten wir, dass das, was wir uns selbst nicht geben können, mit allen Fasern unseres Körpers von Anderen?

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Dass wir gut wären, selbst wenn wir Ablehnung erführen.
Dass wir gut wären,wenn wir nicht alles wüssten.
Dass wir geliebt würden, selbst wenn wir uns selbst betäubten.
Dass wir geliebt würden, selbst wenn wir wütend wären.
Dass wir gut wären, selbst wenn wir anhänglich wären.

Vor kurzem habe ein Zitat gelesen, dem ich grundsätzlich Recht gebe:

Das Verhalten eines Menschen mir gegenüber sagt etwas über ihn aus, nie über mich. Und die Art, wie ich emotional darauf reagiere, also das Gefühl, das dieses Verhalten in mir weckt, hat immer etwas mit mir zu tun und nie mit ihm. (Safi Nidiaye).

Ich glaube ganz fest daran, dass ein liebevoller Blick auf sich selbst und der Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, viele Türen öffnet und den Kontakt zu Menschen im Allgemeinen besser macht. Aber genau dieser Glaube steht mir selbst oft im Weg. Das heißt nämlich auch, dass alles was mir selbst nicht schmeckt, auf mich zurückzuführen ist.

Mir fallen die vielzitierten Komfortzonen ein. Bla bla bla. Ich hasse den Begriff mittlerweile. Eine Komfortzone verlässt man nicht so einfach. Allein der Begriff: Er suggeriert doch geradezu etwas Sachliches. Nennen wir es einmal Schmerz-Vermeidungszone. Dann hat das Ganze schon eine ganz andere Bedeutung. Schmerz hat eine Schutzfunktion, er soll verhindern, dass man sich verletzenden Situationen aussetzt, dass man die Hand aus dem Feuer nimmt, dass man sich wärmer anzieht, wenn es kalt ist, dass man wegläuft, wenn einen jemand verletzt. Warum, Hergott nochmal, soll ich meine Komfortzone, meine Schmerz-Vermeidungszone verlassen? Ja ja, ich weiß schon, damit ich mich weiterentwickel.

Aber ehrlich: Muss das immer sein? Kann man nicht einfach auch mal Pause machen? Durchschnaufen. Sich nicht dem Feuer, der Kälte, dem Schmerz stellen? Weil man einfach nicht will? Nicht kann? Der Schmerz so unglaublich groß ist? Es einfach nicht an der Zeit ist? Ich nehme an mir einen wahnsinnigen Leistungsdruck wahr. Und scheitere. In so vielen Lebenslagen. Mir das Scheitern zu erlauben, hat mich viel Kraft gekostet.

Nein, man muss nicht immer seine Komfortzone verlassen! Manchmal ist sie genau richtig. Wenn man weiß, dass es eine ist.

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10 Antworten zu Dass ich gut wäre …

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Ich habe gar keine Komfortzone, glaube ich. Darüber dachte ich schon nach, als du (vor einem Jahr?) darüber twittertest, dass du sie gerne mal betreten würdest, bevor du sie verlässt.

    Deine Freundin Christine

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Christine,
      dann fühlst du dich in deinem Verhalten immer frank und frei, bist nie gehemmt, etwas zu sagen, zu tun oder handelst sogar entgegen deinem Gefühl? Das ist bewundernswert. Da will ich hin. Freundin. 🙂
      Liebe Grüße,
      Tina

  2. Andreas schreibt:

    Schöne Gedanken, gute Gedanken

  3. Katharina schreibt:

    Das heißt nämlich auch, dass alles was mir selbst nicht schmeckt, auf mich zurückzuführen ist.
    Ja. Und wenn man das so liest könnte man meinen, man mache dabei einen Fehler.
    Nur in vielen Fällen es auch gut so: Es zeigt auch, dass man ein Gewissen hat, und einen Sinn für „richtig“ und „falsch“. Eine Integrität, die gerade verletzt wird und die sich lauthals meldet.
    Auf jeden Fall etwas, über das es sich erst mal nachzudenken lohnt, bevor man mit sich selbst ins Gericht geht.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Nein, ich habe nicht gemeint, dass es ein Fehler ist. Es ist vielmehr anstrengend. Manchmal beneide ich Menschen, die „einfach“ allen anderen die Schuld geben (bewusst übertrieben und pauschaliert jetzt) und so immer frei sind, alles zu sagen und zu tun. Scheinbar.

      Deinen letzten Satz verstehe ich nicht. Wie meinst du das genau?

      • Katharina schreibt:

        Ja, anstrengend ist es. Aber wenn ich über meine eigene heftige, negative Reaktion nachdenke, re-flektiere, dann hat sich das bisher jedes Mal gelohnt, weil ich mich dabei wieder ein Bisschen besser kenen gelernt habe.
        Hmmm, mein letzter Satz. Also, wenn ich heftig negativ auf etwas reagiere hatte ich lange die Tendenz, die volle Verantwortung für alles zu übernehmen und mich dafür zu kritisieren, dass ich „überreagiert“ habe. ich bin nicht immer sehr achtsam mit mir selber – in Selbstzerfleischung bin ich echt stark :-/
        Es gibt aber Sitationen, da hat sich das Gegenüber einfach wie ein A*schl*ch benommen und da gibt es auf meiner Seite nichts zu hinterfragen. Das musste ich erst mal lernen. Das meinte ich mit dem letzten Satz: Manchmal liegt es am Gegenüber und nicht an einem selber.

  4. minulinu schreibt:

    Ich finde enorm wichtig, sich immer wieder klar zu machen: Das sind Theorien. Hypothesen. Versuche, etwas in Worte zu fassen, was kaum zu fassen ist. Und es steht jedem frei, die Theorie als Maßgabe zu wählen, die eben am besten passt. Nicht, dass das so einfach wäre. Aber die einen wurden mit Grimms Märchen sozialisiert und favorisieren die Herausforderung/den Umweg/Demut/Bescheidenheit und die anderen mit Pippi Langstrumpf. Oder Andersen. Ende. Micky Maus.

    Es gibt kein richtig und kein falsch. Es gibt Entscheidungen, die uns weh tun und welche, die wir leicht schultern. Manche quälen sich mit den leichten und manche mit den schweren. Es hängt immer an der eigenen Perspektive.

    Jeder Text, jede Zeile, jeder Aphorismus sind eine Einladung, sich über sich Gedanken zu machen und kurz in Reflexion zu gehen. Aber kein Mensch wird besser oder schlechter, wenn er/sie genau diese Einladung nicht annimmt.

    Sicher gibt es Menschen, die neigen vor allem zur Introspektion, gleichen sich immer wieder ab und hören mit der Selbstpflege niemals auf, weil sie davon überzeugt sind, dass sie dadurch besser werden als sie bereits sind. Und es gibt Menschen, die polieren ihr Äußeres auf Hochglanz, stylen sich entschlossen und investieren Geld in Beauty-Treatments. Auch, weil sie es als Selbstoptimierung begreifen. Manche lesen Bücher über Bücher und sind stolz auf ihre Regale voller Geschichten und Wissen. Sport. Yoga. Autos. Kochen. Wein. Fußball…

    Jedem Menschen seinen Weg. Sein Gewissen. Seine Sehnsucht. Und besser kein Neid, denn wir wissen nie, was in dem Paket des Gegenüber vielleicht noch mit drin ist.

    …und je schlauer ich mich ausdrücke umso klarer bin ich mir darüber, dass auch das was ich schreibe, lediglich eine Sicht ist und keinem Universalanspruch genügt. *sfz*

    Minusch

  5. Damaris schreibt:

    Deine Zeilen zu dem Lied haben mich für den Einstieg zu unserem heutigen Gottesdienst inspiriert. Du schreibst immer sehr tiefgründig. Danke dafür! LG Damaris

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