Erwartungen

Lange Zeit glaubte ich, Erwartungen seien jedes Vorhabens Tod. Zum Beispiel Weihnachtsfeiern – scheitern oft an überhöhten Erwartungen von Frieden und Reichtum emotionaler wie materieller Art. Daran kann ein Menschenauflauf selbst in der kleinsten Paareinheit nur scheitern, kaum auszudenken auf Großfamilienbasis.

Dieser Gedanke lässt sich auf alle möglichen Begebenheiten und Beziehungen ausweiten: Urlaub, Jobs, Freunde, Elternschaft, Leben als Paar usw.

Aufgrund dieser Überzeugung zog ich den falschen Schluss: Wenn man keine Erwartungen mehr hat, dann – ja, dann ist alles gut. Dann gibt es keine Enttäuschungen, kann der Gegenüber nicht mehr scheitern, dann … Weltfrieden quasi.

Was ich dabei vergaß: mich. Mich und meine Bedürfnisse. Man kann seine Bedürfnisse nicht ausschalten. Man kann sie überprüfen. Dahingehend, wo sie herkommen, ob sie noch dem erwachsenem Ich entsprechen oder aus der Kindheit herrühren, weil da mal irgendwas auf der Strecke blieb. Aber man kann und darf eigene Bedürfnisse nicht einfach unterdrücken und ignorieren, das rächt sich. Insofern, weil man wie ein Faß Tropfen sammelt und irgendwann überläuft. Weil man krank wird. Weil man totunglücklich wird. Weil halt.

Gut, da habe ich mich geirrt. Sicherlich ist es korrekt, dass man Vorhaben nicht mit überhöhten Erwartungen überfrachten sollte, aber dennoch macht es Sinn, seine Erwartungen zu kennen. Und zu kommunizieren!

An diesem Wochenende habe ich erkannt, dass ich damit ein riesengroßes Problem habe. Ich habe Angst davor, gewisse Dinge zu kommunizieren. Wenn es um echte Herzensbedürfnisse geht, ist das verdammt hart für mich. Ich verstehe es selbst nicht. Ich bin 37 Jahre alt, Erzieherin, Steuerfachangstellte, Bilanzbuchhalterin und habe zwei Kinder zur Welt gebracht, aber ich bringe es einfach nicht hin, mich klar zu äußern, wenn mir mein Gegennüber etwas bedeutet und ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber meine Äußerungen nicht gleich abnickt.

Erwähnte ich, dass ich 37 Jahre alt bin? Es sind doch nur Wörter. Warum kann ich diese nicht äußern, was befürchte ich? Mich macht das wütend, bringt es mich nämlich seelisch in Not. Weil ich regelmäßig gegen mich handel und weil ich mich für die Gefühle, die dadurch folgen, selbst herabsetze.

Irgendwann ist bei mir etwas verdammt schief gelaufen. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie lernen, dass sie in Ordnung sind. Egal, was sie sagen, egal, was sie tun, egal, wie sie sind. Vielleicht ist nicht immer jedes Verhalten okay, weil wir nun mal in einer Gesellschaft leben, in der die Freiheit eines jeden einzelnen da endet, wo die Freiheit eines anderen anfängt. Aber das bedeutet nicht, dass man als Person verkehrt ist, sondern bezieht sich nur auf das Verhalten. Ich wünsche meinen Kindern so sehr diese Sicherheit, dass sie sich lieben dürfen. Der Lebensweg wird sehr beschwerlich, wenn man es nicht lernt oder besser: es verlernt.

„Nichts schmerzt so sehr wie fehlgeschlagene Erwartungen, aber gewiß wird auch durch nichts ein zum Nachdenken fähiger Geist so lebhaft wie durch sie erweckt, die Natur der Dinge und seine eigene Handlungsweise zu erforschen, um die Quelle seiner irrigen Voraussetzungen zu entdecken und womöglich künftig richtiger zu ahnen.“

Benjamin Franklin (1706 – 1790), US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und Schriftsteller

wpid-img_20141104_222944.jpgWie geht es euch? Könnt ihr meine Gedanken nachvollziehen? Wenn ja, was macht ihr, damit es euch besser geht?

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11 Antworten zu Erwartungen

  1. ickemich schreibt:

    „… und ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber meine Äußerungen nicht gleich abnickt.“

    Ist vielleicht schon ein wenig des großen Rätsels Lösung.

    Der Mensch neigt nun mal eher zu flüchten, als die Konfrontation zu suchen. Okay, viele Menschen tun das. Nicht alle. Aber ich denke doch, die meisten sind so eingestellt. Je nach vorhandenem Selbstvertrauen und/oder Rücksichtslosigkeit, denke ich mal.

    Seine eigenen Erwartungen besser nochmal überprüfen, und noch einmal, und nocheinmal, dabei jedesmal herunterzuschrauben, einzudampfen auf ein, für das Gegenüber, erträgliches/akzeptables/abnickbares Maß, ist sicher eine Lösung, um genau solche Konflikte zu vermeiden. Für den Moment.Aber dann eben auch oft nicht mehr „abnickbar“ für das eigene Ego.

    Ich denke, auch hier kommt es, wie so oft, auf die richtige Balance an. Einerseits sehr wohl seine Erwartungen zu äussern, selbst wenn sie einem selbst etwas hoch vorkommen. Andererseits aber auch mit nicht erfüllten, weil (im Moment) nicht erfüllbaren Erwartungen zu leben. Einen Kompromiss einzugehen.

    Ich selbst löse dieses Dilemma bisweilen, ganz sicher nicht immer, damit, dass ich bestimmte Erwartungen bewusst überhöht formuliere. Wohl wissend, dass wohl nur ca. 50% davon erfüllbar sind. Wenn überhaupt. Aber genau das sind dann eben die Dinge, die ich wirklich erwartet hätte. Das klappt sicher nicht in jeder Situation, und man darf das sicher auch nicht überstrapazieren. Nur in bestimmten Dingen könnte man es durchaus mal mit so einer Überspitzung versuchen, und dann die Reaktion des Gegenübers abwarten. Vielleicht mal staunen, was doch alles so geht.
    Etwas zurückrudern kann man ja immer noch. 😉

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      So wie du das beschreibst, macht es schon fast Lust, ein wenig zu experimentieren. Ich stehe ja noch am Anfang, aber ja, ich denke, man muss das tatsächlich üben. Ich fang‘ dann mal an.

  2. kleinwirdgross schreibt:

    Da erkenne ich mich gut wieder! Mir fällt es genauso schwer, meine Bedürfnisse mitzuteilen, wenn ich mir vorstelle, dass das auf Widerstand stoßen könnte. Ich schweige dann viel zu oft – was auf Dauer zu Lasten von mir geht. Was mir manchmal für meine Stimmung hilft – mir im Kopf vorzusagen, wofür ich in meinem Leben dankbar bin. Hilft natürlich nicht, das eigentliche Problem zu lösen. Lg Petra

  3. Andrea schreibt:

    Meine Mama ist so – und wenn ich sehe wie oft sie zurücksteckt schmerzt mein Herz. Ich bin hier oft viel zu laut – was einen leider nicht immer sympathisch oder beliebt macht. Das schmerzt dann im Nachgang. Ein Mittelweg wäre schön – doch alte Muster zu durchbrechen ist alles andere als leicht!

  4. Corinna schreibt:

    Danke Tina! kam grad richtig, weil sich gerade meine Eingeweide zerfressen vor Enttaeuschung, weil ich scheinbar mal wieder „zuviel“ erwartet habe. Ich bin 53 und kann meine Wuensche/ Empfindungen immer noch nicht gescheit artikulieren…scheint mir…teilweise habe ich aber auch den Eindruck, es wird einfach drüber hinweg gehoert…mit mir kann man es ja machen…sind wir vielleicht nur zu höflich? Andere erwarten gar nicht mehr sondern setzen einfach durch was sie wollen…ich bins satt und ich nehme mir vor, jetzt ist Schluss …ich zieh mein Ding jetzt auch durch und erwarte nix mehr…aber bitte erwartet von mir auch nix mehr ( ob ich das wohl schaffe…Daumen drück )
    Es Kommen schon Rauchwolken aus meinen Ohren 🙂

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Corinna, das klingt ja ganz schön aufgestaut. Was ich aus deinem Text direkt anspringt: „mit mir kann man es ja machen!“. Diesen Gedanken kenne ich. Ich für mich habe erkannt, dass ich mich konkreter äußern muss. Deutlicher. Lauter. Vielleicht wird man tatsächlich überhört, weil man zu leise ist?

      Ich wünsche dir, dass sich deine Rauchwolken bald verziehen und sich alles zum Guten wendet.

  5. gedankenpotpourri schreibt:

    Weißt du, warum auch denke, das du auf genau dem richtigen Weg bist? Du kannst das alles hier in Worte fassen. Die du sogar veröffentlichst. Du bist dir deinen Gedanken und Gefühlen sehr beWUSST. Und das ist doch Schritt 1. Die weiteren Schritten brauchen Zeit. Sei nicht zu ungeduldig mit dir selbst.

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