Nicht geschimpft ist gelobt genug

Für mich ist es niemals in Frage gekommen, in einer Partnerschaft die Bankkonten zusammenzulegen und mein eigenes dafür aufzugeben. Ich erklärte das einer Freundin mal so: „Das einzige, was man im Job als positive Rückmeldung erhält, ist am Ende des Monats das Gehalt. Und das will ich dann nicht im Gemeinschaftskonto verschwinden sehen.“ Das war gegen Ende meiner Lehre. Ich wurde älter, zog um, wechselte den Job und so vergingen die Jahre. An allen Ecken sprach man plötzlich von Feedback-Kultur und nicht nur in meiner Firma streifte das Thema den ein oder anderen mehr oder weniger intensiv.

Ich stelle mittlerweile einen gewissen Anspruch an positivem Feedback an mir aber auch an meiner Umgebung fest. Nicht geschimpft ist gelobt genug – das reicht nicht mehr. Nein, es braucht Bestätigung, es braucht Lob – ohne all das macht es keinen Spaß, ist frustrierend, erzeugt negative Gefühle und birgt Konfliktpotenzial. Das ist beruflich nicht anders wie privat.

Üblicherweise kommentiere ich gemalte Bilder meiner Töchter nicht nur mit „Schön!“. Ich frage, was das ist, ob es schwer war zu malen, usw. Manchmal kommt die Frage: „Ja, aber Mama, ist das schön?“ und ja, manchmal bestätige ich, dass ich es schön finde, manchmal lautet die Antwort „Ja, schön bunt!“ oder oder… Lustigerweise kommt meine Tochter mit meiner Reaktion wesentlich besser klar, als meine Umgebung, denn irgendwann platzte mal eine mithörende Mutter raus: „JETZT SAG IHR HALT; DASS ES SCHÖN IST!“.

Ich frage mich: Warum erfüllt uns das reine Tun nicht mehr? Sind wir dazu nicht mehr in der Lage, sondern nur noch auf der ständigen Suche nach positiver Rückmeldung? Und lernen wir das schon im Kindesalter oder erst mit der Anmeldung auf Twitter und Facebook, wo wir dann der völligen Gefällt-mir und Fav-Sucht verfallen?

Was ich am alleranstrengendsten am Muttersein finde, sind die ständigen Unterbrechungen. Mit Kindern im Kleinkindaltern kann man nichts, wirklich gar nichts einfach anfangen und ohne Unterbrechung zu Ende bringen. Wenn ich die Wohnung staubsauge, muss ich das x Mal unterbrechen, weil irgendwas umgefallen ist, weil ein Windel-Wechsel ansteht, weil ein Hintern abgewischt werden muss, weil sich die zwei drohen, gegenseitig zu verletzen, weil … Mir fällt das deshalb so negativ auf, weil ich mich nie in irgendwas vertiefen kann und das fehlt mir. Weil ich da üblicherweise Befriedigung raus ziehe, selbst beim Staubsaugen. Das, was unter „Flow“ bekannt ist, ist unglaublich gewinnbringend fürs Gemüt.

Sind wir alle viel zu sehr abgelenkt? Oder stimmen die Tätigkeiten nicht mehr, die wir machen? Liegt es am Sinn, der nicht mehr erkannt wird?

Was ist nur los mit uns? An allen Ecken schallt Unzufriedenheit und der Wunsch nach Mehr. Wie viele Menschen kennt ihr, die einfach nur zufrieden sind? So rundum? Warum ist mein Beitrag Lebenslangweilig einer der meist gelesensten? Warum boomen Selbsthilfebücher seit einigen Jahres so sehr?

Ich frage mich, woher das kommt und ob diese Entwicklung gesund ist? Ist wirklich alles möglich oder muss man sich ab und an einfach mal mit dem zufrieden geben, was man hat? Sind wir vielleicht deshalb so unzufrieden, weil wir nie wirklich dort sind, wo wir uns gerade befinden? Bei uns?

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Wer nicht weiß, wo er hin will, weiß auch nicht, ob er angekommen ist. (Richard Ginnow)

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7 Antworten zu Nicht geschimpft ist gelobt genug

  1. gedankenpotpourri schreibt:

    Ein interessanter Gedankenanstoß, über den ich jetzt erstmal grübeln muss…. 😉

  2. gedankenpotpourri schreibt:

    Liebe Tina (wenn du so heißt!?, zu mindestens lese ich das aus deiner „Über mich Seite“ ;-))
    Nun habe ich eine ganz Zeit lang über deine Artikel nachgedacht. Denn ich kann viele Dinge, über die du hier schreibst, sehr gut nachvollziehen und oft habe ich mir schon ähnliche Gedanken zu dem Thema gemacht.

    Auch ich war eine lange, lange Zeit lang regelrecht süchtig nach Lob. Vor einigen Jahren sagte ich das sogar mal meinem Chef: „Weißt du, ich bin einfach unsicher, wenn keine Rückmeldung kommt. Ich brauche immer viel Lob.“ Und als ich den Satz ausgesprochen hatte dachte ich mir: „Hä, wie bekloppt ist das denn? Und vor allem – warum ist das so?“

    So beschäftigte mich dieses Thema immer mal wieder. Denn meine Sucht nach Lob hat sich sehr stark verändert. Sie hat drastisch abgenommen. Ich würde sagen, sie ist auf ein „normales Niveau“ gesunken.

    Meine Erklärung dafür lautet in etwa so:
    Ich war ein Papa Kind. Ich wollte immer meinem Papa gefallen. Als Kind erntete ich sehr viel Lob von ihm. Ständig wurde ich gelobt. Mein Papa hat noch heute die Tendenz das zu tun. Und er meint(e) es ja gar nicht böse. Ganz im Gegenteil. Aber ich denke, dass mich das ein wenig abhängig gemacht hat. Abhängig vom Lob meiner Umwelt. So begann ich irgendwann Dinge zu tun, um zu gefallen und vergaß mich dabei selbst.

    Nach Lob zu fragen ist sicher eine ganz normale Tendenz, die wir als Mensch haben. Wir sind soziale Wesen, die innerhalb einer Gesellschaft, einer Kultur wahrgenommen werden möchte. Wahrgenommen als Mensch, der mit einer großen Portion an Fähigkeiten und Qualitäten durch diese Welt spaziert.
    Aber eben genau DAS! IHRE Portion an Fähigkeiten und Qualitäten. Wenn DIESE gesehen werden, laufen wir nicht Gefahr uns zu sehr anzupassen um Lob zu erhaschen. Wenn wir im Einklang mit dem sind, was wir machen, wenn wir lieben was wir tun, können wir auch mit weniger Lob umgehen. Mit der Liebe zur Sache Loben wir uns schon ein wenig selbst.
    Und weil ich genau das mittlerweile für mich herausgefunden habe, süchtel ich nicht mehr allzu sehr nach Lob.

    Schwierig wird es natürlich, wenn wir keine Zeit mehr haben, in uns zu gehen. Keine Zeit mehr haben herauszuspüren, was wir denn so lieben. Denn wie du das hier so schön beschreibst – als Eltern haben wir dazu wenig Zeit. Das macht die Sache nicht einfacher.

    ABER: Es macht uns auch sensibler für das Thema. Weil wir plötzlich nicht mehr nur für uns, sondern auch für unsere Kurzen verantwortlich sind. Vielleicht wären diese Fragen, die wir uns nun selbst stellen sonst gar nicht hoch gekommen und weiterhin eine unbewusste Baustelle geblieben.
    Sind wir also dankbar dafür 😉

    Es ist ein schmaler Grad, zwischen zu viel und zu wenig Lob für unsere Kinder. Ich gehe einen sehr ähnlichen Weg wie du. Wenn meine Mädels Fragen, ob sie etwas ganz besonders schön gemacht haben, spreche ich mit ihnen über die Sache. Schaue genau hin, was sie gemacht haben. Frage, ob es ihnen Spaß gemacht hat.
    Und nein. Ich bin ehrlich. Das klappt nicht immer so einwandfrei. Aber ich bin mir dessen bewusst und gebe mir Mühe, möglichst häufig so zu reagieren. Wenn die Nerven mal ganz besonders schwach sind, antworte ich auch schon mal mit: Das ist wirklich schön geworden. Aber nur, wenn ich das ehrlich so empfinde 😉

    Deine letzte Frage lautete: Sind wir vielleicht deshalb so unzufrieden, weil wir nie wirklich dort sind, wo wir uns gerade befinden? Bei uns?
    Ja. Das denke ich. Ich glaube genau das ist der Kern. Wir müssen uns langweilen können. Ruhe finden. Keine Angst vor Zeit nur mit uns selbst haben. Dann wird es besser. Ganz sicher. Deshalb bin ich übrigens auch eine Mama die auf die Aussage: „Mama, ich habe Langweile“ in der Regel „Super, dann wird dir gleich etwas Tolles einfallen was du tun könntest“ erwidert.

    Ich grüße dich herzlich. Nina

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Nina,
      vielen Dank für deinen ausführlichen und differenzierten Kommentar, der fast ein eigener Blogbeitrag wert ist. Wow! Du hast das toll zusammengefasst und nun hast du ein paar Dinge in mir angestoßen. Ich denke noch nach.
      Viele liebe Grüße
      Tina (ja, so heiße ich 😃)

  3. fritzvonsteiner schreibt:

    Lob und Anerkennung – Fragen über Fragen…

    „Ich frage mich, woher das kommt und ob diese Entwicklung gesund ist? Ist wirklich alles möglich oder muss man sich ab und an einfach mal mit dem zufrieden geben, was man hat? Sind wir vielleicht deshalb so unzufrieden, weil wir nie wirklich dort sind, wo wir uns gerade befinden? Bei uns?“

    Was wollen wir? Wann sind wir endlich zufrieden? Und wann sind wir endlich ‚angekommen‘?

    Das sind die Fragen unseres Lebens. Die Sinnfragen, die wir uns stellen, wenn vieles so sinnlos und leer erscheint. Wir stellen unser halbes Leben in Frage, ob dies oder das überhaupt noch einen Sinn macht. Tagaus tagein dasselbe… Aufstehen, frühstücken, Kinder fertig machen, aufräumen, Wäsche waschen, Essen kochen, Kinder betüddeln, bespaßen, Wohnung wischen… „Mama!“

    Ist es nicht das Leben, das wir uns gewünscht haben oder fehlt etwas zum Glücklichsein? Wollen wir einfach nur Lob und Anerkennung für unser tägliches Tun oder fehlt uns etwas anderes, das uns glücklich macht: vielleicht der richtige Mensch an unserer Seite, der es wertschätzt, dass wir überhaupt da sind? Für den wir nicht nur Partner fürs Bett und die täglichen Aufgaben sind!?

    Unzufriedenheit entsteht aus einem Mangel heraus. Wir können nur zufrieden sein, wenn wir zufrieden sind, mit dem, was wir haben. Wer mehr will, der muss immer mehr haben. Man sagt: „Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras grüner!“ Ja, so fühlt es sich an! Aber wir haben nun mal nur eine einzige Sichtweise in unserem Leben. Und dann fangen wir auch noch an zu vergleichen. Der eine hat was, was ich nicht habe. Und was wäre es, was uns glücklich macht? Mehr Geld, mehr Liebe, mehr Aufmerksamkeit?

    Wenn uns etwas Elementares im Leben fehlt, werden wir unzufrieden. Oft sind wir dann genervt, weil wir unzufrieden sind. Dann fangen wir vielleicht an, unser Leben in Frage zu stellen. Wir zermartern uns den Kopf, weil wir etwas verlangen – dabei wissen wir oft noch nicht einmal wonach wir verlangen, wonach unserer Seele dürstet! Will man Lob für eine Arbeit, die so selbstverständlich ist, wie putzen? Ist es wirlich das? Dann bräuchte man dieses Lob immer wieder… Tag für Tag! Und wären wir dann zufriedener? Ist es nicht wie ein Fass ohne Boden? Es müsste jeden Tag so weitergehen: eine unbefriedigende oder sogar frustrierende Tätigkeit, die einfach nur langweilig ist, soll gelobt werden und Anerkennung finden? Wie? Wer soll das vollbringen? Der Partner? Soll man zu ihm sagen: „Du, ich brauche jetzt Lob und Anerkennung für meine langweilige Hausarbeit!“ ? – Das wird wohl auch nicht die Lösung sein. Die Arbeit bleibt langweilig! Egal was wir machen.

    Nur wenn wir unserem Sein einen Sinn geben. Wenn wir uns sagen, dass auch diese Hausarbeit ihren Sinn hat, dann können wir zufrieden sein. Vielleicht tun wir es für uns selbst, damit wir uns in unserem Heim wohlfühlen.

    Was aber oft wirklich fehlt, ist eine Tätigkeit, die einen ‚wahren Sinn‘ hat! Etwas, was uns Freude bereitet und uns ausfüllt, wo der Flow uns alles andere um uns herum vergessen lässt, z.B. eine künstlicherische Betätigung. Wie Einstein schon sagte: „Was ist denn am Holzhacken das schöne? – Man sieht das Ergebnis so gut!“ Man muss etwas sehen können: eine Ergebnis! Aber wie soll das für eine Hausfrau und Mutter zu realisieren sein? Da will man gerade putzen, wischen, aufräumen, da quäken die Kinder schon wieder! – „Elendige, verdammte Scheiße! Werde ich denn nie fertig?“

    Eines weiß ich genau: Niemand anderes kann uns das geben, was wir in uns selbst finden müssen: Innere Zufriedenheit! Dafür müssen wir selbst sorgen. Niemand kann unser Selbst ausfüllen – nur wir selbst! Wenn man da in sich eine Leere hat, dann muss man sich fragen: Warum ist sie da? Woher kommt sie? Was habe ich bisher im Leben vermisst? Warum lässt mich diese Leere gerade jetzt auch wieder so leer fühlen?

    Wir suchen die Lösung oft im Hier und Jetzt – im Licht! Aber meist liegt sie im Dunkeln, in der Vergangenheit! Wir schauen da nicht so gerne hin, weil die Kindheit auch oft schon so angsteinflößend war. Es könnten schreckliche Erinnerungen hochkommen, die uns noch mehr Angst machen. Aber nur wenn wir uns dieser Angst stellen, werden wir den Sinn unseres Lebens, unseres Daseins verstehen. Damit wird auch die Leere ein Ende haben und endlose Fragen über den Sinn all unseres Tuns werden verschwinden, weil wir dann angekommen sind, im Hier und Jetzt!

  4. Rosalie schreibt:

    Nun, was beim Loben passiert, kannst du bei Alfie Kohen nachlesen: Liebe und Eigenständigkeit. Hier wurde das schön zusammen gefasst: http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/04/manipulation-kind-warum-lob-und-loben-kindern-schadet.html

    Und ja, wahrscheinlich sind wir also von Anfang an auf Lob programmiert, weil wir eben sonst keine Rückmeldung bekommen, die uns sagt, wir sind ok so, wie wir sind. Kleinkinder reagieren auf Lob sofort so, wie du es von deinem Kind her kennst.

    Es gibt aber auch eine andere Seite. Ohne vernünftige Rückmeldung, z.B. auch am Arbeitsplatz, sind wir verloren. Und nicht zu Loben, sondern nur zu kritisieren (kein Lob, ist schon Lob genug) macht es ja auch nicht besser. Statt Lob, erwartender dann nur unser eigenes totales Versagen.

    Ich finde, man darf ein Kind ruhig loben. Aber gezielt, differenziert und nicht grundsätzlich alles mit Lob untermalen. Wenn man mal ganz genau darüber nachdenkt, dann merkt man erstmal, was es bedeutet, einen anderen Menschen wirklich zu respektieren. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Genauso, was echte Wertschätzung ist. Für all das muss man seinen Fokus wirklich von sich selbst weglenken, auf das Gegenüber und diesen Menschen wirklich wahrnehmen. Leider scheint das, wenn überhaupt, in familiären Beziehungen von Interesse zu sein. Und auch da fällt es vielen unheimlich schwer.

    Ich merke das bei mir täglich, weil ich mir stets die Aufgabe stelle grundlegend freundlich zu sein, egal mit wem, und auch jeden persönlich anzusprechen. Probier das mal, beim Discounter ein nettes Wort an die Kassiererin zu richten, in Ruhe hinter dem Radfahrer herzutuckeln ohne zappelig zu werden und dir bewusst zu machen, dass der sich ja grad so gut er kann abstrampelt um so schnell wie möglich zu sein. Oder ein klar vernehmliches ‚Guten Morgen‘, wenn man die Bäckerei betritt… Alles Kleinigkeiten, alles signalisiert die Wahrnehmung deiner Umgebung. Da braucht es gar kein explizites Lob, denn ein ‚ich hab gesehen, dass du da bist und dass du dich bemühst für deine Kunden, deinen Job etc.‘ reicht – auch bei Kindern. Es geht vor allem Kindern nicht um die Bewertung ihrer Leistung.

    Wie gesagt, ich selbst kämpfe jeden Tag damit, nicht gleichgültig zu sein, weil ich eben grad doch eher mit mir selbst, als mit meinen Mitmenschen beschäftigt bin. Und ich mache es, weil ich selbst enorm darunter leide, wie so mancher mit mir umgeht. Ich sag mir dann (auch wenn ich in dem Moment echt wütend bin, wie arschig manche Menschen sein können) mein Mantra vor: Mach es besser, dann fühlst du dich besser.
    Ist auch nicht astrein und zeugt davon, dass ich eben Freundlichkeit lernen muss und das nicht in den Genen habe, aber immerhin.

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