Moral und Wertvorstellungen

Seit ein paar Tagen denke ich über Moral und Wertvorstellungen nach. Wer nicht im Mittelstrom der Gesellschaft schwimmt, der kennt die mitunter mittelschönen Reaktionen der Umgebung, wenn er an Denkmuster-Grenzen stößt. Es gibt Sachverhalte, die gesetzlich verankert sind, darüber rede ich jetzt gar nicht: Mord zum Beispiel. Was mich zunehmend wundert sind Reaktionen auf alteingesessene Verhaltensweisen, z.B. dass Kinder x Jahre bei der Mutter bleiben sollten, bevor sie außer Haus betreut werden dürfen. Je nach Landstrich fallen da die Reaktionen unterschiedlich aus. Da nehme ich bereits im Umkreis von 50 km Unterschiede wahr. Ist es im dörflichen Bereich undenkbar, dass man sein Kind, bevor es vier Jahre alt ist, in den Kindergarten gibt, ist es in den städtischen Gebieten eher so, dass man schief angesehen wird, wenn man als Frau und Mutter die volle Elternzeit von drei Jahren daheim bleibt.

Es macht ja nichts, wenn jemand ein anderes Lebensmodell als ich lebt. Was mich zunehmend stört, sind die Reaktionen und die Art und Weise, wie es zu dieser Meinungsbildung kommt. Offensichtlich lehnen sich Viele an der allgemeinen Denkweise ihres Umkreises an. Aber oft bleibt es nicht dabei. Da wird das andere Leben als Kritik an das eigene Lebensmodell verstanden. Und dann geht es los: Aufkommende Gefühle werden durch sachliche Argumente verteidigt, im schlimmsten Fall setzt man den Anderen herab – gerne auch sehr subtil. Das erfahren Ausländer, Homosexuelle, Mütter, die früh wieder arbeiten gehen, Hartz-IV-Empfänger und und und. (die Reihenfolge meiner Aufzählung ist rein zufällig).

Bisher dachte ich immer, Moral sei positiv behaftet. Aber Moral ist offensichtlich das, was die größte gemeinsame Werte-Schnittmenge der Gesellschaft ist. Das muss dann aber nicht zwingend gut sein.

In der Schulzeit habe ich mich einmal sehr unbeliebt gemacht, weil ich der Meinung war, der Holocaust könne jederzeit wieder passieren. Die Reaktionen waren sehr heftig, die Lehrerin verwies mich fast des Klassenzimmers, wenn mir nicht eine einzelne Mitschülerin Recht gegeben hätte. Ich glaube immer noch daran.

Vor ein paar Wochen waren wir auf einer Hochzeit eingeladen. Meine Große (5) fragte mich, was Heiraten ist und warum man das macht. Ich erklärte ihr, dass wenn man sich ganz narrisch lieb hat und für immer zusammenbleiben will, heiraten kann. Sie stellte mir daraufhin drei spannende Fragen:

  1. Können auch Männer heiraten?
  2. Können auch Frauen heiraten?
  3. Wollen Papa und du auch für immer zusammenbleiben?

Mich rühren diese Fragen. Sie sind Ausdruck eines völlig freien Geistes. Ohne Vorurteile und ohne Druck. Ohne Scham. Ohne Grenzen. Und ich bin sehr stolz auf diesen kleinen Geist, der solche klugen Fragen stellen kann. Dass es überhaupt noch Fragen sind.

Ich wünschte, wir Erwachsenen wären mehr so wie Kinder. Frei im Denken, weniger veruteilend und vor allem: Selber denkend.

IMG_20131116_163927[1]P.S. Ja, theoretisch könnte es mir egal sein, wie mein Umfeld auf mein Lebensmodell reagiert, wenn ich mir meiner Meinung sicher bin. Aber es gibt Situationen, da ist man verletzlich und kann diese nicht besonders gut ab.

P.P.S. Mir geht es nicht darum, dass alle einer Meinung sind und sich gegenseitig Puderzucker in den Allerwertesten blasen, sondern darum, dass man sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnet.

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2 Antworten zu Moral und Wertvorstellungen

  1. mamamitmacken schreibt:

    Ich finde es auch sehr schade, dass unterschiedliche Moralvorstellungen nicht dazu führen, dass man freier wird in seinen Entscheidungsmöglichkeiten. Eher lauern nun noch mehr Moralapostel auf einen, die die getroffene Entscheidung abwerten und in Frage stellen.

    Besonders gemein finde ich es in Bereichen, in denen man es sich nicht aussuchen konnte. Man z.B. einen Migrationshintergrund hat, als Alleinerziehende keine Stelle bekommt oder die volle Länge Elternzeit nicht genutzt werden KANN, weil man sonst nicht über die Runden kommt.

    Gerade in den Situationen, wo man von den eigenen Vorstellungen abweichen muss, um die Realität zu bedienen, verletzt der mahnende Zeigefinger insbesondere.

  2. Pingback: Warum Bemerkungen zu ÜberMamas und Rabenmütter immer fehl am Platz sind – und was Du statt dessen sagen kannst | liebevoller leben

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