Therapeutisches Zugfahren

Ich sitze im Zug, bis zum Haaransatz voll mit vielen verschiedenen Eindrücken und weine seit Köln vor mich hin. Frankfurt und Aschaffenburg liegen bereits hinter mir, aber der Tränenstrom versiegt nicht.

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Es ist faszinierend, wie das Gehirn funktioniert und Dinge ausblenden kann und so lief ich am Freitag in eine Situation, die im Nachhinein so vorhersehbar erscheint, wie das Ende einer durchschnittlich schlechten Soap.

Ich dachte, ich sei wirklich durch mit meiner Vergangenheit, bis ich ihr am Freitag begegnete. Mit den aufkeimenden Gefühlen, die da kamen, hatte ich nicht gerechnet und beschloss noch am Freitag, alles zu verdrängen und nicht an mich herankommen zu lassen. Ich kaufte einen Haufen Kohlenhydrate und fand eine kleine Boutique, die mit mir ein wenig Umsatz machte und kam klar.

Als ich heute in Köln am Bahnhof stand, wartete neben mir eine kleine Familie: Vater, Mutter und ein etwa sechsjähriger Sohn. Ganz offensichtlich fuhren Papa und Sohn gemeinsam in Urlaub. Sie setzten sich im Wartebereich neben mich und der Kleine meinte: „Ich möchte nicht mitfahren.“ „Warum denn nicht, mein Großer?“, fragte der Vater. „Ich möchte bei meiner Mama bleiben.“ Fünf Minuten später sagte er voraus: „Wenn der Zug kommt, werde ich weinen!“ Und das tat er auch. Bitterlich und ich weinte gleich mit und habe seitdem nicht mehr wirklich aufgehört.

Wie der Zufall es will, stiegen die zwei zwar viele Waggons vor mir ein, sitzen nun aber nur zwei Reihen vor mir. Dem Kleinen geht es gut, er ist ein kluger Kerl und ich finde es beeindruckend, wie er sich äußern konnte – verbal, aber vor allem so rein emotional. Auch, wie schnell er sich wieder im Griff hatte und ich wünschte, das träfe auch auf mich zu. Ich bin ziemlich durcheinander und aufgewühlt. Ich will nicht wütend sein, nicht traurig, nicht rückwärts schauen, nicht zweifeln. Es bringt nichts, es ist rückwärtsgerichtete Zerstörung und tut nur unnötig weh.

Den Teil, den ich jetzt nicht greifen kann, werde ich auf dieser ICE-Strecke lassen, irgendwo zwischen Würzburg und Nürnberg und ich bin zuversichtlich, dass dieser Entschluss diesmal durchführbar ist.

Und dann gibt es da noch diesen Teil, der mich ganz tief berührt und der ebenfalls die Tränen fließen lässt. Ich habe leibliche Geschwister und da ist ganz viel Liebe. Und Dankbarkeit. Wir haben uns, es hat ein halbes Leben gedauert, aber nun sind wir zusammen. Nicht örtlich, da liegen viele Kilometer zwischen uns, aber da ist eine Verbindung, die durch reine Entfernung nicht mehr getrennt werden kann. Ich werde geliebt, ich bin doch ge- und erwünscht. Und ich liebe sie – ohne Angst, ohne Erwartung und voller Vertrauen.

Wenn ich aus diesem ICE aussteige, dann ist es das, was ich mit nach Hause nehme: Liebe und Dankbarkeit.

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2 Antworten zu Therapeutisches Zugfahren

  1. Hallo Tina,
    danke, dass Du diese Gedanken mit uns teilst.
    Und unbekannterweise:
    Sei umärmelt, wenn Du magst,
    Ulrike

  2. Rosalie schreibt:

    Es tut mir leid, dass du nun so traurig bist. Auch das wird sich wieder ändern. Ganz bestimmt und hoffentlich schon bald!

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