Wenn das Leben der Eltern endlich wird und kein Kontakt besteht

Seit Tagen denke ich über ein Thema nach und komme auf keinen grünen Zweig. Das ist untypisch für mich, drehe ich üblicherweise ein Thema hin und her und kann irgendwann einfach den Kern der Sache greifen. Aber hier treibt mich etwas um, zu dem ich täglich eine Meinung habe, die durchaus von der des Vortages abweichen kann. Je nachdem, welcher Teil in mir gerade denkt und fühlt ­– die Mutter, die Tochter, mein Ich – variiert mein Standpunkt.

Die zugrunde liegende Frage: Wie unnachgiebig darf man sein, wenn das Leben eines Elternteils, das seine Position niemals wahrgenommen hat, endlich wird? Wenn dieses Elternteil schwer krank ist? Vermutlich ist schon die Fragestellung schwierig, ist unnachgiebig negativ bewertend und schuldbehaftet.

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Aber von vorne: Vor kurzem erhielt ich von meinem leiblichen Onkel, den ich bisher erst einmal sah, eine E-Mail. Darin schrieb er, dass mein Vater, zu dem ich keinen Kontakt habe, sehr schwer krank sei und ich meinen Onkel anrufen solle.

Erst mit sechs Jahren erfuhr ich von meiner Pflegemutter, wer wirklich mein Vater ist. Es war nicht der Mann, mit dem meine Mutter mal zusammenlebte, bis auch diese Beziehung in die Brüche ging. Das alles war sehr merkwürdig für mich. Wir trafen uns einige Male, lernten uns kennen, bis meine Mutter eine zweite Chance bekam und ich für zwei Monate wieder zu ihr zurückzog. Er rief mich dort an und wollte ein Treffen mit mir vereinbaren. Aber um nichts in der Welt hätte ich meine Mutter auch nur für eine Minute freiwillig verlassen. Zu sehr musste ich aufpassen, dass sie nicht wieder rückfällig wird und außerdem hatte ich Angst, dass wenn ich die Wohnung längere Zeit verlassen würde, sie bei meiner Rückkehr – wie schon erlebt – nicht mehr da sein würde. Ich verneinte ein Treffen und meine Mutter tat ihr übriges dazu, indem sie kommunizierte, das Kind wolle ihn nicht sehen. Das entsprach nicht der Wahrheit, tatsächlich sagte ich „noch nicht“.

Zehn Jahre später saß ich beim samstäglichen Abendprogramm, meine Pflegeeltern, zu denen ich nach dem endgültigen Sorgerechtsentzug meiner Mutter zurückkehrte, waren ausgegangen. Das Telefon klingelte, ich hob ab, niemand meldete sich. Es klingelte einige Minuten später wieder und ich werde nie vergessen, wie mein Vater sich meldete: „Tina, hier ist dein Vater.“ Ich war 16 Jahre alt, hatte seit zehn Jahren nichts von ihm gehört, war kurz davor, eine Ausbildung zu beginnen, hatte eine sehr melancholische Pubertät hinter mir, aus der ich nur mit größter Anstrengung wieder herauskroch. Noch einige Sekunden zuvor saß ich entspannt auf dem Sofa – er erwischte mich völlig unvorbereitet. Ich gab ihm einen Korb und sagte, dass das einfach nicht geht, sich zehn Jahre lang nicht zu melden und dann, wenn ich quasi fertig sei – ja, damals mit 16 fühlte ich mich tatsächlich, als wäre ich fertig entwickelt und vor allem durch mit meiner Vergangenheit – sich bei mir zu melden und Kontakt zu wollen.

Er akzeptierte meine Entscheidung und meldete sich erst wieder acht Jahre später. Ich war 24, längst ausgezogen und kurz davor, nach Bayern „auszuwandern“. Er stand wegen schweren Depressionen vor Beginn einer Therapie, was auch der Grund war, dass er anrief. Mir kam das komisch vor und ich wollte es nicht. Ich selbst fühlte mich gut und kam klar und ich wollte mich nicht therapeutisch benutzen lassen.

Mit 30 Jahren dann – sechs Jahre später – verspürte ich selbst den Wunsch, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich forschte über das Einwohnermeldeamt und wurde fündig. Ich schrieb eine Karte, die er öffnete und sofort anrief. Wir telefonierten regelmäßig und trafen uns einmal. Uns trennten nicht nur 700 Kilometer, sondern auch 30 Jahre Leben. Das ließ er allerdings völlig unberücksichtigt. Er unterhielt sich mit mir, als hätten wir die letzten Jahre intensiv miteinander verbracht und knüpfte – völlig unbescheiden – Parallelen zwischen uns, die ich niemals sah und nicht sehen wollte („Ich kenne dich, du hast genau die gleiche intelligente Art zu denken wie ich!“).

Obwohl ich die Regel aufstellte, dass er nicht über meine Mutter schimpfen solle, übertrat er diese Grenze häufig. In vielen Nebensätzen, die er scheinbar beiläufig fallen ließ, stellte er sie schlecht dar, um sich damit selber besser zu stellen. Immer unter dem Einwand, dass er weiß, er solle das nicht tun, aber sie sei wirklich… Damit kam ich nicht klar. Er schwadronierte darüber, was er alles getan hätte, um für mich das Sorgerecht zu erhalten und seine Version wich arg von der ab, die ich in der Jugendamtsakte gelesen hatte. Demnach erhielt er das Sorgerecht nicht, weil er Vereinbarungen nicht einhielt und Verabredungen platzen ließ.

Er erdrückte mich, rief fast täglich an, teilweise mehrfach, gerne auch Sonntagmorgens um 7 Uhr. In unserem allerersten Gespräch – gleich nach der Karte – fragte er bereits ab, ob ich privat krankenversichert sei. Das gibt Rückschlüsse auf die Höhe des Einkommens und in mir schrillten bereits die ersten Alarmglocken. Er erzählte mir, was für unglaubliche Prozesse er vor Gericht führte, was erstaunlich war, war er gar kein Anwalt, sondern angeblich, und selbst daran hege ich Zweifel, Rechtsbeistand. Als solcher kann er aber alleine gar keine Prozesse führen. Während vor meinem inneren Auge häufig der Baron von Münchhausen auf seiner Kanonenkugel vorbeiflog, erzählte er mir von Schriftsätzen, die er aufsetzen würde und dass ich vom kommenden Prozess sicher schon bald in der Presse lesen würde. Es war anstrengend, er blendete, wo er nur konnte. Ich bin Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalterin und natürlich führte er auch Steuerhinterziehungsprozesse und warf mit Paragraphen um sich, die ich ja sicherlich kennen würde. Ich hatte gerade erst die Bilanzbuchhalter-Prüfung abgeschlossen und war so dermaßen paragraphenfest und wusste, er lügt. Mein höfliches Schweigen deutete er als Unwissenheit und kommentierte es damit, dass ich mich da mal einlesen solle.

Ich verfolgte den Kontakt nicht weiter und er auch nicht. Ich wurde schwanger, heiratete und irgendwann rief er mal an. Er redete minutenlang von sich, bis er fragte, wie es mir ginge. Ich erzählte von der Geburt meiner Tochter, er wollte ein Bild, was ich ihm zuschickte. Daraufhin rief er wieder an und fragte mich – unrethorisch – woher die Kleine denn nur diese blauen Augen hätte? Darauf wollte er wirklich eine Antwort haben, denn als diese ausblieb, wiederholte er die Frage. Ich weiß es noch genau, wie ich mitten im Karstadt auf der Rolltreppe stand und ihn anblaffte, woher ich das denn wissen solle, denn schließlich gäbe es von mir kein einziges Babyphoto.

Wieder lange Pause, meine zweite Tochter wurde geboren, zweieinhalb Jahre später begann ich wieder zu arbeiten. Auf dem Rückweg von der Arbeit rief mein Onkel mich an und verband mich direkt mit meinem Vater, der so tat, als wäre nichts gewesen, als hätten wir erst gestern miteinander telefoniert. Das war unser letzter Kontakt bis heute.

Nach der Benachrichtigung meines Onkels dachte ich tatsächlich einen ganzen Tag darüber nach, alles über Bord zu werfen und für meinen Vater da zu sein. Ich machte einige Gefühlslagen durch und am Abend war ich nur noch wütend. Ich hatte nach dieser E-Mail versucht, anzurufen und erhielt keinen Rückruf. Es vergingen weitere zwei Tage, bis ich meinen Onkel erreichte. Er erzählte mir, dass es ernst sei, aber Hoffnung gäbe. Und dass ich meinem Vater nicht erzählen solle, dass er mich benachrichtigt hätte: „Lass einfach deine weibliche Intuition spielen.“

Ich fragte meinen Onkel, was er von mir erwarte, was ich jetzt machen und leisten solle. „Nichts“, sagte er. Ich könne ja einfach mal meinen Vater anrufen, er sei erreichbar und schließlich seien wir eine Familie.

Definiere Familie!

Im bayrischen gibt es den Spruch „Dahoam is, wos Gfui is“ (Daheim ist, wo`s Gefühl ist). Ich finde, das trifft auch hervorragend auf den Begriff Familie zu. Familie ist ein Zuhause. Es sollte mit positiven Gefühlen gefüllt sein, ein bekannter Ort, zu dem man gerne heimkehrt und sich wohlfühlt.

Ich sagte meinem Onkel freundlich, dass ich nicht anrufen würde, meinem Vater nicht ärgerlich gegenüber eingestellt sei, ihm keine Vorwürfe mache, aber dass es das auch war.

Daraufhin verteidigte mein Onkel meinen Vater und meinte, dass ihm aber auch wirklich übel mitgespielt worden ist, vom Jugendamt und meiner bescheuerten Mutter.

Ich entgegnete: „Mir auch!“

Ich meine, bitte?!?

Als Mutter

Ich bin nicht nur Tochter, sondern auch Mutter. Und als solche habe ich zwar eigene Befindlichkeiten, versuche diese aber nicht mit denen meiner Kinder zu vermischen. Ich halte es für sehr wichtig, dass meine Erwachsenenthemen nicht zu denen meiner Kinder werden, sie sollen keine Verantwortung für mich übernehmen müssen. Ich bin erwachsen, sie sind Kind. Auf gar keinen Fall darf es zu einer Umkehr kommen. Und das gilt auch, wenn das Kind längst erwachsen ist. Eltern dürfen mit Kindern weder ihre Beziehungsprobleme besprechen noch die eigene Vergangenheit aufarbeiten. Das bringt das Kind in einen Konflikt und das sollte nicht sein.

Wenn ich mich in die Situation meines Vaters hineinversetze, dann sehe ich durchaus, dass das hart ist. Man hat ein Kind und – warum auch immer – nie Kontakt zu ihm gehabt. Zwei ganze Leben – einfach aneinander vorbei gelaufen. Wenn ich das nur ein ganz klein wenig an mich als Mutter heranlasse, dann tut das furchtbar weh. Aber damit mache ich sein Thema zu meinem und in dieser Beziehungskonstellation bin ich nicht die Mutter, sondern die Tochter.

Dennoch: Wie verpflichtet ist man seinen Eltern gegenüber?

Als Mutter denke ich, dass mir meine Kinder zu gar nichts verpflichtet sind. Meine Kinder gehören mir nicht. Meine Aufgabe sehe ich vor allem darin, sie zu klugen, eigenständigen, selbst denkenden Menschen zu führen, in der Hoffnung, dass sie später einmal gute Entscheidungen für sich selbst und die Menschen, die sie lieben, treffen. Ich will, dass sie emotional stark und gesund aufwachsen, sie sollen mit diesem Leben, das seine Höhen und Tiefen bereit hält, gut klar kommen. Das muss nicht heißen, dass ich sie vor allen traurigen oder unangenehmen Erfahrungen bewahre, sondern dass sie lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Und natürlich wünsche ich mir Kontakt zu ihnen, aber dafür tue ich auch etwas.

Als Tochter

Als Tochter habe ich das Gefühl, mit Erwartungen überstrapaziert zu werden. Es kommt mir so vor, als wolle mein Vater von mir die Absolution, mit mir die Vergangenheit in eine erträgliche Version formen und ich müsse ihm versichern, dass ihn keine Schuld trifft und alles gut ist. Dabei ist zwischen uns nichts – keine Beziehung, keine Bindung, keine nennenswerte gemeinsame Vergangenheit, die es mir leicht machen würde, ihm zu geben, was er offensichtlich so dringend braucht. Die einzige Verbindung, die besteht, ist genetischer Art.

Ich möchte ihm keine Vorwürfe machen oder hadern oder sauer auf ihn sein. Ich denke einfach, es ist gelaufen, wie es nun mal gelaufen ist. Es gibt so viele Stellschrauben, die jeder hätte drehen können – meine Mutter, mein Vater, die Familie – um einen anderen Weg zu wählen. Aber das haben sie nicht getan. Und ich bin weit darüber hinaus, zu sagen „Hättest du..! Hättet ihr…!“ Ich will nicht abrechnen, aber ich möchte auch nicht instrumentalisiert werden.

Ich bewege mich im Bereich des schlechten Gewissens. Darf ich so unnachgiebig sein? Hätte ich nicht schon als Kind….? Warum war ich so hart? Übe ich nicht Selbstjustiz, wenn ich mich ihm verwehre, weil er ist, wie er ist? Das hier sind doch nur Ego-Themen, kann ich das nicht mal kurz auf die Seite schieben?

Es ärgert mich, dass ich vor dieser Situation stehe und tagelang darüber nachdenken muss. Und ganz kindlich reagiere ich auch trotzig. Warum muss immer ich alles gerade rücken, warum muss ich meine Gedanken so lange hin und her wälzen, bis sie zu dem passen, was von mir scheinbar erwartet wird? Warum dürfen meine Eltern wie eine Wildsau durch mein Leben reiten und haben dennoch den Eindruck, sämtliche Rechte an mir zu haben? Ist es nicht überhaupt eine Frechheit, mit derartigen Forderungen an mich heranzutreten und mich damit alleine zu lassen?

Es ist pauschal, undifferenziert und ungerecht – das weiß ich. Und auch das macht mich wieder wütend. Manchmal wäre ich wirklich gerne nicht so reflektiert, dann könnte ich einfach unsachlich um mich hauen und wäre auch noch der Meinung, im Recht zu sein. Das stelle ich mir mitunter recht entspannend vor.

Mich schützen

So analytisch ich die Sachen gerne angehe, drehe, wende, von oben und unten betrachte: Ich höre hier auf mein Gefühl. Und das sagt mir allen eventuell bestehenden moralischen Verpflichtungen zum Trotz: „Tu es nicht!“ Ich werde aus dieser Geschichte nicht gesund herausgehen. Ich fürchte, ich werde Federn lassen müssen und als wer oder was bleibe ich dann zurück? Ich treffe eine erwachsene Entscheidung für mein inneres Kind und ich glaube, es war selten so beschützt, wie gerade jetzt.

Irgendwann steht jeder einmal an einem Punkt im Leben, wo man die Verantwortung nicht mehr auf andere abwälzen kann, wo man die Konsequenzen seines Tuns oder Nichttuns tragen muss. Wenn man sein ganzes Leben Raubbau mit seinem Körper betrieben hat, dann wird der krank. Da gibt es keine zweite Chance. Das ist zwischenmenschlich ähnlich, auch wenn ich glaube, dass man hier viel mehr wiedergutmachen kann. Wenn ein echtes Interesse an mir bestanden hätte, wenn der Kontakt nicht nur der Profilierung, Verdrängung und Bestätigung von Selbstlügen gedient hätte, wenn es um uns gegangen wäre, darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, das Beste aus der Situation zu machen, ohne die Augen zu verschließen vor dem was war, aber auch nicht in der Vergangenheit zu versinken, ja dann, dann denke ich, hätten wir eine echte Chance gehabt.

Das Thema trifft mich nicht nur einmal. Es ist absehbar, dass es noch ein zweites Mal auf mich zukommt. Und auch ich muss mit der Konsequenz meines Handels klar kommen. Ich treffe diese Entscheidung nicht aus Vergeltung, sondern zu meinem eigenen Schutz. Ob sie richtig ist? Ob ich es einmal bereuen werde? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Fragen mehr, ich muss nichts mehr mit meinen Eltern klären. Ich sehe sie als Menschen, die ihre eigene Vergangenheit haben, als Menschen, die ein Leben geführt haben, das sie sich so sicher auch nicht gewünscht haben. Aber ich weiß, was es heißt, mit unangenehmen Situationen zurechtkommen zu müssen und ich weiß, dass es Möglichkeiten gibt, sich aufzurappeln. Das haben sie nicht getan und damit müssen sie selber zurechtkommen.

Ich wünsche meinen Eltern wirklich von Herzen alles Gute. Sie haben mich auf diese Welt gebracht und es – ich schrieb es schon einmal – irgendwie geschafft, mich nicht kaputt zu machen. Ich bin froh, hier zu sein. Mir geht es gut und dafür bin ich dankbar.

Und ich denke, das sollte meinen Eltern Geschenk genug sein. Mehr geht nicht.

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22 Antworten zu Wenn das Leben der Eltern endlich wird und kein Kontakt besteht

  1. Rotkehlchen schreibt:

    Ich finde es so wundervoll, dass du nach allem, was du durchmachen musstest, so reflektiert bist und deine Gedanken teilst. Ich lese deinen Blog schon sehr lange und freue mich immer, an deiner Bewältigung so teilhaben zu dürfen. Für viele meiner Patient_innen endet ihre Therapie mit der Reduktion oder dem Abbruch des Kontakts zu den Eltern, und immer ist dies ein schwerer Schritt mit oft großer Erleichterung. Wenn man selbst erst einmal verstanden hat, dass man irgendwann für sich selbst verantwortlich ist und man sich nur selbst um sich kümmern kann, dann ist man auch nur noch sich selbst über solche Entscheidungen Rechenschaft schuldig. Ich unterstütze deine erwachsene Entscheidung für das Kind in dir (brillante Formulierung übrigens, die werde ich mir merken und darf sie hoffentlich weitergeben) wärmstens – fachlich sowie persönlich – und drücke dir fest die Daumen, dass du das schlechte Gewissen (Kinder tragen leider so oft unschuldig die Schuldgefühle ihrer Eltern aus) in seine Schranken weisen kannst und von deinen Lieben alle Unterstützung hast, die du brauchst. Herzliche Grüße!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Vielen Dank für deine schöne Rückmeldung, die mich in so vielerlei Hinsicht bestätigt. Zum einen freue ich mich immer, wenn sich Leser bei mir melden, die schon lange meinen Blog verfolgen und das auch noch gerne tun. Zum anderen freue ich mich über deine Sicht aus deiner Praxis und deine Bestätigung zu meiner Entscheidung. Schön ist der Gedanke, dass man sich nur um sich selbst kümmern kann, dafür habe ich lange gebraucht, zu begreifen, dass da niemand kommen wird, um mich zu retten. Wenn man das einmal verstanden hat, dass man für sich selbst verantwortlich ist, ist das – eigentlich – ganz entspannend. Das gibt einem auch ganz viel Gestaltungsspielraum.

      Fühl dich frei in der Nutzung der Fomulierung.

      Viele Grüße
      Tina

  2. Esther schreibt:

    Hallo Tina,

    eine traurige und schwere Entscheidung ist das, ich verstehe Dich.
    Meine Schwägerin wurde von ihrem Vater als kleines Kind verlassen. Sie wurde etwas später Stiefvater adoptiert und irgendwann in der Pubertät fand ihre Mutter zerrissene Briefe an ihren Vater im Müll. Sie fragte ihre Tochter, ob sie ihren Vater suchen wolle. Meine Schwägerin antwortete, sie hätte das erst gedacht aber er habe sich nie um sich bemüht und daher wolle sie es nicht. Jahre später plante sie ihre silberne Hochzeit und dachte zum ersten Mal seit langem wieder an ihren leiblichen Vater. Sie hatte die Idee ihn einzuladen. Ihre Recherche dauerte eine Weile bis sie herausfand, dass er bereits tot war. Sie erzählte es ihrer Mutter und beide waren erleichtert. Es nahm den gesellschaftlichen Druck von ihnen irgendwie Bezug zu ihm haben zu müssen. Meine Schwiegermutter erzählte mir dann, nachdem sie von seinem Tod erfahren hatte, habe sie zum erstem Mal von ihm geträumt. Und dann konnte sie diesen schmerzlichen Abschnitt ihres Lebens endlich hinter sich lassen und seither auch offen darüber reden, was er ihr angetan hatte. Beiden geht es jetzt sehr gut mit ihrer Entscheidung ihn nie gesucht zu haben, selbst wenn sie deshalb erst Jahre später von seinem Tod erfuhren.
    Die Menschen gehen sehr unterschiedlich mit solchen Entscheidungen um und wenn einige einen späten Kontakt zu ihren leiblichen Eltern aufbauen, dann kann das natürlich auch eine gute Entscheidung sein. Aber ich finde es toll, dass Du auf Dein Gefühl vertraust und ich finde die Erfahrung meiner Schwägerin zeigt, dass es auch so zu einem friedlichen Abschluss kommen kann, ohne Reue oder das Gefühl etwas verpasst zu haben. Eine Beziehung lebt davon, dass man sie pflegt und das hat Dein Vater eben nicht getan. Ich mag es, wie Du auf Dich achtest und auch diese tiefe, reflektierte Ehrlichkeit Deiner Beiträge. Bitte bleib wie Du bist.

    Liebe Grüße und alles Gute
    Esther

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Esther,

      vielen Dank für deine ausführliche Antwort und dass du die Erfahrung deiner Schwägerin hier teilst. Ich glaube, man kann dann gut loslassen, wenn man keine negativen Gefühle gegenüber der Person hegt, nicht mehr abrechnen will und vielleicht akzeptiert – ohne es gut zu finden – was passiert ist und dann eine Entscheidung für sich trifft und für sich einsteht.

      Danke für deine Rückmeldung zu meinen Texten, das freut mich, ist es schon oft auch ein gewagter Sprung.

      Viele Grüße
      Tina

  3. stefanie schreibt:

    ich habe überlegt ob und wenn ja, was ich dir schreiben soll. zunächst erschien mir alles unpassend zumal wir uns nicht kennen.

    egal was andere sagen mögen: es ist deine Entscheidung, dein Leben und deine Zukunft und ich persönlich finde deine Entscheidung richtig, konsequent und mutig.

    es gibt Entscheidungen, die ermöglichen später keine Korrekturen mehr und vermutlich war genau das der Grund, weshalb du lange hin und her überlegt hast. Mutig und konsequent finde ich dein wohlüberlegtes „Nein“!

    Entscheidungen sorgen auch für Klarheit und können „befreiend“ sein.
    Du machst es richtig und dass es sich für dich auch immer „richtig anfühlt“ wünsche ich dir!

    GlG
    Stefanie

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Stefanie,
      schön, dass du hier doch noch deine Zeilen hinterlassen hast. Danke für deinen Zuspruch und deine Meinung. Und du hast Recht: Oft sind Entscheidungen befreiend. Vielen Dank für deinen guten Wünsche, ganz viele Grüße.
      Tina

  4. Einmal mehr lasse ich Dir einfach eine Umarmung hier.

  5. lareine schreibt:

    Liebe Tina,

    ich habe zu meinen beiden (leiblichen) Eltern keinen Kontakt und möchte auch in Zukunft keinen. Die Frage danach, ob man sich melden sollte, wenn einer der beiden krank ist, stelle ich mir natürlich auch, aber ich beantworte sie bisher mit einem klaren Nein.

    So, wie Du Deinen Vater beschreibst – und das sage ich natürlich als absolut fremde Person und als meinen persönlichen Eindruck – ist er eine ziemlich ich-bezogene/narzisstische Person. Er scheint wenig Empathie für Dich zu haben und sich selbst der Mittelpunkt zu sein. Er erfindet Geschichten, um sich wichtig zu machen. Dies sind nur einige Hinweise für mich, diese Beobachtung zu äußern.

    Von Menschen mit solchen Anlagen oder Eigenschaft kann man oft wenig liebevolle Zuwendung erwarten und diese würde Eltern doch eigentlich ausmachen. Wenn man keinen Kontakt haben will, um sich zu schützen, dann empfinde ich das als gerechtfertigt und gut.

    Und da ich selbst (unter anderem aus ähnlichen Gründen) zu meinen Eltern (bei denen ich allerdings aufwuchs) den Kontakt abbrach, kann ich einige Deiner beschriebenen Gefühle nachvollziehen.

    Leider weiß man nicht, ob man diese Entscheidung später bereut und kann, falls man Reue empfindet, nur daran denken, dass man situativ gebunden entschieden hat.

    Wenn ich mit meiner Entscheidung hadere oder mich frage, ob ein Kontakt doch gut wäre, dann erinnere ich mich ganz selbstbewusst an die Frage „Was würde mir das bringen?“ Schnell merke ich, dass es mir nichts als emotionale Scherereien brächte und ich es mit Sicherheit bereuen würde. Mit manchen Menschen wird man einfach nicht glücklich – sie tun einem nicht gut. Und dann darf man sich zurückziehen, auch wenn jemand krank ist. Falls es zu einer Situation kommt, in der diese Person um einen, vielleicht letzten Besuch bittet, dann kann man immer noch nachdenken und nachfühlen, was man tun will.

    Ganz liebe Grüße

    Saskia

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Saskia,

      ich finde, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den du da ansprichst. Nämlich, dass man Entscheidungen situativ trifft, so wie sie für einen genau in diesem Moment möglich sind. Wenn man sich das vor Augen führt, dann lebt es sich wesentlich leichter. Für einen selbst, aber auch in dem Sinne, dass man andere besser verstehen und deren Entscheidungen annehmen kann.

      Danke für deinen Kommentar und viele Grüße
      Tina

  6. ursula gerstenbräun schreibt:

    Liebe Tina,

    sehr sehr gern lese ich deine reflektierten Texte und nehme jedes Mal viel mit. Dankeschön.
    Der gestrige hat mich besonders berührt, schwirren die Sätze doch auch noch heute im Kopf herum. So verschieden unsere Geschichten auch sind, das sich abgrenzen und sich nicht von den Problemen der Eltern vereinnahmen zu lassen.

    Vor allem dieser Teil
    „Ich bin nicht nur Tochter, sondern auch Mutter. Und als solche habe ich zwar eigene Befindlichkeiten, versuche diese aber nicht mit denen meiner Kinder zu vermischen. Ich halte es für sehr wichtig, dass meine Erwachsenenthemen nicht zu denen meiner Kinder werden, sie sollen keine Verantwortung für mich übernehmen müssen. Ich bin erwachsen, sie sind Kind. Auf gar keinen Fall darf es zu einer Umkehr kommen. Und das gilt auch, wenn das Kind längst erwachsen ist. Eltern dürfen mit Kindern weder ihre Beziehungsprobleme besprechen noch die eigene Vergangenheit aufarbeiten. Das bringt das Kind in einen Konflikt und das sollte nicht sein.“

    beschäftigt mich ungemein und bestätigt meine Gedanken. Danke dafür, so gut auf den Punkt hätte ich es so schnell nicht gebracht!

    Alles Liebe weiterhin,
    Ursula

  7. Kerstin schreibt:

    Hallo,
    ich kann Deine Entscheidung sehr gut nachvollziehen. Besonders die Perspektive, dass man klar trennen sollte, ob man das alles Tochter oder Mutter sieht. Meine Mama erkannte erst spät, dass sie ihre eigene Kindheitsbewältigung besser in therapeutische Hände geben sollte als sie mit ihren Töchtern zu besprechen. Anders als bei dir haben wir Kontakt, aber genau in diesen Situationen stellte ich auch klar, dass ich ihre Tochter bin und die schlimmen Dinge aus ihrer Kindheit nicht mit ihr verarbeiten kann. Sicherlich klingt es egoistisch, aber in gewisser Weise versuche ich mich auch zu schützen.

    Deswegen vielen Dank für Deinen Beitrag! Du hast Recht, Familie verbindet einen nicht immer nur über die Genetik, sondern es ist auch das Gefühl der Geborgenheit und des gegenseitigen Unterstützens und Daseins!

    LG Kerstin

  8. Claudia schreibt:

    Guten Abend,
    einfach nur wundervoll wie du so ein emotional schwieriges Thema wiedergibst !
    Es hat mich zum Nachdenken gebracht.

    Ich selbst habe dieses Problem nicht. Aber vlt später (ich hoffe nicht) könnte dieses Thema auf meinen Mann zu kommen, da er eine Tochter aus erster Ehe hat. Sie haben momentan Kontakt, aber das kann sich auch schnell mal ändern.

    Was ich bestätigen kann ist, dass es wirklich nicht gut ist wenn Mütter ihren Töchtern über ihre schlechte Kindheit erzählen. Meine Mama hat dies getan, und seitdem kann ich keine gute liebevolle Beziehung mehr zu meinen Großeltern haben. Dieses liebevolle Bild von Oma und Opa wurde einfach zerstört durch die Realität.

    Ich hoffe dass wir das in unserer Generation besser hinbekommen !

    Liebe Grüße
    Claudia

  9. ANNA schreibt:

    Liebe Tina ,
    ich finde neben dem,dass es ein sehr gut geschriebener Text ist,geht es mir als Leser so,dass ich (für mich) förmlich merke,wie du diesen Weg zu deiner Entscheidung beschritten hast,wie du abwegst,überlegst ,haderst,weiter gehst…stehen bleibst und am Ende eine Entscheidung da ist,die für dich richtig ist.
    Das finde ich schön,weil auch wenn es für dich sicher nicht immer leicht ist,ist es denke ich „gesund“ so zu leben. In vielen Hinsichten.
    Bewundernswert!
    Alles Liebe !
    ANNA

  10. Anja Schlüter schreibt:

    Es sollte Ihnen Geschenk genug sein. Mehr geht nun wirklich nicht.

  11. Pingback: Grenzen im Kopf | WerdenundSein

  12. Andreas Schweize schreibt:

    Liebe Tina
    Beeindruckend – Du bist so eine beeindruckende Frau.
    Da ist die Art wie Du grollfrei zurückschaust, ohne Vergeltung zu suchen für all das an Dir begangene Untrecht, für all den Schmerz und die seelischen Verletzungen, die Du ertragen musstest.
    Und dann die reife Art vorwärts zu schauen, Deinen Kindern alles zu geben was sie brauchen, ohne sie an Dich zu binden.
    Du fragst zwar nicht um Rat, dennoch erlaube ich mir diesen Kommentar: Ich würde mich Deinen Eltern gegenüber nicht annähern, sie haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und stets nur für sich gesorgt (was auch immer die Gründe dafür waren). Wenigstens für die Folgen dieses Verhaltens sollen sie selbst verantwortlich sein, ohne Deine Hilfe. Eine Ausnahme gäbe es für mich nur, falls eine Drittpartei dazukäme, konkret, wenn Deine Eltern bei irgend einer Stelle Hilfe suchen würden und diese Stelle dann auf Dich zukäme. Ohne diese Drittpartei denke ich, Du wärst chancenlos.
    Ich wünsche Dir die innere Ruhe dazu, ein starkes Selbstbewusstsein, und viel Liebe und Glück für’s neu Jahr. Geniesse Deine Kinder und investiere Deine Kraft, Deine Ressoursen in sie.
    Liebe Grüsse
    Andreas Schweizer

  13. Pingback: Was bleibt? | WerdenundSein

  14. creezy schreibt:

    Was für ein Text! Danke für die Offenheit.

  15. Pingback: Das Erbe | WerdenundSein

  16. Pingback: Loyalität | WerdenundSein

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