Alleinerziehend – Klischee lass nach

Bevor mein Mann und ich entschieden, dass die Kinder nach der Trennung zukünftig bei ihm leben würden, suchte ich eine Wohnung für mich und meine zwei Mädels. Hier in der Gegend sind die Mieten genauso hoch wie Dreizimmer-Wohnungen selten sind und so zog ich ernsthaft in Betracht, uns eine pfiffig geschnittene Zweizimmer-Wohnung anzumieten. Bei einer großen Küche hätte ich ein Wohn-Schlafzimmer eingerichtet und die Kinder hätten das andere Zimmer bekommen. Bevor ich eine finanzielle Geißel der Wohnungsmiete wäre – so dachte ich – sei das ein guter Plan.

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Der Kindergarten des kleinen Ortes, den ich für unser zukünftiges Zuhause auswählte, versprach mir zuverlässig nach dem Umzug zwei Kindergartenplätze. Zu meiner Arbeit wäre es nicht weit gewesen, so hätte ich sogar noch aufstocken können, wir wären finanziell einigermaßen flexibel gewesen und mit Kosten verbundene Freizeitaktivitäten hätten mir nicht den Schweiß auf die Stirn getrieben. Ja, ich hatte mir das alles gut überlegt, war zuversichtlich und entsprechend gestimmt rief ich bei einem potentiellen Vermieter an, der eine Zweizimmerwohnung ausgeschrieben hatte.

Ich hatte meinen Begrüßungstext noch nicht ganz aufgesagt, da unterbrach er mich bereits ungeduldig: „Ja, und für wen soll die Wohnung sein, mit wem alles wollen Sie denn da einziehen?“

Ich antwortete, dass ich mit meinen beiden Töchtern einziehen würde, was er mit einem final wirkenden „Das ist aber schlecht!“ kommentierte und er setzte noch harsch nach: „Wie soll das denn gehen?“

Ich erklärte meinen Plan, er unterbrach mich wieder und meinte ätzend: „Ja, und die Kaution kommt dann vom Amt oder was?“

Unfassbar, wie er es schaffte, gleichzeitig die Schubladen „Alleinerziehend“ und „Hartz4“ aufzuziehen und diese Verbindung als völlig logische Gesetzmäßigkeit darzustellen. Innerhalb weniger Sekunden wurde ich von der Passat-Ehefrau zur amtsabhängigen alleinerziehenden Mutter – Klischee lass nach.

Ich wurde ein wenig arrogant und erklärte, dass ich die Kaution selber stellen würde, ich sei solvent und in Festanstellung.

„Haben Sie denn überhaupt ein Auto?“

„Und die Kinder? Wenn Sie arbeiten, wo bleiben dann die Kinder?“

Ich war versucht zu fragen, ob die Wohnung einen Keller inne hat, unterließ es jedoch und erklärte, dass mir bereits Kinderbetreuung durch den örtlichen Kindergarten zugesagt wurde. Das fand er wiederrum auch nicht so optimal, es sei ja nicht so gut, wenn die Kinder so lange von der Mutter getrennt seien. Der Rest des Gespräch verlief ähnlich unerfreulich und endete mit einem gönnerhaften „Sie können ja mal vorbei kommen und sich die Wohnung ansehen!“ Merci.

Ich bin tatsächlich zu dem Besichtigungstermin hingefahren. Nicht, weil ich ernsthaft in Betracht zog, dorthin zu ziehen und mir diesen Vermieter anzutun, sondern weil ich mir diesen unglaublich dummen Menschen aus der Nähe ansehen wollte.

Jetzt kann man sagen, das war ein Einzelfall eines besonders sozial inkompetenten Mitglieds dieser Gesellschaft und ich solle mich nicht aufregen. Aber erstens glaube ich nicht an einen Einzelfall und zweitens muss ich oft an diese Situation denken, daran, wie er mich behandelt hat und wie es sich anfühlte.

Ich habe mir noch weitere Wohnungen angesehen und eine gewisse Skepsis – in unterschiedlichen Tiefen ausgeprägt – war immer zu spüren. „Eine Alleinerziehende! Uuuh.“ Selbst damals, als ich als Azubi eine Wohnung suchte, habe ich solche Vorbehalte nicht gespürt, ich schließe deshalb rein finanzielle Vorbehalte aus. Was auch immer da mitschwingt, es ist extrem unschön.

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2 Antworten zu Alleinerziehend – Klischee lass nach

  1. fujolan schreibt:

    ein super Text – solche Vermieter sollten sich was schämen.
    Mein Auge hat sich allerdings an einem wunderschönen Verschreiber festgehakt: Du bist leider nicht die Geißel der Miete, eher schon die Geisel . …. 😉

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Danke für die Rückmeldung.

      Geisel/Geißel, darüber kann man vermutlich philosophieren. Ich meinte es schon im Sinne von gequält und gegeißelt sein (durch die Miete), aber man könnte es auch durchaus als Gefangen genommen sehen.

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