Der Grat ist schmal

Neuanfang

Sechs Monate ist die Trennung nun her und ich habe verschiedene seelische Stadien hinter mir. Ich war erleichtert, mir endlich eine Entscheidung erlaubt zu haben. Ich ertappte mich bei dem Gedanken „Ich glaube nicht mehr an die Liebe“, der fließend in „Ich bin eine Beziehungsatheistin“ überging. Zur Zeit befinde ich mich im Stadium „Ich bin massiv von mir selbst enttäuscht.“

Ich glaubte immer an die Liebe, sie ist es tatsächlich, die Berge versetzen kann – so dachte ich. Aber Liebe versetzt kein Ego. Ein Berg – kein Problem, aber so ein Ego ist ein harter Brocken.

Ganz infantil verstehe ich einfach nicht, wie die Liebe der Summe der Verletzungen erliegen kann. Wenn wenigstens irgendetwas Schlimmes passiert wäre, das eine Trennung gerechtfertigt hätte, dann würde es mein Verstand vielleicht begreifen können bei gleichzeitigem Bewusstsein der Hirnrissigkeit dieses Gedankens. Aber jetzt mal ehrlich, wie doof ist es, seine Beziehung aufgrund des Alltags und vielen kleinen Verletzungen gegen die Wand zu fahren? Warum läuft so ein Fass irgendwann über und wann genau haben wir übersehen, es zu leeren? Und geht das überhaupt?

Hätte ich nicht mehr tun können? War ich zu hart, zu unbeweglich, zu uneinsichtig? Wo habe ich zu lange gezögert, nicht Position bezogen, wann hätte ich über meinen Schatten springen können? Wo hört der Kompromiss auf und fängt Selbstaufgabe an?

Ich habe mir dieses Leben, dieses Familienmodell so sehnlichst gewünscht. Dass dem nun nicht so ist, tut weh. Mir ganz persönlich, aber besonders, dass meine Kinder die Konsequenzen „meines Scheiterns“ mittragen müssen. Auch, wenn unser Modell auf hohem Niveau gut funktioniert, so vermissen sie dennoch immer wieder mal den ein oder anderen Elternteil, denn als Einheit gibt es uns nicht mehr. Und dass die Umgebung bestürzt reagiert, mag verständlich sein, aber macht es nicht leichter.

Ich weiss, dass das alles mühselig ist und was ich überhaupt nicht will, ist zurückblicken und hadern. Es geht nicht darum, alles wieder rückgängig zu machen, es geht nicht um Reue des letzten Schritts, es geht darum, dass ich es verdammt nochmal nicht verhindern konnte und immer noch nicht den Punkt sehe, wo es so furchtbar gekippt es, dass das Umfallen nicht mehr aufzuhalten war.

Ich bin ehrlich überrascht von meiner Gefühlswelt. Interessant, wie Abwehrmechanismen funktionieren, so dass ich nicht hab kommen sehen, was eigentlich mit mir los ist. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mein neues Leben zu organisieren, zu rechtfertigen, dass meine Kinder nun beim Papa leben und damit, nicht unterzugehen.

Niemand sprach es aus und dennoch hatte ich vor kurzem das Gefühl, im Raum stünde ein „da hast du aber einen ziemlich guten Mann sausen lassen“. Ich weiß nicht, ob dieser Vorwurf wirklich da war, unausgesprochen und dennoch fühlbar oder ob ich mir das eingebildet habe, weil ich übersensibel und sowieso vorgespannt war. Schlussendlich ist es auch egal, denn als mir das bewusst wurde, schob sich trotzig mein Selbstwert nach vorne und blickte wieder auf. Die Autobahn ist in zwei Richtungen befahrbar, auch ich war etwas wert. Ich bin etwas wert. Ich muss nach vorne sehen und einsehen, dass ich womöglich nicht der alleinige Schöpfer der vergangenen Jahre war. Es lag nicht alles in meiner Macht. Aber mich schockiert der schmale Grat zwischen lieben und verletzen, zwischen Leichtigkeit und furchtbarer Schwere. Zwischen keine Minute ohne den anderen sein zu wollen und nicht mehr gemeinsam in einem Raum sein zu können. Wie kann ich sicher sein, dass das nicht alles nochmal passiert?

Ich vertraue mir selbst nicht mehr und bin ein wenig ratlos, wie ich das wieder hinbekommen soll.

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23 Antworten zu Der Grat ist schmal

  1. Frl. Null.Zwo schreibt:

    Deine Abwehrmechanismen haben bisher gut funktioniert, weil du beschäftigt warst.
    Nach der körperlichen und der organisatorischen Arbeit kommt jetzt das Innere dran. Ich habe damals viel (an mir) gezweifelt und mir ähnliche Fragen wie Du gestellt. Nach einem neuerlichen Tiefschlag – er hatte längst eine Neue mit der an den Umgangswochenenden Vater-Mutter-Kind mit unserer Tochter „spielte“ – wurde es dann besser. Die Träume aber blieben viel länger und arbeiteten auf, was unterbewusst noch im Argen lag.

    Es dauert einfach seine Zeit. Sei nachsichtig mit Dir. Was in die Tiefe ging tut auch in der Tiefe weh ((( )))

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ja, den Gedanken mit der Tiefe hatte ich beim Schreiben auch. Es tut nur weh, weil wirklich Liebe da war. Da hast du wohl wirklich Recht. Aber auch, weil mich Dinge erwischt haben, die einfach ganz tief innen drin weh tun. Das hat wie so vieles zwei Seiten. Und das mit der Nachsichtigkeit, das übe ich für mich noch.

  2. sehr bewegend geschrieben!

    Du kannst dir nie sicher sein das es so nochmal passiert! Aber du kannst dafür jede Zeit während des glücklich sein genießen.
    Niemand weis was kommt oder passiert!
    Es wir immer wieder Höhen und Tiefen geben!

    Du wirst deinen Weg gehen und du wirst es gut machen, so wie du es machst…

  3. Tatjana schreibt:

    Liebe Tina,
    du hast eindrucksvoll beschrieben, was auch ich seit meiner Trennung fühle und gefühlt habe. Von Wut, Enttäuschung und Trauer bis zur Frage nach dem warum habe ich alles durch. Rechtfertigungen und Erklärungsversuche, vor anderen aber vor allem vor mir selbst, haben mein Leben nicht gerade leichter und unbeschwerter sein lassen.

    Heute bin ich dankbar für die Erkenntnis, „einen guten Mann“ verlassen zu haben. Ich bin froh, ihn so sehen zu können. Denn nur dadurch ist es mir möglich, unserer Tochter ihr gutes Bild von ihrem Papa immer bestätigen zu können. Trotzdem kommen immer wieder die Zweifel, warum ich das viele Gute in unserer Ehe nicht sehen konnte. Warum es irgendwann einfach nicht mehr gereicht hat und ich gehen musste. Ich versuche mich an dem Gedanken zu stärken, dass uns die vergangenen zwei Jahre verändert haben. Wir unser Verhalten reflektiert und uns unsere Unzulänglichkeiten eingestanden haben. Jeder für sich und wir beide zusammen. In mir wächst die Überzeugung, dass wir das innerhalb unserer Beziehung nicht geschafft hätten.

    Ich glaube fest daran, dass die Erfahrungen, die wir durch die Trennung gemacht haben, uns für zukünftige Beziehungen sensibler sein lassen. Wir werden feinfühliger und mit mehr Augenmerk auf die uns wichtigen Dinge schauen und schneller entgegensteuern, bevor wir den Fall wieder nicht verhindern können.

    Und vielleicht festigt sich dann auch die Erkenntniss, dass wir nicht alleine für das Funktionieren oder Scheitern unserer Beziehung verantwortlich sind. Wenn jeder bei sich bleibt muss es doch auch gemeinsam klappen 😉

    Alles Liebe für dich, immer eine ordentliche Portion Zuversicht und Vertrauen in dich, deine Entscheidungen und deine Zukunft!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Tatjana,
      dein Kommentar hat mich sehr berührt, weil zum einen diese Parallelen da sind, aber auch, weil du mir einen guten Rückblick über deinen Situation gibst und mich vorallem bestärkt und motiviert, was du schlussendlich für ein Fazit ziehst.
      Vielen Dank dafür und für deine guten Wünsche.

  4. stefanie schreibt:

    Herrje! Jetzt verstehe deinen Tweet von vorhin erst und wünsche dir umso mehr, dass die Leichtigkeit zurückkehrt!
    GlG Stefanie

    Ps: vielleicht schreib ich dir mal, im Blog oder einfach mal per E-Mail. Gedanken flitzen gerade durch meinen Kopf. Fürs erste steht oben das Wichtigste.

  5. marichen21 schreibt:

    Ich wünsche dir auch einfach nur, das deine Leichtigkeit zurückkehrt!
    Alles Liebe
    Maria!

  6. rona schreibt:

    Liebe Tina,
    das hast Du wunderbar in Worte gefasst. Wie gut ich diese Gedanken und Gefühle kenne. Ich glaube, das Aufgeben und Loslassen ist besonders schwer, wenn die logischen und (für andere verständlichen) Gründe fehlen. Auch das Leben mit der Ungewissheit ist schwer. Ich denke dann manchmal an Hilde Domin: „Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug.“

    Ich glaube, wir sind eine Generation, die sehr ehrlich zu sich ist, die viele Entscheidungsfreiheiten hat, dafür aber auch wenige Gewissheiten und Sicherheiten. Es geht darum auf den schmalen Graten balancieren zu lernen, mit der Unsicherheit zu leben, nicht zu wissen und damit weiterzuleben, die Schwäche und den Zweifel als Stärke zu sehen. Mir ist all das in jedem Fall lieber, als mir mein Leben lang etwas vorzumachen. Und nein, es liegt nicht alles nur in Deiner Macht und wir müssen vielleicht auch GAR nichts hinbekommen.

    Ich dachte heute wie es wohl wäre, wenn ich mich jetzt einfach mal voll auf die Verletzlichkeit und Ungewissheit einlasse. Ob ich jemals eine gute Beziehung hinbekomme, weiß ich auch nicht. Aber vielleicht geht es darum gar nicht…

    Liebe Grüße
    Rona

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Rona,
      danke für deinen Kommentar und deine schöne Rückmeldung zu meinen Zeilen. Nein, ich glaube auch nicht, dass das Ziel zwingend Beziehung ist. Ich glaube, der erste Weg ist, mit sich selbst klar zu kommen. Ich denke sogar, dass ist das allerwichtigste. Aber sicher auch das Schwierigste.
      Liebe Grüße.

  7. Mama arbeitet schreibt:

    Liebe Tina,

    du bist sehr, sehr schnell in deinem Verarbeitungsprozess, wenn ich das mal so sagen darf (und mir wurde das auch gesagt, aber so schnell wie du war ich glaube ich nicht!).

    Die Sache ist die, in meinen Augen: zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die nicht wieder hinzubekommen sind, ist das Schwierigste von allem. Aber wenn das passiert ist, dann ist die Schwere weg. Und auch Wut und Trauer gehen. So war das jedenfalls bei mir.

    Fühl dich umarmt und sehr bewundert für die Klarheit deiner Gedanken!
    Christine

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Christine,
      vielen lieben Dank. Ich freue mich über deine schöne Rückmeldung. Ich mag schnell sein, aber ich bin auch brutal mir gegenüber. Nicht immer leicht. Schlussendlich führt es aber zum Ziel. An der Akzeptanz arbeite ich noch. Das wird eine längere Geschichte, glaube ich.

  8. Ich möchte Dir einfach eine Umarmung hier lassen.

  9. Suse schreibt:

    Die Liebe. Ja diese Liebe.
    Manchmal tut sie einfach nicht gut. Dann muß man sie gehen lassen.
    Auch wenn es schwer fällt. Und von Schuld würde ich nicht sprechen, denn bei so schleichendem Aus der Beziehung gibt es wohl keinen Schuldigen.
    Ich wünsche Dir von Herzen die Kraft Deine Trauer durchzustehen und gestärkt daraus hervorzugehen.
    Suse

  10. kiko2014 schreibt:

    ((( )))

  11. Cilly schreibt:

    Liebe Tina,
    ich hab heute Dein Interview in der FAS gelesen. Sehr gut!
    Einzig schade fand ich, dass dort nicht einmal erwähnt wurde, dass Du einen sehr lesenswerten Blog hast. Alles Liebe für Deine Familie und Dich!
    Liebe Grüße,
    Cilly

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Hallo Cilly, danke für deinen Kommentar und dein Feedback. Die FAS hätte auch auf meinen Blog verlinkt, es war mein eigener Wunsch, dass sie es nicht tun. Liebe Grüße, Tina

  12. martina schreibt:

    Hallo Tina,
    ich bin neu hier und auch ich habe mich von meinem Mann getrennt und meine beiden Töchter bei ihrem Vater in ihrem gewohnten Umfeld gelassen. Allerdings nicht ganz freiwillig. Doch daran bin ich selber Schuld, denn ich habe mich erpressen lassen.
    Die Trennung ist nun zwei Jahre her. Unsere Kinder sind inzwischen 10 und 12 Jahre alt.
    Mein Mann arbeitet im Schichtdienst und immer wenn er arbeitet kümmere ich mich um unsere Kinder in der alten Wohnung. Er lässt nicht zu dass sie zu mir kommen.

    Deine Frage an Dich, ob Du nicht genug gekämpft hast kenne ich . Ich hatte alles, doch ich wollte es anderst machen als meine Eltern. Als jünste von 8 Kindern hat meine Mutter immer alles verziehen. Fremdgehen, schlagen usw. Mein Mann hat mich nicht geschlagen, doch ich wurde unselbständig gemacht.

    Seit der Trennung durchlebe ich die Hölle. Ich vermisse meine Kinder und gäbe es eine Regelung wäre es einfacher. Ich bin depressiv, suizid gefährdet und seit einem Jahr trinke ich.

    Wie du geschrieben hast, dass Deine Mutter betrunken war und nichts zu essen da war. Ähnlich wie bei mir. Ich bin betrunken liege auf der Couch, essen ist da.
    Seit ca. 8 Monaten habe ich einen neuen Partner und ich frage mich tag für tag was er mit mir möchte. Ich weine nur, bin völlig am Ende.

    Deine Worte und Deine Seite haben mich sehr berührt. Und sicherlich finde ich hier den einen oder anderen Anhaltspunkt aus der Krise raus zu kommen und einen Weg zu finden.

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