Was ich alles kann

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Vor kurzem habe ich sonntags alleine eine Bergtour gemacht. Während ich mit meinem Auto die Serpentinen zum Wanderparkplatz hochfuhr, dachte ich, wie geil es ist, als Frau unabhängig zu sein, einen Führerschein zu besitzen und die Traute zu haben, das Auto die engen Serpentinen hochzujagen. Die Sonne schien, die Musik war laut und ich war gut gelaunt. Und da kam mir der Gedanke, dass ich ganz schön viel kann. Für eine Frau.

Ich kann einen Umzug alleine planen und durchführen, Möbel kaufen und aufbauen und mit einer Bohrmaschine umgehen.

Ich kann Reifen wechseln und weiß, was ein Drehmomentschlüssel ist. Als ich mit 18 nebenbei in einem Reifenhandel arbeitete, da konnte ich Reifen wuchten und montieren.

Ich kann allerlei praktische Dinge im Haushalt. So lästig es mir war, als Kind ordentlich im Haushalt mit anpacken zu müssen, so dankbar bin ich darum, dass ich weiß, wie man kocht und theoretisch einmacht und näht. Auch wenn ich letzteres wie die Pest hasse und mittlerweile outsource.

Ich kann schwimmen. Und obwohl ich mein Leistungsschwimmerdasein mit 19 an den Nagel gehängt habe, schaffe ich immer noch aus dem Stand heraus 1,25 Kilometer, das sind 50 Bahnen á 25 Meter, das finde ich ganz ordentlich. Gut, ich kann meine Arme jetzt kaum noch heben, aber hey, ich habe es geschafft.

Ich verstehe das deutsche Steuersystem. Nicht im Sinne von Verständnis, da mangelt es bei einigen Steuerarten (Erbschaftsteuer) auch bei mir, aber ich weiß, wie man die Steuern berechnet, wie man Bilanzen erstellt und was eine Rekultivierungsrückstellung ist.

Ich kann mit meinen Kindern im örtlichen Edeka Verstecken spielen und mich richtig zum Affen machen.

Ich kann kopfrechnen, nicht bahnbrechend, aber ausreichend schnell und ein einfacher Dreisatz ist kein Problem.

Ich kann mit Computern umgehen, ich weiß einiges über die Systemsteuerung und beherrsche einige Excel-Funktionen. Pivottabellen machen mir keine Angst, wobei ich in arbeitsintensiven Zeiten durchaus davon träume.

Ich habe keine Angst vor Spinnen, mit ein bis zwei von ihnen führe ich in dieser Wohnung sogar eine harmonische Co-Existenz.

Ich kann mich selbst verteidigen. Ich weiß, wie man sich aus einem Schwitzkasten befreit und wie man jemanden „schockt“, wenn es nötig ist und würde es anwenden.

Wenn ich ein Mann wäre?

Dann würde ich genau das alles tun.

Und ja, vielleicht hätte ich ein paar „Privilegien“ mehr, würde per se mehr Gehalt verdienen und müsste mir meine Vereinbarkeitsrechte nicht erkämpfen, mich nicht dafür rechtfertigen, dass meine Kinder beim Papa leben und hätte mitten in der Nacht weniger Angst auf der Straße.

Aber manchmal, wenn es die Situation hergibt, kann ich ein wenig süß sein, ich kann vieles mit Humor gerade biegen, was ich vorher durch meine große Klappe versemmelt habe, ich kann charmant sein (wenn ich will) und werde dafür nicht damit bestraft, dass man mir eine sexuelle Ausrichtung unterstellt, die gesellschaftlich leider noch etwas schwierig für Männer ist.

Es ist keine Frage, Gleichberechtigung ist ein Gut, um das wir immer noch kämpfen müssen. Aber ich schrieb es schon mal, Gleichberechtigung heißt für mich nicht, dass alle dasselbe machen müssen. Gleichberechtigung heißt für mich, dass die Bedürfnisse eines einzelnen dieselbe Wertigkeit erfahren. Gleichberechtigung ist schlicht und ergreifend Gerechtigkeit. Und das unabhängig von Geschlecht, Farbe, Alter, Familienstand, sexuelle Ausrichtung und so weiter.

Und deshalb schreibe ich jetzt keinen Blogbeitrag dazu, was wäre, wenn ich ein Mann wäre. Denn ich kann und darf jetzt schon so viel. Und am Rest arbeiten wir noch. Aber das wird. Davon bin ich überzeugt.

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4 Antworten zu Was ich alles kann

  1. Diese Antwort auf die Frage „Was wäre, wenn“ gefällt mir bisher am Besten.
    Vielleicht einfach nur aus (m)einer Laune heraus. Vielleicht aber auch, weil uns Männer und Frauen diese Sichtweise wohl gleicher stellt als manch andere Antwort, die ich bisher gelesen habe.
    Danke dafür.

  2. rage schreibt:

    Das ist eine tolle Antwort! Der Satz „Gleichberechtigung heißt für mich, dass die Bedürfnisse eines einzelnen dieselbe Wertigkeit erfahren.“ gefällt mir gut. Ach was, er passt in mein Gedankenschema der vergangenen Wochen. Ich lese gerade viel zum Thema, denke viel darüber nach und versuche meine Gedanken immer wieder auf den Punkt zu bringen; was mir btw leider nicht allzu gut gelingt. Bislang kam ich immer nur an den Punkt, dass „Gleichberechtigung schlicht und ergreifend Gerechtigkeit ist“.
    Die Wertigkeit, von der du sprichst, die will ich. Stattdessen fehlt mir diese Wertschätzung an unglaublich vielen Stellen – weil ich eben weiß, dass und was ich alles kann.

    Danke für die schöne Antwort.

  3. Mumpel313 schreibt:

    Liebe Tina, ich habe gerade die emotion gelesen und deine Geschichte darin gefunden. Ich möchte dir an dieser Stelle sagen: “ Du bist nicht allein“ Auch ich habe meine Kinder vor zwei Jahren bei unserer Trennung bei ihrem Vater gelassen. Ich bin selbst Scheidungskind( soviel zu Klschees) und hatte das Gefühl, es wäre für mich als Mutter, die viel Zeit mit ihren KIndern verbracht hat, leichter ein neues, zweites Zuhause für sie aufzubauen. Ob das gelungen ist? Das müsste ich die Beiden fragen. Ich kann aus meiner Sicht sagen, es wird leichter und trotzdem bleibt es schwer. Ich hoffe einfach, dass ich durch die Sicherheit, die ich in manchen Momenten empfinde, meinen Kindern das richtige vermittle. Tut was euer Gefühl euch sagt und macht das Beste daraus. Soviel zur Theorie,lächel, aber es wird tatsächlich besser, leichter und eine gewisse Gewöhnung tritt ein.
    Auch ich habe ein gutes Leben gehabt und immer gedacht, ich habe nichts auszustehen. Es ist doch ok! Aber ich war auf der Suche! und wurde auch fündig, leider oder zum Glück noch in meiner Ehe. Wir haben uns beide getrennt, Waren als Familien freundschaftlich eng verbandelt, was die Situation nicht einfacher gemacht hat. Halte aus und bleib bei dir und ich denke, du machst es richtig! Genieße das Leben mit den Momenten, die es dir schenkt. Mit und ohne deine Kinder. Alles Liebe für die Zukunft.
    Eins noch, ich glaube, dass ich all die Zeit, in der meine Kinder nicht bei mir sind, in der Zeit wettmache, in der ich sie habe. Als“ normale“ Familie habe ich die Tatsache für selbstverständlich gehalten und wir haben nebeneinander her glebt. Die Zeit JETZT mit ihnen ist intensiver! 🙂

  4. Kerstin schreibt:

    wie immer, den Nagel auf den Kopf getroffen. Was als Frau ja auch kein Problem ist 😉
    Liebe Grüße, Kerstin

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