Liebes Ich!

Als Kind hatte ich Träume. Erst wollte ich Primaballerina werden. Später in den Knast und dort Menschen bei der Resozialisierung helfen. Gegensätzlich konnte ich schon immer. Als ich dreizehn war, stellte ich mir vor, wie ich mit einer hochemotionalen, leidenschaftlichen und auf die Liebe plädierende Rede den Golfkrieg verhindern könnte. Ich schrieb Gedichte über die Liebe und über die Gesellschaft mit dem flammenden Titel „Das Netz – Gemeinschaft oder Gefangenschaft“.

Wie allgemein bekannt ist, habe ich den Golfkrieg nicht verhindert und ich resozialisiere auch keine Gefangenen. Aber ich habe auch keine Träume mehr, zumindest keine, die diesen Namen verdienen. Meine Gedanken bestehen immer häufiger aus „Ich wollte…“ statt aus „Ich will…“. Ich frage mich: Wäre ich als Kind stolz darauf, was und wer ich heute bin? Nicht sachlich betrachtet, nicht in Geldeswert und Erfolg bemessen. Wann konnte ich das letzte Mal abends kaum einschlafen, weil ich voller Ungeduld dem Aufwachen am nächsten Tag entgegen fieberte? Nicht, weil ich unbedingt was erledigen musste – sondern wollte. Glaube ich noch daran, die Welt verändern zu können und wann tu‘ ich etwas, wo mein Verstand nicht den Daumen drauf hat?

Ich komme darauf, weil ich gerade den Film „Vergissmichnicht“ gesehen hab. Darum geht es um die knallharte Managerin Margaret Flore, die zu ihrem 40.ten Geburtstag Post ihres siebenjährigen Ichs erhält. Diese hat sie sich selbst geschrieben. Mit einem Notar vereinbarte sie damals, dass er ihr die liebevoll zusammengestellten Briefe und Päckchen ab ihrem 40.ten Geburtstag zukommen lässt. Die Briefe handeln davon, was der damals siebenjährigen Margaret am Herzen lag: mögliche Berufe und Berufungen, den Hunger auf der Welt bekämpfen, Familie, Klarinette spielen, Hochzeit mit dem Jugendfreund. Der vorletzte Brief beschreibt, wie sie, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, beschließt, erwachsen zu werden. Wie sie alle Träume und Kindereien hinter sich lässt und ins Internat geht, um eine richtige Geschäftsfrau zu werden, die genügend Geld verdient, um ein gutes Leben zu führen.

wpid-img_20150621_2049022.jpg.jpg

„Es ist wichtig, Träume zu haben, die groß genug sind, dass man sie nicht aus den Augen verliert“, wird Oscar Wilde im Film zitiert. Und während ich die Zeilen schreibe, meldet sich gleich mein vernünftiges erwachsenes Ich. „Jetzt komm‘ mal wieder runter, ist doch klar, du hast jetzt viel mehr Verantwortung, du kannst nicht mehr den ganzen Tag vor dich her träumen und irgendwelchen Hirngespinsten hinterherjagen! Das war nur ein Film, guck‘ dich doch an, alles ist bestens.“

Nun, für „Bestens“ ist mir aber ganz schön lebenslangweilig, ein Thema und Begriff, über den ich mal bloggte und der Zustand trifft immer noch zu. Zwar glaube ich noch ganz infantil die Welt verbessern zu können – irgendwie, wenn auch nicht allein, aber so grundsätzlich: ja. Aber Träume? Kaum.

Ich glaube, was der Film im Kern aussagt, ist wirklich erstrebenswert. Ich denke, es gibt nicht nur Entweder-Oder, man sollte wohl Hand-in-Hand mit seinem inneren Kind gehen. Und deshalb schließe ich mit den folgenden Zeilen der kleinen Margaret:

„Ich hab‘ dich angelogen. Ich habe behauptet, die Briefe seien da, um dir zu helfen. In Wahrheit musst du aber mich retten, hilf mir, wieder die zu werden, die wir waren. Hilf mir, wieder zu glauben, zu träumen, Dinge zu wagen. Komm und such mich!“

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Liebes Ich!

  1. marichen21 schreibt:

    Berührt mich gerade!
    Danke!
    Liebe Grüße
    Maria!

  2. Kerstin schreibt:

    Kleiner Buchtipp: Das ist Wasser von David Foster Wallace.

  3. Wolfhilta schreibt:

    Hat dies auf wolfhilta rebloggt.

  4. andperseand schreibt:

    Ja! rufen wir dir zu!
    manchmal muss das erwachsene ich kindlich sein, um dieses eine! Leben zu begreifen und nicht zu vergessen, was uns eigentlich antreiben sollte. Zack! da ist wieder ein Konjunktiv dazwischen gerutscht ;0)
    GlG
    Stefanie

  5. kidpickanna schreibt:

    Danke für den Filmtipp und Deine Gedanken dazu. Kennst Du von Harald Walzer „Selbst denken“? Recht wissenschaftliche Darlegung, warum es sich lohnt die Welt zu verbessern, aber hat mir sehr geholfen an meine Träume wieder zu glauben.
    LG, Anna

  6. fritzvonundzusteiner schreibt:

    Es kommt eben immer anders, als man denkt! Das Leben ist schließlich keine Autobahn. Manchmal liegen Steine im Weg und dann muss man sich überlegen, was man mit den Steinen macht. Manchmal teilt sich der Weg und man muss sich für rechts oder links entscheiden. Und nur weil man sich für rechts entschieden hat, bedeutet es ja nicht, dass die Entscheidung für rechts falsch war. Vielleicht wäre links auch ‚falsch‘ gewesen… – nur weil einem auf beiden Wegen Dinge widerfahren, mit denen man nicht gerechnet hat! Man muss den Weg einfach gehen! Nur so kommt man an ein Ziel! Und wenn es auch nicht genau das ist, was man früher mal angepeilt hatte! Ich glaube, die meisten Selbstzweifel ergeben sich nicht dadurch, weil nicht alles so geworden ist, wie man es sich mal erträumt hat – sondern weil man sich einfach innerlich leer und ausgelaugt fühlt und es sich einfach alles sinnlos ‚anfühlt‘! Aber es ist nicht sinnlos! Es hat alles einen Sinn. Die Frage lautet immer: „Wer weiß, wofür das gut ist?“! Das schlimmste ist nur, wenn man sich allein, verlassen, unglücklich und leer fühlt. Und das liegt wohl doch einfach nur daran, dass wir zu viel nachdenken, dass wir glauben, wir hätten unsere ‚alten‘ Ziele nicht erreicht oder, dass wir uns ungeliebt fühlen! Aber es gibt immer ein Ziel: „Der Weg ist das Ziel!“ Solange wir unserer Weg gehen, sind wir auf dem Weg zum Ziel. Es kommt eigentlich nur auf eines an: Das Leben zu aktzeptieren – so wie es ist! Es gibt keine anderes. Es gibt keine Alternative! Glück besteht daraus, das Leben zu akzeptieren, so wie es ist! Nur die Zweifel machen uns unglücklich!

  7. Pingback: Linksammlung: Vorstellung guter Artikel anderer | klein wird GROSS

  8. Pingback: Netzfundstücke |0615 | h e h o c r a

  9. Nicole schreibt:

    Hallo, ich weiß gar nicht, wie ich auf dein Blog gestolpert bin – über 10 Links, die ich gar nicht mehr nachvollziehen kann (nur Google und der Verlauf), aber das ist ja auch egal. Ich habe mich durch die erste Seite deines Blogs gelesen, obwohl ich gar keine Zeit habe, aber es hat mich irgendwie festgehalten! Du schreibst so gut, was ich fühle oder fühlte. Ich komme wieder!
    Herzliche Grüße, Nicole

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s