Glück im Sport

Man muss nicht immer glücklich sein. Nicht 24 Stunden am Tag, nicht 30 Tage im Monat. Das ist nicht mein Ziel. Doch die glücklichen Tage oder die glücklich empfundenen Tage sollten überwiegen.

Das schrieb ich in meinem Glücks-Auftaktpost im Januar. Vielleicht wundert sich der ein oder andere über diese Formulierung: Die glücklich empfundenen Tage sollen überwiegen … Ich schreibe das aus einem bestimmten Grund so. Ich formuliere meine Basisstimmung mal als halbschattig. Nicht grundlegend sonnig, sondern ums Licht kämpfend. Schnell in lange Schatten fallend, der Dunkelheit eher zugeneigt. Die dunklen Tage sind sehr anstrengend. Traurig und zweifelnd, gegen sich selbst gerichtet – und das alles ohne erkennbaren Grund. Ich komme da immer irgendwie wieder raus, dennoch, es ist belastend. Die richtig dunklen Tage sind selten, aber es gibt sie und ich mag sie nicht. An diesen Tagen ist das ohnehin nur halbvolle Glas schnell leer, wegen Kleinigkeiten, die einen schier verzweifeln lassen. An diesen Tagen weiß ich nicht, dass ich immer alles hinbekomme, dass es immer weitergeht, dass ich stark bin und weder hässlich, dumm noch unfähig. Die glücklich empfundenen Tage – die mit dem halbvollen Glas – so abgedroschen es klingt, die sollen überwiegen.

Yoga – schön, aber zu ruhig

Für 2015 habe ich mir vorgenommen, Sport zu treiben. Ich habe einen Yogakurs belegt. Das war schön, insofern, meinen Körper wieder zu spüren, zu merken, wo Blockaden sitzen, überhaupt in die Bewegung wieder reinzukommen. Aber gereicht hat es mir nicht. Ich will toben, powern, richtig fertig sein.

Laufen – eine Herausforderung

Ich will dieses Jahr einen Halbmarathon laufen. Das wollte ich irgendwie schon immer mal machen. Ich habe mir gefühlt für den Preis eines Kleinwagens ein paar gute Schuhe gekauft und bin losgelaufen. Erstaunlicherweise habe ich aus dem Stand heraus 4,5 Kilometer geschafft, nachdem ich quasi über sechs Jahre nichts gemacht habe, fand ich das so ordentlich, dass ich am nächsten Tag gleich nochmal gestartet bin. Nach 3,5 Kilometern bin ich dann zurückgehumpelt und gleich in die Notaufnahme. Dieser alte Körper. Mit einer sauberen Überlastungsreaktion habe ich dann brav sechs Wochen pausiert und bin vorsichtig wieder los. Ging. Zweimal. Wieder Sehnenüberlastung, diesmal mit dicker Schwellung.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich schaffe hier an, nicht mein Körper. Seit Ende Juli läufts. Also ich. Und es wird. Ich bin vorsichtig und achte auf die Signale meines Körpers, aber der macht mit. Den Halbmarathon im September werde ich umbuchen auf den 10-Kilometer-Lauf. Aber: Im Oktober ist noch ein Halbmarathon und ich denke, der geht. Und wenn nicht, dann laufe ich meinen Halbmarathon Anfang 2016.

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Der Start war holprig, aber nun laufen ich und mein Körper gern. Ich werde schneller, die Strecke wird weiter und das allerbeste: wenn es mal so richtig finster, hässlich und gemein in mir ist – dann hilft mir das Laufen unglaublich schnell, da wieder raus zu kommen.

Vor kurzem passierte etwas, dass mich bitterböse in meine Vergangenheit zurückwarf. Ich litt unter Erinnerungsfetzen und ich wurde richtig richtig sauer und wusste gar nicht, wohin mit mir. Vier Jahre alt war ich. Ich war hungrig, meine Mutter betrunken auf der beigefarbenen Couch. Wenn ich Glück hatte, fand ich eine saure Gurke im Kühlschrank, wenn ich Pech hatte, nur saure Milch, weshalb ich das Vertrauen in diese Flüssigkeit jahrelang verlor. Milchschnitte und russisch Brot waren meine Hauptnahrungsmittel und nächtelang war ich allein daheim, ich und meine Freunde Bud Spencer und Terence Hill. Unvorstellbar. Die Erinnerung ist das eine, eigene Kinder in diesem Alter zu haben, das andere. Und wenn dann plötzlich das Damoklesschwert Elternunterhalt über einem schwebt, dann kann das schon mal dazu führen, dass es einem aufgrund dieser besonderen Kindheitserinnerungen den Boden unter den Füßen wegzieht.

Gefangen in damaligen Bildern und Gefühlen ging ich laufen. Acht Kilometer. Und danach war es endlich ruhig in mir. Das wird schon. Die Vergangenheit ist vorbei. Und mit dem Damoklesschwert werde ich auch noch fertig.

Ich bin stolz auf mich, dass ich das für mich so schnell klären konnte. Ich war wirklich fertig, im Nachhinein klingt das vielleicht recht sachlich. Aber dieser Prozess, wo die Erinnerungen so langsam hochkrochen, zu Gefühlen wurden, von meinem erwachsenen Ich bewertet und dann nochmal mit Blick auf meine Kinder gefiltert – der war schwer und nicht schön. Und üblicherweise komme ich da nicht so schnell raus.

Manchmal besteht Glück auch einfach darin, mit Unheil gut umgehen zu können.

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14 Antworten zu Glück im Sport

  1. Das hast Du schön geschrieben. Ich wünsche Dir alles Liebe.

  2. Sylvia schreibt:

    Ich wünsche dir alles Gute! Sport hilft, suche dir bitte Hilfe, wenn die hellen Tage nicht überwiegen.
    Schicke dir☀️ Strahlen aus der Ferne,

  3. Das stelle ich mir furchtbar vor. Für solche Eltern zahlen müssen.

  4. tantemasha schreibt:

    Ich finde die Beschreibung deiner Basisstimmung so schön! Die kenne ich aus weniger schwerwiegenden Gründen und hätte keine besseren Worte dafür. Ich fand Laufen für mich immer unpassend, in der Schule war es ein rotes Tuch. In letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, auch weil so viele davon begeistert sind. Vielleicht ist es wirklich Zeit für einen neuen Versuch. Alles Gute für dich und deine Laufkarriere!!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Der Anfang kann hart sein, dann heißt es dran bleiben. Ich bin auch keine geborene Läuferin, aber jetzt genieße ich es sehr. Ich kann es wirklich empfehlen. Danke für deinen Kommentar und alles Gute.

  5. Steffen schreibt:

    Sehr schön geschrieben. Ich verfolge deinen Blog schon länger, ich mag deine Art zu schreiben und erkenne mich oft wieder bei den Gedanken die Dir so durch den Kopf gehen. Das Laufen hilft auch mir die halbschattigen Stimmungen zu überwinden oder einfach nach nem stressigen Tag wieder ins Lot zu kommen. Ich bin nicht ganz so mutig gestartet und wollte nicht gleich nen Halbmarathon laufen aber vielleicht ist so ein Ziel auch eine gute Motivation 😉
    Wollte Dir einfach mal sagen, dass ich deinen Blog toll finde und hoffe weiterhin von Dir lesen zu können.
    Viel Spaß beim laufen, schreiben und meistern des täglichen Wahsinns 😉

    Lieben Gruß Steffen

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Lieber Steffen,
      vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Ich freue mich immer, wenn sich jemand meldet, der schon länger mitliest und natürlich auch über die tolle Rückmeldung zu meinen Zeilen. Schön, dass auch du Freude am Laufen gefunden hast und ja, so ein Ziel (muss ja kein Halbmarathon sein) motiviert und hilft, dran zu bleiben. Mir zumindest. Viele liebe Grüße. Tina

  6. kiddothekid schreibt:

    Mir fällt es gerade ganz schwer, mich von den Erinnerungsfetzen in Deinem Text zu distanzieren. Zu wütend machen die mich. Zu traurig, zu hart. Auch, weil ich sehr gut verstehen kann, welche Knochenarbeit es ist, dieser Erinnerung in Bezug auf die eigenen Kinder eine Distanz zuzuweisen. Danke, dass Du Deine klugen Gedanken hier teilst. Ich lese Dich unheimlich gern.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Es ist nicht immer einfach, so offen zu schreiben und auszuhalten, was das wohl für Konsequenzen haben wird. Umso schöner sind diese Rückmeldungen. Die, die meinen Mut belohnen, aber vor allem, wenn es auf Verständnis trifft und wenn sich die melden, die nachvollziehen, was zwischen den Zeilen steht. Deshalb vielen Dank für deine Meldung, mir tut das sehr gut.

      • kiddothekid schreibt:

        Ich finde es selbst irre schwer, offen zu schreiben. Und ich muss zugeben, dass ich manche Zeile, die mir so auf der Seele brannte, nicht geschrieben (also nicht gebloggt) habe. Um Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen, oder um mich öffentlich nicht zu outen, quasi. Ich finde das falsch von mir. Weil ich immer noch der Ansicht bin, dass das Private politisch ist.

        Ich schrieb mal über meinen Kaiserschnitt und über meine Körperwahrnehmung. Sind meine offensten Texte, glaube ich. Und die mit dem meisten Feedback. Trotzdem fehlen ein paar relevante Details darin. Spiele mit dem Gedanken, sie nachträglich einzuarbeiten. Damit ich vor mir selbst aufrichtig war.

  7. Flädawisch schreibt:

    Leg Widerspruch gegen den Elternunterhalt ein. Führe grob unbillliges Verhalten des Elternteils an (deine Jugendamtsakte aus einem anderen Text deutet darauf hin, dass das ken Problem sein wird)
    Es verscheucht die Gespenster nicht, kann aber die Gegenwart besser machen und ein Stückchen Stärke zurückgeben, nicht auch noch für diejenigen, die dir das Leben schwer gemacht haben, zahlen zu müssen.

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