Geheilte Kindheit

In den letzten Tagen ging mir viel durch den Kopf. Obwohl ich es nicht wollte, habe ich mich gedanklich viel in der Vergangenheit aufgehalten. Viele Erinnerungen kommen flashbackartig hoch und mich traf oder trifft die Trauer über etwas, das ich schon früh abgeben musste: unbeschwerte Kindheit.

Nicht nur, dass ich mit fünf Jahren Alkohol für meine Mutter einkaufen musste und mir dafür jahrelang Vorwürfe machte – ich musste ihn auch verstecken, wenn es klingelte. Hinter der Eckcouch, es ist, als wäre es gestern gewesen.

Sie schritt nicht ein, als mir ihr dritter Ehemann übelst den Hintern versohlte, nachdem ich etwas angestellt hatte. Dazu zog er mich an einem Arm quer durch die Wohnung, unterbrochen durch die Schläge, nachdem er mich unterm Bett hervorgezogen hatte, unter dem ich mich vor Angst verkrochen hatte.

Ich schritt nicht ein, als ihr vierte Ehemann sie nachts durch die Wohnung prügelte und ich davon wach wurde. Natürlich nicht, ich war erst fünf Jahre alt, aber ich wähle diese Formulierung bewusst, weil es meiner Gedankenwelt entsprach. Ich sprach beide am nächsten Tag darauf an und er redete mir ein, dass es ein Traum gewesen sei, bis ich mir selbst nicht mehr sicher war.

Er war es auch, der aus der Türtasche seines Autos eine Flasche Korn zog und mir erzählte, es sei Medizin. Aber ich war Profi, ich wusste genau, dass es nicht stimmte.

Nach der ersten Trennung von meiner Mutter und ihrem Entzug erhielt sie eine zweite Chance, die sie keine zwei Monate nutzte. Als die Polizeibeamtin in meinem Kinderzimmer stand und mich aufforderte mitzukommen, weigerte ich mich.

Mit 18 wollte ich zu ihr ziehen, um sie zu retten. Erst mit 20 oder 21 Jahren erkannte ich, dass das nicht geht, trennte mich endgültig von ihr und ihren manipulativen Maschen und fiel tief.

Ich teile mich nur sehr selten mit, wenn ich mitten im Prozess der Verarbeitung und des Schmerzes stecke, sondern erst, wenn ich alles für mich sortiert habe. Meine Methode war nie die der Verdrängung, sondern ich stelle mich dem, was da kommt. Die Kunst ist, nicht darin zu verharren, sich nicht darin zu verlieren, die Erinnerung wie Wolken vorbeiziehen zu lassen – so kitschig es klingt. Aber ich mag dieses Bild, das ich in der Meditation kennengelernt habe. Und es funktioniert für mich. Ich muss da einmal durch und danach ist es gut.

Jetzt finde ich es allerdings hauptsächlich ärgerlich. Vielleicht werde ich zum Elternunterhalt herangezogen und schon wieder darf ich nicht einfach Kind sein, sondern soll Verantwortung übernehmen. Nach all dem. Von der finanziellen Komponente mal ganz abgesehen überrascht mich, was das mit mir macht, dachte ich, ich sei mit all dem durch.

In den letzten Tagen geht mir fast täglich eine Situation durch den Kopf, die ich mit meiner großen Tochter (6) erlebte. Wir saßen im Auto und sie meinte: „Mama. Ich hab dich lieb, den Papa, meine Schwester, Oma und Opa und die andere Oma und den Opa.“ Sie machte eine Pause und fügte dann noch hinzu: „Und mich“.

Ich saß im Auto und war unendlich berührt. Das ist eine Erkenntnis oder eine Empfindung, die ganz allein von ihr kommt. Etwas, das ganz tief in ihr drin ist. So gesund, so gut, so natürlich. Ich bin sehr stolz auf diesen kleinen klugen Geist. Wenn dieses Kind selbstbewusst äußert, dass es sich selbst lieb hat – dann ist alles in Ordnung. Mehr als das – es ist alles perfekt. Ich hoffe sehr, dass sie das nie vergisst und die Fähigkeit – sich selbst lieb zu haben – nie verliert.

Und ohne dass sie es weiß: es heilt mich. Dass sie mir zeigt, wie es geht. Dass sie es kann. Mit ihr all das nochmal zu erleben, allerdings in schön. Kindheit.

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7 Antworten zu Geheilte Kindheit

  1. Wolfhilta schreibt:

    Hat dies auf wolfhilta rebloggt.

  2. stachelvieh schreibt:

    Danke. Einfach nur danke ❤

  3. Bettina schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen! Erst durch meine Therapie und Medikamente lerne ich, Schuldgefühle gegenüber meiner Mutter zu ignorieren. Manchmal gelingt es mir besser, mal schlechter.
    Auch sie trank und gab mir immer die Schuld dafür. Bis ich es irgendwann glaubte. Teilweise heute noch. Auch ich brach den Kontakt ab und auch ich soll sie nun finanziell unterstützen.

    Wir schaffen das!! Und was Du über Deine Tochter schriebst, ist toll!

    Du hast alles richtig gemacht.

    Liebe Grüße,
    Bettina

  4. petra schreibt:

    Das rührt grad einiges in mir auf….
    Zum Elternunterhalt gibt es inzwischen Gerichtsurteile. Ich musste zum Glück nie zahlen. Wenn unterhaltspflichtige Kinder da sind stehen die Chancen gut, aus der Nummer raus zu kommen…

  5. lareine schreibt:

    Hat dies auf Essential Unfairness rebloggt und kommentierte:
    Tina schreibt über ihre Kindheit, beziehungsweise das, was davon übrig war.
    Ich fühle immer mit, wenn noch jemand keine richtig Kindheit hatte, in der er losgelöst, albern, frei und herrlich verantwortungslos sein durfte.
    Daher teile ich den Artikel gerne – auch, weil ich hier auf unserem Blog über meine Kindheitserlebnisse schrieb und schreibe.

  6. Micha schreibt:

    Tina. Respekt für deine Offenheit! Erinnerungen aus der Kindheit, verdrängte Schuldgefühle und verkehrte Welten – ich kann das sehr gut nachvollziehen. Es ist richtig gut, dass du dich so damit auseinandersetzt. Vater bin ich noch nicht, glaube dir aber auf’s Wort, dass das die ganze Geschichte noch einmal richtig gut durcheinander wirbelt. Irre, was ein einzelnes Leben alles an Erfahrungen und Gefühlen liefern kann! Ich finde es mega gut, wie bewusst du mit deinen umgehst!

  7. Tyanne schreibt:

    Get cracking. No cooking required on Valentine’s Day with Florida Stone Crab. You’ll just need some Florida Stone Crab, a mallet, mustard, mayo and a crisp chdrnoanay.


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