Wochenendmutter: Was ich noch sagen wollte.

Frisch nach der Trennung habe ich einige Reaktionen meiner Umgebung aufgeschrieben, die mir begegneten, weil wir ein sehr ungewöhnliches Modell leben. Meine Kinder blieben beim Vater und ich hole sie zweimal in der Woche vom Kindergarten bzw. von der Schule ab. Jedes zweite Wochenende sind sie zudem bei mir. Zehn Monate sind nun vergangen. Ich habe mein Verhalten angepasst, ich bin vorsichtiger in meinen Antworten geworden und wesentlich strikter darin, Gespräche abzubrechen, wenn sie nur vorwerfenden Charakter haben, die das eigene gesellschaftliche Bild zementieren oder beweisen sollen, dass ich schlicht und ergreifend ein schlechter Mensch bin.

Mein Blogbeitrag, den ich schrieb, traf auf große Resonanz. Er wurde nicht nur bei mir über 28.000 Mal geklickt, sondern führte auch dazu, dass andere Medien auf das Thema aufmerksam wurden, wie die FAZ in Print und Online, Brigitte MOM, Deutschlandradio – um nur einige zu nennen.

Aus: Brigitte MOM 02.2015

Aus: Brigitte MOM 02.2015

Ich gab Interviews und stellte mich einigen Fragen. Entgegen meiner Angst bei Publizierung des Artikels war der Großteil der Reaktionen positiv. Im Gegenteil, es meldeten sich unglaublich viele Mütter, die in der gleichen Situation stecken, die sich bei mir bedankten und das teilweise in sehr rührenden Worten. Ich bekam private Zuschriften und in diesen wird deutlich, wie sehr die Mütter leiden. Besonders eindrucksvoll ist mir eine Mutter im Gedächtnis geblieben, die sich sehr herzlich bei mir bedankte, weil sie erkannte, sie ist nicht allein, sie ist keine Außerirdische. Man macht sich gar keine Vorstellung darüber, wie oft scheinbar dieses Familienmodell gelebt wird, wie oft sich diese Mütter verstecken – aus Scham, aus Angst, aus den Folgen der gesellschaftlichen Reaktionen.

Was mir immer noch sehr häufig begegnet ist der Versuch, eine Erklärung zu finden, warum eine Mutter so reagiert, wie ich es getan habe. Warum lässt eine Mutter ihre Kinder bei dem Vater, warum nimmt sie nicht ihr natürliches Recht in Anspruch, die Kinder bei sich aufwachsen zu sehen? Warum nimmt sie diese Aufgabe nicht wahr? Warum um Himmels willen ist sie so abnormal, wie kann das nur sein? Meine persönliche Geschichte gibt eine wunderbare Erklärung her, die viele Gemüter aufatmen lässt– die Lösung liegt so nahe: Sie ist selbst nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen. Es scheint beinahe logisch, dass sie so reagiert, sie hat es gar nicht erst anders kennengelernt, sie kann gar nicht anders, sie ist gar nicht fähig, ihre Mutterrolle entsprechend wahrzunehmen. Aufatmen. Schublade zu, das Weltbild passt wieder.

Auch wenn ich jetzt ein wenig ironisch daherkomme, den Grat zum Sarkasmus überschreite, ich möchte hier keinen Wuttext schreiben. Ich möchte etwas erklären.

Ja! Ich bin nicht bei meiner leiblichen Mutter aufgewachsen. Ja, sie hat mir unglaubliches Leid zugefügt. Ja, ich habe darunter gelitten und nochmal ja, ich trage auch heute noch Schatten in mir, die daraus resultieren.

Aber was in diesem Vergleich ganz furchtbar hinkt: Ich bin aus meiner Ursprungsfamilie entfernt worden, von heute auf morgen. Mir fehlte es an Erklärung, ich kam übergangslos in eine Pflegefamilie, in der ich das große Glück hatte, „normale“ Familie erleben zu dürfen. Ich verlor meine Mutter. Ich hatte keinen leiblichen Vater, weil der schlicht und ergreifend weg war. Ich hatte das Gefühl, dass mich keiner wollte, dass es sich nicht lohnte, für mich zu kämpfen, für mich trocken zu werden, dass es die Mühe nicht wert war. Ich wurde angelogen und betrogen, man instrumentalisierte mich und ich lernte früh, niemandem zu trauen, weil jeder seine eigenen Interessen hatte.

Das mit der heutigen Situation meiner Kinder zu vergleichen, ist Irrsinn. Ich telefoniere (fast) jeden Tag mit ihnen, ich sehe sie zwei bis vier Mal die Woche, ich bin auf Kindergartenfesten und bei der Einschulung dabei. Ich mache Hausaufgaben mit meiner Großen, gehe mit ihnen einkaufen, ich tröste sie, wenn der Tag nicht erfreulich ist und lache nebenbei ganz viel mit ihnen. Sie haben mich nicht verloren, ganz im Gegenteil. Sie machen eine Trennung der Eltern mit, ja. Aber die Wahl war die zwischen Cholera und der Pest. Entweder sie verzichten auf die Mama oder auf ihren Papa, denn das einer von uns gehen würde, das liegt in der Natur der Trennung. Und was dieser Vergleich zudem völlig unberücksichtigt lässt – sie leben bei ihrem Papa. Einem Elternteil, das die Kinder ebenso liebt, wie ich es tue. Und es ist zudem furchtbar ungerecht dem Vater gegenüber. Wir fordern auf so vielen Ebenen Gleichberechtigung und mehr Einsatz von Vätern und sprechen ihnen aber gleichzeitig ab, dass sie für unsere Kinder ausreichend sind. Denn die Essenz des Lebens unserer Kinder dürfen scheinbar nur Mütter sein. Ich halte das für falsch.

Und ja, meine Kindheitserfahrung hat sicherlich Einfluss darauf gehabt, dass ich diese Entscheidung treffen konnte. Aber nicht aufgrund meines Unvermögens, meine Mutterrolle einzunehmen. Sondern weil ich wesentlich härter gefallen bin, als es meine Kinder je werden. Ich weiß, wie es ohne leibliche Eltern ist. Das ist schlicht und ergreifend scheiße. Und dennoch ist aus mir was geworden. Es gibt niemanden, der keine Schatten in sich trägt. Ich habe mir meine immer angesehen, mich ihnen gestellt, ich arbeite hart an mir. Ich glaube, ich bin gesünder, als viele andere, die in leiblichen Familien groß geworden sind. Ich habe Freunde, ich gehe einem Beruf nach, ich habe einen Bachelor-Abschluss, ich zahle meine Miete und von all dem abgesehen: ich kann lachen. Ich bin abwechselnd glücklich und traurig – wie jeder normale Mensch auch. Was ich sagen will: Ohne Mutter geht es, wenn Bezugspersonen da sind, die konstant sind. Meine Kinder haben immer noch beide Eltern und das in einem ziemlich guten Umfang. Kein Vergleich.

Die Erklärung, warum eine Mutter nach einer Trennung ihre Kinder beim Vater lässt? Allein die Fragestellung ist schon falsch, suggeriert es, dass allein die Mutter die Macht darüber hat. Gleichberechtigung, so lautet die Antwort. Gerechtigkeit. Der Vater hat die gleichen Rechte, wie die Mutter. Der Vater ist genauso fähig wie die Mutter. Und nur deshalb war diese Entscheidung möglich. Nicht weil ich unnormal bin oder ein harte Kindheit hatte. Sondern weil ich das Mutterbild nicht zu einem Machtmonopol stilisiere.

Link zum Beitrag Wochenendmutter: https://vomwerdenzumsein.wordpress.com/2015/02/07/wochenend-mutter/

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15 Antworten zu Wochenendmutter: Was ich noch sagen wollte.

  1. Doro schreibt:

    Danke für einen wichtigen und mutigen Blogbeitrag.

  2. Kathi schreibt:

    Danke. Ich habe eine sehr geehrte Freundin in der gleichen Situation. Was die sich alles anhören muss. Das passt ins Konzept zu dem, was dLeute zu mir sagen: oh, nur ein Nachmittag für deine Tochter, das ist aber schon wenig… Die selben Leute sagen zu meinem Mann: toll, du hast deine Stunden reduziert und einen Nachmittag nur für dich und die Kleine, das ist ja toll.

    Das ist doch irrsinnig.

  3. Kathi schreibt:

    Geehrte sollte gute heißen, blöde Autokorrektur

  4. Neresi schreibt:

    Ich habe meine Kleine (3) jede 2. Woche bei mir. Unsere ehemaligen Nachbarn schneiden mich, wenn sie mich bspw. vor der Schule der Großen sehen. Als ich noch in ihr Bild gepasst habe, hatten wir uns eigentlich immer sehr nett unterhalten… ich dachte, es seien nette Menschen. Das schockiert schon.

  5. Lutz Prauser schreibt:

    Einfach nur:
    Danke!

  6. MonikaZH schreibt:

    .
    (auch und trotzdem ich das „klassische“ Modell gelebt habe. Aber was hab ich mich aufgeregt als die Scheidungsrichterin mir unseren Wunsch nach gemeinsamem Sorgerecht – in der Schweiz noch immer nicht üblich – dringend ausreden wollte. Und geschafft hat, einfach weil mein Ex-Mann und ich es satt hatten und diese doofe Formalität „Scheidung“ so schnell wie möglich hinter uns bringen wollten. Gemacht haben wir es dann sowieso wie wir es geplant hatten – zusammen). Da geht und fehlt noch so viel bis Gleichberechtigung auch hier greift.

  7. Nadine schreibt:

  8. Susanne schreibt:

    Seit meinem 8.LJ bin ich (37)bei meinem Papa und meiner Oma aufgewachsen.
    Meine Mama hat mich einmal die Woche zu sich geholt und jedes zweite Wochenende.
    Das Umfeld hat schwierig reagiert.
    Neben all den Dingen die Trennungskinder sich ohnehin fragen ( warum meine Eltern,bin ich schuld, Mama gefällt es zuhause nicht- wenn ich aufräume und schön dekoriere und immer brav bin kommt sie zurück?) war vor allem das erwachsene Umfeld ein erschwerender Faktor.Viele Fragen an mich (ein Kind!) die ich einfach nicht beantworten konnte.
    Meinem Papa wurde vor allem nicht zugetraut das er das schaffen kann.
    Ich durfte plötzlich nicht mehr mit meiner besten Freundin (und vielen anderen Freundinnen)spielen. Unser Modell passte nicht ins Bild.
    Zum Glück habe ich zwei Cousins und eine Familie und zwei Schulkameradinnen mit vernünftigeren Eltern gehabt.
    Mein Papa hat es geschafft.
    Es war nicht immer einfach,gerade in der Pubertät, aber ich würde sagen es ist gut gelungen.
    Zu meiner Mama habe ich ein sehr gutes Verhältnis.
    Und ich habe Eltern die sich, trotz allem bus heute gut verstehen.
    Also alles gut . 🙂
    Aber ich lese mit Schrecken: es ist nicht einfacher geworden

  9. Bea schreibt:

    Ja denn da man seine Kids dennoch liebt das vergessen viele.Es muss einem egal sein was Andere denken! Es MUSS. Das Leben is zu kurz für Dummheit.Ich habe zu meinen kids ein großartiges Verhältnis zu meinen kids. Es hat mich zerrissen am Anfang aber als kids noch klein waren blieben sie im gemeinsamen Haus und Kader konnte rein wann immer man wollte.☺jetzt ist es getrennter aber kids sind größer nun.immer mal wieder ist es schwer .Man muss lernen damit zu leben es zu akzeptieren.in den Ferien jetzt sind kids lange bei mir fast die ganze zeit.ich freue mich. Nutzt die Zeit mit ihnen.is schnell vorüber.traurige Tage bleiben nicht aus leider aber es macht auch stark.danke für Eure mutigen Worte.

  10. Bea schreibt:

    Es gibt wenige die das kapieren uns akzeptieren.als ob man seine Kids nich lieben würde.krank.klar tut man das!!!!lasst die andren reden. Das muss egal sein.immer mal is ein trauriger tag dabei. Aber den hat man auch sonst immer mal.!kids sind super Verhältnis is großartig. Das macht stark. ..Das Leben is eben so nich immer fair. Genießt zeit mit kids.

  11. Bea schreibt:

    Sorry wegen der Rechtschreibfehler. …Dieses Handy macht was es will😉Dieses Thema regt mich auch so auf.Niemand sollte das Leben eines Anderen verurteilen.Unsere Kinder haben es doch gut! Trennungen sind Scheisse ja.Ich habe immer ein schlechtes Gewissen.Ja. Vielleicht geht das auch nie weg? Aber soll man aufgeben? Wozu? Warum nich das Leben leben? Es gibt nur eins.Und nun ist es eben so ein Leben…Kids sind nicht jeden Tag da. Aber ich bin für sie da.Immer.das wissen sie. Wenn was ist bin ich zur Stelle.diese spießigen Ansichten lasse ich mir nicht mehr gefallen.!Bei anderen hat es geklappt bei mir nicht.oke.gut.Es ist so. Für jeden ist eine andere Variante richtig. Nich bei allen muss es gleich sein.kids leiden immer ja. Aber mit den Jahren kann man es echt gut hinbekommen. Wenn alle sich verstehen.sucht euch ein Hobby wenn kids nich da sind. Verbittert nicht davon hat niemand was. Es ist eben anders.lernt es zu akzeptieren. Und was andere sagen: egal.das gilt generell.es ist total egal!

  12. Bea schreibt:

    😊

  13. Pingback: WerdenundSein

  14. Fee schreibt:

    Seit Anfang des Jahres ist es auch bei mir die bittere Wahrheit. Mein Sohn (12) hat sich für seinen Vater entschieden… Zuerst haben wir das Wechselmodell gelebt, aber ich habe schnell gemerkt, dass es meinem Sohn damit nicht gut geht.
    Ich habe ihn gehen schweren Herzens in sein gewohntes Umfeld gehen lassen und es wird wohl immer weh tun, vor allem, wenn irgendwann wieder eine neue „Mutter“ kommt.
    Mein Umfeld macht mir, zumindest offen, keine Vorwürfe (die Gedanken hingegen, sind frei), und ich fühle mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.

    Danke für den tollen Beitrag und die offenen Gedanken und Worte… es hilft zu wissen. dass Frau nicht allein ist.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Fee.
      Dein Sohn wird niemals eine neue Mutter bekommen. Diese bist immer du.
      Aber vielleicht kommt da irgendwann noch eine Frau, die im besten Fall deinen Sohn auch lieb hat. Das ist doch schön.
      Lass dir das nicht madig reden. Ich kenne diese Angstmacherei.
      Liebe Grüße
      Tina

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