Psychische Widerstandsfähigkeit

Da saß ich ­– fünf Jahre alt – auf den gefleckten kalten Stufen des Treppenhauses des Mehrfamilienhauses, neben mir die Tasche mit dem Alkohol für meine Mutter, die mir die Tür nicht öffnete. Ein Schlüsselmoment, der mein gesamten kleines Leben auf den Kopf stellte, weil fortan alles anders wurde.

IMG_20140312_154709

Kein Kind der Welt würde man einfach dort auf den Treppenstufen sitzen lassen. Meine Nachbarn taten es nicht, aber ich selbst tat es. Ich ließ ein großes Stück meines Selbst genau dort sitzen. In einem sehr dunklen Moment und nach intensiver Beschäftigung mit dem „inneren Kind“ wurde mir das klar. Ich selbst hatte mich im Stich gelassen. Ich selbst behandelte mich, oder sagen wir mein inneres Kind, nicht besser, als es die Erwachsenen in meiner sehr jungen Kindheit taten. Ich war verärgert über mich selbst, über Unfähigkeiten zwischenmenschlicher Natur und manchmal waren es Kleinigkeiten, die mich unangemessen aus der Bahn warfen. Dafür hasste ich mich, was es natürlich insgesamt nicht besser für mich machte.

In einer dieser dunklen Stunden hatte ich dann doch einen hellen Moment und machte eine Art Traumreise zu dieser Situation. Als erwachsene Person ging ich auf die kleine Tina zu. „Komm!“, sagte ich und nahm sie in den Arm. So wie ich es bei meinen Töchtern tun würde, wenn sie traurig wären. Ich hielt sie und versuchte ihr, so viel Liebe wie möglich zukommen zu lassen. Und ich entschuldigte mich bei meinem fünfjährigen Ich, weil ich es im Stich gelassen hatte. Ich versprach der kleinen Tina, dass das zukünftig besser werden würde und dass ich besser auf sie achten würde. Denn immer wieder komme ich im Leben an meine Grenzen, weil mich etwas verletzt, dass auf reiner Verstandsebene gar nicht zu einer Verletzung führen sollte. Aber wenn man sich in diesem Leben nicht willkommen fühlt, wenn man meint, man sei nicht gewollt, dann reagiert man vielleicht anders als einer mit gesundem Selbstwert. In diesen Momenten zu bemerken, welche Muster da ablaufen und auf sich selbst ein wenig liebevoll zu schauen, hilft. Mit ein wenig Humor bekomme ich das mittlerweile ganz gut hin. „Ach Tina, ist heute so ein Tag, ja? Wir kümmern uns später drum, aber diese Baustelle hier ist der falsche Ort, um dieses Fass aufzumachen.“ Das geht. Ja.

Das mag jetzt sehr schräg klingen für den ein oder anderen und vielleicht stellt sich die Frage, warum ich das hier aufschreibe. Seit geraumer Zeit denke ich darüber nach, warum manche Menschen eine gewisse Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit haben, die über der liegt, auf die andere zugreifen können. Jeder trägt sein Päckchen. Ich glaube, jeder Mensch kommt früher oder später an eine Stelle im Leben an, an der er sich Wunden zuzieht. Manche schon sehr früh in der Kindheit, andere durchleben diese sehr glücklich und ziehen sich später Verletzungen zu. Mir wird aufgrund meiner Geschichte und meinem jetzigen Dasein eine gewisse Stärke zugesprochen und wenn ich mich umsehe, dann bemerke ich durchaus Unterschiede bezüglich der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Ich frage mich, woran das liegt. Warum kommen manche Menschen „klar“ und manche gar nicht? Das beschäftigt mich schon lange, mal mehr, mal weniger intensiv. Heute saß ich im Auto und hab überlegt, was mir im Laufe der Zeit geholfen hat und was nach wie vor für mich große Herausforderungen sind.

Ich habe einiges für mich unternommen, um über Wasser zu bleiben. Ich hatte düstere Momente, die habe ich auch immer noch und ich mache mir keine Illusion darüber, dass das eines Tages aufhören wird. Was ich allerdings mit meinen nun fast 38 Jahren feststelle ist, dass ich schneller werde. Ich kenne mich mittlerweile ziemlich gut und weiß, wann ich abdrifte. Ich weiß, wann ich das zulassen sollte und wann ich das unbedingt stoppen sollte. Manchmal drehe ich einfach am Rad und ich habe das große Glück, dass ich dann Menschen habe, die ich anrufen kann, die mich da rausholen. Dafür bin ich sehr dankbar. Die oben beschriebene Reise habe ich unternommen, als nichts mehr ging. Und sie hat tief in mir drin etwas geheilt. Ich bin keine Psychologin, ich weiß nicht, warum und wie das funktioniert hat, aber mir hat es geholfen. Wenn ich feststelle, dass ich mich gegen mich selbst wende, dann wiederhole ich diese Reise und erinnere mich daran, was ich mir versprochen habe.

*******************************************************************************

Ich habe mir für 2015 vorgenommen, mich auf eine Art Glücksreise zu begeben und habe zur Zeit das Gefühl, dass es eher eine Reise zu mir selbst ist. Die oben beschriebene Traumreise ist Teil davon und ganz vielleicht hilft es dem ein oder anderen.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Psychische Widerstandsfähigkeit

  1. staublos schreibt:

    Liebe Tina
    Meine Freundin ist Psychologin, wir kennen uns seit Teeniezeiten und wir unterhalten uns immer wieder über dieses Thema. Wir hatten beide keine einfache Kindheit und staunen immer wieder über unsere Resilienz. Es ist immer wieder erstaunlich, was manche Menschen alles aushalten können an denen andere zerbrechen. Ich finde das immer wieder sehr interessant. Übrigens hat sie mir ein Buch empfohlen und darin geht es genau um dieses Vorgehen welches du beschreibst. Zum kleinen, verletzten ICH zu gehen und es an die Hand zu nehmen. Ich fand die Theorie recht interessant. Ich finde es sehr gut, dass du sowas in dieser Art praktizierst, es macht in meinen Augen völlig Sinn! Übrigens, falls dich das Buch interessiert, es ist etwas mit Schematherapie, kann ich dir den Titel sonst raussuchen.
    Ich finde, du machst das toll!
    Liebe Grüsse, Katarina

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Katarina, danke für deine Bestätigung und das Teilen deiner Erfahrung. Witzig, dass Resilienz auch bei euch Thema ist und ihr das spannend findet und euch dieselben Fragen stellt wie ich es tue. Das Buch interessiert mich und ich würde mich über den Titel freuen. Viele liebe Grüße. Tina

  2. rona schreibt:

    Liebe Tina,
    ein toller Text. Danke. Ich war am Wochenende auf einem Seminar bei Mike Hellwig, der mit der Methode der „Radikalen Erlaubnis“ mit den inneren Kindern arbeitet. Es ist etwas anders als die bisher übliche Arbeit mit dem inneren Kind. Man geht nicht in die Vergangenheit mit dem Bewusstsein, sondern arbeitet mit der körperlichen Wahrnehmung im JETZT. Laut Hellwig wird der erlebte Missbrauch tagtäglich in uns wiederholt, da wir unsere Peiniger als innere Kritiker verinnerlicht haben. Über die Erlaubnis all der lebendigen Anteile, Gefühle und Gedanken in uns, kann eine sehr authentische Versöhnung und Befreiung in der Gegenwart erreicht werden (wobei man das immer wieder durchleben und wiederholen muss). Vielleicht interessiert Dich das ja auch. Ich finde es sehr nachvollziehbar, auch wenn es nicht ganz einfach ist, das zu praktizieren. 😉
    Herzliche Grüße
    Rona

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Rona, danke schön. Die von dir beschriebene Methode klingt hart, auch wenn ich den Ansatz nachvollziehbar finde, dass man innere Kritiker verinnerlicht hat. Das kenne ich auch. Danke für den Input, ich werde mir das mal ansehen. Liebe Grüße. Tina

      • rona schreibt:

        Liebe Tina,
        ich habe es nicht als hart empfunden. Es ist nur „anders“, aber äußerst hilfreich. Mike Hellwig hat dazu mehrere Bücher geschrieben und auch einige Videos aus seinen Seminaren bei Youtube. Ich fand schon allein das Wort „Erlaubnis“ sehr erleichternd, weil ich in mir sehr viele widerstreitende Anteile habe.
        Liebe Grüße!

  3. Claudia schreibt:

    Liebe Tina, auch ich kenne diese „Methode“, die Du da beschreibst von Luise Reddemann. Sie hat dazu auch verschiedene Bücher geschrieben. Ihren Ansatz selbst nennt sie PITT (Psycho-Imaginative Traumatherapie). Danke für Deine persönlichen, so bewegenden Einblicke!

  4. gedankenpotpourri schreibt:

    Deine Texte sind so umwerfend. Jedes Wort ist für mich total nachvollziehbar und in fast allen Punkten fühle ich genau so wie du.
    Ich ziehe meinen Hut vor dir! Davor wie du deinen Weg gehst. Und ihn dazu noch so wundervoll in Worte fasst. Danke.

  5. kiddothekid schreibt:

    Was Du schreibst, klingt überhaupt nicht schräg. Kein bisschen. Ich habe das auch schon so oft versucht, mit meinem Kinder-Ich Kontakt aufzunehmen. Aber irgendwie…da passierte nichts. Außer, dass allein die bildliche Vorstellung meines inneren Kindes mich so wahnsinnig traurig machte.
    Danke für Deine Texte, ich lese Dich sehr, sehr gern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s