Ich – zurück auf Werkseinstellung

Mein ehemaliger Chef sagte einmal zu mir: „Frau R., man kann Ihnen lange auf die Füße treten. Aber wenn Sie einmal ausholen, dann tut es richtig weh!“

Das ist über 12 Jahre her und ich muss sehr häufig daran denken. Es stimmt: Ich bin eine Sammlerin. Nicht aus Boshaftigkeit, oft einfach aus Hilflosigkeit. In Situationen, die mich überrumpeln spüre ich eine Art Unwohlsein, ich bemerke, hier läuft gerade etwas schief, aber mir fehlt die Gegenwärtigkeit, sofort, noch in der Situation klug und schlagfertig zu reagieren. Nicht immer, sondern dann, wenn mich etwas richtig erwischt. Das kennt sicher jeder: Man kommt zuhause die Tür herein und dann weiß man es.  DIE Antwort, die einem die Situation gerettet hätte. Dort, zwischen Hausflur und Wohnung ist wirklich der ungünstigste Zeitpunkt für die Cleverness, die man vor fünf Stunden so nötig gebraucht hätte, aber genau hier, da ist sie plötzlich präsent.

Man wird erwachsener und mittlerweile – wenn mir etwas wichtig ist – raffe ich mich nochmal auf und versuche nachträglich die Situation für mich zu klären. Ich stelle Fragen, wie etwas gemeint war, wenn ich glaube, etwas in den falschen Hals bekommen zu haben, der Konditionierung aus Vorerfahrungen geschuldet. Das kostet viel Mühe und ärgert mich maßlos. Also meine eigene Unfähigkeit, gegenwärtig zu sein, sofort reagieren zu können – spontan, klug und schlagfertig. Es fühlt sich erniedrigend an, Situationen später nochmals klären zu müssen.

Wenn mich etwas übel erwischt, dann schaffe ich das nicht. Dann bin ich wie die Maus Frederick, aber ich sammle keine Geschichten oder Sonnenstrahlen und kann damit meine Mitmenschen erfreuen, nein ich sammle Verletzungen wie ein Fass, das zwangsläufig irgendwann überläuft. Und entweder hole ich dann aus und es tut weh oder ich gehe. Innerlich, später äußerlich. Ich kündige. Gefühlsmäßig viel eher, als dann später tatsächlich. Dann, wenn ich genügend sachliche Gründe gesammelt habe, um meine schon längst emotional getroffene Entscheidung zu begründen.

Es gibt Zwischenmenschlichkeiten, die mich derart blockieren, dass ich diesen verbal schlicht und ergreifend nicht gewachsen bin. Viele, die mich kennen, können das nicht glauben, werde ich im Allgemeinen eher als sprachlich geschickt bezeichnet.

Ich sehe all das und arbeite daran. Menschen sagen Dinge, Menschen machen Fehler und ich kann nicht jedem kündigen, der mir mal auf die Füße tritt und mich dabei blöd erwischt. Das wird der Sache auch nicht gerecht, wie mein Ex-Chef schon sagte, man kann mir lange auf die Füße treten. Aber wenn ich erstmal in diesem Verletzt-Modus drin bin, dann komme ich da so schnell nicht wieder heraus. Ich weiß nicht, wie ich das lösen soll und ich wünschte mir so sehnlichst, ich könnte meine Gefühlswelt, meine Verletzungen einfach auf Werkseinstellung zurücksetzen. Wieder von vorne anfangen, unbedarft, unverletzt und ohne Angst.

Und ja, die Lösung liegt auf der Hand: Ungeklärtes sofort klären. Das geht im Beruf, manchmal, nicht immer, aber privat habe ich eine riesen Hemmung, mein Inneres zu offenbaren, wenn es verletzt ist. Rein sachlich leuchtet mir das nicht ein. Wovor habe ich so eine riesengroße Angst? Ich bewundere Menschen, die für sich einstehen, ihre Gefühle äußern können und seien sie damit noch so allein. Die sich dann auch vom Gegenwind nicht weiter runterziehen lassen oder ihn sogar in Kauf nehmen. Ich schaffe das nicht. Wenn ich schon verletzt bin, dann riskiere ich nicht noch eine Verletzung obendrauf. Es gibt Dinge, die werden leichter, je öfter man sie erlebt und durchlebt, aber momentan habe ich den Eindruck, nichts geht mehr. Ich bin an der Grenze meiner Komfortzone und diese zu verlassen, erscheint mir derzeit unmöglich. Wohlwissend, wo diese Grenze ist. Wohlwissend, wie der Weg daraus wäre.

Geduld. Nicht meins. Aber wohl die Lösung.

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7 Antworten zu Ich – zurück auf Werkseinstellung

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Liebe Tina,

    nein, ich glaube nicht, dass du das willst. Denn wenn das ginge, dieses auf Werkseinstellungen zurücksetzen, dann müsstest/würdest du die gleichen oder ähnliche verletzende Erfahrungen erneut machen. Ich für meinen Teil finde es besser, sie gemacht zu haben und meine Wunden zu lecken, als zu denken, das stünde mir alles nochmal bevor. Es kann ja auch durchaus sein, dass mal nix mehr geht. Das zu akzeptieren ist schwierig. Und lehrreich.

    Und das mit der Angst und der Komfortzone: sei froh, dass du überhaupt ein Bewusstsein dafür hast. Ganz arm sind die, die nichts mehr spüren. Oder noch nie spürten.

    Alles Liebe, und viele Grüße!
    Christine

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Christine,
      ja, es ist gut, dass ich dieses Bewusstsein habe und ja, auch Erfahrung ist gut, weil sie schützt. Davor, sich nochmals verletzen zu lassen, als Beispiel dazu bietet sich förmlich die berühmte Herdplatte an, auf die man nicht zweimal fasst. Wenn man dann aber auch Angst vor dem Kühlschrank oder sogar vor der ganzen Küche hat, dann ist es hinderlich und genauso kommt es mir manchmal vor.
      Danke für deinen Kommentar und viele Grüße zurück.
      Tina

  2. kiddothekid schreibt:

    Wie immer sage ich Danke für diesen Text. Ja, das sage ich wirklich immer, und entsprechend ist es wohl ein bisschen langweilig. Aber es ist so – Du fasst Deine Gedanken und Gefühle, die meinen so oft ähneln, in klare und schöne Worte. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein Beitrag von Dir in meinem Feed erscheint.

    Alles Liebe!

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Ich mag diese Art von „ich war hier“-Kommentare sehr gern, auch wenn sie sich vielleicht wiederholen. Aber es ist eine schöne Bestätigung dafür, dass Texte ankommen, denn dafür mache ich das auch. Noch schöner ist es zu lesen, dass es auch anderen so geht wie mir, das tut sehr gut.

      Also vielen Dank und viele Grüße.

  3. Ute wagner schreibt:

    Ich kann Deine Gedanken so gut nachvollziehen. Auch ich erkenne mich in Deinen Worten oft wieder. Ich glaube allerdings die Lösung ist nicht der Reset. Da wir keine Computer sind, ist das auch keine Option.
    Du arbeitest schwer an Dir. Und wie Du ein einem Deiner Beiträge geschrieben hast, kannst Du erkennen wieso vieles in Dir ausgelöst wird durch Situationen die objektiv betrachtet die Heftigkeit der Reaktion nicht erklären. Ich glaube das ist genau der Weg. Sich bewußt werden seiner Empfindungen, sich zu fühlen, sich zu verstehen.
    Man wird mit der Zeit besser darin und „sammelt“ nicht mehr bis zur Explosion, sondern löst die Spannungen schneller auf.
    Deine Intelligenz, die Du ganz offensichtlich hast unterstützt Dich dabei.
    Ich wünsche Dir alles Gute!
    LG
    Ute

  4. BirgitOtt schreibt:

    Ich lese deine Texte so gerne, die sind so gut geschrieben, so reflektiert und immer ein bisschen philosophisch. Außerdem finde ich mich darin immer irgendwie wieder. (Auch wenn ich es selten kommentiere 😉 )

    Liebe Grüße,
    Birgit

  5. Kerstin schreibt:

    Sehr schön aus der Seele/dem Herzen gesprochen. Das kenne ich nur zu gut und hin und wieder denke ich, ich muss das ändern. Aber inzwischen denke ich dann auch: Ne, so bist Du nun mal. Das macht Dich aus! Liebe Grüße, Kerstin

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