Erfahrung ist das, was man aus dem macht, das einem zustößt

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Ich muss an meinen letzten Blogpost nochmal ansetzen, weil ich zu dem Thema noch viele Gedanken habe und mir mein Beitrag deshalb unvollständig erscheint. In diesem äußerte ich den Wunsch, meine Gefühlswelt auf Werkseinstellung zurücksetzen zu wollen. Es ging mir darum, dass wir durch Erfahrung lernen und Gefühle zu Situationen entwickeln und so zukünftige Entscheidungen beeinflusst werden. Das kann positiv sein, wenn es verhindert, dass ich nochmals auf die heiße Herdplatte fasse, aber auch hinderlich, wenn gesammelte Ängste dazu führen, sich nicht mehr auf etwas einlassen zu können.

Seit Oktober mache ich ein Praxisstudium bei der IHK, zum Auftakt fand dazu ein Outdoortraining statt, um sich als Klasse kennenzulernen und Spaß zu haben. Ich gebe zu, ich war skeptisch und lästerte innerlich, ich brauchte kein Gruppenkuscheln, verstand den Sinn nicht, wollte ich doch einfach nur meinen Abschluss machen. Früher war ich irre scharf auf solche Veranstaltungen, aber hat man schon eine Reihe dieser „Coachings“ hinter sich, nutzen sie sich ein wenig ab.

Überraschenderweise war es toll, schön und richtig gut. Alle sind wirklich nett, wir hatten eine Menge Spaß und die Coaches waren wirklich gut. Zum Ende machten wir eine Übung, dessen Ergebnis mich selbst nach vier Wochen noch beeindruckt. Wir waren über 20 Leute, also durchaus eine große Gruppe. Die Übung fand in einem Wald statt, zwischen vielen Laubbäumen, es war hell und freundlich und bayrisch hügelig. Die Aufgabe war: Findet die am Baum angebundene Gummiente „Doris“. Startet in zwei Gruppen, trefft euch an einem vereinbarten Baum und zieht von dort aus gemeinsam als Gruppe weiter zur Ente, von der ihr wisst, wo sie sein wird. Aber: Ihr müsst die Aufgabe blind bewältigen, alle haben die Augen verbunden.

Der Coach räumte uns 45 Minuten Zeit ein, um uns eine Strategie zu überlegen, wie wir Doris finden wollten. Sehr schnell beschlossen wir, uns in zwei Gruppen aufzuteilen. Die erste Gruppe überlegte, wie die Startergruppen den Treffpunktbaum finden würden. Der Rest gewährleistete, von dort zur Ente zu finden.

Keine Gruppe zweifelte an der anderen, wir hatten gegenseitiges Vertrauen, dass jede Gruppe ihre Aufgabe lösen und somit die gesamte Gruppe zum Ziel führen würde. Jeder konzentrierte sich auf seine Aufgabe, es wurde sachlich diskutiert, es wurden Vorschläge verworfen, jeder war gleichberechtigt und was soll ich sagen: es war einfach großartig.

Als die 45 Minuten um waren – und sie waren irre schnell um, gingen wir auf die Startposition, verbanden uns die Augen und zogen das Ding straight durch. Blind wie wir waren fanden wir Doris und kamen alle unversehrt an. In der anschließenden Feedbackrunde sagte der Trainer, dass es sehr selten ist, dass eine Gruppe so schnell die Entscheidung einer Teilung trifft und dass wir die Aufgabe beeindruckend gut gelöst haben. Und das war nicht nur so dahingesagt, es fühlte sich auch genauso an. Wir hatten das wirklich richtig gut gemacht. Irgendjemand warf ein, dass unser Erfolg vermutlich auch daran lag, dass wir uns nicht kannten.

Genau!

Man stelle sich die gleiche Aufgabenstellung in der Familie vor. Oder in der Arbeit. Oder im Freundeskreis. Man muss da nur mal ganz kurz reinfühlen: Wie wäre es, mit der eigenen Schwester so eine Aufgabenstelllung lösen zu müssen? Mit dem Vater darüber zu diskutieren? Mit dem Chef, dem Kollegen, dem Azubi?

In einer Gruppe, die sich schon ausgiebig kennt, wären viele Rollen längst vergeben gewesen. Da gibt es die Person, die unter General-Kompetenz steht, weil sie a) wirklich kompetent ist oder b) kompetent rüber kommt, was a) nicht zwingend einschließt. Einem Vorschlag dieser Person wird mehr Gehör geschenkt als den Vorschlägen des unter Generalverdacht stehenden Deppen. Wer welchen Hut aufhat, ist vielleicht historisch begründet aus einer Vielzahl von Begebenheiten, basiert aber oft auch nur auf dem ersten Eindruck über den die Person es niemals hinausgeschafft hat und der nicht zwingend wahr ist. Vielleicht hat der „Depp“ mal etwas wirklich kluges zu sagen und sein Vorschlag wäre es durchaus wert, angenommen zu werden. Aber was passiert? Vielleicht gibt auch der kompetent Dominante etwas vom IQ eines Knäckebrots von sich und alle folgen dem Vorschlag ohne diesen zu hinterfrage, weil „passt eh“.

Was da im Wald passiert ist, hat mich sehr beeindruckt und beschäftigt mich seitdem immer wieder. Was herauskommen kann, wenn die Gemüter noch offen und gewillt sind, den anderen kennenzulernen. Wenn der Gegenüber noch in keiner Schublade steckt, sondern noch zählt, was er sagt und leistet. Wenn es nicht darum geht, das Bild, das man längst vom anderen hat, zu bestätigen – auf Teufel komm raus.

Letztes Jahr fuhr eine Freundin von mir mit zwei alten Schulkameradinnen in Urlaub. Obwohl seit der Schule viele Jahre vergangen sind und sich jede von ihnen verändert hat, fielen sie dennoch in alte Muster zurück. Meine Freundin sagte, sie wollte das gar nicht und dennoch verhielt sie sich in Auszügen so wie früher und fühlte sich vor allem so.

Das ist es, was ich gerne aufheben möchte. Ich möchte diese Schienen aufbrechen, in denen manche Menschen, Gruppen, Beziehungen festgefahren sind und wodurch es unmöglich wird, die Vielschichtigkeit eines Menschen zu erfahren. Menschen stecken so oft in sich selbst erfüllenden Prophezeiungen fest und es ist irre schwer, da wieder rauszukommen. Zum einen muss man das erst mal wahrnehmen und zum anderen wehrt sich dann die Umgebung, wenn man sich anders verhält wie erwartet. Darüber schrieb ich schon mal in meinem Beitrag „Ich passe in keine Schublade„.

Ich habe einen Bekannten, der wirkt eher langweilig. Als wir ein kreativitätsforderndes Spiel spielten, haute er plötzlich Dinge raus, das war irre. Der Kerl ist witzig, richtig richtig witzig und kreativ. In uns allen steckt so viel mehr, das wir zum einen nicht zeigen, weil wir es selbst nicht wissen und weil andere es gar nicht mehr sehen wollen oder können. Natürlich ist nicht alles negativ, es ist auch schön, sich zu kennen, vertraut miteinander zu sein und den anderen einschätzen zu können. Aber es gibt eben auch Schatten.

Ich habe hier zwei Themen: Es gibt meine eigenen Erfahrungen, jene die mich vor weiteren Verletzungen körperlicher oder seelischer Art schützen und solche, die mich blockieren. Und dann gibt es das Thema, wie Erfahrungen Gruppen beeinflussen und das nicht nur positiv, denn durchaus entstehen durch Eindrücke verschiedene Dynamiken, die nicht immer den einzelnen Menschen entsprechen.

Sicher ist es keine Lösung, einfach auf einen Knopf drücken zu können und alles ist weg, wieder auf Werkseinstellung zurückgestellt. Aber wie bleibt man offen? Sich selbst gegenüber aber auch anderen Menschen. Es gibt da draußen so vieles zu entdecken und wir verschließen uns aus so vielen verschiedenen Gründen. Ich möchte das nicht – weder für mich selbst, noch anderen Menschen gegenüber.

Erfahrung ist das, was man aus dem macht, das einem zustößt. Ja, vorausgesetzt, man setzt sich bewusst damit auseinander. Denn sonst macht Erfahrung etwas aus einem, ohne das man das vielleicht so will.

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5 Antworten zu Erfahrung ist das, was man aus dem macht, das einem zustößt

  1. Claudia schreibt:

    Danke, danke, danke! So ein wichtiger Beitrag!

  2. Svenja schreibt:

    Wunderschön! Ja, Erfahrungen sind etwas tolles, solange man sich nicht davon blockieren lässt. Danke für diesen Beitrag ❤

  3. Pingback: Sonntagslinks | Papas Wort

  4. Kerstin schreibt:

    auch da bin ich bei Dir….es ist immer so erfrischend und einfach mit Fremden ungezwungen zu reden, was mit Menschen die wir/uns kennen, oft nicht möglich ist. Was ja auch irgendwie paradox ist, denn eigentlich sollten ja gerade uns vertraute Personen mehr Vertrauen genießen. Liebe Grüße, Kerstin

  5. Katharina schreibt:

    Was das betrifft finde ich das Internet so toll: Man achtet viel mehr nur auf das, was eine Person schreibt und viel weniger auf all die störenden Metabotschaften (Pickel! Fettige Haare! Dicker Hintern!)

    „Reset-Knopf“: Ich habe mit „The Work“ von Byron Katie gute Erfahrungen gemacht, wie man Glaubenssätze (über Dinge, andere Menschen, auch sich selbst) infrage stellen und neu überprüfen kann.

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