Eigene Gefühle – wie viel davon den Kindern zumuten?

Als Kind dachte ich immer: „Wenn ich endlich erwachsen bin, dann habe ich keine Probleme mehr.“ Das ist sicher ein ungewöhnlicher Gedanke für ein Kind, tun wir heute mehr den je dafür, dass unsere Kinder möglichst unbeschwert aufwachsen und gelingt das häufig auch. Kinder leben in ihrer eigenen Welt und haben ein völlig anderes Problembewusstsein als wir Erwachsene. Aber ich mit meiner eigenen kleinen Vergangenheit hatte schon als Kind und im besonderen als Pubertierende mit vielen eigenen Geistern zu kämpfen.

Gerade las ich im Blog von Mama arbeitet, wie sich Christine die Frage stellt, wie viel Trauer oder Zerrissenheit sie ihren Kindern zumuten darf und kann oder vielleicht sogar sollte. Beim Lesen des Beitrags hatte ich viele Gedanken dazu, die mich in der Vergangenheit schon oft beschäftigt haben.

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Warum fand ich es so erstrebenswert, erwachsen zu werden und damit einhergehend keine Probleme mehr zu haben? Was ich rückblickend sehr gut finde: Meine Pflegeeltern waren immer eine starke Basis. Sie haben ihr Leben stabil gelebt und es gab für uns Kinder offensichtlich keine Probleme in ihrer Welt. Es war sehr sehr selten, dass meine Mutter einmal weinte oder sollte ich sagen, dass wir es mitbekamen? Natürlich gab es Streit bei uns. In einer Patchwork-Familie, wie es die unsere war, bleibt das wohl kaum aus. Aber wir stritten nicht, wir „diskutierten“. Das machte mich als Kind schon wahnsinnig, denn natürlich spürte ich sehr wohl, dass der Zorn und was sonst noch so alles in diesen „Diskussionen“ mitschwang, durchaus handfesten Streit-Charakter hatte.

Ich glaube, ich war schon 24 Jahre alt als mir zum ersten Mal der Gedanke kam, dass das Erwachsensein eben nicht davon geprägt ist, glücksbeseelt und problemgeheilt durch die Welt zu laufen und dass Erwachsene durchaus mit ihren Geistern lebten. Ich fragte meine Mutter, ob das wahr sei. Ich war mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht eine besonders Spezies von Mensch war, einer, der es einfach nicht hinbekam. Sie antwortete ehrlich, nämlich, dass sie durchaus auch ihre Gedanken hatten, die sie wälzte und gewälzt hatte.

Ich glaube, mir als Kind, als besonderes Kind, nämlich eines, mit schon unheimlich viel Vergangenheit, hätte es gut getan, zu erfahren, dass es normal ist, Herausforderungen zu begegnen, sich ihnen zu stellen und diese schlussendlich zu bewältigen. Mir hätte es auch gut getan, zu wissen, dass Streit normal ist, auch wichtig und dass man danach zusammen! wieder weitermachen kann. Es ist noch heute so, dass ich Konfliktsituationen mit mir nahen Personen unerträglich finde, was gleich mehrere Gründe hat und es wäre ungerecht, es nur der damaligen „Diskussions“-Kultur anzulasten. Dennoch, für mich wäre es sicherlich heilsam gewesen.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die mir eine Bekannte erzählte und die ich schon einmal in diesem Blog wiedergab. Trotzdem, ich möchte sie noch einmal erzählen.

Meine Bekannte besuchte mit ihrer kleinen Tochter die Oma. Sie ging nebenan in die Küche und hörte, wie die Oma zur Enkelin sagte: “…dann hat die Oma dich nicht mehr lieb!” Sie wurde stocksteif, viel zu oft hatte sie diesen Satz schon selbst gehört und er schmerzte noch immer. Während sie noch in der Küche verharrte und mit sich rang, ob sie zu ihrer Tochter gehen soll, um sie vor größerem Schaden zu bewahren, hörte sie, wie ihre Tochter entgegnete: “Ach Oma, das glaube ich dir nicht!” Und sie stand da und ihr fiel es wie Schuppen vor die Augen: “War ich blöd! Ich habe es geglaubt!”

Was ich damit sagen will: Jedes Kind ist anders, jedes Kind hat andere Bedürfnisse und jedes Kind hat – auch in derselben Familie – eine andere Geschichte. Der Erstgeborene ist anders als das jüngere Geschwister und was dem einen Kind gut täte muss nicht zwangsläufig auch für das andere Kind gut sein.

Ich glaube, meine (Pflege-)Geschwister haben diese Stabilität, die meine Eltern ausstrahlten durchaus zu schätzen gewusst und auch ich zehre noch heute davon. Es ist etwas, dass ich versuche, auch für meine Funktion als Mutter umzusetzen. Aber: Es gibt auch Momente, die sind schwer, die kann man nicht kleinreden. Ich glaube, die besondere Herausforderung besteht darin, seinen Kindern mitzuteilen, dass man „daneben“ hängt, ohne ihnen die eigenen Probleme aufzuladen, ohne ihnen damit Verantwortung zu übergeben. Kinder neigen dazu, sich um ihre Eltern kümmern zu wollen. Meine Kinder sind noch klein mit ihren sechs und vier Jahren. Aber Fragen, die sie stellen, die beantworte ich ihnen. Erst sehr sehr rudimentär und auf weiterer Nachfrage dann vielleicht etwas genauer. „Bist du auch manchmal traurig?“ Ein Ja reicht da manchmal schon. Nicht mir, sondern ihnen. Ich denke, einer 13-jährigen, die einen skeptisch und fragend ansieht, kann man eventuell schon mehr Information geben oder nachhaken, ob sie Fragen hat. Aber es gibt nicht die eine Lösung. Vielleicht ist es gerade für diese Tochter wichtig zu wissen, dass bei den Eltern alles gut ist, vielleicht mag sie diese „Illusion“ auch. Ich denke, reflektierte, wachsame Eltern fühlen richtig, sie wissen, was richtig ist.

Meine Tochter fragte mich vor längerer Zeit, ob mich meine große Schwester auch genervt habe, so wie sie sich oft von ihrer kleinen Schwester genervt fühlt. Ich sah sie an und konnte einfach nicht nur ja sagen und antwortet wahrheitsgemäß, dass wir nicht gemeinsam aufgewachsen sind. Sie fragte warum und hier konnte ich nicht mehr erklären. Ich wollte ihr kleines Familienweltbild nicht zerstören und konnte auch nicht so richtig einschätzen, welche Ängste es eventuell bei ihr auslösen würde. Dennoch: sie fängt an, weitere Fragen zu stellen, sie fragt, wie ich früher geheißen habe und wie die Oma mit Nachnamen heißt und zwangsläufig stößt sie auf den Umstand, dass mein Mädchenname ein anderer ist wie der meiner Pflegefamilie. Ich will nicht lügen und bisher konnte ich die Fragen so einigermaßen elegant umschiffen ohne mit der Wahrheit rauszurücken. Aber sie forscht und fragt und ich glaube ganz tief in ihr drin spürt sie sehr wohl, dass ihre Mama eine Geschichte hat.

Es tut weh, seinen Kindern dabei zuzuschauen, wie sie erkennen, dass diese Welt ihre Macken hat und ich für mich stelle einen großen Widerstand fest, sie damit konfrontieren zu wollen. Aber sie gehen da hinaus in diese Welt und vieles liegt nicht mehr in unserer Macht. Sie werden ihre Erfahrungen machen und auch sie werden ihre Herausforderungen meistern müssen. Ohne uns oder mit uns. Und irgendwie fänd ich es schön, wenn sie wüssten: Die Mama oder der Papa, die kennen das, die waren auch schon mal dort, wo ich jetzt bin. Da kann ich hin.

Aber wie genau das funktioniert, das weiß ich nicht so genau und oft denke ich, wir wachsen gemeinsam – meine Kinder und ich.

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4 Antworten zu Eigene Gefühle – wie viel davon den Kindern zumuten?

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Meine Eltern, liebe Tina, haben auch nicht gestritten, immer nur „disktutiert“ oder „Meinungsverschiedenheiten“ gehabt – und genau wie du dachte ich, was für ein Quatsch. Die hassen sich doch gerade.

    Und genau wie du sagst, jedes Kind ist anders. Drum werde ich sie auch einzeln, wenn überhaupt und behutsam in ein Gespräch einbeziehen. Wenn es sich ergibt. Nicht auf Teufel komm raus.

    Vielen Dank für deine Gedanken, Tina. Und sei umarmt!
    Christine

  2. Kirsten schreibt:

    Es kommt natürlich rauf an, wie alt Deine Tochter ist. Aber da Deine Lebensgeschichte zu Dir gehört, solltest Du sie ihr, wenn sie bereit dazu ist, schon erzählen, das ist wichtig für sie. Und es ist nicht ihre Geschichte, deshalb kann sie mit viel mehr Abstand darauf schauen und wird dadurch nicht so unmittelbar verletzt wie Du selber. Wie bei der Geschichte, die Du erzählst von der Oma. Hab das auch schon erlebt, Sätze, die mein Vater zu meinen Kindern sagte, und die mich innerlich zusammenzucken und wieder ganz klein werden ließen – ließen meine Kinder einfach kalt. Weil sie anders aufgewachsen sind. Wenn man das erlebt, wird einem klar, wie irrsinnig die Erwartungen an uns als Kinder waren, was Gehorsam anging – und dass ich sie offensichtlich immer noch nicht ganz überwunden habe. Ich hätte mir durchaus früher gewünscht zu erfahren, dass nicht alle Familien, und auch nicht meine eigene, perfekt sind. Dass die heile Ehe mit zwei Kindern eigentlich eher die Ausnahme ist. Das entlastet ja auch bei den eigenen Erwartungen an eine Beziehung! Ich musste dafür erst Mitte 30 werden – das ist also definitiv zu spät, erzähl’s Deiner Tochter früher! 🙂

  3. Gitte schreibt:

    Keine Oma sollte einem Kind mit Liebesentzug drohen, eine der schlimmsten Androhungen überhaupt.
    Auch wenn Kinder unterschiedlich reagieren.

  4. Friederike schreibt:

    Ich finde es total wichtig, dass Kinder mitbekommen und lernen, dass alle Gefühle zum Leben dazugehören und auch sein dürfen. Auch die unangenehmen. Nur dann können sie lernen, damit umzugehen. Meine Mutter hat ihre „negativen“ Gefühle immer zu verbergen versucht, und die Folgen davon haben mir nicht gut getan.

    Diesen Gedanken, dass ich endlich keine Probleme mehr haben werde, wenn ich erwachsen bin, habe ich übrigens bis zum Lesen Deines Posts hier für einen absolut typischen Kindergedanken gehalten. Tu ich eigentlich immer noch. Auch wenn Kinder eine unproblematischere Kindheit haben als Du sie hattest.

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