Keine Zeit für Glück.

Am Montag bekam ich ein Buch geschenkt, über das ich mich sehr gefreut habe und das mich sehr neugierig macht. Aber mein einziger Gedanke war: „Dazu habe ich keine Zeit. Wann soll ich das nur lesen?“

Ich bin zweifache Mutter, ich arbeite 32 Stunden, ich trainiere auf einen Halbmarathon und ich nehme seit Oktober an einem berufsbegleitenden Praxisstudium zum Fachwirt für Marketing teil. Dazu pendel ich zwei Mal in der Woche 70 km – einfache Entfernung. Neben den zwei bis dreimal wöchentlichen Fahrten für meine Kinder, weil der Vater und ich in Trennung leben, das sind nochmals in der Woche 160 km, d. h. in Summe 440 km, die ich im Auto verbringe. Wöchentlich.

Ich bin per se kein Mensch, der Dinge sofort erledigt. Ich schiebe Unangenehmes gerne auf, aber in der letzten Zeit hat das ein Ausmaß angenommen, unter dem ich sehr leide. Ich stehle mir die Zeit, die ich eigentlich nicht habe und verschiebe auf morgen und auf übermorgen und auf nächste Woche. Ich bekomme immer alles hin, ich habe bisher selten etwas richtig versemmelt, aber die Zeit zwischen Aufgabenstellung und Erledigung, in der leide ich und ich kann insgeheim nichts wirklich genießen, weil ich dauerhaft unter Druck stehe.

Die ganze Zeit dachte ich, ich muss mich nur mehr anstrengen. In meinem Kopf war das schon alles durchgetaktet. Wenn ich um fünf Uhr aufstehe, dann kann ich morgens lernen oder joggen, den Haushalt erledigen, Wäsche machen, aufräumen, die Welt retten oder was eben noch so ansteht. Ich kann lernen, während ich jogge, wenn ich mir meine Lerninhalte diktiere und als MP3 anhöre. Oder ich sitze eh über sechs Stunden in der Woche im Auto, da kann ich auch lernen. Sport mache in der Mittagspause, das ist höchst effizient. Die Zeit mit meinen Kindern ist natürlich für sämtliche Erledigungen außerhalb von primären Haushaltstätigkeiten wie spülen (ich habe keine Spülmaschine) tabu, die verbringe ich lieber mit ihnen, schließlich brauchen sie als Trennungskinder unbedingt ganz besonders hochwertige Qualitätszeit. Und sieben Stunden Schlaf sind zwar optimal, aber sechs gehen zur Not auch. Ach, und das Bloggen, ja das hat mir Spaß gemacht, aber mei, diese Selbstdarstellung, das wurde eh so kritisiert, ja, es fehlt mir und der Zuspruch gibt mir recht, aber nun, irgendeinen Preis muss man eben zahlen.

Moment. Wofür eigentlich? STOPP.

Ich lerne gern. Ich erfahre gerne Dinge, ich bin gerne schlau. Ich liebe es, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Mir ist der Sport wichtig, er tut mir und den dunklen Zeiten in mir gut. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Freunden, aber huch … das ist auch schon länger her.

Was ist wichtig?

Was ist mir wichtig?

Im letzten Jahr habe ich hier im Blog die Frage aufgeworfen: „Was ist Glück“ und ich wollte mich auf die Suche machen und viele Dinge ausprobieren. Das habe ich auch. Yoga war mir zu ruhig, ich brauchte mehr Power. Das habe ich im Sport beim Crossfit gefunden und im Laufen. Aber ich dachte auch an Gesundheit, Seelenarbeit, Bloggen, Meditieren, Wellness, Stille, Wünsche, Lesen, Gefühle, Freunde, Reisen, Beauty, Verrücktes.

All das habe ich unterm Jahr vergessen, als ich drohte, abzurutschen in eine Dunkelheit, aus der ich so schnell nicht wieder aufgetaucht wäre. Es gab da diesen Moment, wo ich entschied: „Ich muss mir meinen Alltag zuknallen, ich denke zu viel nach und das tut mir nicht gut.“ Und ich muss sagen, das habe ich erfolgreich geschafft.

Das war eine gute Entscheidung. Für den damaligen Zeitpunkt, als es wichtig war, mit der Trennung klar zu kommen. Mit der von meinem Mann, aber vor allem mit der Trennung von meinen Kindern, die nun bei ihrem Papa leben. Ich bereue die Entscheidung nicht und es gibt sowohl Gründe dafür, dass wir so entschieden haben, wie wir es getan haben als auch dagegen. Es war ein Kompromiss und das wird es immer bleiben. Genauso wie wenn die Kinder bei mir leben würden. Denn diese so sehr ersehnte Familie nicht leben zu können, das schmerzt uns glaube ich alle. Mich und ich weiss auch die Kinder. Meine Große (6) formuliert es vor kurzem so: „Es ist jetzt gut. Aber vorher war es besser.“ Mit den Reaktionen der Umgebung klar zu kommen ist das eine – mit denen, die meinen etwas zur Trennung sagen zu müssen oder mit denen, die mich dafür verurteilen, wie wir nun unser Familienmodell leben. Aber mit dem Schmerz der Kinder klar zu kommen, ist etwas anderes. Und nein, es geht hier nicht darum, dass ich als Mutter ausgezogen bin. Wenn sie längere Zeit bei mir sind, dann vermissen sie auch ihren Papa. So oder so, auch sie müssen aushalten, dass das Leben nun mal kein Ponyhof ist. Und das ist auch okay so. Ich weiß nicht, warum man als Eltern nicht mehr ein normales Leben führen darf. Eines, indem man arbeitet – egal ob als Mann oder Frau, eines, indem Trennungen passieren, eines, indem man mal nach fünf Tagen durchwachsenen Nächten keine Nerven mehr hat, eines, indem mal als Mutter grundsätzlich Täterin ist, aber niemals mehr nur Mensch.

Aber zurück zu meinem kleinen Zeitproblem und zu der Frage, was ist eigentlich Glück?

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„Ich wünschte mir, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein!“. Das ist etwas, was Sterbende bedauern. Und ich habe vor zwei Jahren dieses oft geteilte Thema kritisiert und sehe es immer noch gespalten aufgrund der unterschiedlichen Perspektive. Dennoch: Das nicht Erlauben, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wegen meines stetig steigenden Leidensdrucks aufgrund mangelnder Zeit habe ich nun – fast – die Entscheidung getroffen, die Fachwirtsausbildung vorzeitig zu beenden. Ich hadere noch damit, weil ich es als Scheitern betrachte, aber daran arbeite ich. Ich bin Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalterin, ich bin bereits gut ausgebildet. Und selbst wenn nicht, wäre es egal. Was ist wirklich wichtig für mich? Zeit mit denen zu verbringen, die ich liebe und das zu tun, was mir schlicht und ergreifend Freude bereitet.

Schon als ich 14 war, habe ich den Sinn des Lebens gesucht und ich schrieb nach langer dunkler Zeit in mein Tagebuch: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Und die Liebe.“

Lange Zeit habe ich das mit romantischer Liebe verwechselt. Ich glaube, ich hatte damals schon recht, es aber falsch gedeutet. Es geht nicht um Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen, die beschlossen haben, ein Paar zu sein. Nein, ich denke, es geht um Liebe zu diesem Leben, zu sich selbst, zu dem, was man tut, Zeit zu verbringen, mit denen die man liebt, aber vor allem mit sich selbst. Zeit haben. Zeit damit zu verbringen, was man mag. Ja, ich glaube, das ist Glück. Eigentlich ist es so einfach.

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2 Antworten zu Keine Zeit für Glück.

  1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

    Was für ein schöner, wichtiger und tiefer Text, danke. Ich werde ihn wohl noch öfter lesen, mir mehr Zeit nehmen und das Glück suchen.

  2. Forsch schreibt:

    Es gibt diesen sehr starken Glücksmoment zum Abschluss der Weiterbildung. Es lohnt sich dafür und für viele daraus entstehende Moment durchzuhalten.

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