Die Liebe verlangt zu viel vom Menschen

„Die mythische Liebe verlangt zu viel vom Menschen. Ein unabhängiges Individuum muss sich vor der großen romantischen Liebe schützen.“

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Was hat mich dieser Satz angesprungen, der im Artikel über die israelische Autorin Zeruya Shalev zitiert wurde. Ach was – angeschrien hat er mich.

Warum sollte man den Menschen vor der romantischen Liebe schützen? Weil eine solche Liebe ein Widerspruch zu dem Grundbedürfnis nach Unabhängigkeit darstellt? Weil jede Form der Liebe bedeutet, sich verletzbar zu machen? Oder weil sie schlicht und ergreifend einschränkt, in meinem Tun, in meiner Entwicklung, in meinem Sein?

Nach einer gescheiterten Ehe bin ich nun tatsächlich – rein administrativ gesehen – unabhängig, zeitlich und finanziell. Aber emotional?

Ich habe Federn gelassen und ein paar meiner Erfahrungen haben sich in fragwürdige Glaubenssätze verwandelt, das ist mir klar geworden. Einige Erfahrungen haben mich stark gemacht und andere lassen mich vorsichtig sein, manchmal zu sehr. Es mag klug sein, sich nicht töricht wie ein Lemming von einer emotionalen Klippe zu stürzen, aber es ist auch unschön, wenn man eine Geißel der eigenen Erfahrungen ist.

Ich denke, früher oder später entwickelt jeder Nöte, Ängste und Bedürfnisse und läuft emotional hungrig oder suchend in diesem Leben umher und glaubt, in der Liebe – oder das, was er dafür hält – zu finden, was er so dringend sucht. Ja, ich weiß, das war jetzt nicht sonderlich romantisch.

Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass es nach wie vor unklar ist, warum wir uns in jemanden verlieben. Das passiert ja nun wahrlich nicht bewusst, frei nach dem Motto „uh, er ist es, der all meine Verletzungen heilen wird, die mein selten anwesender cholerischer Vater hinterlassen hat, den liebe ich jetzt“.

Wir wollen Liebe als etwas wahrnehmen, das selbstlos ist, das gibt, ohne nehmen zu wollen und ich weiß, dass es diese Lieben zwischen Eltern und Kindern gibt und um diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Aber unter Erwachsenen? Ist es nicht immer so, dass bewusst oder unbewusst Erwartung mitschwingt?

Entwertet Erwartung die Liebe? Das habe ich mich lange Zeit gefragt. Aber vielleicht darf man Liebe einfach nicht mit Beziehung verwechseln. Ist es nicht eher so, dass wir zu viel von der mythischen Liebe erwarten, nicht umgekehrt?

„Lieben ist der letzte und größte, immerwährende Traum. Das ist auch der Traum von einem Liebesverhältnis, das bleibt, das belastbar ist, das sich immer weiter entfaltet, das Wachstum beinhaltet und an kein Ende kommt, das sich keine Grenzen setzt. In dem der eine der Selbstentfaltung des anderen nützt und sie nicht einschränkt.“

Wenn man es so definiert wie der vor kurzem verstorbene Roger Willemsen dürfte es die eigene Unabhängigkeit nicht in Gefahr bringen. Ich finde das sehr erstrebenswert.

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2 Antworten zu Die Liebe verlangt zu viel vom Menschen

  1. Pingback: Neues aus Bloggerhausen Nr. 3 - Mama notes

  2. Anett schreibt:

    Hat dies auf allesaufnull rebloggt.

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