Grenzen

„Guck mal, ist das nicht eine Unverschämtheit?“

Ich blickte auf die  Videotextseite und verstand nicht. „Was ist denn daran unverschämt?“, fragte ich ihn. „Na hier, die Seite ist auf Türkisch. Schlimm genug, dass die hier leben, jetzt bekommen die auch noch eine eigene Videotextseite, die können doch wirklich deutsch lernen!“

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Ich sah ihn fassungslos an. „Sag‘ mal, bist du doof? Was genau nimmt dir diese eine Videotextseite jetzt weg? Fehlt dir eine? Fehlt dir Information? Vermisst du was?“ Wir stritten hin und her und er wurde immer wütender. Ich war 20, das war vor 18 Jahren, wohnte mit meinem Freund zusammen und es war durchwachsen. Aber das hier kannte ich nicht.

Der Streit nahm ein neues Niveau an, als ich zu ihm sagte, dass wenn er politisch so interessiert sei (ironisch), ich nicht verstehe, dass er die letzte Wahl geschwänzt hätte. Er stand auf und fragte drohend: „Willst du ein paar rein haben?“

Stille. Im Raum, aber auch in mir. Ich war gerade am Bügeln, atmete tief durch, riss das Bügeleisen aus der Wand und knallte es auf das Bügelbrett. „Das! Machst du nur einmal, ich schwör’s dir.“

Ich verließ die Wohnung, rauchte gefühlt eine Schachtel und zog zwei Wochen später aus.

Mir geht diese Geschichte im Kopf rum, weil ich vor ein paar Tagen eine Diskussion hatte, die mich etwas aufwühlt. Es war in einer größeren Runde und wir unterhielten uns darüber, wie man mit „Freunden“ auf Facebook umgeht, die fragwürdige Inhalte teilen, die rechtsradikale Gesinnung vermuten lassen. Ich rede hier nicht von eindeutigen Inhalten, sondern von Artikeln, die „kritisch“ sein sollen, die schon meinungsmachend sind, aber das ist schwierig, was genau ist es denn nicht? Nun, ich erzählte auf jeden Fall von meinen Zweifeln, wie ich mit mir sehr nahen Menschen auf Facebook umgehen soll, wenn Sie Dinge teilen, liken oder kommentieren, die mich den Kopf schütteln lassen. Aber ich bekomme mit, dass Zeug geliked wird, das ich für hetzend halte und weiß nicht, ob ich darauf reagieren soll oder sogar auf Beziehungsebene Konsequenzen ziehen muss. Das alles war Teil unseres Gesprächs. Die Tonus war klar: Man muss kommentieren und ächten und reagieren und wer das nicht tut, steht auf einer Ebene mit den Menschen, die damals bei Hitler weggeschaut haben. Das ist hart zusammengefasst und sicherlich ein überspitzter gefühlter Eindruck dieses Gesprächs.

Ich würde jede Familienfeier sprengen, wenn Sie braunes Bullshit-Niveau annähme. Ohne Rücksicht auf Verluste. Im persönlichen Kontakt würde ich Grenzen ziehen und habe das auch schon getan. Aber in sozialen Netzwerken? Wo ich eventuell den Usern unterstellen muss, dass sie nur die Überschrift gelesen haben, aber nicht den Artikel? Dass, obwohl Akademiker, der unter Generalverdacht der Klugheit steht, etwas teilt, von dem er nur sehr wenig Ahnung hat? Liegt es wirklich in meiner Verantwortung, hier den Anfängen zu wehren? Ich weiß nur, ich will keine Mittäterin sein, ich will nicht wegschauen, aber ich führe viral keinen Krieg, der auf den Straßen passiert. Ich kläre meine Kinder auf, rede mit ihnen über die aktuelle Thematik, bringe ihnen aber auch generell bei, ihre eigene Meinung zu haben und die der anderen zu hinterfragen. Sie sollen selber denken, es dürfen und es äußern. Ich unterbinde jedes Gespräch, das Menschen herabsetzt, egal welche. Ich distanziere mich dann auch. Aber muss ich mich in eine Ecke stellen lassen, wenn ich das viral nicht tue?

Zurück zur Ausgangssituation:

Habe ich die Welt durch mein Handeln besser gemacht? Meine mit Sicherheit. Aber habe ich ihn zum Nachdenken gebracht? Ich glaube nein. Er war ein Depp und er war viel zu sehr in seiner Aggression gefangen, als dass ich ihn erreicht hätte. Ich will nicht sagen, dass das alles nichts gebracht hätte. Aber ich wehre mich gegen diesen Anspruch, Menschen umkehren oder erziehen zu können. Grenzen setzen, zu mir, zu meinem Leben, zu dem, was da draußen ganz offensichtlich falsch läuft: ja! Aber nicht mit der Zielsetzung, meinen Gegenüber umzukehren. Das ist schön, wenn es passiert, aber das eigentliche Ziel ist doch die Augen aufzuhalten und sich nicht assimilieren zu lassen, so metaphorisch das jetzt klingen mag. Zeichen setzen. Stellung beziehen. Stand halten.

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Eine Antwort zu Grenzen

  1. seinswandel schreibt:

    Das ist eine Gratwanderung im persönlichen Umfeld, wie in sozialen Netzwerken. Ich versuche mich dabei auch selber zu beobachten: Was passiert gerade in und mit mir? Wieso regt mich das so auf? Überhaupt: Warum regen sich so viele Menschen so sehr auf?
    Es gibt wohl kaum etwas, das mehr Schaden, Verletzung und Leid angerichtet hat, als Erziehung. Also diese Art von Erziehung, wo einer sich über den Anderen stellt und gegen seinen Willen aber selbstverständlich nur in guter Absicht zu etwas hinzieht, also zwingt. Das ist immer ein Akt der Gewalt, ein Grenzüberschreitung und eine Verletzung der Würde. Das Projekt der Erziehung beinhaltet von Anfang an das Paradox der Menschmachung des Menschen, die Hybris des Menschen, der sich über den Menschen erhebt, um den Menschen zu formen. In der Schule (und nicht nur da) soll die Erziehung zu Mündigkeit durch institutionalisierte Entmüdigung erfolgen, Erziehung zur Demokratie durch undemokratische Strukturen, Erzeugung von Chancengleichheit durch Notenselektion usw. usf.
    Vielleicht ist das Teil der Dynamik, dass wir uns so viel aufregen, weil wir die ganze Zeit damit beschäftigt sind, uns gegenseitig zu erziehen?

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