Der Tod als Ratgeber

Als ich 14 Jahre alt war, trug ich jeden Mittwochnachmittag Zeitungen aus. Gefühlte 12 Jahre später (zwei, um genau zu sein) kaufte ich mir von dem kleinen Hungerlohn eine Stereoanlage. Eine, die den Namen Stereoanlage verdiente, nicht so ein kompaktes, mickriges Ding, nein, drei ordentliche Bausteine: ein Tuner, ein CD-Player und hoho – ein doppeltes Kassettendeck, das selbstständig! die Seiten wechseln konnte. Nicht nur von A nach B, sondern auch von B nach A – DAS waren noch Nutzererlebnisse, aber hallo.

Fortan lag ich – mit kleinen Unterbrechungen, die ich damit verbrachte, in die Schule zu gehen – auf dem Boden meines kleinen Zimmers, genau in der Mitte der zwei 1,50 Meter hohen Boxen und quälte meinen Bruder – nur getrennt durch eine dünne Rigipswand – mit meinem Hang zu den Cranberries und dem Lied Zombie mittels Repeat 1.

Ich lag da und tat nichts, ich hörte nur Musik. Ich war nicht besonders effizient dabei, ich schrieb währenddessen keine To-do-Listen in meinem Kopf und ich überlegte nicht, was ich morgen machen würde. Ich optimierte in meinem Kopf keine Prozesse. Ich reflektierte nicht meine Zwischenmenschlichkeiten oder mein Tagespensum. Nein: Ich hörte Musik.

Ich vermisse dieses Dasein im Hier. Heute bin ich hier, aber eigentlich dort.

Ich habe den Eindruck, Zeit ist die neue Währung, fast noch wichtiger als Geld. Geld beruhigt, wenn man genügend davon hat, um sich ein sorgenfreies Leben leisten zu können. Aber Geld hat keinen Anspruch auf Qualität, Zeit schon. Ich fange an, Bilanz zu ziehen, darüber, ob sich etwas lohnt, ob eine Unternehmung einen Benefit für mich hat, ob die investierte Zeit in etwas mich erfüllt, mich glücklich macht – zumindest irgendwie.

Und die Stunden, Tage, Wochen und Monate rinnen durch meine Finger und am Ende eines jeden Tages sind noch wahnsinnig viele unerfüllte Bedürfnisse und sehr viele fremdsteuernde Mechanismen übrig. Abends absorbiert die Müdigkeit sämtliche Energie mit dem Durchschreiten der Wohnungstüre, die Couch ist mein bester Freund, bis das Bett die besseren Argumente hat.

Das ist nun ein wenig bitter und dunkel gezeichnet, aber im Zeitraffer des Daumenkinos mit dem Titel Leben kommt das dem Ganzen schon ziemlich nah. Oft hetze ich durch die Tage, häufig fremdgesteuert und FREIzeiten stehle ich mir regelrecht, indem ich Dinge verschiebe und verschiebe, bis sie anfangen, mich zu quälen oder bis die Deadline auf Anschlag ist.

Was ist wirklich wichtig? Keine Frage, die man einmalig beantworten kann, sondern die sich immer wieder stellt. Gerade weil ich gefühlt kaum noch Zeit habe, bin ich nicht mehr bereit, diese zu verschwenden. Und so finde ich es nur konsequent, so eine Art Spar-Charakter zu entwickeln und mir zu überlegen: Wo genau liegen meine Prioritäten, was ist mir wichtig, was nicht, was ärgert mich und was kostet unnötig Zeit?

Was Sterbende bedauern

Vor zwei Jahren ging ein Zeitungsausschnitt durch die sozialen Medien, der auflistete, was laut einer Palliativpflegerin Sterbende bedauern.

297692_356609977748959_122641244_n

Ich sah diese Begeisterung damals relativ kritisch. Ich schrieb wörtlich: „Das kann man nicht mit einem vergleichen, der mitten im Leben steckt, nach vorne schaut und die Konsequenzen seines Handelns aushalten muss. Wenn wir es wirklich könnten, unser eigenes Leben zu leben, weniger zu arbeiten, anderen unsere Gefühle auszudrücken, Freundschaften aufrechtzuerhalten und glücklicher zu sein, dann würden wir es doch jetzt schon tun!“ Ich schrieb auch, dass ein Sterbender natürlich einen anderen Fokus hat, er blickt zurück und kann ganz anders beurteilen, als einer, der nicht weiß, wie sich sein Handeln auf seine Zukunft auswirken wird.

Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein

Vor zwei Jahren sagte ich meinem Hausarzt, ich bräuchte etwas gegen Nasennebenhöhlenentzündung, mein Gesicht würde sich komisch anfühlen, die eine Hälfte wäre taub. Er teilte meine Diagnose nicht und ein paar Tage später lag ich im MRT mit Verdacht auf MS. In so einer Röhre ist es nicht besonders spaßig. Während es um mich herum summte, klopfte und dröhnte, wusste ich, ich muss etwas ändern. Noch, dessen war ich mir sicher, war es nur Stress im Kopf. Und doch hatte es die Psychosomatik geschafft, mein Gesicht taub werden zu lassen. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich wirklich krank würde?

Zu dem Zeitpunkt war ich nicht sonderlich glücklich, aber ich dachte, wenn ich mich nur mehr anstrengen würde, dann würden sich die Umstände zum Guten wenden. Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel Anstrengung mich all das kostete, auch nicht, dass es das nicht wert ist. Bis zu dem Moment in der Röhre.

Wie oft im Leben kommt man schon an einer Weggabelung an, die top ausgeschildert ist, frei nach dem Motto „Wähle rechts für Unglück, links für Zufriedenheit“? Meistens geht man doch einfach so den Weg entlang und manchmal ist dieser eben und manchmal nimmt man wahr, dass der Untergrund recht holprig wird. Dann sinkt die Laune und würde sich ein neuer, glatt geteerter Weg auftun, würde man ihn vermutlich wählen. Aber wann ist das schon der Fall?

Sich zu erlauben, glücklicher zu sein oder sein eigenes Leben zu leben, erfordert eine Menge Mut. Das heißt manchmal, dass man den vorgegebenen Weg verlassen muss und fortan querfeldein geht. Vielleicht heißt das, einen Weg zu wählen, den bisher noch keiner gegangen ist, einen Weg, der nicht vorgegeben ist und den man zunächst selbst suchen muss. Offroad quasi. Manchmal muss man dazu ganz viel Anlauf nehmen – manchmal jahrelang.

Die Auflistung „Was Sterbende bedauern“ ist interessant, aber nicht wirklich hilfreich für dieses Leben in der Gegenwart, weil sie keine Lösungsansätze liefert. Wie lebt man sein eigenes Leben? Wie erlaubt man sich, glücklicher zu sein?

Der Tod als Ratgeber

wpid-img_20140518_153253.jpg

Wenn man das Leben plötzlich als limitierte Zeit wahrnimmt, bekommt auch die Gegenwart einen anderen Fokus. Natürlich wissen wir, dass wir eines Tages sterben werden. Aber bewusst ist uns das nicht wirklich. Deshalb sind wir auch so betroffen, wenn ein Mensch in unserem Umfeld viel zu früh verstirbt.

Auf Youtube begegnete mir vor kurzem das Video Pragmatische Esotherik. Ich empfehle das Video ab 1:34:00. Vera F. Birkenbihl beschreibt da die Lehre des Don Juan: „Den Tod als Ratgeber nehmen“.

Ja, ich gebe zu, das wirkt ein wenig dramatisch. Ich halte es für nicht sinnvoll, sein Leben so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte. Denn ganz ehrlich, dann würde ich nicht mehr in die Arbeit gehen. Betrachte ich das Ganze aber mal im Rahmen von drei Monaten oder sagen wir, einem Jahr, dann sieht das schon anders aus. Dann müsste ich alleine schon aus administrativen Gründen arbeiten gehen. Aber würde ich mich dann mit einem Job zufrieden geben, zu dem ich mich jeden Morgen hinquälen muss? Nähme ich es hin, dass man mich schlecht behandelt? Würde ich in einer Beziehung verbleiben, in der ich häufiger traurig als glücklich bin? Was, wenn ich nur noch drei Monate oder ein Jahr hier wäre? Ich denke, ich würde häufiger Nein sagen. Und auch häufiger Ja. Ich hätte viel öfter den Mut, Grenzen zu ziehen, egal was das am Ende für Konsequenzen hat.

„Wie sähe die Entscheidung aus, wenn …“ halte ich zukunftsgerichtet für einen guten Denkansatz/eine gute Entscheidungshilfe. Zumindest wird einem dadurch klar, was einem persönlich wichtig ist, wo man keine Zeit verschwenden möchte, worauf man sich konzentrieren will und wo man es rückblickend schade fänd, nicht gehandelt zu haben.

Apropos bereuen: Ich habe mich gefragt, welchen Einfluss dieses Denken auf mein Verhalten in den letzten Jahren gehabt hätte. Was, wenn ich Entscheidungen eher getroffen hätte? Was, wenn ich damals schon den Mut gehabt hätte, eine Ausbildung abzubrechen, die mir nicht gefallen hat? Wer wäre ich heute, wie würde ich leben? Ich habe diesen Gedanken wieder verworfen. Es gibt Situationen, in denen habe ich ganz lange verharrt und gelitten. Ich habe nicht gehandelt, auch wenn ich es nach vernünftigen Gesichtspunkten längst hätte tun sollen. Aber emotional war ich noch nicht so weit. Wenn man einen Missstand entdeckt hat, heißt das noch nicht, dass die Entscheidung dazu reif ist.

Jetzt merke ich, dass meine Entscheidungswege kürzer werden und dass ich immer weniger darauf angewiesen bin, dass der Weg ausgeschildert und schon geebnet ist. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es die Erfahrung, dass offroad manchmal auch sein Gutes hat. Vielleicht ist es aber auch das #älterwerden.

 

Dieser Beitrag wurde unter Werden und Sein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Der Tod als Ratgeber

  1. Wolfhilta schreibt:

    Hat dies auf wolfhilta rebloggt.

  2. Anette Göttlicher schreibt:

    Dein Artikel spricht mir sehr, sehr aus der Seele. Seit knapp zwei Jahren ist der Tod mein Ratgeber. Ausgelöst durch ihn selbst, im nahen Umfeld. Und ich habe dadurch eine ganz neue, tiefe Lebensfreude entdeckt. Ein paar Lösungsansätze bieten die Wünsche der Sterbenden ja auch: Weniger arbeiten. Häufiger Zeit mit den Freunden und der Familie verbringen. Mehr tun, was mir gut tut. Menschen, die man liebt oder mag, sagen, dass man sie liebt oder mag.

    Wichtig: Ehrlichkeit. Vor allem sich selbst gegenüber. Und Mut. Konkret: Öfter mal, mit Verlaub, auf was scheißen. Zum Beispiel darauf, dass man nicht fluchen soll. Einfach mal machen. Auch wenn andere es verrückt finden. Mit schulpflichtigen Kindern oft schwierig, aber nicht unmöglich. Beispiel: Mama fliegt, ohne ihren Ehemann vorher zu fragen, für eine Woche nach New York. Bucht einfach einen Flug. Ohne großen Plan. Daraus ergibt sich dann eine Fotoreise, und das Verrückte: Es klappt sogar! Und wer weiß, vielleicht ist das der Auftakt zu einer Serie von tollen Fotoreisen. Vielleicht auch nicht. Das ist, um es mit Deinen Worten zu sagen, Offroad.

    Aber lieber einmal zu oft etwas machen, was man gerne machen möchte, als es einmal zu oft nicht zu machen. Im Kleinen: Der fremden Frau, die neben mir an der Ampel auf Grün wartet, ein Kompliment für ihr schönes Tuch machen. Den nett aussehenden Typen in der Trambahn anlächeln, einfach so, ohne Hintergedanken und obwohl man zwei klebrige Kinder dabei hat. Im Großen: Die Reise buchen. Das neue Jobangebot annehmen. Das Haus kaufen.

    • vomwerdenzumsein schreibt:

      Liebe Anette,
      das klingt so, als wärst du schon wesentlich weiter als ich, wenn du eine neue, tiefe Lebensfreude entdeckt hast. Ich bin noch im Prozess, weiß das nun alles theoretisch und erfahrungsgemäß verinnerlicht sich dann sehr bald die Theorie. Umso motivierender sind deine Zeilen. Und ja: Ehrlichkeit zu sich selbst gegenüber, überhaupt sich selbst wahrnehmen, dann fühlt man auch, was man will und was nicht. Und das Schöne ist, wenn man so unterwegs ist, dann ist man plötzlich selbst die Frau an der Ampel, die ein Kompliment für ihr schönes Tuch erhält. Kennst du das? Ich habe letztes Jahr im Sommer zweimal von wildfremden Frauen ein vierblättriges Kleeblatt geschenkt bekommen. Verrückt. Meine ganzes Leben zuvor nicht. Und beide Male war diese Gabe mit herzlichen Wünschen verbunden, es war ganz und gar zauberhaft.
      Ich wünsche dir, dass deine Reise weiterhin voller Freude verläuft.
      Liebe Grüße
      Tina

  3. kiddothekid schreibt:

    Großartiger Text. Erwischt mich genau mittendrin, ich weiß nicht, worin genau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s